Samstag war die Präsidentenwahl. Der Tag, auf den für mich wochenlang vieles hinausgelaufen war. Er begann so:

Stimmzettel

Und endete so:

KMT Fahnenschwinger

Und dazwischen war er auch nicht gerade langweilig. Aber der Reihe nach.

Der erste Termin war vormittags die Stimmabgabe des noch amtierenden Präsidenten Chen Shui-bian. Wo und wann, wusste ich, weil ich als Auslandsjournalist angemeldet war. Das Wahllokal war in einer Grundschule im Norden von Taipeh. Auf Chen warteten etwa 100 Reporter, Fotografen und Kameraleute.

So sieht es aus, wenn ein Präsident sein Kreuzchen macht (Mitte, hinter dem Vorhang).

Chen Kabine 2

Anschließend hat Chen eine kurze Rede für die Presse gehalten. Er durfte nach acht Jahren im Amt nicht mehr antreten und hat politisch nicht mehr viel zu melden, seit die Kuomintang (KMT) bei den Parlamentswahlen im Januar fast drei Viertel der Sitze gewonnen hatte. Danach hatte er auch den Vorsitz der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) an Frank Hsieh abgegeben, der zum Zeitpunkt dieser Fotos noch im Rennen um die Präsidentschaft war.

Chen Rede

Der Presse am nächsten Tag habe ich entnommen, dass Chen hier bekräftigte, er werde das Amt auf jeden Fall ordnungsgemäß an den Wahlsieger übergeben, egal wer es wird. In einer jungen Demokratie, in der erst zum vierten Mal der Präsident frei gewählt wurde, ist das schon mal eine Meldung wert.

Als Chen und die meisten Journalisten wieder abgezogen waren, habe ich mich im Wahllokal umgesehen, das gut besucht war. Die Wahlbeteiligung lag landesweit bei über 75 Prozent.

Wählen funktioniert in Taiwan fast genau wie in Deutschland (und wahrscheinlich in jeder vernünftigen Demokratie). Also zuerst mal registrieren.

Wahllokal

Dann rüber in die Wahlkabine und anschließend zu den Urnen. Eine für die Präsidentenwahl, zwei für die Volksabstimmungen zum UNO-Beitritt, die beide an zu geringer Beteiligung scheiterten (die KMT hatte zum Boykott aufgerufen).

Wahlurne und Kabinen

Muster-Stimmzettel und Erklärungen hingen auch aus. Liste 1: DPP. Liste 2: KMT. Das wurde vorher ausgelost.

Musterzettel

Draußen vor dem Wahllokal befragten westliche Reporter taiwanische Wähler.

Wahlen Reporter 1

„What do you think about relations with mainland China?“

Wahlen Reporter 2

Und taiwanische Reporter befragten… nun ja… westliche Reporter.

Klaus TV Interview

Wahrscheinlich bin ich inzwischen beim Stefan Raab Taiwans auf einem Knopf gelandet. Aber was tut man nicht alles für die Völkerverständigung.

Nach diesem Termin hatten mein indischer Kollege Manesh, der auch meinen Sprachkurs besucht, und ich gut zwei Stunden Zeit – zu kurz, um ins Medienzentrum zu fahren und zu lang, um nichts zu tun. Und da wir eh ganz in den Süden der Stadt mussten, haben wir eine Fahrt mit der Seilbahn unternommen. Die verbindet Taipeh seit neuestem mit dem beliebten Ausflugsgebiet Maokong, einem Ort in den Bergen, der für seine Teehäuser und die Aussicht auf die Stadt bekannt ist. Mit der Bahn dauert die Fahrt eine halbe Stunde, und der Ausblick aus den Gondeln ist klasse.

Gondeln Ausblick

Als nächstes hatten wir eine Verabredung mit Ma Ying-jeou, dem späteren Wahlgewinner. Wir und ein paar hundert andere Journalisten. Sein Wahllokal befand sich in einer methodistischen Kirche. Er wohnt wohl in der Nähe, denn er kam zu Fuß mit seinen Bodyguards heranspaziert (Foto hier). Riesen-Gewimmel, ich hatte zum Glück einen erhöhten Standplatz und konnte drüberweg fotografieren.

Ma Wahllokal

Als er wieder rauskam, gab Ma an Ort und Stelle eine Pressekonferenz. Spätestens seit der tollen Dokumentation „Die Meute“ ist ja bekannt, was für ein Affenzirkus bei der Politikberichterstattung auf der anderen Seite der Kameras stattfindet. Aber es ist immer wieder erstaunlich, das Gedränge am eigenen Leib mitzuerleben.

Ma Gedränge 2

Nach dem Ma-Termin ging es dann wieder per Taxi und U-Bahn zurück ins internationale Pressezentrum, wo wir gerade rechtzeitig zum Beginn der Auszählung um 16 Uhr ankamen. Auf einem dutzend Monitore liefen die verschiedene Fernsehstationen, die alle ihre eigenen Berechnungen anstellten. Die waren aber mit Vorsicht zu genießen, weil wohl so gut wie alle Medien in Taiwan politisch eingefärbt sind und öfter mal tendenziöse Zahlen verbreiten.

Medienzentrum

Im Pressezentrum gab sich schon seit Tagen die versammelte Korrespondentenschaft Ostasiens die Klinke in die Hand. Angereist waren sie aus Peking, Tokio, Hongkong, Bangkok etc. Zum Beispiel habe ich einen Kanadier getroffen, der seit vielen Jahren in Asien unterwegs ist und ein Buch über die Geschichte Taiwans namens „Forbidden Nation“ geschrieben hat. Ein sehr treffender Titel.

Während ich am Notebook meine Bilder einspielte und an meinem Text für heute.de arbeitete, wurde aufgrund der offiziellen Zahlen schnell klar, dass Ma und die KMT einen unerwartet deutlichen Sieg erzielt hatten. So kam es, dass Ma noch vor 20 Uhr vor seine jubelnden Anhänger trat. Das konnte ich leider nur auf den Bildschirmen verfolgen. Kurz darauf war ich dann fertig und machen mich auf den Weg zur KMT-Wahlkampfzentrale, wo noch immer Volksfeststimmung herrschte.

Auffallend viele junge Leute. Die meisten Erstwähler, die erst nach dem Ende der KMT-Militärdiktatur 1987 geboren sind, haben für Ma gestimmt.

KMT junge Anhänger

Es gab Feuerwerk, Live-Musik und viel Fahnen- und Fähnchengeschwinge. Ihre Freude konnten einige besonders gut dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie Pressluft-Tröten genau neben meinem Ohr abdrückten.

KMT Jubel

Schließlich trat Ma noch einmal vor die Presse, erstmals als president elect. Der Mann ist kein mitreißender Redner. Er hat eine sachliche, fast bescheidene Art, die bei Zuhörern gut ankommt. Keine Spur von Triumpfgefühlen war ihm anzumerken.

Ma PK Wahlabend

Der Abend endete schließlich mit einem Engländer und einem Schotten in einer Kneipe, die von einem Holländer betrieben wird. Aber das gehört nicht mehr hierher.

Mit diesem Eintrag findet meine kleine Wahlkampf-Berichterstattung der vergangenen Woche naturgemäß ein Ende. Am 20. Mai ist die große Amtseinführung, da bin ich hoffentlich wieder dabei.

Hier noch mal die bisherigen Einträge auf einen Blick:

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7 Kommentare zu “ Mein Wahltag ”

  1. Jörn sagt:

    Wenn schon Tibet nicht so großen Einbfluss hatte, wie steht es mit Ma Ying-jeou (da muss ich immer an Ma Yong denken) und den Frauen? Angeblich haben vor allem die ihn gewählt. Stimmt das oder hat er einfach generell abgeräumt, da sein Konkurrent und dessen Partei als unfähig gelten?

  2. Ma Ying-jeou und die Frauen… (ich frage mich eigentlich, wer die Umschrift für ihn erfunden hat? Es ist weder VR-chinesisches Hanyu Pinyin (das wäre „Ma Yingjiu“, noch taiwanesisches Tongyong Pinyin, das wäre „Ma Ying-jiou“, aber das nur nebenbei).
    Als Ma Ende 2003 als BM von Taipei wiedergewählt wurde, wurden schon junge Frauen im Fernsehen gefragt, wieso sie für ihn stimmen würden: „Der sieht so gut aus…“ Das ist wohl nicht der einzige Grund, er wirkt natürlich irgendwie „aristokratisch“, „nordchinesisch groß“ (er ist in Hongkong geboren, aber seine Eltern waren Flüchtlinge aus Festlandchina), spricht meist unaufgeregt und auch fließend Englisch („Harvard educated“ wie es himmer heißt). Das macht irgendwie Eindruck. Wahrscheinlich fühlen sich auch Frauen mehr als Männer von den ewigen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre im Parlament abgestoßen. Wer für diese Auseinandersetzungen eher die Verantwortung trägt, könnte man seitenlang diskutieren, sie waren aber am Ende wohl für viele Wähler nicht mehr richtig nachvollziehbar.
    Jetzt hat die KMT die „totale“ Macht, dann sollen sie mal zeigen, was sie damit anfangen. Und man wird sehen, was Ma tatsächlich für ein Mensch ist, jetzt, wo er nicht mehr wahltaktisch agieren muss.
    Heute morgen hatte er jedenfalls einen merkwürdigen kleinen Wutausbruch, als er bei seinem täglichen Jogging wieder von Autogrammjägern umlagert wurde. Man könnte meinen, die „Hype“ um seine Person geht im selber auf die Nerven.

  3. …sein Konkurrent und dessen Partei:
    Frank Hsieh gilt sicher nicht als unfähig. Im Gegenteil, er hat sich große Verdienste als BM von Kaohsiung erworben, Taiwans zweitgrößte Stadt im Süden, zugleich größter Hafen und Industriestadt. Früher von Taipei vernachlässigt, hat er in seinen 7 Jahren (1998-2005) als BM den „Liebesfluss“ (der heißt so) saniert und die Trinkwasserqualität stark verbessert. Außerdem neue U-Bahn (die erste Linie ging diesen Monat in Betrieb) usw. Seine Leistungen wurden natürlich von den KMT-lastigen Medien in Zweifel gezogen und es gab einen Korruptionsskandal um den U-Bahn-Bau.
    Der Hauptgrund liegt im Vorgänger, Chen Shui-pien. Die Wahlerfolge der DPP in der Vergangenheit gründeten darauf, dass die Leute die Korruption der KMT, ihre Verbindungen zur Mafia etc. satt hatten. Seit 2005 ist nun Chen Shui-pien, seine Frau und sein Schwiegersohn in Korruptionsaffären verstrickt. Wirklich bewiesen ist daran aber bis jetzt nichts, das werden die Gerichtsverfahren ergeben, wenn Chen abgetreten ist (noch schützt ihn die Immunität). Aber der Eindruck bei den Leuten war halt verheerend und die (damalige) Opposition der KMT hat das natürlich seit 2005 Tag für Tag zu wütenden Angriffen genutzt. Die versuchte er zu entkräften bzw. auszusitzen. Ich dachte mir damals immer, nach deutschen Maßstäben wäre er wohl inzwischen zurückgetreten, da der „politische Schaden“ schon angerichtet war. Aber als „taiwanesische“ Partei (im Gegensatz zur „Festlands-Partei der KMT) würden die Leute ihm das vielleicht verzeihen. Vielleicht gälten in Taiwan andere Mechanismen als in Deutschland. Das Wahlergebnis zeigt, dass das wohl nicht der Fall war. Einmal Demokratie, gelten wohl überall die selben Mechanismen.
    Die „Unfähigkeit“ der DPP lag v.a. daran, dass es ihr leider nicht vergönnt war, außer dem Präsidentenamt auch jemals eine parlamentarische Mehrheit zu gewinnen. So konnte sie viele ihrer Reformvorhaben nicht durchbringen. An der Parlamentsblockade waren die Wähler selber schuld. Jetzt haben sie für klare Verhältnisse gesorgt, mal sehen, ob ihre Erwartungen erfüllt werden.

  4. Astrid sagt:

    Hei Klaus, beim Lesen deines blogs krieg ich so ein Kribbeln (Journalisten-Krätze?!) und – vor allem – Fernweh (Neid)! Deine Bilder sind (wie schon früher aus Neubrandenburg) ganz groß…
    Sitze derweil mit einer Hand tippend am Laptop in LG, während mein Sohn nach afrikanischer Sitte auf meinem (jetzt nicht mehr ganz so großem) Bauch schlummert. Mehr zu diesen Neuigkeiten an anderer Stelle. Leider haben junge Mütter keine Zeit zum bloggen – Grund dazu gäbe es allemal 🙂
    Bis bald, Astrid

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  3. […] schon bei meinem ersten Taiwan-Aufenthalt vor vier Jahren konnte ich die Abstimmung unmittelbar miterleben. Ob das eine Tradition wird? Am frühen Nachmittag […]

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