Maloche in Fernost

Katja hat eine interessante Frage gestellt:

„Hast Du schon Einblick bekommen, wie die Arbeitskultur, Arbeitszeiten, Gehalt vs Lebenshaltungskosten in Taiwan so sind? Fände ich spannend…“

Ich auch. Einiges habe ich mir erzählen lassen, also versuche ich es mal (ohne Gewähr).

Verdienst und Preise in Taiwan

Generell kann man sagen, die Menschen in Taiwan verdienen weniger als bei uns, dafür ist das Leben billiger. Die Diskrepanz ist nicht so riesig wie z.B. in China, aber immer noch deutlich.

Rechnen wir der Einfachheit halber mit einem Wechselkurs von 50 New Taiwan Dollar (NT$) = 1€ (Update 2013: 40 NT$=1€).

Ein Büro-Angestellter hat mir erzählt, er verdient im Monat 35.000 NT$ brutto. Das ist hier wohl ein vernünftiges Durchschnitts-Einkommen.

Die Grenze, ab der jemand als Großverdiener gilt, liegt offenbar bei ca. 100.000 NT$. Es gibt hier offenbar zahlreiche Menschen, die als reich gelten (fette Autos usw.), und sehr viel mehr, bei denen das Geld eher knapp ist.

Restaurant in Taiwan

Natürlich sind auch die Lebenshaltungskosten niedriger. Wenn man sich in einem Restaurant satt isst, kostet das zwischen 50 und 200 NT$. Eine Bus- oder U-Bahn-Fahrt kostet zwischen 12 und 50 NT$. Die Miete für ein Zimmer zur Untermiete oder kleines Einzimmer-Apartment in Taipeh beträgt zwischen 8.000 und 15.000 NT$, inklusive „Hauptstadt-Zuschlag“.

Mehr Einträge zum Thema Lebenshaltungskosten in Taiwan

Urlaub in Europa oder Amerika ist für Taiwaner ziemlich teuer, weshalb sie ihn – wenn sie ihn sich überhaupt leisten können – oft kurz halten oder organisierte Touren buchen. In Thailand, Vietnam usw. ist der Taiwan-Dollar dagegen mehr wert. Angeblich gilt Bangkok bei Taiwanerinnen als Shopping-Paradies.

Westliche Ausländer in Taiwan

Umgekehrt ist das Leben in Taiwan für Westler ziemlich günstig. Es gibt hier z.B. unzählige Amerikaner und Kanadier, die nach dem College-Abschluss, also mit Mitte 20, nach Taiwan kommen und Englisch unterrichten. Der Bedarf an Englisch-Lehrern ist riesig, und die einzig nötigen Qualifikationen sind: Muttersprachler und Uni-Abschluss (egal in welchem Fach). Die Leute bleiben ein bis zwei Jahre in Taiwan, werden für ihre Arbeit vergleichsweise gut bezahlt und können daheim anschließend z.B. ihre Studiengebühren-Schulden zurückzahlen.

Viele von ihnen legen keinen großen Wert darauf, Chinesisch zu lernen, halten sich auch sonst vorzugsweise in ihrem Expat-Universum auf (Sportsbars, Pubs…) und nehmen den Taiwanern die hübschen Mädchen weg. Daher sind sie mit verantwortlich dafür, dass Westler freundlich, aber auch distanziert betrachtet werden. Nach dem Motto: „Du (weiß, jung, männlich) siehst aus wie ein Amerikaner, sprichst bestimmt sowieso kein Chinesisch und bist bald wieder weg. Du bist wahrscheinlich laut und ungehobelt und benimmst Dich seltsam.“ Diese Haltung ändert sich meist, wenn man ein paar Brocken chinesisch spricht und damit seinen Willen beweist, sich der einheimischen Kultur zu öffnen.

Mein Eintrag: als westlicher Ausländer in Taiwan

Arbeiten und lernen in Taiwan

Zum Stichwort „Arbeitskultur“: Nach allem, was ich so höre, gelten Taiwaner (bei sich selbst und bei ausländischen Geschäftsleuten) als sehr fleißig, gut ausgebildet und strebsam. Immer wieder heißt es: „Die Leute hier arbeiten unheimlich viel.“ Im Büro sind 40-Stunden-Wochen sicherlich die Ausnahme. Geschäfte sind sowieso jeden Tag und teilweise fast rund um die Uhr geöffnet, so dass es für Ladenbesitzer und -angestellte noch krasser aussieht.

Kein Wunder also, dass die Menschen nach der Arbeit Ablenkung brauchen und sich z.B. in das Getümmel der Nachtmärkte stürzen. Über die müsste ich auch mal ganz dringend einen eigenen Eintrag schreiben.

Nachtrag: Ist passiert. Nachtmärkte in Taiwan

Nachtmarkt in Taiwan

Die Grundlage für diese Arbeitsethik wird schon ganz früh gelegt. Kleine Kinder müssen nicht nur bis zum Abwinken chinesische Schriftzeichen pauken (wer einige tausend beherrschen will, muss früh anfangen). Sie werden von ihren Eltern oft auch noch in den Englisch-Unterricht geschickt.

Buxiban Taiwan

Die Grundschule dauert sechs Jahre, danach kommen Junior High School und Senior High School (jeweils drei Jahre). Dort gibt es Schuluniformen, und die meisten Schulen sind nach Jungs und Mädchen getrennt. Jeder will auf die guten Schulen und muss sich entsprechend reinhängen. Nach der Schule geht es oft in Nachhilfe-Einrichtungen („Buxiban“), in denen weiter gepaukt wird (ich stelle mir das so vor wie ein Repetitorium für Juristen). Viele Schüler gehen wohl morgens aus dem Haus und kommen erst gegen 21 Uhr wieder zurück.

Mein Eintrag über Schüler in Taiwan

Kinder Orchester Taiwan

Nach der Schule versucht jeder, auf eine möglichst gute Universität zu kommen, denn der Ruf der Uni ist wichtig für den Einstieg ins Berufsleben. Da geht der Pauk- und Prüfungs-Marathon dann weiter. Trotzdem wirken die meisten Menschen recht ausgeglichen. Und die Taiwaner sagen über die Japaner: „Die sind noch arbeitswütiger als wir.“

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7 Kommentare zu “ Arbeitskultur, Arbeitszeiten und Gehaltsniveau in Taiwan ”

  1. Julian sagt:

    Es ist so deprimierend zu sehen, wie andere mit dem Überholen beschäftigt sind und sich derart reinhängen, für vergleichsweise wenig Geld. Nur: In einer Dekade wird sich der Spieß umgedreht haben und wir werden alle für die großen Bosse in fernen Ländern buckeln, wie schon in Back to the Future angekündigt. Hoffen wir, dass es vernünftig bleibt.

  2. Ich würde da Julian gerne etwas beruhigen wollen. Ist aber auf jeden Fall ein sehr interessantes Thema, das du hier angeschnitten hast. Ich lebe jetzt seit rund 4 Jahren in Taiwan (Taipei) und halte mich so gut es geht über Spiegel Online u.a. auf dem Laufenden, was in Deutschland los ist, wie die Stimmung ist etc. In diversen Foren liest man öfter Befürchtungen, die in die von Julian angesprochene Richtung gehen. Ich würde sagen: kein Grund, deprimiert zu sein!
    Dieses „Sich-Reinhängen“ mit Nachhilfe nach der Nachmittags-Schule, damit man auf eine „gute“ Junior High School kommt, damit man auf eine „gute“ Senior High School kommt und dann auf eine „gute“ Uni, damit man einen „guten“ Job bekommt, ist in meinen Augen weder erstrebenswert noch sinnvoll. Das hat v.a. mit der Eitelkeit der Eltern zu tun. Während in Deutschland seit Jahren über die Abschaffung von Noten diskutiert wird (teilweise ist da ja wohl auch vollzogen), schicken die Eltern ihre Kinder hier auf die Paukschulen, nur damit sie „mehr Punkte“ als z.B. die Nachbarskinder haben. Meiner Frau (Taiwanesin) graut es davor, unsere Tochter (jetzt 4) in so ein Schulsystem zu schicken. Sie würde aus dem Grund am liebsten wieder nach Deutschland ziehen. Es ist ein Schulsystem, das seit Jahrzehnten durch Pauken, Auswendiglernen und Drill funktioniert. In den letzten 8 Jahren gab es unter der DPP-Regierung Bestrebungen, das Bildungssystem hin zu mehr Offenheit zu reformieren, zu mehr Flexibilität und Liberalität. Der Widerstand aus Lehrerschaft, Elternschaft und sogar Schülerschaft war groß. Wer bisher nur Multiple-Choice-Aufgaben gewohnt war, tut sich schwer, selbständiger denken und formulieren zu müssen.
    Das sollte man bedenken, wenn wieder OECD- oder PISA-Studien auftauchen, die die Leistungen ostasiatischer Schüler preisen.
    Und natürlich hängt man sich v.a. in China rein, weil das Land so einen ungeheuren Nachholbedarf hat. Wenn die asiatischen Länder aufholen, bedeutet das nicht, das Länder wie Deutschland untätig bleiben. Wer mit einer neuen Entwicklung konfrontiert ist, wird auf diese Entwicklung reagieren. Die Deutschen haben immer noch in vielen Bereichen einen riesigen Technologievorsprung und sind auch dieses Jahr wieder Exportweltmeister. Sie machen in Asien gute Geschäfte, wenn Asiaten in der Zukunft in Europa auch gute Geschäfte machen wollen, ist das nur recht und billig. Das wird aber mit Sicherheit zu keiner Alleinherrschaft führen. Daher: kein Grund zur Panik.

  3. Julian sagt:

    Danke für diese ausführliche Beurteilung – Du hast mir tatsächlich Beruhigung verschafft. Woanders wird also auch nur mit Wasser gekocht.

    Ich frage mich halt immer nur, wie man es schafft, einer Milliarde Chinesen und einer Milliarde Inder täglich was zu Essen zu besorgen (oder auch wie man es verantworten kann, selbige hungern zu lassen), deren Abwässer zu entsorgen, und mit welcher Rücksichtslosigkeit Großprojekte durchgepowert werden müssen (Drei-Schluchten-Damm, Transrapid, Olympiade), weil es vor Leuten einfach nur so wimmelt.

    Solche Zustände, und die Auswüchse großer Bevölkerungszahlen, beklemmen mich einfach, hier zum Beispiel ein Fluß und andere Beispiele:

    http://tinyurl.com/2zwrhz http://tinyurl.com/62mmvd http://tinyurl.com/ywwsg9 http://tinyurl.com/3t7k49

    Ich bin mir halt nicht sicher, ob unsere Gesellschaft so ein Bevölkerumswachstum aushalten wird. Der Planet wird’s überstehen, aber wir? Man gucke sich nur diese Kurve an:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Weltbev%C3%B6lkerung

    (Klar, mit der modernen Medizin überleben wir nun alle, ein starkes Wachstum ist ja auch der Sinn der Sache, evolutionstechnisch, aber ich halte die derzeitige Beschleunigung für eine Pendelbewegung, die eben irgendwann wieder zurückkommt.)

  4. Klaus sagt:

    Zur Arbeitskultur in Taiwan hier ein interessanter Text von einem Deutschen, der für ein taiwanisches Unternehmen arbeitet:

    http://huangdi.wordpress.com/2008/08/22/arbeitsmoral/

  5. Klaus sagt:

    Großartiger und ausführlicher Blogeintrag zu genau dem Thema Arbeitsbedingungen, Gehalt etc.:

    http://bobhonest.blogspot.com/2010/01/arbeitswelt-in-taiwan.html

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  1. […] Verdienst und Lebenshaltungskosten in Taiwan ging es vor einiger Zeit schon einmal in diesem Blogeintrag. […]

  2. […] aus deutscher Perspektive mit noch mehr Infos steht hier. Dazu hatte ich vor fast drei Jahren auch schon mal was geschrieben. Und hier hat die US-Regierung Taiwans Sozialversicherungssysteme vorbildlich […]

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