Heute ist ein trauriger Tag. In einer Stunde mache ich mich zum letzten Mal auf zu meinem Chinesisch-Kurs an der Uni. Die zwölf Wochen gingen vorbei wie im Flug.

Das heißt aber nicht, dass ich schon auf gepackten Koffern sitze. Ich werde noch ein paar Wochen in Taiwan bleiben und versuchen, vieles von dem zu sehen, wozu der Kurs mir keine Zeit ließ. Und noch ein bisschen mehr: Kommende Woche bin ich von Montag bis Donnerstag in Hongkong. Das liegt quasi um die Ecke. Ich sehe es mir nicht nur aus Neugier an, sondern auch, weil mein Visum Ende Mai abläuft und ich bei erneuter Einreise nach Taiwan wieder 30 Tage Aufenthalt bekomme. Am 20. Juni fliege ich dann zurück nach Deutschland.

Jetzt möchte ich noch ein Versprechen einlösen: Birger hatte vor einiger Zeit gefragt, wie das Eintippen von chinesischen Schriftzeichen am Computer funktioniert.

Gucken wir uns mal eine taiwanische Computer-Tastatur an. Überraschung: Sie hat nicht etwa 2000 Tasten, sondern sieht fast so aus wie im Westen.

So weit ich es verstanden habe, gibt es im wesentlichen drei verschiedene Methoden, um mit ein paar Dutzend Tasten zehntausende Schriftzeichen einzutippen. Und immer funktioniert es so wie beim SMS-Tippen: Nach Beginn der Eingabe macht die Software Vorschläge mit den wahrscheinlichsten Varianten, und je mehr man eintippt, desto präziser werden die Vorschläge. Für besonders häufige Begriffe muss man also nur eine oder zwei Tasten drücken.

Wie das allerdings vor dem Aufkommen grafischer Benutzeroberflächen funktioniert hat, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen.

一 „Zusammenbasteln“

Es ist ja nicht so, dass alle chinesischen Schriftzeichen sich völlig voneinander unterscheiden. Sie sind vielmehr zu großen Teilen aus wiederkehrenden Elementen zusammengesetzt, die immer neu kombiniert werden.

So bedeutet das Zeichen 貝 z.B. „Muschel“, steht aber als Bauteil für „Geld“. Und taucht deshalb etwa in folgenden Zeichen auf:

  • 買 kaufen
  • 賣 verkaufen
  • 貴 teuer

Auf der Tastatur seht ihr unter den Buchstaben links und rechts die häufigsten Elemente der chinesischen Schriftzeichen. Unter dem „D“ findet sich zum Beispiel links ein Baum 木 und rechts eine Sonne 日. Ich vermute, wenn man die beiden kombiniert, schlägt das System als einen der ersten Treffer 東 vor. Guckt Euch das Zeichen mal genau an (Schrift vergrößern). Es ist quasi ein Baum, hinter dem die Sonne aufgeht. Und es heißt… Osten. Denn im Osten geht nun mal die Sonne auf.

Weitere nette Beispiele für zusammengesetze Zeichen:

  • 媽 Mutter = Frau 女 + Pferd 馬
  • 好 gut = Frau 女 + Sohn 子
  • 明 hell = Sonne 日 und Mond 月
  • 家 Zuhause = Schwein 豬 unter einem Dach

Diese Methode benutzen die Leute, wenn sie zwar wissen, wie ein Zeichen aussieht, aber nicht unbedingt, wie es ausgesprochen wird. Soll ja vorkommen.

二 Bopomofo

Der andere Ansatz: Man nähert sich dem Schriftzeichen über die Aussprache. Da gibt es außer den Umschriften, die lateinische Zeichen verwenden (wie Pinyin, s.u.) ein System mit dem schönen Namen „Bopomofo“, das wohl vor allem auf Taiwan verwendet wird. Dabei wird jedem der möglichen Laute (Konsonanten und Vokale), also „b“, „p“, „ei“, „ian“ usw. ein Haken-ähnliches Symbol zugewiesen. Diese Symbole seht ihr rechts neben den lateinischen Buchstaben. Sie finden sich auch auf taiwanischen Handy-Tastaturen und neben den Schriftzeichen in Kinder- oder Sprachlern-Büchern.

Das heißt, wer 好 hao=“gut“ tippen will, drückt zuerst das Bopomofo-Zeichen für „h“, also ㄏ und dann für „ao“, also ㄠ.

In Taiwan ist Bopomofo extrem verbreitet, weil es in den Grundschulen gelehrt wird. Es kommt auch Japanern, die chinesisch lernen wollen, entgegen, da es in deren Sprache ein ähnliches Lautschrift-System namens Katakana gibt. Auch einige westliche Sprachstudenten schwören drauf, weil sie es für „exakter“ halten als Pinyin – lateinische Buchstaben verführen dazu, sie falsch auszusprechen.

In der Volksrepublik scheint es dagegen wirklich so zu sein (bitte korrigiert mich ggf.), dass die Menschen lateinische Buchstaben lernen müssen, weil dort als Umschrift Pinyin verwendet wird.

三 Pinyin

Das Pinyin-System habe ich ja ansatzweise hier schon mal erklärt. Ich halte es für ziemlich praktisch, da ich keinen Nerv hatte, mit Bopomofo quasi noch mal ein neues Alphabet zu lernen. Man muss halt nur immer bedenken, dass die korrekte Aussprache mit dem, was wir gemeinhin mit den Buchstaben verbinden, nicht viel zu tun hat.

先生 z.B. heißt „Herr“ (wörtliche Übersetzung: „zuerst geboren“). In Pinyin schreibt man es xiānshēng. Ausgesprochen wird es aber, ganz grob vereinfacht, „chiän-schang“ (ch wie in „ich“, nicht wie in „Bach“).

Auf meinem Mac habe ich das Programm QIM installiert, mit dem das Pinyin-Eintippen in jedem Programm problemlos möglich ist. Ich kann mit einem Tastendruck hin- und herschalten.

So sieht es z.B. aus, wenn sich in Word das Fenster (oder genauer: der Floater) mit den Vorschlägen öffnet:

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4 Kommentare zu “ Gib mir ein "h"! Gib mir ein "ao"! ”

  1. Reiner Wadel sagt:

    Sehe ich das richtig, dass QIM nur für Apple erforderlich ist, während es bei Microsoft-Rechnern das „Eingabegebietsschema“ gibt, das das gleiche leistet, aber im Betriebssystem schon integriert ist?

  2. Klaus sagt:

    Microsoft-Rechner? Was ist das?

    Nee, im Ernst: Ich kenne das System unter Windows nicht. Es wuerde mich wundern, wenn es so elegant und reibungslos funktioniert wie QIM. Wenn ich zum Beispiel xie xie (Danke) eintippen will, reicht es, wenn ich zweimal „x“ druecke. Oder wo bu zhi dao (ich weiss nicht): „wbzd“. Ich kann die vorgeschlagenen Zeichen nach Toenen filtern und zwischendrin durch Druecken der Shift-Taste zurueck zu lateinischen Buchstaben wechseln, und das alles in jedem Programm.

    Aber ich lasse mich auch gerne ueberraschen. Erzaehl doch mal!

  3. Reiner Wadel sagt:

    Also in aller Kürze: Ich wähle das chinesische Geietsschema aus und tippe Wörter in pinyin (ohne Lautzeichen), nach einem ENTER wird mir eine Liste von Zeichen angezeigt, aus der ich auswählen kann, und das Wort wird in chines. Zeichen umgesetzt.
    Sehr bequem ist das nicht unedingt, aber mit etwas Übung klappt es ganz gut.
    Umgekehrt kann ich chinesische Zeichen markieren und über „Format/Asiatisches LayOut“ die phonetische Umschreibung (mit den 4 Tönen) anzeigen lassen.

  4. Heinz Lohmann sagt:

    Ein wörterbuch ZH-D; D-ZH findet sich (neben vielen anderen Infos) auch huer:
    http://www.chinalink.de/

    Heinz

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