Archive for Oktober, 2008

Ich freue mich ja immer über Kommentare in diesem Blog. Dieser von Christine und Hubert aus dem Spessart ist besonders interessant, denn die beiden werden bald nach Taipeh kommen. Zwar nur für zweieinhalb Tage, aber immerhin!

Wir kommen am 3.11. morgens um 5:55 Uhr in Taipeh an und fliegen am 6.11. morgens weiter nach Bali. (…)  Haben einen Voucher für Stadtrundfahrt und Küstentour. (…) Hast Du als “Insider” evtl. ein paar Tipps oder Veranstaltungshinweise für die Zeit 3.11. bis 6.11., oder Restaurantempfehlung? Ist der Zoo von Taipeh wirklich so sehenswert?

Mit Veranstaltungshinweisen kann ich zwar nicht dienen, aber ein paar Tipps fallen mir auch hier in Hamburg noch ein. Vielleicht gibt es ja auch andere Stopover-Reisende, die sich dafür interessieren. Also los, ohne besondere Reihenfolge…

Um als Tourist in der Stadt herumzukommen, bieten sich zwei Verkehrsmittel an: Taxi und U-Bahn. Taxen gibt es überall (einfach heranwinken), und sie sind nicht teuer – zumindest nicht im Vergleich zu Deutschland. Auch eine längere Fahrt kostet selten mehr als 200 NT$, also ca. 4 Euro. Fahrgäste werden auch nicht so häufig übervorteilt, wie es etwa in China der Fall sein soll. Nachteil: Die meisten Taxifahrer sprechen kein Englisch. Und das heißt wirklich: überhaupt kein Englisch. Also muss man unbedingt die Adresse oder zumindest den Namen des Fahrtziels auf Chinesisch vorzeigen können.

Da kann es hilfreich sein, einen Abstecher in die nächste U-Bahn-Station zu unternehmen. Dort liegen gratis Stadtpläne aus. Auf Englisch und auch auf Chinesisch. Wer sich nun beide nimmt (Achtung, nicht mit dem japanischen verwechseln – den erkennt man an den schnörkeligen Schriftzeichen), kann in Ruhe sein Ziel auf dem englischen Plan suchen und dann dem Fahrer die selbe Stelle auf der anderen Karte zeigen.

U-Bahn-Fahren ist auch zu empfehlen, am besten mit einer aufladbaren EasyCard, die es am Schalter gibt, oder in jedem 7/11. Damit fährt man billiger als mit einer Tageskarte für 200 NT$ aus dem Automaten. Wer sie nicht mehr braucht, gibt sie zurück und bekommt das Pfand erstattet. Die U-Bahn in Taipei (hier ein Streckennetz-Plan) nennt sich MRT und ist schnell, sauber und (idioten-)sicher. (Nur vor den Rolltreppen sollte man sich in Acht nehmen…)

Sehenswürdigkeit Nr. 1 ist natürlich das Taipei 101, bis vor kurzem das höchste Haus der Welt.

Man fährt bis zur MRT-Station Taipei City Hall. Vor dort aus Taxi oder ca. 15 Minuten zu Fuß. Wer oben ist, sollte nicht verpassen, sich den Schwingungsdämpfer anzugucken – eine 660 Tonnen schwere Kugel, die das 101 wie ein Pendel vor allzu heftigen Schwankungen schützen soll.

Außerdem sollte niemand Zeit in Taipei verbringen, ohne mindestens einen Tempel zu sehen. Wenn die Zeit nur für einen reicht, dann sollte es der Longshan-Tempel sein (MRT Longshan Temple). (weiterlesen …)

Einige Taiwan-Links aus den Tiefen des Netzes, die ich niemandem vorenthalten möchte.

Aber zunächst ein damit völlig unzusammenhängendes Foto, das ich schon lange online stellen wollte:

  • Eine halbe Million Taiwaner haben am Samstag in Taipei gegen die Politik von Präsident Ma Ying-jeou demonstriert, weil sie einen Ausverkauf ihrer nationalen Interessen und Souveränität an China befürchten. Es ist nicht die erste Großdemo dieser Art in letzter Zeit, und wenn Ma und seine KMT so weiter machen, dürfte es auch nicht die letzte gewesen sein. Denn wie sagt die Vorsitzende der Oppositionspartei DPP: “Our parents worry whether the KMT government is tossing away everything that they worked for all their lives and intellectuals are taking to the streets because they worry about whether one-party hegemony is leading to a retreat in democracy and freedom of speech.”
  • Passend dazu: Ein chinesischer Dissident warnt die Taiwaner davor, zu glauben, sie könnten in Peking durch Entgegenkommen Pluspunkte sammeln: “When you ask for a favor, you may also be taken advantage of. The Chinese Communist Party regime does not do someone a favor easily, and when it does it does it for a purpose. The purpose this time is to try and bait and hook Taiwan, first economically and then politically.”
  • Lasst Fakten sprechen: Ein aufschlussreicher Vergleich einiger Daten aus Taiwan und China, von der Wirtschaftskraft pro Kopf über Lebenserwartung und Korruption bis zur Pressefreiheit. (Hier eine weitere Gegenüberstellung)
  • Eine Delegation aus Taiwan besucht Frankreich, um sich über die Filmindustrie schlau zu machen, und prompt fordert ein Beamter: Filmerziehung gehört in den Lehrplan an Schulen! Finde ich auch. Dann könnte ich im Notfall mit meinem Studium immer noch Lehrer werden.
  • Unterrichtsmaterial könnte das hier sein: Der erste Slasher-Film aus Taiwan.
  • Bei Deutsche Welle TV kann man sich ein kleines Porträt einer gewissen Wendy Chung angucken, die in Taipeh für eine deutsche Firma arbeitet. Der Link zum Video ist etwas versteckt unten auf der Seite. Neben einigen hüschen Bildern aus Taipeh bleibt die Erkenntnis: Amerikanischer Akzent ist in Taiwan tatsächlich sehr angesagt.
  • Ein junger Deutscher hat, nachdem er schon seinen Zivildienst in Taiwan abgeleistet hatte (großartige Idee!) jetzt eine zweiwöchige Motorroller-Rundfahrt durch das Land unternommen. Er hat darüber auch geblogt.

Wer Taiwan kennen lernen und vielleicht ansatzweise verstehen will, fliegt am besten hin und macht sich ein eigenes Bild. Taiwans Tourismusbüro nennt auch Reiseveranstalter, falls es ein bisschen organisierter sein soll.

Für den Fall, dass Zeitplan oder Geldbeutel keine Reise erlauben, oder zur Vorbereitung, habe ich nun einen Tipp: Ein kleines Heft, das Taiwan so anschaulich, umfassend und gut lesbar beschreibt, wie es mir zuvor noch nicht in die Finger gekommen ist.

Es heißt “Taiwan verstehen” und ist in der Reihe Sympathie-Magazin erschienen, von der ich noch nie gehört hatte, die aber offenbar einen recht sympathischen Ansatz verfolgt: Verständnis für andere Kulturen zu schaffen durch Schilderung des Alltags.

“Wir wissen, was uns von anderen unterscheidet, aber über Gemeinsamkeiten wissen wir wenig. Dabei wäre solches Wissen äußerst vorteilhaft. Zum einen würde es den persönlichen Horizont und Durchblick erheblich bereichern, uns kompetenter, diskussionsfähiger machen – uns in Stand setzen, uns möglicherweise sogar persönlich zu engagieren. Zum anderen könnte es vor Fehlurteilen und vorschnellen Reaktionen schützen.”

Was mir an den gut drei Dutzend Artikeln so gefällt: Sie schildern keine touristischen Sehenswürdigkeiten, sie beschreiben die heutige Gesellschaft Taiwans mit ihren vielen Facetten – und zwar recht aktuell, das Heft erschien im Frühjahr 2008. Und sie sind nah an den Menschen erzählt, bei aller Informationsdichte völlig unakademisch, und lesen sich in einem Rutsch weg. So hätte ich mir meine Schulbücher gewünscht.

Kostenpunkt für einmal besser verstehen, was es mit Taiwan auf sich hat: 3,60 Euro inkl. Versand. Echt wahr. Kann man hier bestellen.

Einziger Wermutstropfen: Die Umschlaggestaltung erinnert fatal an eine asiatische Ausgabe des Wachturm. Das hat dieses Heft nicht verdient, und Taiwan auch nicht. Liebe Herausgeber, daran arbeiten wir bitte noch mal.

Die armen Menschen in Taiwan. Sie müssen wirklich sehr, sehr hart arbeiten.

Wie sonst ist es zu erklären, dass sie in aller Öffentlichkeit am hellichten Tag einschlafen, sobald sich eine halbwegs bequeme Gelegenheit bietet? Ich habe Menschen schlafen gesehen an Bushaltestellen, in Coffeeshops, Hörsälen, auf Parkbänken und im Fitness-Studio. Aus sicherer Quelle weiß ich, dass einige sogar während der Arbeitszeit ein Nickerchen auf der Firmen-Toilette einlegen.

Sechs auf einen Streich! Wie das tapfere Schneiderlein mit Kamera:

Er scheint sein eigener Chef zu sein und kann sich das auch in der Werkstatt leisten.

Und sie machen wohl ganz einfach Mittagspause. Kein Wunder, bei mehr als 30 Grad.

Ich finde diesen Schlaf-Virus ziemlich sympathisch. Wer in der Öffentlichkeit schläft, tut niemandem was, strahlt sogar Vertrauen aus (in die anderen nämlich, die ihm ja sonstwas tun könnten), und ist, wenn ausgeschlafen, besser gelaunt.

Also pssst, bitte nicht wecken!

Als ich Richard Erb zum ersten Mal getroffen habe, durchbohrte er vor meinen Augen eine Frau mit Schwertern. Dafür gab es Applaus.

Das war bei einem Auftritt als Zauberer im Deutschen Kulturinstitut Taipei. Die Magie ist aber nur sein Hobby, hauptberuflich leitet er das Asien-Büro von Europas größtem Computerhersteller Fujitsu Siemens.

Ich habe Richard Erb in seiner Firma für einen Radiobeitrag besucht, der bei Radio Taiwan International gesendet wurde und auch als MP3 online steht.

Nicht viele deutsche Geschäftsleute leben schon so lange in Taiwan wie Erb. Der gebürtige Paderborner erzählt, warum Deutsche oft Probleme damit haben, langfristig ins Ausland zu gehen, wieso ihm die Hitze in Taiwan besonders gefällt, und warum seine Angestellten manchmal während der Arbeit Computerspiele zocken müssen. Und ich habe in seinem Testlabor einige Notebooks gesehen, die es eigentlich noch gar nicht gibt.

Die Holzschnitzereien hinter seinem Schreibtisch hat er übrigens auf Reisen durch Taiwan aufgetrieben und restaurieren lassen. So lässt es sich arbeiten!

Was war das Fotografieren früher umständlich. Film einlegen, aufspulen, knipsen ohne Kontrollmöglichkeit, auf die Entwicklung warten… eigentlich gut, dass es Digitalkameras gibt.

Und trotzdem habe ich mir in Taipei, einem Rat meines Kollegen Jens folgend, so eine richtig altmodische Analogkamera gekauft. Die hat 45 Euro gekostet und noch nicht mal einen Sucher zum Durchgucken.

Ganz schön blöd? Nicht, wenn man sich anguckt, was der Kasten kann. Denn die Lomo Fisheye 2 hat einen riesigen Vorteil: eine fest eingebaute Fischauge-Weitwinkel-Linse mit 170 Grad Blickwinkel. Damit kann man schon fast um die Ecke fotografieren.

Dabei gilt: Abdrücken und aufs Beste hoffen. Kontrollieren, Optimieren, Aussortieren – geht alles nicht. Manche Bilder werden gar nix, andere schon. Die dazugehörige Stilrichtung nennt sich Lomographie und hat eine bewegte Geschichte – Wiener Studenten, russische Kameras und die frühen Neunziger spielen da eine Rolle.

Das runde Bildformat ist übrigens kein Gimmick, sondern notwendig, um auch alles auf den Film zu bannen, das die Linse einfängt.

Wer es noch nicht kennt: Hinten, das Große, das ist das Taipei 101. (weiterlesen …)