Dass ein deutscher Fernsehjournalist unter amerikanischem Pseudonym Agententhriller schreibt, ist per se nicht unbedingt ein Kaufkriterium. Aber in diesem Fall hat das ganz gut funktioniert, und deshalb beginne ich das neue Blog-Jahr mit einem Lesetipp.

“Gelber Kaiser” heißt ein Roman von Raymond A. Scofield, Raymond A. Scofield wiederum heißt eigentlich Gert Anhalt, ist Journalist beim ZDF und war für den Sender lange Jahre Korrespondent in Peking und Tokio. Außerdem schreibt er Romane, und offenbar keine schlechten.

Gelber Kaiser Cover

In “Gelber Kaiser” spannt er gleich mal einen ganz großen Bogen vom Chinesischen Bürgerkrieg der 30er Jahre über die Kulturrevolution der 60er bis in die Gegenwart, in der China, Taiwan und die USA sich gegenseitig mit Agenten und Doppelagenten, Intrigen und Invasionspläne das Leben schwer machen.

Da gibt es einen amerikanischen Missionar, der von einem chinesischen Warlord ermordet wird, seinen Sohn, der unter Maos Kommunisten aufwächst und sich als 110-prozentiger Chinese fühlt, und dessen Sohn, der eine nicht ganz unwichtige Rolle bei der Verhinderung des dritten Weltkriegs spielt.

Es gibt fiese Folterkeller, fanatische Mao-Garden, illegale Gladiatorenkämpfe auf Leben und Tod und eine Menge Spione und Agenten, die alle mindestens ein doppeltes Spiel spielen.

Das alles klingt vielleicht ein wenig reißerisch, ist aber gekonnt geschrieben und nicht in dem platten Primitiv-Jargon gehalten, der manche Thriller schon nach den ersten zwei Seiten ungenießbar macht. Und es ist ziemlich spannend.

Dem Journalisten und Asien-Experten Anhalt ging es wohl mindestens so sehr um die Darstellung historischer Entwicklungen und politischer Konfliktlinien wie um die Agentenstory. Seinen Charakteren gibt er einiges an psychologischer Tiefe mit auf den Weg, und das tut dem (übrigens schon 1997 erschienenen) Buch gut.

Besonders schön, dass es auf allen Seiten – also China, Taiwan, USA – Schurken und Verräter gibt, und dass auch die positiven Figuren alle ihre kleinen und großen Schwächen haben.

Wer sich für die Geschichte Chinas interessiert, findet in “Gelber Kaiser” eine recht eindrucksvolle (und blutige) Schilderung des Bürgerkriegs und der Kulturrevolution. Was für ein unvorstellbarer Wahnsinn sich damals abgespielt haben muss!

In Taiwan selbst spielen nur wenige Szenen des Romans, aber die militärischen Sandkastenspiele zur Eroberung der Insel, die offenen Rechnungen zwischen Kommunisten und Nationalisten, durchziehen die ganze Handlung. Von daher lesenswert auch für alle Formosa-Afficionados.

(Hier steht eine Spiegel-Rezension von 1998.)