Taipeh Flüge jetzt buchen EVA AIR

 

Archive for Februar, 2009

Ein Feiertag mit traurigem Hintergrund: 228

Der 28. Februar ist in Taiwan ein nationaler Gedenktag. Er erinnert an das „228-Massaker“ von 1947 und die darauf folgende Zeit des „Weißen Terrors“.

Es ist ein wichtiges Datum, weil es an die Ermordung tausender Menschen erinnert und an vier Jahrzehnte Unterdrückung und Willkür. Und es ist wichtig, weil „228“ (er-er-ba) wie kein anderes Ereignis erklärt, warum Taiwans Gesellschaft in vielerlei Hinsicht gespalten ist.

Wer nach Taiwan kommt und sich auch nur einen Hauch für die Geschichte dieses Landes interessiert, sollte das 228-Museum in Taipei besuchen. Es liegt im 228-Park direkt neben dem Präsidentenpalast, und die bloße Existenz dieses Ortes zeigt bereits, wie sehr sich das Land in den letzten 10, 20 Jahren gewandelt hat.

228 Museum

Dank eines englischen Audio-Guides ist die Ausstellung im Inneren für jedermann verständlich.

Was hat es nun mit 228 auf sich? Im Park gibt es ein Mahnmal mit einer Tafel, deren Aufschrift hier wiedergegeben ist. Auch ich will kurz versuchen, die Ereignisse zusammenzufassen.

Die Vorgeschichte des 228-Massakers

Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 bedeutete für Taiwan auch das Ende der japanischen Herrschaft. Seit 1895 war die Insel eine Kolonie Japans gewesen. Nun gestatteten die USA als Siegermacht China, die Insel zu besetzen. Und das hieß 1945: Republik China, Hauptstadt: Nanjing, Machthaber: die Partei Kuomintang (KMT) unter Chiang Kai-shek. Die Truppen dieses Staates befanden sich auf dem Festland im Bürgerkrieg mit Maos Kommunisten.

228 Jubel

Die meisten Menschen in Taiwan begrüßten die Nationalchinesen als Befreier. Die Stimmung schlug jedoch bald um, weil die neuen Herren sich eher als Besatzer aufführten, denen das Wohl der Einheimischen reichlich gleichgültig war und die sich zudem als äußerst korrupt entpuppten.

Ein Aufstand beginnt

Am 27. Februar 1947 kam es in Taipeh zu einem folgenschweren Zwischenfall. Beamte verprügelten eine Frau, die illegal Zigaretten verkauft haben soll. Passanten griffen ein, einer wurde erschossen. Am nächsten Tag (daher 228) zogen Demonstranten zum Sitz des Gouverneurs (heute der Präsidentenpalast) und verlangten die Bestrafung der Täter. Statt dessen eröffneten Soldaten das Feuer und töteten mehrere Menschen.

228 Demo

Das war den Funke, der den Zorn der Bevölkerung entzündete. Überall in Taiwan kam es zu Unruhen. Neuankömmlinge vom Festland, die nur Mandarin und kein Taiwanesisch sprachen, wurden Opfer von Übergriffen. Die Menschen verlangten politische Reformen. Gouverneur Chen Yi ging zum Schein auf die Forderungen ein, forderte aber zugleich in Nanjing Verstärkung zur Niederschlagung des Aufstands an, was Chiang Kai-shek bewilligte.

Blutige Niederschlagung

Kurz danach landeten die Truppen im Hafen von Keelung. Und nun begann, was den Ereignissen den Namen 228-Massaker gegeben hat: Kaum hatten die Soldaten einen Fuß auf Taiwans Boden gesetzt, begannen sie sofort damit, wahllos Zivilisten niederzumetzeln. Menschen wurden mit Stacheldraht zusammengebunden und mit Maschinengewehren niedergemäht, ihre Leichen ins Hafenbecken geworfen.

228 Massaker Keelung

Das war erst der Anfang. Überall in Taiwan kam es in den nächsten Wochen zu solchen Szenen. Es müssen unfassbare Grausamkeiten gewesen sein, wie sie zum Beispiel dieser Bericht eines amerikanischen Augenzeugen schildert:

„After three days of random shooting and bayonetting in the Taipei streets the Government forces began to push out into suburban and rural areas. Machine-gun squads, mounted on trucks, were driven along the highroads for fifteen or twenty miles, shooting at random in villages streets. (… ) At Kaohsiung there were incidents in which the victim’s families were forced to witness cruel executions in the public streets. The nights in Taipei were made grim with the sounds of shooting, of screams, and occasionally pleas for mercy.“

Wie viele Taiwaner in diesen Wochen ermordet wurden, ist unklar. Mehr als Zehntausend waren es wohl in jedem Fall. Studenten und andere Vertreter von Taiwans Intelligenz traf es besonders hart. Es war der planmäßige Versuch, den Widerstandsgeist eines Volkes zu brechen.

228 Fotos

Die Nachwirkungen

Die Republik China bezog endgültig Quartier auf Taiwan, als der Bürgerkrieg gegen die Kommunisten 1949 verloren ging und mehrere Millionen Soldaten und Zivilisten nach Taiwan flohen. Diese „Festländler“ stellten die neue Elite in Verwaltung, Militär, Universitäten und Wirtschaft. Auf Taiwan galt das Kriegsrecht, wer gegen die Regierung war, wurde als Staatsfeind verfolgt. Es begann die jahrzehntelange Periode des „Weißen Terrors“: Verfolgung, Unterdrückung, Ermordung, politische Häftlinge, die ohne Verfahren weggesperrt wurden.

228 Weißer Terror Schrifttafel

Die Zeit des Weißen Terrors: Schrifttafel im 228-Museum (zum Vergrößern anklicken)

Zur gleichen Zeit war 228 ein Tabu-Thema, die Opfer durften nicht erwähnt werden. Menschen, die ihre Angehörigen verloren hatten, konnten ihrer nicht würdig gedenken. Die Erinnerung an das Massaker von 1947 lebte fort, aber nur im Verborgenen.

228 Angehörige

Der Umgang mit einem Trauma

Erst mit der Aufhebung des Kriegsrechts 1987 und dem Beginn der Demokratisierung Taiwans änderte sich das. Präsident Lee Teng-Hui von der KMT bat 1995 um Entschuldigung für das Unrecht, das ja auf Anweisung seiner Partei begangen wurde, und machte den 28. Februar zum Feiertag. Er war übrigens auch der erste gebürtige Taiwaner an der Staatsspitze.

Wirklich aufgearbeitet sind 228 und die Zeit des Weißen Terrors noch nicht. So wurden etwa die Täter wurden nicht bestraft, es ist nicht ganz klar, wie man – jenseits des Gedenkens – mit diesem Teil von Taiwans Geschichte umgehen will.

Ein Dozent an der Uni, habe ich mir sagen lassen, hat dazu diesen Vergleich gezogen: In Deutschland versucht der Staat, jede einzelne zerrissene Stasi-Akte wieder zusammenzusetzen. In Taiwan hat man noch nicht einmal die Schranktüren der Archive geöffnet.

(Die folgenden Absätze beziehen sich auf das Jahr 2009)

Dazu kommt, dass beide politischen Lager das Gedenken an 228 instrumentalisieren. So spielte sich auch dieses Jahr rund um den Gedenktag viel politisches Theater ab. In chronologischer Reihenfolge: Da forderte ein angeblich Präsident Ma nahestehender KMT-Abgeordneter, dass der 28. Februar kein gesetzlicher Feiertag mehr sein soll. Ein Unding, sagten Angehörige von Opfern, und planten angeblich, Ma bei seiner Rede am 28. mit Schuhen zu bewerfen. Die DPP-nahe Presse warf der KMT vor, sie habe ihre Geschichtshausaufgaben nicht gemacht. Tatsächlich hatte das KMT-dominierte Parlament einer 228-Gedenk-Stiftung die Zuschüsse streichen wollen. Als Präsident Ma ankündigte, diese Entscheidung zu ändern, war das der DPP-Vorsitzenden auch nicht recht, sie nannte es „unaufrichtig und heuchlerisch“. Bei der offiziellen Gedenkfeier, dieses Jahr in Kaoshiung, gab es dann wie erwartet Proteste gegen Ma, aber keine Schuhwürfe. Nach seiner Rede wurde Ma aufgefordert, seinen Worten Taten Folgen zu lassen und zu zeigen, wie sehr ihm Taiwans Demokratie am Herzen liegt – indem er es etwa mit dem Gedenken an KMT-Übervater Chiang Kai-Shek nicht übertreibt. Und die Debatte geht garantiert noch weiter.

Einige Fotos rund um die Veranstaltung in Kaoshiung stehen bei „Blickpunkt Taiwan“ (Nachtrag: nicht mehr online), der Kollege war selbst vor Ort und liefert außerdem eine vorzügliche Zusammenfassung des 228-Massakers und seiner Spätfolgen. Seinem Fazit ist nichts hinzuzufügen:

„(…) die Art und Weise, wie mit diesem Gedenktag jedes Jahr aufs neue umgegangen wird, (wird) auf absehbare Zeit immer auch ein Anzeichen dafür bleiben, wie es um den innertaiwanischen Konsens über die eigene nationale Identität bestellt ist.“


Hillary Clinton war ja gerade auf Antrittsbesuch in China, was in Taiwan natürlich aufmerksam verfolgt wurde. Schließlich wurde die Insel wahrscheinlich nur deswegen noch nicht längst von der Volksrepublik geschluckt, weil die USA sie seit Jahrzehnten mit Waffen beliefern. Das ist Peking natürlich ein gewaltiger Dorn im Auge, und die große Frage ist, ob Amerika irgendwann eine entspannte Beziehung zu China wichtiger ist als die Unterstützung Taiwans. Zu dem Thema habe ich diesen Text bei heute.de veröffentlicht.

CKS Soldaten

Taiwanische Soldaten üben das Exerzieren vor der Chiang-Kai-Shek-Gedächtnishalle

Hier stehen noch einige Infos zur Modernisierung von Taiwans Patriot-Raketenabwehrssystemen. Der letzte Absatz erinnert mich ein bisschen an das Szenario in diesem Roman:

„While many Taiwanese still see the United States as the ultimate guarantor of Taiwanese independence, they see China as increasingly capable of grabbing the island before the U.S. can intervene. So while the Taiwanese don’t have to be strong enough to defeat a Chinese invasion, they do have to be strong enough to hold the Chinese back until American reinforcements can show up.“

Taiwans Präsident Ma will nicht nur die Manöver zur Abwehr einer chinesischen Invasion künftig nur noch alle zwei Jahre abhalten. In dem heute.de-Text keinen Platz mehr gefunden hat diese Geschichte: Das Verteidigungsministerium hat angekündigt, dass bei Militärübungen künftig weniger echte Munition verfeuert wird – und zwar angeblich aus Klimaschutzgründen. Dabei ist nach Oppositionsangaben bei einem Fünftel der Bestände ohnehin schon das Haltbarkeitsdatum abgelaufen. Falls die Chinesen also tatsächlich mal angreifen sollten, brauchen Sie sich offenbar keine großen Sorgen zu machen.

CKS Soldaten Flaggen


MEHR INFOS ZUM Kabel 1-BERICHT „MEIN NEUES LEBEN“ ÜBER MICHAEL WENDEL VOM 7.9.2010 STEHEN HIER.

Über Michael Wendel, den deutschen Bäcker von Taipeh, hatte ich ja schon mal geschrieben und auch einen Radiobeitrag erstellt (der in einer kürzeren Fassung inzwischen auch im SWR gesendet wurde). Und nun gibt es einen neuen Artikel (PDF), den ich für die Rheinpfalz geschrieben habe – Wendels alte Heimatzeitung, denn er stammt aus Ludwigshafen-Oggersheim.

Ich habe ihn noch einmal in seinem Betrieb besucht und mir erzählen lassen, wie das Geschäft läuft in Zeiten der Wirtschaftskrise. Schließlich sparen die Menschen auch in Taiwan am Konsum, und  seine Backwaren sind im Schnitt etwas teurer als in taiwanischen Bäckereien.

Ein 500-Gramm-Brot kostet bei Wendel zwischen 105 und 130 NT$, das entspricht ca. 2,40-3,00 Euro. Ein Brötchen kostet 25 NT$, also ca. 60 Cent. Für Taiwan ist das am oberen Ende der Preis-Skala.

Wendel Rheinpfalz

Wendel erzählt, in seiner Bäckerei sei der Umsatz im vergangenen halben Jahr um 20% zurückgegangen, im Restaurant sogar um 30%. Das sei aber normal, in anderen Restaurant sei der Einbruch noch größer, 50 oder 60%.

Bei ihm gilt derzeit Einstellungsstopp. Trotzdem will er dieses Jahr noch eine Filiale in der Innenstadt von Taipei eröffnen, um mehr umzusetzen und die Backstube besser auszulasten.

Eine Information aus dem oben verlinkten Radiobeitrag muss ich übrigens korrigieren: Der Arbeitstag in der Backstube beginnt nicht um sieben Uhr morgens, sondern schon um fünf. Der Laden öffnet um sieben. Das ist zumindest beides immer noch später als in Deutschland üblich.


Vieles, was wir in Deutschland ganz normal finden, tun die Menschen hier ganz einfach nicht. Sie trinken nichts zum Essen (außer Suppe und selten mal Tee). Sie gehen nicht in Kneipen, um Bier zu trinken. Sie gucken nicht in den Rückspiegel, bevor sie die Spur wechseln. Und sie rauchen nicht. Oder zumindest kaum. 

Mir ist in den Monaten, die ich hier bereits verbracht habe, jedenfalls niemand aufgefallen, der sich mal auf der Straße eine angesteckt hätte. Es gibt auch keine Zigarettenautomaten und keine Werbung für Tabakwaren.

Trotzdem sagt das Gesundheitsministerium, von 23 Millionen Taiwanern würden noch immer 4,5 Millionen rauchen. Und will deswegen den Preis für Zigaretten erhöhen, von 50 Taiwan-Dollar pro Päckchen auf 60-70. Also etwa von 1,10 Euro auf 1,50. Ganz drastisch. (Dabei muss man natürlich bedenken, dass hier sehr viele Preise nur ca. ein Drittel bis ein Viertel des deutschen Niveaus betragen.)

Jackie Chan

Jackie Chan kommt zwar aus Hongkong, raucht aber offenbar auch nicht gern.

Erst vor ein paar Wochen hatte Taiwans Regierung das Anti-Rauch-Gesetz verschärft. Seitdem ist die Qualmerei in allen öffentlich zugänglichen Gebäuden verboten, also auch in Kneipen und Restaurants. Flughäfen haben keine Raucherräume mehr, und das Verbot gilt auch in „roofed transport stations“, also offenbar sogar auf überirdischen Bahnsteigen.

Ausnahmeregeln für Bierzelte, Brauchtumsveranstaltungen, Einraum-Kneipen und so weiter gibt es nicht.

Nicht schlecht. Geht doch!

Anti-Rauch-Plakat

Und da wir gerade bei legalen Drogen sind (gestern ging es hier ja eher um Heroin), noch eine Meldung für Koffein-Abhängige:  Die Coffeeshop-Kette 85c bietet jetzt Kaffee mit Salz an. Genauer: Mit Meersalz im Milchschaum. Soll angeblich zumindest interessant schmecken. Sehr schön auch dieses Zitat einer Kundin: „Taiwanese are greedy. We like to get all the tastes we can in one bite.“

Hier habe ich übrigens schon mal über die Coffeeshop-Flut in Taiwan geschrieben und auch Logos gesammelt.


Taiwan: Drogen, Deutsche und die Todesstrafe

Aktualisierung: Seit April 2010 vollstreckt Taiwan wieder Todesurteile.

Eine Brücke von Kinmen nach China?

Zunächst ein kurzer Hinweis darauf, dass ich vor ein paar Tagen für tagesschau.de einen Text zum immer wieder beliebten Thema „Taiwan und China“ geschrieben habe. Diesmal geht es um eine mögliche Brücke zwischen der zu Taiwan gehörenden Inselgruppe Kinmen und dem Festland (PDF).

tagesschau.de Taiwan Brücke Kinmen China

Deutscher mit Drogen in Taiwan verhaftet

Und dann ist mir eine Meldung aufgefallen, nach der ein Deutscher Drogenschmuggler am Flughafen Taoyuan verhaftet wurde. Daraufhin habe ich selbst ein bisschen telefoniert und im Netz gestöbert, und das ist dabei rausgekommen:

Heroin für eine halbe Million Euro im Gepäck

Deutscher in Taiwan festgenommen – bei Drogenschmuggel droht Todesstrafe

Ein Deutscher ist in Taiwan mit mehr als 2,4 Kilogramm Heroin im Koffer erwischt wurden. Der Zoll am internationalen Flughafen von Taipeh entdeckte die Drogen bei einer Gepäckkontrolle. Drogenschmuggel nach Taiwan ist besonders riskant, denn in dem Land droht – zumindest theoretisch – die Todesstrafe.

Der Deutsche kam nach Polizeiangaben mit der taiwanischen Fluggesellschaft China Airlines aus Thailands Hauptstadt Bangkok. Er sei nach einem Zwischenstopp in Hongkong am Sonntag abend auf dem Taoyuan International Airport gelandet. Bei einer Durchleuchtung seines Gepäcks hätten die Beamten 2487 Gramm Heroin entdeckt – eine Menge mit einem Wert von umgerechnet mehr als einer halben Million Euro. Der Mann habe zunächst jede Aussage dazu verweigert, von wem er das Heroin erhalten habe und für wen es bestimmt sei.

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte die Festnahme. Der Mann werde vom Vertrauensanwalt des Deutschen Instituts in Taipeh anwaltlich vertreten.

Die taiwanische Tageszeitung „United Daily News“ veröffentlichte ein Foto, das einen blonden Mann mit einer Plastiktüte zeigt, die vermutlich das Heroin enthält.

Taiwan: Warnung Flughafen Drogen Todesstrafe

Der mutmaßliche Schmuggler ist ein hohes Risiko eingegangen, denn die Einfuhr von Drogen kann in Taiwan mit der Todesstrafe geahndet werden. Darauf weist nicht nur ein unübersehbares Schild bei der Einreise am Taoyuan Airport hin. Auch das Auswärtige Amt warnt in seinen Reisehinweisen:

Die Einfuhr und der Besitz schon relativ geringer Mengen von Drogen kann zu hohen Freiheitsstrafen führen. Einfuhr und Besitz größerer Mengen sogar zur Todesstrafe.“

 

Todesurteile werden in Taiwan durch Erschießen vollstreckt. Allerdings ist in Taiwan seit mehr als drei Jahren niemand mehr hingerichtet worden. Nach Angaben des Deutschen Instituts, das in Taiwan anstelle einer Botschaft die deutschen Interessen vertritt, hat das Justizministerium ein inoffizielles Moratorium verhängt und unterzeichnet keine Hinrichtungsbefehle mehr. Zwar säßen derzeit noch etwa 30 zum Tode Verurteilte in Taiwans Gefängnissen. Dabei handle es sich aber ausschließlich um Personen, die wegen Tötungsdelikten verurteilt wurden.

Es gibt in Taipeh keine offizielle deutsche Botschaft, weil Berlin der „Ein-China-Politik“ Pekings folgt und keine diplomatischen Beziehungen mit Taiwan hat. Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan als Teil ihres Territoriums. De facto ist Taiwan jedoch ein selbstständiger Staat, der sich in den vergangenen 20 Jahren von einer Diktatur zur Demokratie entwickelt hat. Menschenrechtsgruppen fordern seit langem, dass Taiwan die Todesstrafe abschafft. Ein großer Teil der Bevölkerung hält sie jedoch nach wie vor für angemessen, um von Verbrechen wie Mord abzuschrecken.


Nur zwei kleine Geschichten aus Taiwan, die mir gerade in der Presse aufgefallen sind:

  • Ein Polizist in Banqiao (bei Taipei) wurde wegen Bestechlichkeit zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte beim Kontrollgang in einem Geschäft festgestellt, dass dort offenbar Mahjong um Geld gespielt wird. Daraufhin hatte er dem Besitzer mit einer Anzeige wegen illegalen Glücksspiels gedroht, sollte der ihn nicht „anderweitig überzeugen“ können. Also bekam der Polizist 10.000 NT$ zugesteckt und vergaß die Sache. Dumm nur, dass der Ladenbesitzer später einem anderen Beamten bei einer weiteren Kontrolle sagte, er habe doch schon längst gezahlt. 10.000 NT$ sind etwas mehr als 200 Euro. Jede 5 NT$ Bestechungsgeld, etwa 10 Eurocent, brachten dem Polizisten also einen Tag Gefängnis ein.
  • Ein paar Studenten haben sich mit kleinen Schmierereien großen Ärger eingehandelt. Sie hatten bei einem Ausflug in einen Nationalpark mit Tipp-Ex ihre Namen sowie den Namen ihrer Universität an die Pfeiler einer Hütte gepinselt. Mehrere andere Besucher beschwerten sich daraufhin bei der Uni, die ihre Studenten zu Sozialarbeit verdonnerte und sie anwies, sich bei der Nationalpark-Verwaltung zu entschuldigen. Letzten Monat gab es schon einen ähnlichen Fall, in dem die Missetäter – ebenfalls Studenten – sogar zurückfahren und ihr Graffiti selbst wieder entfernen mussten, auf einer Bergstraße in fast 3300 Meter Höhe.

Da fällt mir gerade ein, dass in der U-Bahn von Taipeh ja auch Essen und Kaugummi-Kauen mit mindestens 30 Euro bestraft werden.

Klingt alles ziemlich drakonisch, aber andererseits ist Taiwan noch ein gutes Stück von Zuständen wie in Singapur entfernt. Stockhiebe gibt es hier keine.

Der positive Effekt: Öffentliche Toiletten in U-Bahn-Stationen können schon mal ganz nett aussehen.

MRT Klo

Und in der Unterführung nebenan hängen Ölgemälde, einfach so und unbehelligt.

Bilder U-Bahn g

Ja, wenn die Menschen sich jetzt noch genauso diszipliniert an die Verkehrsregeln halten würden… oder wenn sie anfangen würden, hässliche alte Gebäude zu renovieren oder abzureißen… oder wenn es in der Politik keine Korruption mehr gäbe… das wäre schön!