Taipeh Flüge jetzt buchen EVA AIR

 

Archive for August, 2009

Stellen wir uns mal vor, in Berlin würde eine Linkspartei-Regierung die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen schließen und Walter Ulbricht eine Gedenkhalle widmen. Unvorstellbar, oder?

Kürzlich ist es mir gelungen, zwei nicht ganz unwichtige Themen in einem deutschen Medium unterzubringen: Die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle (zuvor „Nationale Demokratie-Gedenkhalle“) und die Schließung der Gedenkstätte im ehemaligen Militärgefängnis Jingmei.

Beides sind Beispiele dafür, dass Teile der regierenden Kuomintang-Partei sich vielleicht doch noch nicht so ganz von ihrer autoritäten Vergangenheit (ca. 40 Jahre Einparteienherrschaft per Kriegsrecht, zehntausende tote Taiwaner) distanziert haben.

Der Beitrag lief in der Sendung „Fokus Asien“ im Radioprogramm der Deutschen Welle. Man kann ihn hier nachlesen.

Mir fehlt die Zeit, die Geschichte des Gefängnisses und der Namens-Kontroverse um die Gedenkhalle hier im Detail aufzurollen. Ich hoffe, irgendwann kann ich das nachholen. Bis dahin bildet Euch ein Urteil anhand des Radiobeitrags und dieser Bilder.

Für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich: Das ehemalige Militärgefängnis Jingmei (eigentlich in Xindian).

Für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich: Das ehemalige Militärgefängnis Jingmei (eigentlich auf dem Stadtgebiet von Xindian, nicht Taipeh).

Eine sehr schöne Fotogallerie des Jingmei-Gefängnisses vor und nach der Schließung mit weiteren Informationen hat Günter Whittome erstellt.

Die Menschenrechts-Gedenkstätte im Jingmei-Gefängnis.

Die Menschenrechts-Gedenkstätte im Jingmei-Gefängnis.

Blogger David Reid über die Eröffnung der Gedenkstätte 2007 und die geschlossene Ausstellung 2009.

Stacheldraht und Polizisten sorgen dafür, dass die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-Shek-Gedenkhalle ungestört über die Bühne geht (20.7.2009)

Stacheldraht und Polizisten sorgten dafür, dass die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle ungestört über die Bühne ging. (20.7.2009)

Berichte über die Rück-Umbenennung der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle in der Taipei Times (regierungskritisch) und der China Post (regierungsfreundlich).

Nur wenige Demonstranten protestierten vor der Absperrung. (20.7.09)

Nur wenige Demonstranten protestierten vor der Absperrung. (20.7.2009)

Als einer ihrer ersten Amtshandlungen hatte die KMT-Regierung nach dem Amtsantritt im Mai 2008 den alten Zustand in der Gedenkhalle wieder hergestellt.

Innenraum der CKS-Halle im März 2008: Zu Füßen des Diktators eine Ausstellung über Taiwans Demokratiebewegung. Die Drachen sollten den "Wind der Freiheit" o.ä. symbolisieren.

Innenraum der CKS-Halle im März 2008: Zu Füßen des Diktators eine Ausstellung über Taiwans Demokratiebewegung. Die Drachen sollten den "Wind der Freiheit" o.ä. symbolisieren.

Die Gedenkhalle heute: Absperrung statt Ausstellung. Außerdem wurde wieder eine Ehrenwache (nicht im Bild) aufgestellt.

Die Gedenkhalle heute: Absperrung statt Ausstellung. Außerdem wurde wieder eine Ehrenwache (nicht im Bild) aufgestellt.

Im Souvenirshop der CKS-Halle gibt es T-Shirts mit dem Diktator zum Auf-der-Brust-Tragen.

Im Souvenirshop der CKS-Halle gibt es T-Shirts mit dem Diktator zum Auf-der-Brust-Tragen.

KMT-Präsidenten unter sich: Chiang Ching-kuo (1978-88), sein Vater Chiang Kai-shek (bis 1975), Ma Ying-jeou (seit 2008).

KMT-Präsidenten unter sich: Chiang Ching-kuo (1978-88), sein Vater Chiang Kai-shek (bis 1975), Ma Ying-jeou (seit 2008).


Das Team vom Taiwan-Tourismusbüro lädt am 31. August 2009 ab 16.00 Uhr alle Taiwan-Interessierten, die langfristig oder kurzfristig eine Reise nach Taiwan planen oder sich generell für Taiwan als Reiseland interessieren, zu einem Ländervortrag ein.

Es sind sowohl reiselustige Weltenbummler, Asien-Anfänger als auch Kollegen aus der Reisebranche eingeladen.

Garkueche

Wir empfangen Sie gerne in unserem Büro in der Rheinstraße 29, 60325 Frankfurt. Taiwan wird Ihnen mit einer Länderpräsentation und Film vorgestellt, anschließend steht das Team für Fragen zur Verfügung und Sie haben die Möglichkeit, Tee und einige kleine Leckereien aus Taiwan zu probieren. Natürlich sind Sie auch eingeladen, in unserem Infomaterial zu stöbern und sich auf eine zukünftige Taiwan-Reise vorzubereiten.

Bei Interesse melden Sie sich bitte per e-mail über info@taiwantourismus.de an. Sobald die Mindestteilnehmerzahl erreicht ist, senden wir Ihnen eine Bestätigung. Bei Rückfragen stehen wir unter Tel. 069 / 610743 zur Verfügung.

(Quelle)



Wer hat Angst vorm weißen Mann?

Westliche Ausländer haben in Taiwan nicht unter offenem Rassismus zu leiden, aber sie sind Opfer von Stereotypen. Eines davon besagt: Junge, weiße Männer nutzen in Taiwan mit Vorliebe junge Mädchen aus. Was ist da dran?

Taiwans Bild-Zeitung heißt Apple Daily und wird von einem in Hongkong ansässigen Medienkonzern herausgegeben. Mein Chinesisch ist zwar noch nicht ganz Zeitungs-fit, aber ich habe mir sagen lassen, im Apple Daily fänden sich immer wieder interessante Geschichten aus der Rubrik „skurriles Taiwan“.

Sex and Crime in Taiwan

Auf jeden Fall haben die Illustratoren dort Spaß bei der Arbeit:

Apple Daily Illustration

Worum geht es? Der dazugehörige Artikel steht im Original hier und wird schon in diversen englischsprachigen Blogs und Foren munter diskutiert.

Hauptrollen in diesem Drama: Eine arglose taiwanische Studentin an der NCCU (wo ich auch mal meinen ersten Chinesischkurs in Taiwan hatte). Sowie ein böser Ausländer, der im AIT (der US-amerikanischen Quasi-Botschaft) arbeitet. Nebenrollen: Eine sensationsgeile Presse sowie offenbar eine Menge Leser mit Ressentiments gegen Ausländer, gekoppelt mit Minderwertigkeitskomplexen.

Akt 1: Die Romanze

Der Ausländer und die Taiwanerin lernen sich auf einer berüchtigten Abschlepp-Website kennen. Sie treffen sich und haben Sex. (Dreimal zwischen neun und elf Uhr abends.) Der Amerikaner macht Fotos (Bild 1). Später – er ist in Japan unterwegs – treffen sie sich zum Webcam-Sex (Bild 2).

Akt 2: Das Drama

Der Amerikaner meldet sich nicht mehr. Die Studentin spioniert ihm nach, der Portier des Hauses plaudert aus, er arbeite beim AIT und bringe öfter mal Mädels mit nach Hause. Die Taiwanerin legt sich vor dem Haus auf die Lauer und stellt ihn, als er mit einer anderen Frau heimkommt. Es gibt Streit.

Akt 3: Die Presse

Nun beginnt der eigentlich wahnwitzige Teil dieser bislang eher unspektakulären Geschichte. Statt eine Lektion fürs Leben gelernt zu haben, erzählt die Studentin die ganze Geschichte mit allen saftigen Details ausgerechnet der Redaktion des Apple Daily. Mit Chatprotokollen und allem drum und dran.

Chatprotokoll Apple Daily

Für die Redakteure (und Illustratoren) ist das natürlich ein Fest. Egal, dass offenbar niemand etwas Unrechtes getan hat (der Amerikaner hat z.B. keine verfänglichen Fotos veröffentlicht). Egal, dass die ganze Geschichte sich nur auf die Aussagen der Frau stützt. Egal auch, dass der Mann sich in Taiwan wahrscheinlich nicht mehr blicken lassen kann, nachdem das Schmierenblatt seinen vollen Namen genannt hat (was bei vergleichbaren Geschichten mit Einheimischen nicht gemacht wird).

Misstrauen und Vorbehalte

Zunächst harmonische Dates haben offenbar ab und zu mal ein unschönes Nachspiel. Zum Schutz vor unberechtigten Date Rape-Anschuldigungen empfiehlt dieser Blogger gar:

„Let me say first off the bat that he found the way to protect yourself from false date rape is to think like a RAPIST! Sounds sick but true. Plan your date like you would plan a crime and you will be covering more of your bases instead of hanging in the wind!“

Die Krönung des Apple Daily-Artikels ist die Aussage einer „Beziehungs-Expertin“, kombiniert mit den Taiwanerinnen „Kelly“ und „Tina“:

According to relationship expert Jiang Yingyao, there’s nothing too different between dating a foreigner and dating a local man. „Some Taiwanese are under the mistaken impression that foreigners are romantic, but you have to be cautious of foreigners who, because of a sense of racial superiority, like to play Taiwanese women.“ Jiang thinks that some Taiwanese women like to date foreigners because walking down the street, pulling on some foreigner’s sleeve makes them feel special, but actually this reaction is based on some inferiority complex.

According to architect Kelly, who has dated over 20 foreigners, „In foreigners‘ eyes, Asian women are gentle, loyal and dependent. That’s why they go crazy for them.“ But she says, „Ninety percent of the foreigners are trash! They have shitty jobs and the women back home wouldn’t think anything of them.“

Tina, who has gone out with a foreigner for 3 years, calls on all Taiwanese women to open their eyes. „It should be you who’s pursuing the foreigner, not being pursued.“

According to relationship expert Jiang, foreigners have this concept of „Sex first, then love.“ She urges women to go back to the fundamentals. There are too many cultural differences between foreigners and Taiwanese. There’s no need to think foreigners are superior, let alone is there any need to put up with their sexual demands. Women should pay attention to how these foreigners treat people, both in professional situations and social gatherings, before deciding whether to proceed.

(Übersetzung bei Forumosa.com)

Rassismus gegen Westler in Taiwan?

Die Absurdität der ganzen Geschichte täuscht leicht darüber hinweg, dass es hier ein echtes Problem zu geben scheint: Eine spezielle Form von Rassismus, die offenbar nicht wenige Taiwaner gegenüber männlichen westlichen Ausländern empfinden.

Rassimus, der sich nicht in offenen Anfeindungen äußert – im Gegenteil. Taiwaner gelten nicht umsonst Westlern gegenüber als besonders freundlich, und den Ausdruck „Ausländer erster Klasse“ habe ich hier schon des öfteren gehört.

Lesetipp (englisch): Wie ist die Situation für Taiwans Gastarbeiter, die „Ausländer zweiter Klasse“?

Glaubt man Kommentaren, die immer wieder im Netz zu finden sind und die ich teilweise aus eigener Beobachtung bestätigen kann, so handelt es sich in diesen Fällen eher um kulturellen Überlegenheitsdünkel in Kombination mit Neid auf vermeintliche körperliche Vorzüge (blonde Haare, blaue Augen, Körpergröße) und wohl auch Frust angesichts einer nicht zu verachtenden Zahl gebildeter Taiwanerinnen, die lieber allein oder mit Ausländern leben als mit einheimischen Männern, die häufiger gesellschaftpolitisch noch eine Stufe zurück sind und sich ganz traditionell nach dem Heimchen am Herd (oder Weibchen am Wok?) sehnen.

Lesetipp (englisch): Taiwanerinnen mit westlichen Freunden – was ist eine „Xicanmei“ (西餐妹)?

Ein Kommentar bei „The View from Taiwan“ drückt es so aus:

I’ve found that simply being a foreign male, it is assumed that you will:

  • Have a shed load of Taiwanese girlfriends who you callously rotate
  • Love to get drunk
  • Know nothing about Taiwan and can barely speak the language
  • Ride your scooter dangerously
  • Be excessively rich
  • Be an economic migrant who has no real understanding of nor affection for Taiwan / China

Allerdings wurde mir auch von verschiedenen Seiten (Taiwanerinnen, Westlerinnen) versichert: Unter den Ausländern in Taiwan finde sich tatsächlich ein auffallend hoher Anteil von Freaks und gescheiterten Existenzen, die in ihrer Heimat ganz schlechte Karten hätten und sich in Taiwan als Englischlehrer (Qualifikation: Muttersprache) und Ausnahmeerscheinung (westliches Aussehen) ein einigermaßen angenehmes Leben machen können.

Ein anderer Kommentar im o.g. Thread:

After all, it makes quite a lot of sense that Americans or other foreigners that have debts or didn’t find success job-wise in their home country to come to Taiwan and teach English to make some easy money (but the fact that it’s not truly a lot of money means that those with successful careers in the US just won’t find teaching English in Taiwan attractive).

Taiwanese do watch too much Hollywood and you know what? It does perpetuate stereotypes and portrays whites superior to blacks or Asians.

A foreigner in Taiwan meets all sorts of people and people are friendly towards them in ways that is not possible for most in their home country. To not acknowledge that some people are taking advantage of that is just being ignorant.

Wie groß ist das Problem?

Damit nun kein falscher Eindruck entsteht – meiner Meinung nach:

  • Sind die meisten Taiwaner Westlern gegenüber nicht rassistisch
  • Haben die meisten Ausländer aus Afrika, der Karibik, Indonesien oder von den Philippinen wahrscheinlich weit mehr Grund, über Rassismus in Taiwan zu klagen, als unsereins
  • Interessieren sich die meisten Taiwanerinnen gar nicht für Ausländer
  • Sind die meisten westlichen Ausländer hier weder Gestörte noch Unschuldsengel oder reißende Wölfe, sondern prima Menschen

Zwei Seiten gibt es allerdings, für die ich beim besten Willen kein Verständnis aufbringen kann: Die Taiwanerin, die sich mit ihrer Geschichte an die Boulevardpresse wendet. Und die Zeitung, die daraus so eine widerliche Schmierenkomödie fabriziert, Neid und Vorurteile schürt. (In dem Artikel wird nicht nur der volle Name des Amerikaners genannt, sondern auch eine absurd hohe Wohnungsmiete von 150.000 NT$, über 3000 Euro.) Blogger Michael Turton vermutet politische Motive hinter der Geschichte:

A glance at the news shows that the US has been in the news in a positive light — our aircraft are here delivering aid to the locals. Lookin‘ spiffy and doin‘ the right thing, garnering praise and positive views for the US. Can’t have that! This time it is Apple Daily with the negative news about the US to counterbalance the good news.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Wird am Ende gar das AIT eine Stellungnahme abgeben?


Was Dennis Gastmann in Taiwan verloren hat

Also, das auf dem Bild da unten sind meine Kollegen Matthias Sdun und Dennis Gastmann aus Hamburg. Ich kenne die beiden von langjähriger gemeinsamer Arbeit fürs NDR Fernsehen.

Damals habe ich über böse Banken und arme Rentner berichtet, und die beiden über viel lustigere Sachen. Dennis hat irgendwann sogar einen Preis bekommen und war neben Ina Müller in der „Bunten“ (oder war es die „Gala“?), da hat seine Mama in Osnabrück gleich einen ganzen Stapel gekauft, weil sie so stolz war. Wir haben auch mal in Hannover ein paar Wochen zusammen gewohnt, das war lange, bevor er berühmt wurde und ich Taiwan kannte.

Dreh in Taipeh

Dennis Gastmann in Taiwan

Der aufmerksame Beobachter wird sich jetzt denken: Das da hinten ist doch das Nationaltheater in Taipei! Was machen die denn da?

Die beiden haben mich hier besucht. Sie waren gerade auf Asienreise für ihre bezaubernde Reihe „Mit 80.000 Fragen um die Welt“, die in der NDR-Sendung „Weltbilder“ läuft. Und da haben sie auch in Taipei ein paar Tage Station gemacht, um die Frage zu beantworten… aber nein, das darf ich bestimmt noch nicht verraten. Der Beitrag wird irgendwann im September oder Oktober gesendet.

Jungs, es war mir eine Freude und eine Ehre, für Euch den Stringer zu machen! Ich freue mich auf den Beitrag.

Jetzt ist er fertig! Sehen Sie sich an, was Dennis Gastmann in Taiwan erlebt hat.

Wer dies liest, kann gespannt sein. Denn es werden Fragen und Antworten zu Taiwan vorkommen, die sonst in den Medien viel zu selten auftauchen.


In Taipeh sieht man seit einigen Monaten häufig chinesische Touristengruppen. Die ins Land zu holen, war schließlich eines der Wahlversprechen von Präsident Ma Ying-jeou – verbunden mit dem Versprechen, dass sie hier Unmengen Geld ausgeben und damit die Wirtschaft ankurbeln würden.

Sie treten stets in Gruppen auf, weil Chinas Regierung ihren Bürgern das Recht verweigert, auf eigene Faust zu verreisen. Diese Chinesen werden per Bus von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gekarrt. Man trifft sie z.B. vor der Sun-Yat-Sen-Gedenkhalle, am Nationalen Märtyrer-Schrein (ironischerweise beides heilige Orte der „Republik China“, deren Existenz Peking bestreitet) oder im Nobel-Einkaufszentrum des Taipei 101. Taiwaner erkennen sie auf auf den ersten Blick, und auch wenn ich die sprachlichen Unterschiede noch nicht heraushöre: Man kann sie tatsächlich rein optisch auseinanderhalten, an Verhalten und Kleidung. Ein bisschen kommen diese Chinesen mir vor wie die DDR-Bürger, die sich zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung zu Ausflügen in den Westen wagten. Wobei ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass einige dieser Gäste mit einem etwas großspurigen „Da-sind-wir-endlich“-Gestus auftreten. Wahrscheinlich verstehen sie sich als handverlesene Vorhut ihrer großartigen Nation.

Vor dem Taipei 101 nun habe ich neulich einige Taiwaner gesehen, die diese Chinesen mit Schildern begrüßten. Auf denen stand mit den in der Volksrepublik üblichen vereinfachten Schriftzeichen zum Beispiel „Herzlich Willkommen!“ oder auch „Gott segne China!“ (Leider habe ich es versäumt, Fotos zu machen.)

Nun ist es natürlich prinzipiell gut und richtig, dass in Taiwan – anders als in China – jeder das Recht auf freie Meinungsäußerung hat. Dennoch fragte ich mich bei diesem Anblick: Was treibt diese Menschen – Bürger eine Demokratie – dazu, indirekt ein politisches System gutzuheißen, das auf Nationalismus, Willkür und Unterdrückung beruht?

Nachrichten aus der Volksrepublik

Wieder Hause, habe ich zufällig am selben Abend zwei AP-Berichte aus Peking gelesen, die mir die Haare zu Berge haben stehen lassen. In diesem Artikel (unbedingt lesenswert!), geht es um „Black jails“ – inoffizielle Gefängnisse, in denen Bürger aus der Provinz eingekerkert werden, die nach Peking kommen, um bei der Zentralregierung Missstände anzuprangern. Natürlich ohne jede rechtsstaatliche Grundlage. Und wenn eine junge Studentin dort landet und von einem Wärter vergewaltigt wird, dann wird das geleugnet, und sie wird als Unruhestifterin abtransportiert – wohin, weiß man nicht.

Nachtrag, 13. November 2009: Menschenrechtsgruppen haben noch einmal auf die „Black jails“ hingewiesen. Chinas Regierung streitet deren Existenz ab.

In dem anderen Bericht geht es um die Nachwirkungen des großen Sichuan-Bebens vom vergangenen Jahr. Vor Gericht stehen nun nicht etwa die Verantwortlichen für die schlampig gebauten Schulgebäude, sondern ein Aktivist, der es gewagt, hat, die Hintergründe dieser Vorgänge aufzuklären. Die haben nämlich wahrscheinlich mit Korruption zu tun, und das darf ja nicht sein. Die Polizei hat zum Prozessbeginn ein Dutzend seiner Unterstützer in einem Hotel festgehalten, statt sie zum Gericht gehen zu lassen. Darunter auch der Künstler Ai Weiwei, in Deutschland wohl vor allem bekannt durch seinen kunstvoll eingestürzten Turm auf der Dokumenta vor zwei Jahren. Der sagt, ein Polizist habe ihn zunächst geschlagen und dann zu verstehen gegeben: „If we need, we can beat you to death.“

Ist das ein Land, zu dessen politischer Führung Taiwan Annäherung suchen sollte? Ist das ein Land, vor dem unsere Bundesregierung zu Kreuze kriechen und die US-Regierung sich offene Kritik verkneifen sollte? Ist das ein Land, mit dem man um jeden Preis Geschäfte machen muss?

Noch mal die beiden Artikel:


Wenn in Taiwan ein Hotel umfällt

Eines der wenigen theoretischen Konzepte aus meinem Publizistik-Studium, das ich in meiner Arbeit als Journalist voll und ganz bestätigt gefunden habe, ist die Nachrichtenwerttheorie. Grob gesagt: Je weiter weg ein Ereignis stattfindet und je weniger Tote es gibt, desto geringer die Chance, dass es in den Medien auftaucht. Besonders im Fernsehen.

Taiwan ist ein Paradebeispiel dafür. Hier müssten schon die Chinesen einmarschieren, damit die deutschen Medien sich wirklich flächendeckend für dieses Land interessieren. Oder ein schlimmes Erdbeben müsste sich ereignen, wie 1999. Oder ein besonders heftiger Taifun.

„Morakot“ bringt Taiwan Verwüstungen, Tod und Sendeminuten

Und genau das ist nun passiert. „Morakot“ ist über Taiwan hinweggezogen. Wir Hauptstädter hier im Norden haben eher wenig abbekommen. Regen und Wind waren ein wenig stärker als üblich, aber ansonsten lief und läuft das Leben hier seinen gewohnten Gang. Pro Jahr lassen sich hier mindestens fünf oder sechs Taifune blicken. Dann freuen sich die Menschen, wenn sie nicht zur Arbeit oder in die Schule müssen. Und sie ärgern sich, wenn es am Wochenende passiert.

Dieses Mal aber sind im Süden Taiwans die Schäden groß, es gibt Schlammlawinen, Tote und Vermisste, und das alles lässt sich von den Agenturen wunderbar auf die Schlagzeile „Schlimmste Überschwemmungen seit 50 Jahren“ reduzieren. (Wobei ich nicht beurteilen kann, ob diese Erkenntnis auf offiziellen Angaben beruht oder frei zusammenfabuliert ist.)

Typhoon Morakot Taiwan Hotel collapses

Eines ist sicher: Wäre nicht dieses Hotel umgekippt, weil das Wasser die Fundamente unterspülte – „Morakot“ hätte es trotz Todesopfern nicht so prominent in die Nachrichten geschafft.

Aber es ist nun mal ein starkes Bild, das nun wahrscheinlich die ganze Welt kennt. Außerdem herrscht in Deutschland gerade Vor-Wahlkampf-Sommerlochzeit, da sind die Fernsehsender dankbar für bildstarke Katastrophengeschichten. Selbst, wenn sie aus Taiwan kommen.

Am Sonntag liefen diese Bilder in der Tagesschau und vielen anderen Sendungen, und im heute-journal waren die „Tödlichen Taifune in Ostasien“ am Montag sogar der Aufmacher. Der Taifun war von Freitag auf Samstag über Taiwan hinweggezogen, das Ausmaß der Schäden wurde erst mit Verzögerung deutlich.

Nebenbei bemerkt: Interessant, wie immer vom bergigen Süden Taiwans die Rede ist. Als würden sich die Berge nicht von Taiwans Nord- bis zur Südspitze durchziehen. Aber da hat sich wahrscheinlich eine formulierungsfreudige Nachrichtenagentur für besonders clever gehalten.

Taiwans auf den Nachrichten-Landkarten

Schön ist es zu sehen, dass ARD und ZDF in ihren Hauptnachrichtensendungen Taiwan als eigenständigen Staat behandeln. Statt der Ein-China-Politik der deutschen Bundesregierung herrscht in den Redaktionen wohl noch gesunder Menschenverstand.

Taifun Morakot Taiwan Tagesschau

Taifun Morakot Taiwan Tagesschau Landkarte

Provinzen in Klein-, Länder in Großbuchstaben. Ob nun wohl noch jemand Jens Riewa erklären könnte, wie man „Fujian“ ausspricht, nämlich „Fu-dschiän“?

Taifun Morakot Tagesschau Landkarte

Auch für das ZDF zählt Taiwans De-facto-Status:

Taifun Morakot Taiwan ZDF Landkarte

Disclaimer: Für beide Redaktionen habe ich bereits gearbeitet. Mit der aktuellen ARD- und ZDF-Berichterstattung über den Taifun in Taiwan habe ich allerdings nichts zu tun – die findet von Hamburg, Mainz, Tokio und Peking aus statt.

Nachtrag:

Heute (16.8.) haben es mal wieder ein paar Bilder aus Taiwan in die Tagesschau geschafft. Solche Beiträge nennt man in den Nachrichtenredaktionen „die Naturkatastrophe vor dem Wetterbericht“. Wenn noch 20 Sekunden zu füllen sind, schaut die Redaktion in den Eurovision-Satellitenüberspielungen nach, was so aus aller Welt an Bildern eingelaufen ist. Ein Redakteur schneidet dann aus den spektakulärsten schnell eine Off-MAZ zusammen (d.h. der Sprecher im Studio liest den Text über die Bilder).

Als Informationsquelle dienen die mitgelieferten Bildbeschreibungen („Dopesheet“) sowie die Meldungen der Nachrichtenagenturen. In diesem Fall stammen die Bilder von Reuters TV.

Wen es wirklich interessiert: So sehen die Informationen aus, die um die Welt gehen.

Taiwan EurovisionTaiwan Eurovision Dopesheet Taiwan Eurovision Dopesheet

Aber immerhin – lieber ein bisschen Taiwan in den Nachrichten als gar keins. Wenn nur der Anlass nicht so traurig wäre.

Nachtrag II:

Ich habe gerade noch mal im empfehlenswerten Tagesschau-Archiv nachgeschaut. Bis vor ein paar Tagen gab es eine ganze Reihe solcher Kurzbeiträge von 20-30 Sekunden Länge, die auch alle online gesehen werden können. Den einzigen längeren Tagesschau-Beitrag über „Morakot“ hat ein Kollege für den Digital-Nachrichtenkanal Eins Extra zusammengeschnitten. Gute Arbeit, und schade, dass es wahrscheinlich nicht im Ersten zu sehen war.