Wer hat Angst vorm weißen Mann?

Westliche Ausländer haben in Taiwan nicht unter offenem Rassismus zu leiden, aber sie sind Opfer von Stereotypen. Eines davon besagt: Junge, weiße Männer nutzen in Taiwan mit Vorliebe junge Mädchen aus. Was ist da dran?

Taiwans Bild-Zeitung heißt Apple Daily und wird von einem in Hongkong ansässigen Medienkonzern herausgegeben. Mein Chinesisch ist zwar noch nicht ganz Zeitungs-fit, aber ich habe mir sagen lassen, im Apple Daily fänden sich immer wieder interessante Geschichten aus der Rubrik „skurriles Taiwan“.

Sex and Crime in Taiwan

Auf jeden Fall haben die Illustratoren dort Spaß bei der Arbeit:

Apple Daily Illustration

Worum geht es? Der dazugehörige Artikel steht im Original hier und wird schon in diversen englischsprachigen Blogs und Foren munter diskutiert.

Hauptrollen in diesem Drama: Eine arglose taiwanische Studentin an der NCCU (wo ich auch mal meinen ersten Chinesischkurs in Taiwan hatte). Sowie ein böser Ausländer, der im AIT (der US-amerikanischen Quasi-Botschaft) arbeitet. Nebenrollen: Eine sensationsgeile Presse sowie offenbar eine Menge Leser mit Ressentiments gegen Ausländer, gekoppelt mit Minderwertigkeitskomplexen.

Akt 1: Die Romanze

Der Ausländer und die Taiwanerin lernen sich auf einer berüchtigten Abschlepp-Website kennen. Sie treffen sich und haben Sex. (Dreimal zwischen neun und elf Uhr abends.) Der Amerikaner macht Fotos (Bild 1). Später – er ist in Japan unterwegs – treffen sie sich zum Webcam-Sex (Bild 2).

Akt 2: Das Drama

Der Amerikaner meldet sich nicht mehr. Die Studentin spioniert ihm nach, der Portier des Hauses plaudert aus, er arbeite beim AIT und bringe öfter mal Mädels mit nach Hause. Die Taiwanerin legt sich vor dem Haus auf die Lauer und stellt ihn, als er mit einer anderen Frau heimkommt. Es gibt Streit.

Akt 3: Die Presse

Nun beginnt der eigentlich wahnwitzige Teil dieser bislang eher unspektakulären Geschichte. Statt eine Lektion fürs Leben gelernt zu haben, erzählt die Studentin die ganze Geschichte mit allen saftigen Details ausgerechnet der Redaktion des Apple Daily. Mit Chatprotokollen und allem drum und dran.

Chatprotokoll Apple Daily

Für die Redakteure (und Illustratoren) ist das natürlich ein Fest. Egal, dass offenbar niemand etwas Unrechtes getan hat (der Amerikaner hat z.B. keine verfänglichen Fotos veröffentlicht). Egal, dass die ganze Geschichte sich nur auf die Aussagen der Frau stützt. Egal auch, dass der Mann sich in Taiwan wahrscheinlich nicht mehr blicken lassen kann, nachdem das Schmierenblatt seinen vollen Namen genannt hat (was bei vergleichbaren Geschichten mit Einheimischen nicht gemacht wird).

Misstrauen und Vorbehalte

Zunächst harmonische Dates haben offenbar ab und zu mal ein unschönes Nachspiel. Zum Schutz vor unberechtigten Date Rape-Anschuldigungen empfiehlt dieser Blogger gar:

„Let me say first off the bat that he found the way to protect yourself from false date rape is to think like a RAPIST! Sounds sick but true. Plan your date like you would plan a crime and you will be covering more of your bases instead of hanging in the wind!“

Die Krönung des Apple Daily-Artikels ist die Aussage einer „Beziehungs-Expertin“, kombiniert mit den Taiwanerinnen „Kelly“ und „Tina“:

According to relationship expert Jiang Yingyao, there’s nothing too different between dating a foreigner and dating a local man. „Some Taiwanese are under the mistaken impression that foreigners are romantic, but you have to be cautious of foreigners who, because of a sense of racial superiority, like to play Taiwanese women.“ Jiang thinks that some Taiwanese women like to date foreigners because walking down the street, pulling on some foreigner’s sleeve makes them feel special, but actually this reaction is based on some inferiority complex.

According to architect Kelly, who has dated over 20 foreigners, „In foreigners‘ eyes, Asian women are gentle, loyal and dependent. That’s why they go crazy for them.“ But she says, „Ninety percent of the foreigners are trash! They have shitty jobs and the women back home wouldn’t think anything of them.“

Tina, who has gone out with a foreigner for 3 years, calls on all Taiwanese women to open their eyes. „It should be you who’s pursuing the foreigner, not being pursued.“

According to relationship expert Jiang, foreigners have this concept of „Sex first, then love.“ She urges women to go back to the fundamentals. There are too many cultural differences between foreigners and Taiwanese. There’s no need to think foreigners are superior, let alone is there any need to put up with their sexual demands. Women should pay attention to how these foreigners treat people, both in professional situations and social gatherings, before deciding whether to proceed.

(Übersetzung bei Forumosa.com)

Rassismus gegen Westler in Taiwan?

Die Absurdität der ganzen Geschichte täuscht leicht darüber hinweg, dass es hier ein echtes Problem zu geben scheint: Eine spezielle Form von Rassismus, die offenbar nicht wenige Taiwaner gegenüber männlichen westlichen Ausländern empfinden.

Rassimus, der sich nicht in offenen Anfeindungen äußert – im Gegenteil. Taiwaner gelten nicht umsonst Westlern gegenüber als besonders freundlich, und den Ausdruck „Ausländer erster Klasse“ habe ich hier schon des öfteren gehört.

Lesetipp (englisch): Wie ist die Situation für Taiwans Gastarbeiter, die „Ausländer zweiter Klasse“?

Glaubt man Kommentaren, die immer wieder im Netz zu finden sind und die ich teilweise aus eigener Beobachtung bestätigen kann, so handelt es sich in diesen Fällen eher um kulturellen Überlegenheitsdünkel in Kombination mit Neid auf vermeintliche körperliche Vorzüge (blonde Haare, blaue Augen, Körpergröße) und wohl auch Frust angesichts einer nicht zu verachtenden Zahl gebildeter Taiwanerinnen, die lieber allein oder mit Ausländern leben als mit einheimischen Männern, die häufiger gesellschaftpolitisch noch eine Stufe zurück sind und sich ganz traditionell nach dem Heimchen am Herd (oder Weibchen am Wok?) sehnen.

Lesetipp (englisch): Taiwanerinnen mit westlichen Freunden – was ist eine „Xicanmei“ (西餐妹)?

Ein Kommentar bei „The View from Taiwan“ drückt es so aus:

I’ve found that simply being a foreign male, it is assumed that you will:

  • Have a shed load of Taiwanese girlfriends who you callously rotate
  • Love to get drunk
  • Know nothing about Taiwan and can barely speak the language
  • Ride your scooter dangerously
  • Be excessively rich
  • Be an economic migrant who has no real understanding of nor affection for Taiwan / China

Allerdings wurde mir auch von verschiedenen Seiten (Taiwanerinnen, Westlerinnen) versichert: Unter den Ausländern in Taiwan finde sich tatsächlich ein auffallend hoher Anteil von Freaks und gescheiterten Existenzen, die in ihrer Heimat ganz schlechte Karten hätten und sich in Taiwan als Englischlehrer (Qualifikation: Muttersprache) und Ausnahmeerscheinung (westliches Aussehen) ein einigermaßen angenehmes Leben machen können.

Ein anderer Kommentar im o.g. Thread:

After all, it makes quite a lot of sense that Americans or other foreigners that have debts or didn’t find success job-wise in their home country to come to Taiwan and teach English to make some easy money (but the fact that it’s not truly a lot of money means that those with successful careers in the US just won’t find teaching English in Taiwan attractive).

Taiwanese do watch too much Hollywood and you know what? It does perpetuate stereotypes and portrays whites superior to blacks or Asians.

A foreigner in Taiwan meets all sorts of people and people are friendly towards them in ways that is not possible for most in their home country. To not acknowledge that some people are taking advantage of that is just being ignorant.

Wie groß ist das Problem?

Damit nun kein falscher Eindruck entsteht – meiner Meinung nach:

  • Sind die meisten Taiwaner Westlern gegenüber nicht rassistisch
  • Haben die meisten Ausländer aus Afrika, der Karibik, Indonesien oder von den Philippinen wahrscheinlich weit mehr Grund, über Rassismus in Taiwan zu klagen, als unsereins
  • Interessieren sich die meisten Taiwanerinnen gar nicht für Ausländer
  • Sind die meisten westlichen Ausländer hier weder Gestörte noch Unschuldsengel oder reißende Wölfe, sondern prima Menschen

Zwei Seiten gibt es allerdings, für die ich beim besten Willen kein Verständnis aufbringen kann: Die Taiwanerin, die sich mit ihrer Geschichte an die Boulevardpresse wendet. Und die Zeitung, die daraus so eine widerliche Schmierenkomödie fabriziert, Neid und Vorurteile schürt. (In dem Artikel wird nicht nur der volle Name des Amerikaners genannt, sondern auch eine absurd hohe Wohnungsmiete von 150.000 NT$, über 3000 Euro.) Blogger Michael Turton vermutet politische Motive hinter der Geschichte:

A glance at the news shows that the US has been in the news in a positive light — our aircraft are here delivering aid to the locals. Lookin‘ spiffy and doin‘ the right thing, garnering praise and positive views for the US. Can’t have that! This time it is Apple Daily with the negative news about the US to counterbalance the good news.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Wird am Ende gar das AIT eine Stellungnahme abgeben?

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12 Kommentare zu “ Sex, Lügen und Vorurteile ”

  1. Teresa sagt:

    Das erinnert mich an einen unserer Germanistik Professor. Er hat waehrend dem Unterricht uns Studentinnen stark abgeraten, deutsche Maenner zu heiraten. Seiner Meinung nach heiraten deutsche Maenner eine Taiwanerin nur aus folgenden 5 Gruenden:
    1. Man sieht nicht gut aus und kriegt keine deutsche Frau ab.
    2. Man moechte Chinesisch lernen. Es gibt besonders viele Sinologen, die Taiwanerin heiraten.
    3. Man hat einen niedrigen Sozialen/finanziellen Status.
    4. Taiwanerinnen sind exotisch.
    5. Taiwanerinnen sind leicht zu kriegen.

    Genau dieser Meinung teilt sich auch der Autor dieser Website. http://www.lookinfo.com/study/heiraten.htm
    Ich habe den Verdacht, dass die Beiden sich sogar kennen!
    Der Autor hat bereits viele Proteste von Taiwanerinnen bekommen, die mit Deutschen verheiratet sind. Er hat fuer eine kurze Zeit die Seite geschlossen. Jetzt sieht man sie wieder.

  2. Dennis sagt:

    Genau das ist eben auch Taiwan…und irgendwie hat jeder der Beteiligten selbst Schuld, auch wenn man den in dem Artikel aufgeführten Details absolut nicht trauen kann.

    Was ich halt schade finde, ist dass wirkliche Topblogger wie Michael Turton da eine politische Komponente hineinbringen wollen, da brüllt der Löwe (…wie so oft), dann doch etwas zu laut.

    Was man wissen sollte: Apple Daily bringt solche Geschichten wohl in ziemlicher Regelmäßigkeit und natürlich werden bei vergleichbaren Stories auch die Namen Einheimischer genannt, ob es nun die echten oder erfundene sind, kann ich natürlich nicht sagen.

    Dass es diesmal nun mal wieder einen Ausländer getroffen hat, macht die Sache allerdings nicht wirklich schlimmer, denn schlimm war sie schon immer.

    Wer allerdings aufgrund dieser Geschichte jetzt lauthals die Rassismuskarte hoch hält, hat in Taiwan meiner Meinung mehr Probleme als nur eine unseriös berichtende Zeitung.

    • Klaus sagt:

      > Wer allerdings aufgrund dieser Geschichte jetzt lauthals die Rassismuskarte hoch hält, hat in Taiwan meiner Meinung mehr Probleme als nur eine unseriös berichtende Zeitung.

      Und auf wen bezieht sich das jetzt?

      • Dennis sagt:

        Eigentlich auf alle, die im Zusammenhang mit dieser Geschichte mit dem Begriff Rassismus hantieren.

        Mag sein, dass ich den Begriff wirklich zu negativ betrachte, und die Formulierung „eine spezielle Form von Rassismus“ mit nachfologender Erklärung sogar zutreffend ist, aber ich tu mich in Bezug auf Taiwan im direkten Vergleich zu Deutschland ziemlich schwer damit.

        Zudem war ich auch etwas über einige Kommentare unter Michael Turtons Artikel verärgert.

        Neid, Missgunst, gekränkter Stolz seitens der männlichen Taiwaner vielleicht ja…aber ob man davon eine spezielle (harmlose?) Form des Rassismus ableiten kann? Dafür weckt der Begriff an sich in mir zu viele negative Assoziationen…und wer halt in diesem Fall wirklich direkt von Rassismus spricht, hat meines Erachtens entweder arge Integrationsschwierigkeiten und/oder nicht den nötigen Integrationswillen.

  3. Klaus sagt:

    Nachdem ich ein paar Definitionen für „Rassismus“ nachgeschlagen habe, gebe ich zu: In diesem Fall (Westler in Taiwan) ist der Begriff unangebracht. Ich möchte ihn durch „Ausländerskepsis“ ersetzen.

    Was aber nicht heißt, dass dunkelhäutige Menschen, Indonesier(-innen), Philippinos (bzw. Philippinas) etc. in Taiwan nicht durchaus rassistische Einstellungen erleben können, was mir von verschiedenen Seiten bestätigt wurde. Auch im Umgang mit Behörden oder Polizei. Da ist diese Gesellschaft wohl leider nicht besser als andere.

    • Dennis sagt:

      Natürlich, in Bezug auf andere asiatische Nationalitäten kann man da schon eher in diese Richtung argumentieren, deswegen ja meine Bedenken bzw. mein Unverstädnis, wenn „Westler“ in Taiwan in einem Fall wie diesen hier ernsthaft von rassistischen Tendenzen sprechen, auch unabhängig von Definitionen. Man sollte da mal eher den Brauthandel oder die Beschäftigung von Billigarbeitern ansprechen (..obwohl mir da jetzt auch konkrete Zahlen und Informationen fehlen).

      Ausländerskepsis, oder auch Vorurteile gegenüber Ausländern trifft es bei dieser Geschichte hier wohl besser…dennoch sollte man nicht vergessen, dass es eine Apple Daily Geschichte ist…meine Frau hatte darüber gestern nur mit den Schultern gezuckt. Wahrscheinlich hat wohl jedes Land mit weitreichender Pressefreiheit seine Bild Zeitung…

  4. ludwig sagt:

    Ich zweifle an der Authentizität der veröffentlichten Chat-Gespräche. Satzfragmente wie „we almost die because of earthquake“ oder „release your freedom“ können meiner Ansicht nach nicht von einem Amerikaner stammen, der seiner Muttersprache noch halbwegs mächtig ist.

  5. Dorji sagt:

    das ganze geschiet nicht nur in Taiwan. In allen asiatischen, suedamerikanischen und ostoeuropaeischen laendern ebenso

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  1. […] vor längerer Zeit hatte ich hier bereits über die Vorbehalte geschrieben, denen Ausländer in Taiwan manchmal begegnen. Es ging auch um die […]

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