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Archive for November, 2009

Schwieriger Umgang mit der Vergangenheit

Wir in Taiwan haben nun unser eigenes Stück Berliner Mauer. Am 9. November wurde es auf dem Gelände der Taiwan Foundation for Democracy enthüllt.

Zu diesem Anlass habe ich einen Beitrag für den NDR gedreht, in dem ich auch zu erklären versuche, warum man sich in Taiwan besonders für Deutschlands Umgang mit der DDR-Geschichte interessiert: Weil Taiwan seine eigene Diktatur zwar überwunden, aber noch längst nicht aufgearbeitet hat.

Die Täter und Verwantwortlichen für mehr als 40 Jahre Unrechts-Regime wurden in Taiwan nicht zur Rechenschaft gezogen. Und ein Gegenstück zur Stasi-Unterlagenbehörde , die Bürgern den Einblick in Spitzelakten ermöglicht, gibt es auch nicht. Warum eigentlich?

Taiwan Pride Parade

Zu etwas positiverem: Weil Taiwan sich zu einer toleranten und offenen Gesellschaft entwickelt hat, findet in Taipeh Jahr für Jahr die größte Schwulenparade Asiens statt, der „Taiwan Pride“. Auch dort war ich mit der Kamera unterwegs, für den Sender Timm (Video).

In China wäre so eine Veranstaltung undenkbar – und zwar nicht nur wegen möglicher „moralischer“ Vorbehalte, sondern weil Massenkundgebungen ohne Stechschritt und Raketenparade dort generell nicht gern gesehen werden.

Schulpartnerschaft mit Starnberg

Und schließlich habe ich über eine Gruppe von 24 bayerischen Schülern geschrieben, die zwei Wochen lang Taiwan erlebt haben. Vom Landschulheim Kempfenhausen bei Starnberg zur San-Min-High School nach Luzhou – ein ziemlicher Sprung.

Hintergrund dieses ungewöhnlichen Austausch-Programms ist die nicht minder ungewöhnliche Partnerschaft zwischen dem Landkreis Starnberg (130.000 Einwohner) und der Region Taipei County (3,8 Mio. Einwohner).


Im Vorbeigehen aufgenommen

Neulich auf der Straße gesehen: Taiwans Altmeister in der Disziplin „Effektiver Rohstofftransport auf Zweirädern im fließenden Verkehr“.

Scooter 1Scooter 2Scooter 3

Die Patriarchin

Neulich im Laden gesehen: Ein toller Film muss das sein, der in Deutschland sooo viele Zuschauer hat.

99 Millionen

Es ist übrigens „Die Patriarchin“ über die Erbin eines Kaffee-Imperiums. Drei Teile. Klingt anregend. Erstaunlich, was für DVD-Lizenzen findige Produzenten in Taiwan verkaufen können.

Die Nichtraucherin

Neulich in der U-Bahn gesehen: Audrey Tautou auf dem Plakat für „Coco Before Chanel“. Was sie da so lasziv in der Hand hält, ist eigentlich eine Zigarette.

Filmplakat Coco Before Chanel 1

Zigaretten in der U-Bahn, wo sie jeder sehen kann? Ein Unding, sagte eine gewisse „John Tung Foundation“. Und außerdem illegal.

Das Resultat: Ein armer Mensch musste mit einem dicken schwarzen Stift die Runde machen und alle Zigaretten von Hand unkenntlich machen. Hat prima geklappt, vor allem, weil die Plakate von hinten beleuchtet sind.

Filmplakat Coco Before Chanel 2

Ich hatte schon einmal etwas zum Thema „Rauchen in Taiwan“ geschrieben.


Länger als einen Monat kein neuer Blogeintrag – dieser Zustand muss dringend beendet werden. Hier also eine Menge Links mit Taiwan-Bezug, die sich in der vergangenen Wochen angesammelt haben. Klicken und Lesen lohnt sich, es sind spannende Sachen dabei.

Und hübsch anzuschauende: Großartige Taiwan-Luftaufnahmen in HD (extra anklicken!), für Youtube-Verhältnisse eine atemberaubende Bildqualität:

Politik

Keine gute Sache: Laut dem neuesten Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ befindet sich Taiwans Pressefreiheit im Rückwärtsgang. Nachdem es um 23 Plätze zurückgefallen ist, steht Taiwan nun auf Platz 59 – hinter Chinas Sonderverwaltungszone Hongkong, Haiti, Papua-Neuguinea und einigen afrikanischen Ländern.

The new ruling party in Taiwan tried to interfere in state and privately-owned media while violence by certain activists further undermined press freedom.

Journalisten berichten von versuchter Einflussnahme und Selbstzensur, um bloß China nicht zu verärgern. Taiwans Regierung ist sich keiner Schuld bewusst.

Auch die New York Times ist nicht so ganz glücklich mit Taiwans Kurs der letzten 1,5 Jahre:

Taiwan’s position as a de facto independent state seems to be morphing very slowly toward the “one country, two systems” status of Hong Kong. The process is not irreversible but the sentiments of those of mainland origin in the governing Nationalist Party, along with the self-interest of business groups and a widespread sense of economic vulnerability are all pushing the island toward accommodation with Beijing. (…) Taiwan lacks a strategic view of itself and how to balance relations with the Chinese mainland, the United States and the global economy with liberal democracy and de facto independence.

Die Wirtschaftswoche schickte ihren Peking-Korrespondenten nach Taiwan, um über die Wirtschaftssituation zu berichten. Er beschränkt sich glücklicherweise nicht nur auf Zahlen.

Wirtschaftlich sind Taiwan und die Volksrepublik heute schon eng verflochten, mehr als 80.000 taiwanische Unternehmen haben auf dem Festland investiert, annähernd 30 Prozent des Exports gehen zum großen Nachbarn. Doch vielleicht gerade darum fürchten viele Inselbewohner einen Ausverkauf an Peking und den Verlust der politischen Freiheit. Auch die Fremdenführerin Michelle Chu: „Wir fühlen uns eher als Taiwanesen, nicht als Chinesen!“

Bereits 2007 erschienen, habe ich diesen Text auf Spiegel Online erst jetzt entdeckt: Taiwans absurde politische Situation, schön anschaulich dargestellt.

Ein Staat mit 23 Millionen Einwohnern darf nicht in die Uno. Er hat nichts falsch gemacht, unterstützt weder Terroristen, noch überfällt er seine Nachbarn, ist sogar demokratisch und spendabel. Doch Taiwans Gegner heißt China.

Vorgestellt wird dort auch Taiwans Black-Metal-Band Chthonic, die sich nicht nur im übertragenen Sinn lautstark für Taiwan einsetzt. Frontmann Freddy Lim ist offenbar ein engagierter Staatsbürger, der zum Beispiel versuchte, die Uighuren-Führerin Rebya Kadeer nach Taiwan einzuladen (was von Taiwans Regierung verhindert wurde).

China

Die Volksrepublik, dieser sympathische Einparteien-Staat, hat ja kürzlich mit einer Stechschritt- und Raketen-Parade ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert. Wieso das in Taiwan niemanden groß aufregt, und warum die beiden Regierungsparteien sich so gut verstehen, dazu hatte ich einen Radiobeitrag im Programm der Deutschen Welle.

Erstaunliche High Definition-Bilder der Parade in Peking, mit viel Slomo und Zeitraffer, kann man sich hier ansehen. Das NDR-Satiremagazin Extra 3 verwurstet die Parade zu einem leider nur leidlich witzigen „Was wäre, wenn das eine Tarantino-Inszenierung wäre?“ (nicht mehr online).

Ai Wei-wei, dessen Name in deutschen Medien stets falsch und damit vermeintlich lustig ausgesprochen wird, ist ein mutiger Mann. Der chinesische Künstler traut sich, den Mund aufzumachen und Missstände in seinem Land zu kritisieren. Dafür wurde er neulich zusammengeschlagen. Seine Reaktion: Er schreibt darüber in Time, zum Beispiel Sätze wie diesen:

The Party knows its system is vulnerable, that its credibility is weak and that it has become a mafia whose only unifying ideology is to hold on to power.

Wie Chinas KP sich an der Macht hält, hat der in Taipei lebende Demokratie-Aktivist Jerome Keating schön analysiert: Sieben Prinzipien des Machterhalts.

Make everyone feel they participate in rebuilding a distant glorious past. Destroy any conflicting histories of that past. Yet, in an age of globalization, internet etc. the glorious mythical Middle Kingdom of the Earth unfortunately comes across in reality as the Middle Kingdom of pollution, poison and propaganda. Still the court historian can find enough useful idiots at home and abroad to both romanticize the past and to glorify the present.

Außerdem fährt China gerade eine weltweite Medien-Offensive, um in der Berichterstattung positiver rüberzukommen. Das NDR-Medienmagazin Zapp berichtete über die Image-Lüge der chinesischen Regierung (nicht mehr online).

Wie würde ein Angriff Chinas auf Taiwan aussehen? Verheerend, sagt dieser Text, denn Chinas Raketen werden immer treffsicherer. In wenigen Minuten wären alle Rollbahnen Taiwans zerstört und damit die Lufthoheit errungen.

Chinese air superiority would allow Beijing to attack military and civilian targets on the island while suffering acceptable losses and would be vital for any serious cross-strait invasion attempt. (…) it will prove increasingly difficult for Taiwan to protect its military and civilian infrastructures from heavy damage, even with American help. Despite the calm political climate currently prevailing across the Taiwan Strait, this is a sobering finding.

Einmal dem Dalai Lama die Hand geben, schon sind die Gefühle von mehr als einer Milliarde Chinesen offiziell verletzt. Pekings inflationäres Kollektiv-Schmollen nimmt eine Glosse in der Taipei Times aufs Korn:

China’s feelings had been officially hurt at least 140 times by a minimum of 42 countries and several organizations since Mao Zedong’s (毛澤東) bandits came to power in 1949. (…) I, for one, am curious how the Chicoms can be so certain that the people have had their feelings trampled on — it’s not as if they regularly ask the proletariat for their opinion on issues of importance.

Noch mal Extra 3 über China, aber definitiv besser als der Beitrag oben: „Klaus“ erklärt China.

Kultur

China als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hat auch Taiwans Situation ein klein wenig ins Blickfeld der Medien gerückt. In den Feuilletons sind einige Texte erschienen, die sich umfassender mit Taiwan befassen, als man das aus den Politik-Teilen gewohnt ist. Vorneweg der in Taipeh lebende Autor Stephan Thome, der für seinen (in Hessen angesiedelten) Debütroman „Grenzgang“ gerade von allen Seiten höchstes Lob erfährt. In der Welt schreibt er über Taiwans „kulturelle Schizophrenie“ und kommt zu dem nur allzu wahren Schluss:

Das eigentlich Erstaunliche ist das Desinteresse Europas. Ein Volk von 23 Millionen verweigert sich dem Machtanspruch Pekings, und unsere in die Dissidenten vom Festland geradezu verliebte Öffentlichkeit sieht weg.

Auch die FAZ machte eine Menge Platz frei, um Taiwans Kultur und Literatur ausführlich zu beleuchten.

In Ermangelung eines souveränen, voll handlungsfähigen Staats stellt sich den Taiwanern seit mehr als zwanzig Jahren die Frage: Wie können wir unsere mühsam errungene Demokratie und Eigenständigkeit gegenüber der Volksrepublik, die auf uns Anspruch erhebt, behaupten? In welchem Sinn gehören wir, wenn überhaupt, zu China, und was gehört außerdem noch zu uns? Was ist überhaupt „China“, abgesehen von der das Land zurzeit regierenden Kommunistischen Partei? So wird Taiwan für die Diskussion, was die chinesische Kultur zur Gegenwart beitragen kann, unentbehrlich.

In diesem Text wird bereits die Publizistin Lung Ying-tai erwähnt, deren „Großer Strom, großes Meer“ über die verschwiegenen Massaker des chinesischen Bürgerkriegs auf der Buchmesse wohl die meiste Medienaufmerksamkeit erfahren hat. So schrieb der Asien-Korrespondent des Spiegel über dieses Werk, und die taz veröffentlichte ein ganzes Kapitel vorab.

Nun ist dieses Buch sicherlich lesenswert, die als „Taiwans Literatur-Star“ gepriesene Frau Lung (die übrigens mit einem Deutschen verheiratet war und lange in Deutschland gelebt hatte) aber nicht ganz unumstritten. Eine von ihr initiierte (und nach ihr benannte) Stiftung hat sich zwar offiziell der Förderung der Zivilgesellschaft in Taiwan verschrieben, es gibt aber in Taipeh viele, die finden: Ihr eigentliches Ziel ist es, die Verständigung mit China zu fördern, jedenfalls kein „taiwanisches“ Bewusstsein. Lung Ying-tais Familie stammt vom Festland und kam mit den KMT-Besatzungstruppen nach Taiwan. Sie selbst steht der KMT nahe und war Taipehs Kultur-Stadträtin, als der jetzige Präsident Ma Oberbürgermeister war. In einem Brief über die Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Präsidenten Chen Shui-bian (dem mittlerweile von der KMT-nahen Justiz der Schauprozess gemacht wurde) offenbarte sie 2006 ein etwas merkwürdiges Geschichts- und Demokratieverständnis. Ein Leser kommentiert den SPON-Artikel:

Es wäre interessant zu erfahren, was die Autorin über die Greueltaten der KMT in Taiwan schreibt, da sie ja über ihren Vater, der Teil der KMT-Armee war, Einsichten gehabt haben dürfte. Zumindest kann sie sich bestimmt gut in die Kinder der Parteielite in China einfühlen, da sie selber Teil eines solchen Systems war.

Mehr über Taiwan als über China dürfte man in dem Roman „Die Insel der Göttin“ von Jade Y. Chen erfahren, der seit der Buchmesse „zum Sprung vom Undergroundtipp zum Bestseller ansetzt“, so Deutschlandradio Kultur.

Chen erzählt darin eine exemplarische Familiengeschichte, die Geschichte der Lins, in der die Kolonialgeschichte Taiwans als von den Japanern besetzte Insel ebenso beschrieben wird wie die Herrschaft der Kuomintang, in der bis 1987 der Leser eines Buches von Karl Marx im Gefängnis landen konnte.

Die Autorin war auch auf Lesereise in Deutschland unterwegs.

Sonstiges

Ein Fundstück bei 11 Freunde, dem Fußballmagazin für Leser, die gerne mitdenken. Der Fußball-Weltenbummler (und Journalist) Holger Obermann, der in über 30 Ländern tätig war, hat auch mal versucht, in Taiwan eine Fußball-Nationalmannschaft aufzubauen (leider nicht mehr online).

Eines Tages im Jahr 1975 fragte uns ein DFB-Funktionär bei einer Trainerfortbildung: »Meine Herren, wer von ihnen möchte nach Taiwan?« Taiwan? Meine Kollegen sahen sich an und schüttelten die Köpfe. Auf so ein Abenteuer in einem nach dem Bürgerkrieg autoritär geführten Land wollte sich niemand einlassen. Ich schon. Es sollte der Startschuss für meine Karriere als Fußball-Entwicklungshelfer werden.

Spannend liest sich seine Schilderung eines Ausflugs zur Inselgruppe Kinmen, die damals noch militärisches Sperrgebiet war. Der Fußball-Weltverband FIFA kennt Taiwan übrigens natürlich nur als „Chinese Taipei“, in der Weltrangliste steht es auf Platz 161 zwischen Liberia und Puerto Rico. In der Vor-Auswahl zur WM-Qualifikation verlor „Chinese Taipei“ am 28.10. ein Heimspiel gegen Usbekistan mit 0:2. Schon toll, was man im Netz alles finden kann. Schade, dass ich nicht dabeisein konnte, vielleicht hätte es geholfen.

Zwar nicht Taiwan, aber interessant: „Asiatinnen auf dem Vormarsch“, u.a. über die Situation der Frauen in China.

Obwohl jedes Jahr eine große Zahl von Studenten die Universitäten verlässt, herrscht Mangel an Absolventen, die über jene Qualifikationen verfügen, die westliche Firmen benötigen. Junge Chinesinnen greifen deshalb mit beiden Händen nach der einmaligen Chance, Karriere zu machen und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.