Einer der Vorteile, eine eigene Kolumne im heimischen Anzeigenblatt zu haben: Ich kann Ang Lee und Birkenstock, Chiang Kai-shek und Hitler in einem einzigen Artikel unterbringen. Wer hätte das gedacht.

Dann war da noch…

Kennen Sie einen berühmten Taiwaner? Chiang Kai-shek zählt nicht – der Erzfeind von Mao hatte schon Jahrzehnte lang in China geherrscht, bevor er samt Regierung 1949 nach Taiwan übersiedelte. Denken Sie noch ein bisschen nach, ich komme solange auf einen anderen Diktator zu sprechen: Adaofu Xitele. So heißt auf chinesisch der Mann, der vielen Taiwanern spontan einfällt, wenn sie an Deutschland denken. Zum Glück wissen die meisten auch, dass der Oberlippenbartträger bei uns keineswegs als Nationalheld gilt – heikle historische Diskussionen mit Taipehs Taxifahrern bleiben mir meist erspart.

Als Zweites wird oft Oliver Kahn genannt, der bei der WM 2002 in Asien bleibenden Eindruck gemacht hat. Über Fußball lässt es sich schon angenehmer plaudern. Deutschland ist für die meisten Taiwaner zunächst mal weit weg, wie Europa überhaupt, und entsprechend vage sind die Vorstellungen, die man sich so macht. Exakt und effizient, kühl und ein bisschen langweilig ist der typische Deutsche in den Augen der Taiwaner. Deutschland gilt als reich – dabei ist Taiwan selbst inzwischen ein weit entwickeltes Industrieland, und viele haben genug Geld in der Tasche, um sich etwas zu gönnen. Deutsche Markenprodukte etwa.

Immer wieder komme ich an Läden vorbei, die nur Meissener Porzellan, Birkenstock-Schuhe oder Musterring-Betten verkaufen. Und natürlich Autos. Wer trotz Import-Sondersteuer einen fetten Benz oder BMW durch Taipehs enge Gassen steuert, will allen zeigen: Ich hab’s geschafft. Besonders stolze Besitzer sorgen dafür, dass unter dem taiwanischen Nummernschild noch eines mit dem blauen „D“ hervorlugt.

Von den 1000 Deutschen, die hier leben, haben wohl die meisten schon mal bei Michael Wendel eingekauft. Seit 1999 sorgt der Bäcker dafür, dass es auch in Taipeh typisch deutsches Brot gibt, mit dunklem Teig und fester Kruste. Eigentlich wollte er in dritter Generation den Familienbetrieb in Ludwigshafen-Oggersheim übernehmen, entdeckte dann aber die Marktlücke in Taiwan. Heute hat er knapp 100 Mitarbeiter und neben der Backstube ein deutsches Restaurant. Dort muss der überzeugte Pfälzer zu seinem Leidwesen vor allem Bayerisches anbieten, denn das erwarten seine Gäste. Als deutsche Spezialität schlechthin gilt die Schweinshaxe, die bei uns – glauben viele Taiwaner – ein Grundnahrungsmittel ist. Norddeutsche Küche dagegen kann ich lange suchen. Immerhin organisiert einmal im Jahr das deutsche Wirtschaftsbüro ein Grünkohlessen, aber ohne Boßeln und bei 20 Grad im Winter spare ich mir das lieber bis zum nächsten Heimatbesuch in Bremervörde.

Und wenn jemand Sie nach einem berühmten Taiwaner fragt? Nennen Sie einfach Ang Lee, der als Regisseur in Hollywood einen Oscar für „Brokeback Mountain“ gewonnen hat. Einer seiner frühen Filme heißt „Das Hochzeitsbankett“, und genau darum geht es hier in zwei Wochen: Eine Hochzeit auf taiwanisch.

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5 Kommentare zu “ …und täglich grüßt die Schweinshaxe (Deutsche in Taiwan) ”

  1. chrissy sagt:

    ich dachte immer der herr wendel sei schwabe ?! 🙂

  2. Klaus sagt:

    Sag ihm das lieber nicht, sonst lässt er Dein Brot verbrennen.

Trackbacks & Pingbacks:

  1. […] gut beobachtet zum Beispiel über das Deutschland-Bild der Taiwaner. (Ein Thema, dem ich mich u.a. hier auch einmal gewidmet […]

  2. […] die Taiwaner sonst so über Deutschland denken, hatte ich hier schon mal […]

  3. […] von Schweinshaxen ernähren, und was sie sich sonst für Vorstellungen machen, darüber hatte ich hier schon einmal […]

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