Taiwan und Südkorea

Der Koreakrieg hat das Regime von Chiang Kai-shek auf Taiwan gerettet. Auch sonst verbinden Taiwan und Südkorea viele Parallelen – nicht nur im Kalten Krieg.

Sie hat mir als Podcast schon viele lange Busfahrten durch Taipeh verkürzt: Meine Lieblings-Radiosendung „Der Tag“ auf HR2. Jeden Tag eine Stunde nur ein Thema, beleuchtet aus vielen Perspektiven. Immer aufschlussreich, oft originell, und hinterher ist man schlauer.

So war es mit eine besondere Freude, kürzlich selbst einen kleinen Baustein beisteuern zu können. Thema war der Korea-Konflikt, und da gibt es ja einige interessante Parallelen zu Taiwan. Stichworte: Kalter Krieg, kommunistisches Regime nebenan, Artillerie- und Raketenbeschuss, US-Militärpräsenz, rechte Diktatur bis in die späten achtziger Jahre, Wirtschaftswunder, Tigerstaaten, High-Tech-Macht.

Heute ist Südkorea für die meisten Taiwaner vor allem Hauptrivale in Sachen Wirtschaft und Baseball, und kürzlich kochten sogar anti-koreanische Ressentiments hoch, nachdem eine taiwanische Taekwondo-Kämpferin bei den Asien-Spielen unter merkwürdigen Umständen disqualifiziert wurde.

Nun also der komplette Text. Im Programm lief der Beitrag aus Längengründen ein wenig gekürzt.

Ausbruch des Koreakriegs

Wäre 1950 nicht der Koreakrieg ausgebrochen, würde Taiwan heute wahrscheinlich längst von der Volksrepublik China kontrolliert. Dann wäre Asien um eine Demokratie ärmer. Die allerdings kam erst spät und spielte keine Rolle, als Taiwan noch eine Frontstellung im Kalten Krieg hatte.

„Die Freiheit der USA wird auch auf Taiwan und im Gelben Meer verteidigt“, so etwa argumentierte US-Präsident Harry Truman 1950. Nach Ausbruch des Koreakrieges wollte er den Kommunismus in Asien eindämmen. Ein Jahr zuvor hatten in China die Kommunisten den Bürgerkrieg gewonnen. Verlierer waren die Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek. Sie zogen sich mit fast zwei Millionen Mann nach Taiwan zurück. Die Insel 150 Kilometer vor Chinas Südostküste war zuvor 50 Jahre lang japanische Kolonie gewesen.

Chiang Kai-Sheks korruptes Regime hatte China trotz massiver US-Unterstützung verloren. Die USA werden es nicht weiter verteidigen, so Truman noch Anfang 1950.

Erst nach Ausbruch des Koreakriegs schickte er amerikanische Kriegsschiffe in die Taiwanstraße und verhinderte so eine kommunistische Invasion.

Bollwerk im Kalten Krieg

In den ersten zwei Jahrzehnten das kalten Krieges wurde die auf Taiwan zusammengeschrumpfte „Republik China“ vom Westen gehegt und gepflegt. Das „Freie China“, in Wirklichkeit eine per Kriegsrecht regierte Einparteien-Diktatur, war sogar ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat und galt dort als einzig legitimer Vertreter ganz Chinas.

Chiang Kai-shek träumte davon, von Taiwan aus China zurückzuerobern. Heiße Gefechte aber gab es nur in den Fünfziger Jahren auf der Inselgruppe Kinmen, damals bekannt als Quemoy. Die Inseln in Sichtweite der chinesischen Küste wurden von den Nationalchinesen als Brückenkopf gehalten und waren Peking ein besonderer Dorn im Auge. Doch wochenlanger Artillerie-Dauerbeschuss blieb wirkungslos, und alle Invasionsversuche scheiterten. Kinmen wird heute noch immer von Taiwan kontrolliert.

Strategische Bedeutung

Gerade mal so groß wie Baden-Württemberg, hat Taiwan durch seine Lage eine überragende strategische Bedeutung im Kräftemessen der Großmächte. Würde die Volksrepublik China die Insel kontrollieren, könnte sie den Seeweg zu Amerikas Verbündeten Südkorea und Japan abschneiden. Pekings Marine drängt es auf den Pazifik, doch sie fühlt sich eingeschlossen durch die Kette Südkorea-Japan-Taiwan.

Während des Vietnamkriegs nutzten die USA Taiwan, den „unsinkbaren Flugzeugträger“, als Nachschub- und Luftwaffenbasis.

Diplomatische Isolation

Anfang der Siebziger veränderte sich das Kräftegewicht. „Rotchina“ hatte genügend Verbündete gesammelt, um selbst in die UN aufgenommen zu werden. Im Gegenzug verlor die „Republik China“ ihr Mandat und hat es bis heute nicht wieder erlangt. Endgültig zum diplomatischen Waisenknaben wurde Taiwan 1979, als selbst die Schutzmacht USA ihre offiziellen Beziehungen zugunsten Pekings abbrach.

Wirtschaftlich lief es besser. In den Siebzigern schuf die Regierung mit Infrastruktur-Großprojekten die Voraussetzungen für Taiwans Wirtschaftswunder. Bis dahin vor allem Billiglohn-Produzent für Textilien und Kunststoffartikel, katapultierte Taiwan sich in den Achtzigern in die Ränge der asiatischen Tigerstaaten – gemeinsam mit Südkorea.

Demokratisierung

Parallel dazu gewann die Demokratiebewegung an Fahrt und ließ sich nicht mehr unterdrücken. Der Sohn von Chiang Kai-shek, Taiwans letzter Diktator, hob 1987 nach fast 40 Jahren das Kriegsrecht auf. Sein Tod ein Jahr später machte endgültig den Weg frei für die Demokratie. Zur selben Zeit lockerte auch Südkoreas autoritäres Regime die Zügel. Seit 1996 wählen die Taiwaner ihre Präsidenten selbst.

Ihr Land aber heißt offiziell noch immer „Republik China“, und die Volksrepublik möchte es noch immer vereinnahmen. Auch ohne diplomatische Beziehungen verdankt Taiwan seine Eigenständigkeit weiterhin vor allem der Unterstützung durch die USA.