Auch in Taiwan sind die Nachwirkungen der Erdbeben-Tsunami-AKW-Katastrophe in Japan zur Zeit natürlich Medienthema Nummer Eins. Bilder vom Kernkraftwerk Fukushima laufen auf allen Nachrichtensendern. Ob Kernschmelze oder nicht – auch in Taiwan wird nun wohl die Diskussion um die Sicherheit der heimischen Atomkraftwerke wieder beginnen. Denn Erdbeben und Tsunamis könnten auch hier jederzeit für Verwüstungen sorgen.

AKW im Badeparadies: Taiwans drittes Kernkraftwerk Maanshan liegt mitten im idyllischen Nationalpark Kenting an der Südspitze der Insel.

Zu diesem Thema habe ich einen Bericht für die Nachrichtenagentur dapd geschrieben, der unter anderem bei Yahoo online steht und heute vielleicht auch noch den Weg in die eine oder andere Sonntagszeitung findet:

Erdbeben in Japan lässt Atomdiskussion in Taiwan wieder aufleben

Dass die Erde immer wieder mal bebt, daran haben die Menschen in Taiwan sich gewöhnt. Und an billigen Atomstrom auch. Drei Kernkraftwerke mit sechs Reaktoren sind in Betrieb, ein viertes im Bau. Dabei liegt die Insel von der Größe Baden-Württembergs in einer der am häufigsten von Erdbeben heimgesuchten Regionen der Welt und wird auch von Tsunamis bedroht. Eine Katastrophe wie im 2.300 Kilometer entfernten Fukushima könnte auch hier passieren, befürchten Atomkraftgegner. Doch die meisten Taiwaner haben bislang wenig Angst vor der Kernenergie.

Als der Tsunami sich am Freitag von Japan über den Pazifik wälzte, herrschte auch in Taiwan Alarmzustand. Der Präsident machte sich ins Krisenzentrum auf, Straßen wurden gesperrt, Strände geräumt. Besonders die Nordküste galt als gefährdet. Doch Taiwan hatte Glück. Als die Wellen nur zwölf Zentimeter höher ausfielen als üblich, gab die Regierung schnell Entwarnung. Die Medien konzentrieren sich seitdem wieder auf die Verwüstungen im Nachbarland Japan. Dass direkt an der Nordküste auch zwei aktive Atomkraftwerke liegen und ein weiteres, das bald ans Netz gehen soll, spielte keine Rolle – zumindest bis zur Explosion in Fukushima.

“Atomindustrie und Regierung erzählen den Menschen, Kernkraft sei sicher, und die Kraftwerke seien auf dem neuesten Stand”, sagt Robin Winkler, Co-Vorsitzender der Grünen Partei Taiwans, der Nachrichtenagentur dapd. “Und die Medien hinterfragen das bislang nicht.” Die Grünen kämpfen seit Jahren gegen die Atomenergie, doch sie gelten in Taiwan als Splitterpartei und sind nicht im Parlament vertreten.

Die meisten Taiwaner sehen in der Atomenergie vor allem eine billige Stromquelle für die energieintensiven Industriesparten des Landes. Der Pro-Kopf-Stromverbrauch liegt 50 Prozent höher als in Deutschland. Die Kraftwerke gehören einem staatseigenen Konzern und die Regierung hält die Preise künstlich niedrig.

Ihren bisherigen Höhepunkt hatte die Anti-Atombewegung vor zehn Jahren. Damals wollte Taiwans neuer Präsident sein Wahlkampfversprechen wahr machen und ließ den Bau des vierten Kraftwerks einstellen. Doch seine Gegner zogen vor das höchste Gericht, das den Baustopp für unzulässig erklärte. Es kam zu Protesten vor dem Parlament, ein Demonstrant zündete sich an. Die Opposition von damals ist heute wieder an der Regierung und verteidigt die Atomkraft unter anderem mit Klimazielen. Während Umweltschützer fordern, stärker auf Sonnen- und Windenergie zu setzen, soll die Laufzeit des ältesten, 1978 ans Netz gegangenen, Atomkraftwerks um 20 Jahre bis 2038 verlängert werden. Es liegt in Jinshan an der Nordküste, wo die Tsunami-Warnung galt.

Wenige Kilometer entfernt ist das vierte Kraftwerk fast fertig. “Dabei zweifeln Geologen an der Sicherheit des Standorts”, sagt Robin Winkler. Der Anwalt hat vor Jahren seine US-Staatsbürgerschaft aufgegeben, um sich in Taiwan politisch engagieren zu können. Nun will er mit den Grünen die Kernkraft wieder auf die politische Tagesordnung bringen. “Mit großen Demonstrationen so bald rechne ich nicht”, sagt er. Man müsse die Medien sensibilisieren und dafür sorgen, dass zuständige Behörden öffentliche Anhörungen ansetzen. “Es ist traurig, dass erst ein Unglück passieren muss”, sagt er. “Aber ob wir Erfolg haben, hängt davon ab, wie schlimm es in Japan wird.”