Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

Rechnen Sie noch immer Euro-Preise in D-Mark um? Dann seien Sie froh, dass Sie nicht in Taiwan leben – da ist die Rechnerei noch komplizierter. Eine pralle Brieftasche voller Hunderter und Tausender sieht zwar gut aus, aber hundert Neue Taiwan-Dollar (NTD) sind gerade mal 2,50 Euro wert (oder fünf Mark, wem das lieber ist).

Was kann ich mir dafür kaufen? Eine komplette Mahlzeit zum Beispiel. Ob in zahllosen kleinen Restaurants oder bei der Garküche am Straßenrand, in Taipeh kann ich mich für 1,50 bis drei Euro satt essen. Nudeln oder Reis mit Fleisch und viel Gemüse, mit oder ohne Suppe – wer hungrig bleibt, ist selbst Schuld. Viele Taiwaner kochen nie zu Hause, weil Essen gehen so günstig ist.

Taiwan ist im asiatischen Vergleich ein reiches Land, und daher sind die Preise hier nach deutschen Maßstäben günstig, aber nicht spottbillig. Grob geschätzt kosten Lebensmittel, U-Bahn-Fahrten oder Zeitungen etwa ein Drittel bis ein Viertel so viel wie in Deutschland. Den Liter Benzin gibt es für 80 Cent, einen Big Mac für 1,50. Natürlich sind auch die Einkommen entsprechend niedriger: 800 Euro monatlich beträgt das Einstiegsgehalt für viele Uni-Absolventen, 1000 Euro gelten als ordentlicher Verdienst, und für 2000 Euro muss man schon Manager oder Ingenieur sein. Dazu kommt der Neujahrsbonus: Als vor kurzem das Jahr des Kaninchens anbrach, haben wieder alle Firmen rote Umschläge verteilt. Je nach Branche und Geschäftslage steckten darin zwischen einem halben und sechs Monatsgehältern. Wer kurz vorher kündigt, ist selbst Schuld und geht leer aus.

Aufs Einkommen zahlen die meisten Taiwaner fünf Prozent Steuern, der Spitzensatz liegt bei 40 Prozent ab ca. 100.000 Euro Jahresverdienst. Nur etwa 1,5 Prozent kostet die 1995 eingeführte allgemeine Krankenversicherung, der so gut wie jeder angehört. Die wirklich Reichen kommen oft ungeschoren davon, denn Aktiengewinne und Dividenden sind so gut wie steuerfrei – eine Ungerechtigkeit, die mit verantwortlich ist für die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Wie sehr sich viele Probleme in Taiwan und Deutschland ähneln, verblüfft mich immer wieder.

Am anderen Ende der Einkommensskala hat Taiwan immerhin einen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt: 2,50 Euro pro Stunde oder 450 Euro pro Monat bei Vollzeitbeschäftigung bekommen viele Fabrikarbeiter oder Servicekräfte. Die offizielle Arbeitslosenrate liegt bei ca. fünf Prozent, und die Regierung würde sie gern wieder unter drei Prozent drücken. Wer seinen Job verliert, bekommt bis zu sechs Monate Arbeitslosengeld.

Nicht alles ist günstig. Weil Taiwan zu klein für Rinderhaltung ist und Milchprodukte kein Teil der traditionellen Ernähung sind, kosten Käse und Milch mich etwa doppelt so viel wie in Deutschland. Richtig tief in die Tasche greifen muss, wer sich eine Wohnung kaufen will – zumindest in der Hauptstadt Taipeh. Im Schnitt 14 Jahresgehälter legt man hier für die eigenen vier Wände auf den Tisch. Zum Vergleich: Das wäre in Deutschland mindestens eine halbe Million Euro. Die eigene Wohnung gehört aber für viele zum Heiraten dazu, und so verschulden sich junge Paare bis über beide Ohren und verbrauchen dazu die Ersparnisse der Eltern, in der Hoffnung auf spätere Wertzuwächse – und darauf, dass die Blase nicht platzt.

Ein ganz toller Text über die Arbeitswelt in Taiwan aus deutscher Perspektive mit noch mehr Infos steht hier. Dazu hatte ich vor fast drei Jahren auch schon mal was geschrieben. Und hier hat die US-Regierung Taiwans Sozialversicherungssysteme vorbildlich zusammengefasst.

 

Share on Facebook51Share on Google+0Tweet about this on TwitterEmail this to someone

16 Kommentare zu “ Was das Leben in Taiwan so kostet ”

  1. Dennis sagt:

    Ein paar Zahlen zweifel ich an 😉

    Für 1,50 Euro in Taipei satt essen?

    800 Euro Einstiegsgehalt für Uni-Absolventen?

    0,5 – 6 Monatsgehälter Neujahrsbonus?

    Ansonsten alles in allem natürlich eine gute Übersicht über die Lebenshaltungskosten in Taiwan mit so manchem Aha-Effekt. Aber trotz der toll klingenden Arbeitslosen- und Rentenversicherung (toll deshalb, weil es sie überhaut gibt) verzichten viele Arbeitnehmer im Niedriglohnbereich darauf, damit sie dem Chef nicht zu teuer werden.

    • Klaus sagt:

      Satt essen für 65 NTD in Taipeh? Klar geht das. Nicht nur mit Biandang, aber natürlich auch. Ich lade Dich mal ein, wenn Du in der Gegend bist.

      Einstiegsgehalt: Zugegeben, offenbar geht es für viele Absolventen eher in Richtung 25.000 NTD, also 600 EUR. Die Armen. Hoffentlich arbeiten sie sich bald hoch.

      6 Monatsgehälter Neujahrsbonus: Ja, das gibt’s. Habe ich mir persönlich versichern lassen, steht auch hier: http://www.pacificbridge.com/publication.asp?id=97

      • Dennis sagt:

        Natürlich gibt es alles irgendwie und irgendwo, mich würde aber in dem Zusammenhang interessieren in welchem Umfang. Ich könnte damit was anfangen, wenn irgendwo stehen würde, dass Firma XY seinen Angestellten einen Neujahrsbonus von 6 Monatsgehältern zahlt….da wäre ich echt mal gespannt (vor allem ob ich mich da auch bewerben könnte 😉

        Statt in Extremen rechne ich aber einfach mal mit einem persönlichen Vergleich: Seit meinem Umzug von Xindian nach Taoyuan spare ich monatlich rund 15.000 NT, un dass obwohl ich in einer doppelt so großen Wohnung lebe und weitaus öfter mit dem Taxi fahre. Und in anderen Gegenden Taiwans könnte man das natürlich nochmals locker unterbieten.

        Wenn man von Taipei ausgeht, kann man doch eigentlich immer sagen, dass es überall anders in Taiwan günstiger ist 😉

        PS: Einladung nehme ich gerne an, allerdings ist satt essen für 60 NT in Taoyuan die Regel und nicht die Ausnahme 😉

      • Klaus sagt:

        Kann man denn in Taoyuan auch ohne Scooter und Auto zurechtkommen?

      • Alex sagt:

        Naja, Taoyuan ist ja auch ein Ort an dem niemand freiwillig leben wollen wuerde 🙂

      • Arne sagt:

        Taoyuan hat den Vorteil, dass es bei Naturkatastrophen (Erdbeben, Taifune) hier meist keine Schäden gibt. Außerdem bekommt man hier fast alles was man so braucht. Ich muss nur sehr selten mal nach Taipei. Aber wenn, dann ist die ÖPNV Anbindung sehr gut.
        Natürlich kann man hier auch ohne Auto oder Scooter auskommen, aber ein Fahrrad wäre schon hilfreich. Es gibt kostenlose Busse, die durch die Stadt fahren, aber die fahren nur selten. Da die Wege hier kurz sind, bin ich auch öfters mal mit dem Rad unterwegs.
        Und ja, Taoyuan ist um einiges günstiger als Taipei. Nur die Verbindung zum Airport ist mies. 🙁 Ne Taxifahrt dorthin kostet auch schon mal 500 NT. Immer noch die Hälfte als von Taipei. 😉

  2. Chrissy sagt:

    Neujahrsbonus ist hier aber quasi bei über 90% der (taiwanesischen) Firmen 1-2 Monatsgehälter.

  3. Alex sagt:

    Meine Freundin erzaehlt mir immer, das graduate Students selten mehr als 20.000NT pro Monat bekommen und die roten Umschlaege haben doch auch ehr was mit dem Alter der Person und der Stellung zu tun oder?

    • Klaus sagt:

      Die Anzahl der Bonus-Monatsgehälter kann sich auch nach der Leistung richten, so dass z.B. zwei Angestellte der selben Position unerschiedlich viel erhalten. Ich vermute, das wird überall etwas anders gehandhabt.

  4. Peter sagt:

    Hallo,ich muss dieses Jahr im Sommer oder Herbst geschäftlich für ein paar Tage nach Taipeh reisen. Könnt Ihr mir sagen, was da so an Kosten auf mich zukommen, wie z.B. Hotel, Mietwagen, gibt es europäische Speisen, nicht nur Insekten, Tofu, Innereien ? Gibt es dort auch einen McDonalds zur Sicherheit ? Gefahren in Taipeh oder auch im ganzen Land ? Raub, Mord oder ähnliches ? Für ein paar Informationen wäre ich sehr dankbar.
    Liebe Grüße aus Stuttgart,

    Euer Peter

    • Klaus sagt:

      Hallo Peter,

      ich hoffe, nach der ersten Reise „darfst“ Du nächstes Mal nach Taipeh reisen und „musst“ nicht mehr.

      Ich miete hier selten Hotelzimmer oder Mietwagen, aber ich denke, für 100 Euro würdest Du ein sehr gutes Zimmer bekommen. Falls Du nur in Taipeh bleibst, brauchst Du keinen Wagen. Mit dem Taxi quer durch die Stadt kostet es weniger als 5 Euro.

      Es gibt westliche Restaurants bis zum Abwinken, gucke mal bei „Hungry Girl’s Guide to Taipei“ rechts in der Blogroll. McD, KFC, Burger Kind und Starbucks ebenfalls überreichlich. Wenn Du asiatisch (chinesisch, japanisch, koreanisch…) probieren willst (und das solltest Du!) und niemanden hast, der Dir mit chinesischen Speisekarten hilft, empfehle ich Dir die Foodcourts in jedem Kaufhaus im Untergeschoss. Sauber und hell, große Auswahl und oft englische Karten.
      Insekten habe ich meinen vier Jahren in Taiwan noch nie zum Essen gesehen.

      Die größte Gefahr besteht hier darin, beim Überqueren der Straße von einem Scooter oder Taxi überfahren zu werden. Du fühlst Dich in Taipeh mitten in der Nacht sicherer als in Stuttgart.

      Taiwan ist nicht irgend so ein armes südostasiatisches Land. (Es liegt ja nicht mal in Südostasien.) Du wirst Dich wundern (und freuen), wenn Du hier bist. Lass Dir mal vom Taiwan-Tourismusbüro in Frankfurt ein Infopaket schicken, die sind sehr hilfreich.

      Viel Spaß!

      • Hans-Peter sagt:

        „Die größte Gefahr besteht hier darin, beim Überqueren der Straße von einem Scooter oder Taxi überfahren zu werden.“

        Richtig, das ist m. E. die größte Gefahr in Taiwan. Wobei die Scooter schneller sind als Taxis und somit weitaus gefährlicher. Und auch bei Regen wird immer volle Pulle gefahren….

        Viel Spaß in Taiwan!

    • Arne sagt:

      Peter, du wirst hoffentlich positiv überrascht sein. Es hat schon seine Gründe, warum sich hier mehr und mehr Deutsche niederlassen. 😉
      Ich will hier jedenfalls nicht mehr weg. 🙂

  5. carsten sagt:

    Als routinierter Gelegenheitsbesucher kann ich all das positive hier nur bestätigen. 🙂

    Bei Geschäftsverhandlungen kann es sehr hilfreich sein, 1-2 Brocken chinesisch zu sprechen, der Versuch bringt Sympathien. (Der taiwanische Partner könnte, je nach Zuschnitt/ Branche, auch einen Deutschen mit denselben Absichten mit ins Meeting bringen.)

  6. John sagt:

    Hallo,

    was kosten Ausländische Biere (1Liter) in Taiwan z.B. Löwenbräu oder Becks bzw. inlänische Biere (im Supermarkt)?
    Wie sind die Bierpreise in Disco’s oder Restaurants? Kann mir das bitte jemand schreiben? Wer weiss es? Würde mich über eine Aktuelle Preisliste Freuen 😀 Danke im voraus.

    MfG

    Macho

    • Klaus sagt:

      Bier-Sonderangebote im Supermarkt 0,3 20 NTD
      Taiwan-Bier im Supermarkt 0,3 ca. 25 NTD, im 7/11 30 NTD
      Europäisches/US/AUS Bier im Supermarkt 0,3/0,5 ca. 50-70 NTD
      Bier 0,3/0,5 im „westlichen“ Restaurant/Bar 150-250 NTD

Trackbacks & Pingbacks:

Leave a Reply to Alex

Hier klicken, um das Antworten abzubrechen.