Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

In Taiwan stoße ich immer wieder auf überraschend praktische und effiziente Lösungen für alle möglichen Probleme, die den Menschen noch zusätzlich schmackhaft gemacht werden, indem sie bares Geld sparen. So hatte ich hier ja schon einmal erwähnt, dass die Müllmenge drastisch zurückging seit Taiwaner Restmüllbeutel mit amtlichem Siegel kaufen müssen, Wertstoffe dagegen gratis entsorgen können.

Als ich neu in Taipeh war, wunderte ich mich über das innige Verhältnis der Taiwaner zu ganz normalen Kassenzetteln. Egal, ob ich im Supermarkt den Großeinkauf erledigte oder nur im Laden an der Ecke eine Zeitung kaufte: Stets drängte das Personal mir den Bon geradezu auf, und wenn ich dankend ablehnte, erntete ich verwunderte Blicke. Dann verstand ich: Jeder Kassenzettel kann mich reich machen.

Vor einigen Jahren stand Taiwans Regierung vor einem Problem, das von Deutschland bis Griechenland nicht unbekannt ist: Viele Geschäfte liefen ohne Quittung ab, dem Staat gingen Steuern durch die Lappen. Statt verdeckte Ermittler neben jede Registrierkasse zu stellen, was wohl die deutsche Lösung wäre, dachte man sich: Besser wäre es doch, wenn die Kunden selbst Kassenzettel einfordern. Anreize statt Strafe. Also ist nun jeder der amtlich durchnummerierten Bons gleichzeitig ein Lotterielos, und wer Glück hat, kann bis zu 50.000 Euro gewinnen. Aktuelle Gewinnzahlen und mehr Infos finden sich z.B. bei tealit.com.

So horte auch ich stapelweise Belege, fiebere den zweimonatlichen Ziehungen entgegen und hoffe auf möglichst viele richtige Endziffern, ganz wie beim Spiel 77. Für drei Richtige gibt es fünf Euro, was bei fünf Gewinnzahlen jeden zweihundertsten Kassenbon betrifft. Für einen der drei Hauptpreise müssen alle acht Ziffern stimmen – eine Chance von Drei zu Hundert Millionen also. Wem das zu unwahrscheinlich ist, der braucht seine Zettel nicht in den Müll zu werfen: An den Ladentüren stehen große Sammelboxen von Hilfsorganisationen, die gerne das Auswerten übernehmen und mit den Gewinnen Obdachlose, Waisenkinder und andere Bedürftige unterstützen.

Bleiben wir beim Bezahlen: Neben Bargeld trägt in Taipeh jeder eine bunte Plastikkarte bei sich, die an Automaten mit Geld geladen und per Funkchip drahtlos gelesen werden kann. Dränge ich mich mit den Massen in eine U-Bahn-Station, halte ich am Eingang im Vorbeigehen meine „EasyCard“ ans Lesegerät, es macht laut „Piep“, und die Sperre öffnet sich. Am Ziel angekommen, wiederholt sich das ganze am Ausgang, und je nach zurückgelegter Fahrtstrecke wird ein größerer oder kleinerer Betrag abgebucht. Kein Anstehen für Fahrkarten, kein Stau an den Drehkreuzen, und pampige Kontrolleure in den Zügen, wie etwa in Hamburg, sind auch nicht nötig. Wer per Karte zahlt, spart außerdem ein paar Cent im Vergleich zu Einzeltickets. Mit der selben Karte kann ich auch in jedem Bus und sogar in einigen Geschäften zahlen. Die Minimärkte von 7/11 sind hier mal wieder Vorreiter. Zwar werden alle Buchungen auf einem zentralen Rechner gespeichert, aber da die Karten nicht namentlich registriert sind, bleibt man einigermaßen anonym.

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8 Kommentare zu “ Wie gute Ideen das Leben praktischer machen: Von Taiwan lernen ”

  1. Julian sagt:

    Das mit der Easy Card für den öffentlichen Nahverkehr finde ich total super. Sowas in der Art schwebte mir für Deutschland auch vor. Wäre doch toll, wenn man einfach so viel fahren könnte, wie man wollte (auch Zug), und am Monatsende errechnet ein Computer die ideale (sprich: günstigste) Ticket-Kombination. Zum Beispiel eine Monatskarte plus einmal Tageskarte Außenraum, weil man mal zum Flughafen gefahren ist.

    Dumm nur, dass man sich bei privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht sicher sein kann, dass wirklich die günstigste Berechnung für den Kunden erfolgt.

    Auch gäbe es hier wieder einen Aufschrei wegen des Datenschutzes. Ich persönlich fände es eher faszinierend, wenn ich mein Bewegungsprofil im Kundenaccount einsehen, runterladen und auswerten könnte. Nur Schindluder darf damit eben nicht getrieben werden, was uns schnell zur Frage bringt, wer die Wächter bewacht.

    So scheitern gute Ideen oft daran, dass es einfach in jeder Gesellschaft ein paar subversive Elemente gibt, wegen deren krimineller Energie die schönsten Erfindungen und Mechanismen zum Scheitern verpflichtet sind. Es sind die Sandburgenzertreter, die uns Normalehrlichen immer alles kaputtmachen.

    • Klaus sagt:

      Auch eine gute Idee. Bei der Easy Card allerdings wird nicht am Tages- oder Monatsende abgerechnet, sondern am Ende jeder U-Bahn-Fahrt, wenn man die Station durch die Sperre verlässt. Dann wird der Eingangs- mit dem Ausgangsbahnhof verglichen und entsprechend abgebucht.

      In den Bussen läuft es noch per Pauschale beim Ein- oder Aussteigen, aber auch da gibt es Überlegungen, den Fahrpreis von der Entfernung abhängig zu machen.

      • Julian sagt:

        Ja, es ist natürlich legitim, die Kohle gleich einzuziehen. Mit meinem o.a. Modell könnte man ja am Monatsende ggf. ein Guthaben auf die Karte schreiben oder so.

      • Stefan sagt:

        Eigentlich ist es jetzt schon keine 100%-ige Pauschale, das geht nach Zonen und wird über diese 上下-Anzeige organisiert. Wenn du einsteigst und 上 leuchtet, dann mußt du die Karte ans Lesegerät halten. Fährt der Bus jetzt über die Zonengrenze, dann stellt der Fahrer auf 下 um, und du mußt auch beim Aussteigen nochmal die Karte ans Gerät halten.

        Bei weiteren Zonen soll man wohl zwischendrin nochmal ans Lesegerät – aber so weit bin ich in Taiwan noch nie Bus gefahren. 🙂

      • Klaus sagt:

        Du hast Recht, genau so ist es!

  2. Sehr gut geschrieben, ich könnte es nicht besser beschreiben.

  3. Reiner Wadel sagt:

    Die Easy-Card setzt voraus, dass alle Bahnhöfe mit Sperren ausgestattet sein müssen. Die hat man in Deutschland schon vor Jahrzehnten abgerissen und ein Neubau würde wahrscheinlich zu teuer werden und deshalb den Betreibern keinen Vorteil bringen. Deshalb setzt man lieber auf so fragwürdige Lösungen wie das Handy-Ticket.

  4. Stefan sagt:

    Vielleicht auch interessant: mit der EasyCard kann man auch bei vielen Parkplaetzen bezahlen – das ist natuerlich fuer das „Park&Ride“ bei den MRT-Stationen sehr praktisch.

    Inzwischen soll die Karte auch in Kaohsiung funktionieren, hab ich gehoert. Auch ne tolle Sache – durch den HSR sind die beiden Staedte ja viel naeher gerueckt, und so braucht man nicht zwei dieser Bezahlsysteme.

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