Unkraut jäten, Blumen wässern, Wege harken – oder einfach ein paar Minuten stilles Gedenken: Dass viele Menschen regelmäßig den örtlichen Friedhof besuchen, bin ich aus Deutschland gewohnt. In Taiwan dagegen tragen die Friedhöfe ihren Namen wirklich zu Recht, denn normalerweise verirrt sich kaum jemand dort hin.

Die Gräberfelder ziehen sich in Taipeh an den Flanken der Hügel entlang, und aus der Entfernung kann man sie mit ihren Mäuerchen und Mausoleen fast für kleine Stadtviertel halten. Weil sich hier dem Volksglauben zufolge außer den eigenen Ahnen auch viele andere, möglicherweise feindselige Geister herumtreiben, lassen die Taiwaner es nicht drauf ankommen und entzünden lieber am eigenen Hausaltar ein Räucherstäbchen für die Verstorbenen.

Nur einmal im Jahr, im April, wird es lebhaft auf den Friedhöfen. Zum „Gräberputzfest“ bringt man traditionell gemeinsam die Gräber der Vorfahren auf Vordermann. Kinder und Enkel nehmen dafür weite Wege in den Heimatort auf sich. Wenn es in die Berge geht, müssen sie Sichel und Besen schon mal eine Weile über Stock und Stein schleppen, bis ein Grab erreicht ist – und das nächste liegt vielleicht noch einmal ganz woanders. In Taipeh geht es bequemer zu: Zwischen U-Bahn und Friedhof pendeln städtische Sonderbusse.

Ahnenverehrung ist von zentraler Bedeutung für den chinesischen Volksglauben, der sich in Taiwan munter mit taoistischen und buddhistischen Bräuchen mischt. Die Geister der Vorfahren beobachten aus dem Jenseits das Treiben ihrer Nachkommen und sehen es gerne, wenn die sich um sie kümmern. Neben Gebeten gehört dazu auch das Finanzielle, denn im Jenseits geht es zu wie auf Erden – ohne Geld hat man es schwer.

Also sorgen die Taiwaner für Nachschub und verbrennen bündelweise „Geistergeld“ – dicke gelbe Papierscheine, die als Rauch aufsteigen und so bei den Ahnen ankommen. Nach dem selben Prinzip trägt beim Gebet der Qualm von Räucherstäbchen die Gedanken nach oben. Auch beim Gräberputzfest entzündet jede Familie nach getaner Arbeit ein Feuer, und über den Friedhöfen stehen dichte Rauchschwaden.

Weil die Luft manchmal ganz schön dick wird, wirbt die Stadtregierung von Taipeh jedes Jahr um Vertrauen für die Müllabfuhr: Man garantiere, dass Geistergeld in die Müllverbrennungsanlagen wandere, wie es sich gehört. Trotzdem lässt sich kaum jemand davon abhalten, nach althergebrachter Tradition die Scheine selbst in die Flammen zu werfen.

Steht ein Begräbnis an, bleibt es oft nicht beim Geistergeld. Wer es sich leisten kann, lässt bei spezialisierten Papier-Handwerkern alles anfertigen, was der Verstorbene im Jenseits gebrauchen kann. Von Kleidung und Schmuck über den noblen PKW bis zum kompletten Miniatur-Modellhaus samt Einrichtung wird alles liebevoll gebastelt, um dann verbrannt zu werden. Sogar Mobiltelefone, Notebook-Computer und iPads aus Papier sind mittlerweile im Angebot. Der technische Fortschritt macht in Taiwan auch vor der Religion nicht halt.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

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3 Kommentare zu “ Gräber putzen, Geld verbrennen: Ahnenverehrung in Taiwan ”

  1. Maru sagt:

    Leider musste ich hier in unserer Familie in TW schon eine Beerdigung miterleben. Fuer mich war es ziemlich chaotisch, da ich nie wusste was als naechstes kommt und auch niemand wirklich Zeit hatten bzw. nur so viel Zeit blieb um mir ab und zu mal vorher zu verraten, was als naechstes von mir erwartet wird (also mehr als 5 min. vorher). Ist auch verstaendlich, das nunmal jemand (in diesem Fall der Vater meines Mannes (er war immer sehr nett zu mir T__T)) gestorben ist.
    So eine Beerdigung hier ist ziemlich aufwendig…und ich hab schon gefuehlt die Haelfte vergessen, von dem was da alles beachtet und getan werden muss.

    Fuer meinen Mann war es auch nochmal schwerer als normal, da 1. seine Grossmutter (mit der er sehr vertraut war) nur 2 oder 3 Jahre frueher von uns gegangen ist und dazu kam dann noch unsere „nette“ Nachbarin, die dann ueberall in der Nachbarschaft und auf dem Traditionellen Markt hier in der Naehe erzaehlt habe, dass mein Mann schlecht in dem Job des Familienbusiness sei als sein Vater etc. und deswegen dann weniger Kunden zu uns kamen (wobei es sich in letzter Zeit (ca. 1 1/2 Jahre nach dem Tod seines Vaters) wieder besser wird, weil sich wohl herumgesprochen hat, dass mein Mann doch nicht so schlecht sein kann wie unsere Nachbarin behauptet. Er ist wirklich ein Arbeitstier und gibt sie extrem Muehe, die Kunden zufriedenzustellen.

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  1. […]  Taiwanesische Friedhöfe sehen aus wie kleine Dörfer. Auf diesem hier hat wohl schon länger kein jährliches Gräberputzfest mehr stattgefunden. Hier lagen sogar offene Särge rum. […]

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