Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

Sie fahren furchtlos auf dem Motorroller mit durch dichten Stadtverkehr, werden manchmal in der neuesten Mode gekleidet und kommen auch, wenn man sie auf Chinesisch ruft: Hunde in Taiwan. Wie in Deutschland, sind sie die beliebtesten Haustiere und ersetzen für viele Familie oder Kinder. Der Trend geht entweder zum Golden Retriever (familientauglich, macht was her) oder zum Fiffi im Mini-Format (praktisch in der Großstadt, aber tendenziell neurotisch veranlagt).

Als wären die kleinen Kläffer an sich nicht putzig genug, zwängen manche Frauchen sie in spezielle Hunde-Kleider, die es im Rüschen- oder Jeans-Look in verschiedenen Größen gibt, und lassen ihnen im Hunde-Schönheitssalon Schleifchen ins Fell flechten. Ob den Tieren das gefällt? Wahrscheinlich sind sie froh, überhaupt ein Zuhause zu haben. Viele Hunde nämlich verbringen die ersten Wochen ihres Lebens im Schaufenster einer Tierhandlung, in einem (immerhin sauberen) Käfig. Da verschlafen die Welpen den Tag oder tollen herum, während sich auf der anderen Seite der Scheibe Schulkinder und Passanten die Nasen plattdrücken und bei jedem Schwanzwedeln in „Hao ke-ai!“-Rufe ausbrechen (好可愛), was sich am besten mit „Wie süüüüß!“ übersetzen lässt.

Während die meisten sicher ein schönes Leben bei ihren Familien verbringen, enden viele Impulskäufe leider mit dem Aussetzen der Vierbeiner. Nur ein paar Minuten hinter der Stadtgrenze trifft man in den Hügeln schnell auf Rudel streunender Hunde, die oft überraschend gut genährt und fit erscheinen. Durch Wilderei können sie ihr Gewicht kaum halten, denn die letzten größeren Tiere in Taiwans Wäldern sind schon vor Generationen in örtlichen Restaurants geendet. Natürlich vermehren die Streuner sich rasant, und amtliche Hundefänger sind im Einsatz. Was dann folgt, ist leider keine schöne Geschichte. Tierschutzgruppen berichten von Lagern, in denen die gefangenen Hunde dahinvegetieren, und laut offizieller Statistik werden in Taiwan täglich rund 250 Tiere eingeschläfert.

Immerhin ist das Problem erkannt. Eine ganze Reihe von Tierschutz-Organisationen macht auf die Zustände aufmerksam und demonstriert auch schon mal vor dem Regierungssitz. Ihr Ziel: Zusammen mit Tierärzten möglichst viele Straßenhunde kastrieren oder sterilisieren, in Tierheimen betreuen oder in ein neues Zuhause vermitteln. Viele Ausländer engagieren sich in solchen Gruppen, auch einen Deutschen habe ich schon kennen gelernt. Ein Ergebnis der Lobby-Arbeit: Die Stadtverwaltung von Taipeh hat kürzlich 28 Polizisten für eine spezielle Einheit abgestellt, die sich nur um Tierschutz-Vergehen kümmern soll. Ob sie auch gegen geschmacklose Hunde-Kleidung vorgehen wird, ist mir nicht bekannt.


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Ein Kommentar zu “ Verhätschelt oder verwildert: Hundeleben in Taiwan ”

  1. justrecently sagt:

    Eine recht anrührende Story gibt es dazu auf Oz Soapbox. Wenn der Blogger so weitermacht, sitzt er allerdings bald mit einer Menagerie auf einer fremden Insel wie zuvor nur Robinson Crusoe.

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