Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

Auf der Straße in Taipeh fällt sie nicht weiter auf. Aline Siao Ma, eine elegant gekleidete 81-Jährige mit chinesischen Gesichtszügen, silbergrauem Haar und wachen Augen. Man könnte sie für eine normale taiwanische Rentnerin halten. Doch ihr Leben war alles andere als normal. So kommt es, dass sie zwar perfekt Deutsch spricht, zum Lesen einer chinesischen Zeitung aber oft aufs Wörterbuch zurückgreifen muss.

Meiner Generation ist ja oft nicht mehr bewusst, wie viele Menschen nach dem Krieg als Flüchtlinge in ihrer Heimat alles zurücklassen mussten. Mit nicht viel mehr als einem Koffer kamen sie in eine fremde Umgebung und haben dort ihr Leben ganz neu aufgebaut.

Auch in Taiwan haben viele Familien einen ähnlichen Hintergrund. Als Chinas Nationalisten 1949 den Bürgerkrieg gegen Maos Kommunisten verloren hatten, flüchteten knapp zwei Millionen Menschen nach Taiwan (wo ca. sechs Millionen schon seit Generationen lebten). Darunter waren die Eliten des Landes, aber auch viele mittellose Soldaten, die ihre alte Heimat erst viel später, im hohen Alter, wieder sehen konnten.

Die Geschichte von Aline Siao Ma aber ist wahrscheinlich einmalig. Sie beginnt in Nanking, damals Chinas Hauptstadt, im Jahr 1937. Es herrscht Krieg, die Japaner sind einmarschiert. Alines Vater hat Beziehungen nach Deutschland und bringt seine einzige Tochter in Sicherheit. Ganz allein fährt die Sechsjährige auf der „Scharnhorst“ drei Wochen lang um die halbe Welt. In Brandenburg an der Havel kommt sie als Pflegetochter bei einer preußischen Offizierswitwe unter – im Nazideutschland der dreißiger Jahre.

Als einzige Ausländerin weit und breit setzt die kleine Chinesin sich gegen alle Vorbehalte durch, lernt schnell Deutsch und schließt an der Schule Freundschaften, die bis heute bestehen. Doch dann holt der Krieg, vor dem sie geflohen war, Aline auch in der neuen Heimat ein. Wie alle Schülerinnen sammelt sie Wertstoffe, hilft Flüchtlinge unterzubringen und zittert im Luftschutzkeller.

Als es zu gefährlich wird, muss sie wieder Freunde und Zuhause zurücklassen. Anfang 1945 schlägt sich Aline mit dem letzten Zug nach Süden in die Schweiz durch. Dort macht sie das Abitur. China ist inzwischen kommunistisch geworden, ihren Vater sieht sie nie wieder. Verwandte raten ihr, nach Taiwan zu kommen. Als junge Frau landet Aline dort 1955 in einer fremden Welt – und muss Chinesisch wie eine Fremdsprache ganz neu lernen. An Taiwans bester Universität unterrichtet sie dann fast 30 Jahre lang Deutsch.

Aline Siao Ma bei einer Lesung in der Deutschen Schule in Taipeh, April 2011

1989 begegnet sie in Taipeh der Sinologin Susanne Hornfeck, die bei Kaffee und Kuchen in alten Fotos stöbert und über Alines Lebensgeschichte staunt. Jahre später schreibt sie einen Roman und nennt ihn „Ina aus China“. Keine exakte Nacherzählung, sondern eine Geschichte übers Abschied nehmen, fremd sein und das Leben zwischen den Kulturen. Inzwischen gibt es das Buch auch in China und Taiwan. Aline Siao Ma ist ein bisschen überrascht angesichts des plötzlichen Interesses an ihrem Leben, in dem sie bei allen Katastrophen auch immer viel Glück hatte. „Ich bin gut behütet worden,“ erzählt sie mir. „Ob von Gott oder, nach chinesischem Glauben, von meiner verstorbenen Mutter. Ich bin unversehrt durch viele Veränderungen und Gefahren gekommen. Manchmal, wenn ich zurückdenke, ist das wirklich wie ein Wunder.“

Ich habe Aline Siao Ma über ihr Leben und den Roman befragt und daraus einen Radiobeitrag für die Deutsche Welle erstellt, den man hier nachlesen kann, oder gleich hier anhören:

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Den Roman (erschienen bei dtv) kann man hier direkt bestellen:


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