Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

Gäbe es einen Preis für die größte Restaurantdichte pro Quadratkilometer, hätte Taipeh gute Chancen auf den ersten Platz. Innerhalb von drei Gehminuten ab meiner Haustür habe ich die Auswahl aus einem halben Dutzend Lokalen, vom Nudelsuppen-Experten übers Feuertopf-Restaurant bis zum Gänsefleisch-Spezialisten. Und dabei lebe ich noch nicht mal in einer besonders turbulenten Gegend. Überall ist es günstig und vor allem gut, denn ein Lokal mit schlechtem Essen würde sich niemals halten.

Für die meisten Taiwaner ist Essen Freizeitvergnügen und Gesprächsthema Nummer Eins. Bei Preisen von umgerechnet zwei bis drei Euro für eine komplette Mahlzeit gehen viele dreimal am Tag aus, statt sich selbst in der Küche abzumühen. Die ganze Bandbreite konnte ich noch immer nicht probieren. Neben der Meeresfrüchte-lastigen Taiwanküche habe ich die Wahl aus allen chinesischen Regionalküchen: höllisch scharfe Szechuan-Chilis, orientalisch anmutende Lamm-Spieße aus dem westlichen Xinjiang oder mit Fleisch gefüllte Teigtaschen aus Nordchina. Auch japanische Ramen-Nudeln, koreanischer Kimchi-Kohl und vietnamesische Pho-Nudelspuppen sind alltäglich.

Mit dem, was in deutschen Asia-Restaurants auf dem Tisch landet, hat das nur wenig zu tun. Es wird mutiger gewürzt und mehr Gemüse gegessen, „süßsauer“ hat den Ruf, nur gut zu sein, um den Geschmack minderwertigen Fleisches zu überdecken, und Reis liegt längst nicht so oft auf dem Teller, wie man vermutet. Stattdessen kann ich in manchen Restaurant aus sechs oder sieben Nudelsorten wählen – zubereitet aus Getreide, Reis oder gemahlenen Bohnen. Nudelsuppen in den verschiedensten Varianten sind beliebt, denn sie wärmen den Magen – und eine Mahlzeit in Taiwan muss heiß sein.

Belegte Brötchen oder ein kaltes Müsli am Morgen? Undenkbar. Spezielle Frühstückslokale stillen den Hunger mit frisch zubereiteten Eieromelettes samt Speck oder Käse, gedämpften Teigtäschchen oder mit Fleisch und Gemüse gefüllten Reisrollen, heruntergespült mit warmer Tofu-Milch, in die man gern noch frittierte Teigstangen tunkt.

Wenn es Mittags schnell und praktisch sein soll, schwören die Taiwaner auf ihre „Bian Dang“ – das sind kleine Lunchboxen, die eine komplette Mahlzeit enthalten. Früher gab Muttern eine Portion Reis in eine Blechbüchse, legte ein Hähnchenbein oder Kotelett obendrauf und gab noch Gemüse dazu. Heute erledigen das spezielle Restaurants, liefern bei Bedarf stapelweise Papp- oder Plastikschachteln ins Büro, und auch bei Seminaren und Konferenzen gehört mittags eine Bian Dang für jeden Teilnehmer zum guten Ton. Fleisch, Reis und drei Sorten Gemüse – im Vergleich mit Burgern oder Currywurst eine ausgewogene Mahlzeit, die mich oft weniger als 1,50 Euro kostet.

„Was wollen Sie essen?“ lautet kurz und knapp die Begrüßung der Kellner. Zur Bestellung liegt meist auf jedem Tisch ein Block, auf dem die komplette Speisekarte samt Preisen auf chinesisch abgedruckt ist. Wie auf einem Lottozettel kreuze ich meine Wünsche an. Das Essen landet dann meist nach weniger als fünf Minuten auf dem Tisch, und zwar frisch zubereitet. Trinkgeld wird nicht erwartet, und wer aufgegessen hat, sollte schnell den Platz für neue zahlende Gäste räumen. Effizienz wird groß geschrieben in Taiwans Restaurants.

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7 Kommentare zu “ Vom Essen und Essen gehen ”

  1. Hans-Peter sagt:

    Wen da nicht das Fernweh packt, ist selbst schuld….
    Taiwan ist schon eine tolle Insel!

  2. alex sagt:

    aber in the meisten Restaurants wie Shabu Shabu wird auch fast nur minderwertiges Fleisch verwendet oder Fleisch das zu 99% aus Fett und Knochen besteht. Ein richtig gutes Steak bekommt man auch nur im Steak Haus.

    • Klaus sagt:

      Mag sein – wenn man in Taiwan unbedingt Steak essen will.

      • alex sagt:

        naja du stellst das so dar als ob man in Taiwan in der Garküche das beste kommt das auf jeden Fall besser ist als das China Restaurant in Deutschland. Ein China Restaurant in Deutschland kocht die Gerichte so wie es die Deutschen zu mögen scheinen, dadurch muss aber nicht schlechter sein, nur halt anders. By the way Bian Dang sind selten heiss, meistens schon lange gekocht und warten nur darauf irgendwann mal in den Karton gepackt zu werden. Selbiges gilt fuer die diversen 50$ Restaurants wo man Buffetstyle aussucht. Fast alles dort ist kalt und schon vor längerer Zeit gekocht wurden. Ausserdem sind Steakhaeuser (Family Steak Hause z.B.) in Taiwan so beliebt wie Fruehstuecksshops und viele meiner Freunde gehen mindestens zwei bis drei mal im Monat Steak essen mit „All you can eat“ Nebengerichten.

      • Klaus sagt:

        Weder Biandang noch Buffetrestaurants sind kulinarische Hochgenüsse, da stimme ich Dir voll zu. Wäre schön, wenn die Edelstahlschalen wenigstens mal abgedeckt würden.

      • Alex sagt:

        Was aber erwaehnenswert waere, auch fuer die Deutschen Leser in Deutschland „Beef Noodle Soup“. Definitiv mein Taiwan Favorit und fast ueberall super lecker!

    • Maru sagt:

      Wie überall muss man auch in Taiwan, wenn man hochwertiges Fleisch essen will, ein höheres Budget einplanen als für ein billiges Shabu-Shabu Restaurant. ;D

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