Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

Wer im Büro nach dem Mittagessen ins Leistungsloch fällt, kennt in Deutschland vor allem ein Mittel dagegen: Eine Tasse heißen Kaffee. Der wird auch in Taiwan getrunken, aber gegen Müdigkeit hilft hier vor allem der kollektive Büroschlaf. Wenn ich während der meist einstündigen Mittagspause ins Großraumbüro eines taiwanischen Unternehmens komme und die Lunchboxen verzehrt sind, vertreibt sich nur ein Teil der Angestellten die Zeit mit Facebook & Co. Die anderen schlafen, den Kopf auf die Arme gebettet, direkt auf der Schreibtischplatte. So ein Nickerchen soll ja sehr gesund sein, liest man auch in Deutschland immer wieder, und der Konzentration förderlich. Hauptsache, es dauert nicht länger als eine halbe Stunde – sonst fällt man in den Tiefschlaf und ist für den Rest des Tages erst recht nicht mehr zu gebrauchen.

Aber nicht nur im Büro staune ich über die Fähigkeit der Taiwaner, in unbequemen Stellungen und vor aller Augen ins Reich der Träume hinüberzugleiten. Bauarbeiter schlummern auf Holzplatten mitten zwischen ihren Werkzeugen, Pendlern fallen auf dem Heimweg in der vollbesetzten U-Bahn ganz selbstverständlich die Augen zu, und Studenten ratzen im Hörsaal in der Pause zwischen zwei Vorlesungen. Ich beneide die Taiwaner um diese Fähigkeit und frage mich manchmal, ob dafür ein Gen verantwortlich sein könnte, das die Wissenschaft noch nicht identifiziert hat. Und dann hole ich mir noch einen Kaffee.

Dabei läuft das Leben zumindest in Taiwans Metropolen eigentlich sehr schnell getaktet. Die meisten Menschen wirken immer geschäftig, rotieren zwischen Job und Familie, machen Überstunden, drängeln sich auf dem Motorroller durch den Verkehr, zum Einkaufen oder ins Restaurant. Anspannung liegt in der Luft, aber kein Stress. Denn irgendwie gelingt doch immer wieder die Balance zwischen Anforderungen und Entspannung. Und wenn es nur ein paar Minuten Schlaf sind, die man dem Alltag abringt.

Wahrscheinlich liegt es an der Erziehung, dass Taiwaner so schnell wegschlummern können. In Kindergarten und Grundschule gehört der Gruppenschlaf zum festen Programm, und wer es einmal gelernt hat, beherrscht es bis ins hohe Alter. Dem Sohn einer deutschen Freundin, der eine Zeit lang einen Kindergarten in Taipeh besucht hat, wollte das Einschlafen dagegen partout nicht gelingen. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Erzieherin durfte er schließlich etwas lesen und musste sich nicht mehr jeden Tag schlafend stellen.

In diesem Blogeintrag finden sich meine schönsten Fotos von schlafenden Taiwanern.




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6 Kommentare zu “ Überall Penner – Schlafen in Taiwan ”

  1. Das Trio sagt:

    Gibt es gar keinen Beitrags-Flattr-Knopf mehr?

  2. Stefan sagt:

    Ist kein Gen, denke ich – wenn die Erschoepfung gross genug ist, dann schlaeft man schon ein. Hab in Muenchen, in der letzten U-Bahn des Tages, auch ein paar Mal meine Haltestelle verpasst weil ich eingenickt bin.

    War nicht bei meinem jetzigen Arbeitgeber – ziemlich uebles Projekt damals, bei einer ziemlich ueblen Firma. Ich denke viele Taiwaner werden auf aehnliche Weise von ihrem Job ausgelaugt.

    Ist aber auch sonst nichts landesspezifisches – damals in USA habe ich auch manchmal Ingenieure in ihren Bueros schlafen gesehen. Nicht waehrend der Mittagspause, sondern spaeter nach 22:00. Die waren sogar zu kaputt um nach Hause zu gehen.

    Einer hatte sich gleich einen Schlafsack mitgebracht und seine Wohnung gekuendigt. Er meinte Duschen gaeb es auch in der Firma, und Zuhause sei er eh nie. Naja, hat er zumindest Geld gespart. 🙂

  3. Maru sagt:

    Ha, als ich noch in der Grundschule war (und auch im Kindergarten), gabs da auch eine zeitlang zeit lang Mittagsschläfchen. ^^ (mit extra Holzliegen dafür.

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