Presseschau: Wie deutschsprachige Medien über Taiwans Wahlen berichten

In letzter Minute haben nun auch die deutschsprachigen Medien Taiwans Wahlen als Thema entdeckt. Und ich habe gestern auf den internationalen Pressekonferenzen von KMT und DPP gedreht, damit man sich ein Bild von den unterschiedlichen Wahlprogrammen machen kann. Die englischen Videos sind weiter unten eingebettet.

KMT Wahlkampf Kundgebung Taiwan 2012

Zu jung um wählen zu dürfen, aber nicht zu jung, um sich an Demokratie zu gewöhnen.

Mein Artikel über Taiwans demokratische Enwicklung in der Welt.

Einig sind die Anhänger beider Seiten sich zumindest darin, dass sie in einem souveränen Land leben, das de facto alle Kriterien der Staatlichkeit erfüllt – eigene Verfassung, Armee, Währung –, aufgrund chinesischen Drucks aber politisch kaltgestellt wird.

In der Märkischen Allgemeinen schreibt Jutta Lietsch, die aus Peking angereist ist.

Die junge Demokratie Taiwan, bis in die 80er Jahre unter Militärrecht, ist politisch tief gespalten. Ist Taiwan ein eigener Staat mit eigenen Kultur und Identität, wie viele Anhänger der 55-jährigen Oppositionskandidatin Tsai von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) glauben? Oder ist die Insel Teil der chinesischen Nation – getrennt nur durch den historischen „Unfall“, als Maos Kommunisten 1949 die Nationalisten besiegten?

„Der Schatten Chinas liegt über Taiwans Wahl“, beobachtet die Wiener Zeitung.

Wie weit Tsai bei einem Wahlsieg Peking entgegenkommt, ist aber fraglich. Um Spannungen zu vermeiden, müsste sie jedenfalls die von Ma festgezurrte Grenze im Verhältnis zu China akzeptieren. Dessen Devise lautete: Es wird keine Wiedervereinigung mit China geben, aber auch keine staatsrechtliche Eigenständigkeit der Insel. Damit konnte Peking offenbar leben. Tsai vermied im Wahlkampf explizite Souveränitätsaussagen, kritisierte aber, dass man sich China zu sehr ausgeliefert habe.

Begleitend dazu das beste deutschsprachige Akademiker-Interview zu Taiwan, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Der Tübinger Professor Gunter Schubert bringt die komplexe Gemengelage im Gespräch ziemlich auf den Punkt.

Man versteht Taiwan mehrheitlich als Teil des chinesischen Kulturkreises. Aber eine Nation ist auch an einen Staat gebunden. Und wenn die Nation nicht nur kulturnationalistisch, sondern auch staatsnationalistisch definiert ist, dann bildet Taiwan eine eigene Nation, die sich entweder über die existierende Republik China oder über eine imaginäre Republik Taiwan definiert.

„Taiwan steht vor einer Richtungswahl“, schreibt der Standard in einem viel kommentierten Artikel.

Der Chef der chinesischen Nationalpartei Kuomintang, die seinerzeit samt General Tschiang Kai-schek und hunderttausenden ihrer Anhänger von Maos Kommunisten vertrieben wurde, setzt dabei auf Pragmatismus: auf Handel, finanzielle Verflechtungen, Tourismus – und auf das unausgesprochene Übereinkommen mit Peking, dass Taipeh rechtlich zwar ein Teil Festlandchinas sei, de facto aber unabhängig ist.

Ein kurzer Bericht im Schweizer Fernsehen über die Sparschwein-Spendenaktion der Opposition. Komisch, das ist eigentlich ein Thema von vor einem Monat.

Die Kampagne kam zustande um die Verbundenheit zwischen dem normalen Arbeitervolk und den Bauern zu ihrem Kandidaten zu dokumentieren. Zahlreiche Fans der DPP wüssten nicht, wie die Partei zu unterstützen und so sei man auf diese Kampagne gekommen, sagte ein Parteisprecher.

DPP Wahlkampf Kundgebung Taiwan 2012

Von einer so emotionalen Wahlkampf-Atmosphäre ist Deutschland weit entfernt.

Morgen (am Wahltag) läuft noch ein Radiobeitrag von mir zum Thema in der Deutschlandfunk-Sendung „Eine Welt“ (ab 13:30).

James Soong spricht mit der Presse

Und damit auch Kandidat Nummer 3 nicht zu kurz kommt, hier meine Nacherzählung von James Soongs internationaler Pressekonferenz in Form von Social Media:

Share on Facebook16Share on Google+0Tweet about this on TwitterEmail this to someone

4 Kommentare zu “ Deutsche Medienberichte vor den Taiwan-Wahlen 2012 ”

  1. Günter Whittome sagt:

    Wenn Schubert in der Wiener Zeitung davon spricht, dass die Mehrheit der DPP angeblich am Status quo orientiert sei und schreibt: „Sie kann sich mit der Sprachregelung „Ein China, aber unterschiedliche Interpretationen, was China ist“ gut abfinden und ist insofern nicht sehr weit weg von Mas Politik.““ dann hat er vom Wahlkampf anscheinend nicht sehr viel mitbekommen. Er zitiert damit den Standpunkt der KMT und gibt ihn als Mehrheitsmeinung der DPP wieder 🙁
    Tsai Ing-wen und die DPP haben im Wahlkampf den sog. „Konsens von 1992“ (der angeblich „Ein China, aber unterschiedliche Interpretationen, was China ist“ bedeuten soll) entschieden abgelehnt, da er einen Ausverkauf von Taiwans Souveränität bedeutet. Was „Ein China“ ist, ist de facto seit 1949 entschieden, de iure seit 1971. Das offzielle China hat den Satz „Ein China, aber unterschiedliche Interpretationen, was China ist“ nie bestätigt. „Ein China“ ist gleichbedeutend mit der VR China und der größte Teil der Welt sieht das ebenso. Nur die KMT gibt sich hier Illusionen hin. Wenn die DPP in den letzten Jahren die Unabhängigkeitsbestrebungen abgeschwächt hat, so hat dies v.a. taktische Gründe: angesichts des militärischen Drucks aus China möchte eine Mehrheit in Taiwan (noch) nicht eine de iure Unabhängigkeit. Dies entspricht jedoch nicht einer freien Willensäußerung.

  2. Günter Whittome sagt:

    Inzwischen hat Herr Schubert darauf geantwortet: mit „Mehrheit“ habe er die Bevölkerungmehrheit gemeint, nicht eine Mehrheit in der DPP. Da hatte er sich wohl missverständlich ausgedrückt oder wurde missverständlich wiedergegeben. Seinen Satz „dass beide Parteien in der China-Frage mehr verbindet, als sie trennt“ würde ich dennoch ernsthaft bestreiten.
    Guter Artikel in der Welt, Klaus! Nur zwei kritische Anmerkungen dazu: Taiwan als „das andere China“ (ein alter Topos in der internationalen Presse) zu bezeichnen, würde ich nicht tun, wenn nur eine Minderheit in Taiwan sich heute als Chinesen sieht. Und CKS hat in Taiwan keinen neuen Staat gegründet. Die „Republik China“ schrumpfte nur auf das Restgebiet Taiwan, das die KMT nach 1945 de facto verwaltete. Ob Taiwan de iure zur Republik China gehört, ist strittig. Aber das ist ein anderes – kompliziertes – Thema.

    • Klaus sagt:

      Hallo Günter, genau die beiden von Dir angesprochenen Formulierungen wurden mir von der Redaktion nachträglich in den Text redigiert. Kannste nichts machen.

      • Günter Whittome sagt:

        Ah, alles klar. Und Du musst dann dafür geradestehen 😉
        Ähnliches hatte ich bei meinem Reiseführer auch schon erlebt. Man kann nur versuchen, aufzuklären. Manchmal hat man damit Erfolg, manchmal nicht.
        Und bei Spiegel Online prangt neben dem Bericht zu Wahl in Taiwan immer noch die rote VR-Flagge!

Trackbacks & Pingbacks:

Kommentar abgeben