Ich habe in Taipeh ja schon einiges ausprobiert, aber eines steht mir noch bevor: Eine U-Bahn-Fahrt mit Fahrrad. Das hat sich einfach noch nicht ergeben. Und ich werde den Verdacht nicht los: Das liegt auch an den Bestimmungen.

Nicht etwa, dass Radfahrer unerwünscht sind. Im Gegenteil – in vielen MRT-Stationen liegen sogar Broschüren aus, die Menschen wie mich ermuntern sollen, ihre beiden Lieblings-Verkehrsmittel zu kombinieren.

Ich fasse mal zusammen, was da drin steht.

Radfahrer sind willkommen in der MRT!

(Man denke sich Slogans, in denen Schlagworte vorkommen wie: Green Lifestyle, Low-Carbon, Healthy Living und dergleichen mehr.)

Aber…

…nur am Anfang und Ende jedes Zuges

Im ersten und letzten Wagen finden sich je acht Stehplätze für Radfahrer. Die übrigens Wagons sind tabu – egal, wie voll oder leer es dort ist.

…nicht in jeder Station

Dass die braune MRT-Linie keinen Platz für Räder bietet, ist nachvollziehbar. Schließlich ähnelt sie eher der Besucher-Hochbahn im Heidepark Soltau als einer ausgewachsenen Metro. Aber auch auf den anderen Linien sind einige Stationen no-roll-area für Zweiräder:

Nun gut, der Hauptbahnhof ist Taipehs berüchtigter Nahverkehrs-Hauptknotenpunkt, und es würde sicherlich die Situation nicht entspannen, wenn sich auch noch Fahrräder durch die Massen drängen.

Dass man an diesem Knotenpunkt nun mit Rad nicht einmal umsteigen darf, macht es dann doch recht kompliziert. Angenommen, ich komme mit der blauen Linie aus Richtung Taipei 101 und möchte mit der roten Linie nach Danshui (ach nein, Tamsui) fahren. Dann müsste ich über Taipei Main Station hinaus fahren, in Ximen in die hellgrüne Linie umsteigen, zwei Stationen zur CKS Memorial Hall fahren und dort in die rote Linie wechseln, mit der ich kurz darauf wieder den Hauptbahnhof passiere.

Von Zuwiderhandlungen wird streng abgeraten, schließlich steht in Taipehs MRT schon mit einem Bein im Gefängnis, wer nur sein Handy an einer Steckdose auflädt.

Die übrigen off limit-Stationen sind entweder Umsteigestationen wie Zhongxiao Fuxing und Guting, bedienen den Shilin-Nachtmarkt (Jiantan), sind Endhaltestellen (Fu Jen University, Nangang Exhibition Center) und stehen ohne nachvollziehbaren Grund auf dieser Liste (Shipai).

…nur an Wochenenden und Feiertagen

Ja, das stimmt. An Wochentagen haben Fahrräder in Taipehs U-Bahn nichts verloren, egal zu welcher Zeit. Das macht die Crux des Systems deutlich: Fahrräder gelten aus Sicht der Verantwortlichen nicht als Verkehrsmittel, sondern als Sport- und Freizeitgeräte. Zielgruppe dieser Regeln sind nicht Pendler, sondern Ausflügler.

…es kostet

Aus Hamburg war ich es gewohnt, mein Rad gratis mit in die U-Bahn zu nehmen. Warum auch nicht? Schließlich zahle ich ja schon für mich selbst. In Taipeh dagegen wird für jede Fahrt zusätzlich zum normalen Preis ein 80-NTD-Fahrradticket fällig. Das ist etwa dreimal so teuer wie eine durchschnittliche Fahrt für eine Person. Einmal wohin und zurück kostet mit 160 NT$ (knapp fünf Euro) etwa so viel wie ein einfaches Mittagessen für zwei. Da überlegt man es sich nicht nur einmal, ob es die Mühe wert ist.

Und nun?

Wer einige dieser Regeln nicht nachvollziehen kann und trotzdem unter der Woche überall legal und gratis mit Rad in der MRT fahren will, kann sich ein Klapprad zulegen. Zusammengefaltet und in einer Tasche verstaut, gilt es als normales Gepäck und kann überall hin mitgenommen werden.

Oder man stürzt sich ins Verkehrsgetümmel.




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14 Kommentare zu “ In Taipeh mit dem Fahrrad in die U-Bahn? Ja, aber… ”

  1. Martin sagt:

    Habe das letzes Jahr ganz naiv ausprobiert: ein Faltrad mit in die MRT genommen ohne in den Bestimmungen zu stöbern. Ergebnis: ich wurde offensichtlich von Kameras beobachtet und gleich wurde jemand alarmiert: an der nächsten Station stieg gleich eine Security-Mitarbeiterin mit Walkie-Talkie zu, informierte mich dass es verboten sei und ich an der nächsten Station aussteigen müsse. Sie fragte auch ob ich eine Tasche habe, die hatte ich dabei und verpackte mein Faltrad. Dann war es okay, die Dame gab per Walkie-Talkie Entwarnung an die Zentrale und stieg dann alleine aus. So ist es also problemlos. Ohne Ticket – davon wusste ich auch nix. Und Taiwan ist Fahrrad-Produktionsland! Ich habe mir ein Flamingo Faltrad zugelegt. Das ist die Taiwan-Kopie eines Brompton. Wer es nicht kennt sollte mal schauen: http://www.youtube.com/watch?v=pNnOdoUn3kg
    Mit sauberer 7-Gang-Nabenschaltung in TW ca. 25000 TWD – ein original Brompton mit 7-Gang ist da schon eher bei 2000 Euro. Und mit dem Ding kann man toll durch TPE cruisen, auf Radwegen oder breiten Fußgängerwegen geht es richtig flott voran. Davon gibts überraschend viele. Und es stört überhaupt niemand wenn man damit auch auf Fußgängerwegen unterwegs ist!! Wer neue Routen fährt sollte vorher in Google Maps Streetview schauen welche Route radgeeignet ist, dann kann’s losgehen. Wenn man so plant statt einfach draufloszufahren und dann im Autogewühl zu enden, dann macht es richtig Spaß!!! Wer Spaß haben will sollte darüber hinaus billige Klappräder besser vergessen und sich ein gutes Faltrad zulegen. Da kann man flott cruisen und auch mal Bus, MRT oder Taxi nehmen. Ja, mit Tasche.

    • Klaus sagt:

      Vielen Dank für die ausführliche Reaktion! Gut, dass Du glimpflich davongekommen bist.

      Ich werde in Kürze auch noch einen Eintrag dazu schreiben, wo es sich in Taipeh meiner Erfahrung nach am besten radeln lässt.

  2. Stefan sagt:

    Das mit der Handy-Aufladung war lustig. Nach Ansicht des MRT soll ein Kurzschluss an einer Steckdose eine Auswirkung auf den Fahrbetrieb haben … das will ich mal sehen: auf der einen Seite ein Kraftwerk das ganze Zuege mit >100kmh fortbewegen kann, und auf der anderen Seite ein 240V Kabel. Das riecht nur kurz wenn das Kupfer verdampft. Mal abgesehen davon dass die Sicherung vorher rausfliegt. 🙂

    Ich glaub den Effekt kennt man vom Lichtbogenschweissen …

  3. Ronny sagt:

    Eine kurze Anmerkung zum Preis: Wie geschrieben, es kostet 80 NT Doller, aber dies beinhaltet auch die Person. Wenn man also einmal quer durch die Stadt faehrt, ist es also nicht mehr so teuer. Ein Strecke kann man ja dann auch mit dem Fahrrad fahren 🙂 Mit dem Ticket wird man dann zusammen mit dem Fahrrad durch ein Extratour hineingelassen.

  4. Stefan sagt:

    Zum Vergleich, die Regelung in Muenchen ist: keine Fahrradmitnahme von 6-9 sowie 16-18 Uhr. Die Fahrrad-Tageskarte kostet EU 2,50. Klappraeder kosten nichts. Mitnahme in der S-Bahn ist auf die jeweiligen Endwaegen beschraenkt.

    Die Beschraenkungen im MRT finde ich im Prinzip nachvollziehbar – in den Stosszeiten ist einfach kein Platz fuer zussaetzliche Fahrraeder, und fuer Pendler sind u.U. entsprechende Parkmoeglichkeiten fuer Fahrraeder wichtiger.

    Andererseitz waere Wochentags tagsueber Platz fuer Fahrraeder im MRT, fuer Touristen, Schueler (wenn nicht grade im Buxiban) und Rentner waere es schoen wenn dann Fahrradmitnahme erlaubt waere.

  5. Ilon sagt:

    Wie einfach war es doch noch in den Anfaengen der MRT. Da gab es sowieso noch nicht soviele Leute, die in Taipei mit dem Fahrrad unterwegs waren und es gab vielleicht auch deswegen noch keine wirklich konkreten Regularien. Auf jeden Fall konnte man damals, wenn man schnell genug drauf los marschierte, und so tat, als ob man wuesste, was man taete, auch ein normales Fahrrad mit in die MRT nehmen. Danach war es dann wohl ganz verboten und als dann zum grossen Fahrrad-Boom vor 4/5 Jahren kam, wurden die noch heute existierenden Regeln eingefuehrt. Also als es genug Leute gab, die nach neuen „fahrradfreundlicheren“ Regeln riefen. Diese Regeln sind natuerlich eher fuer die Freizeitfahrer (am Wochenende) ausgerichtet, denn letztendlich war das die grosse Masse. Noch fehlt es an den wirklich massenhaften Berufspendlern, die das Fahrrad benutzen. Ich denke, wenn deren Zahl drastisch zunimmt, dann wird es auch zu neuen Regeln kommen. Diese Chance besteht vielleicht jetzt mit den steigenden Benzinpreisen. Aber zu den Stosszeiten (etwa 7-9) wuerde ich manchmal selbst mit dem Faltrad gar nicht mehr rein passen. Also in der blauen Linie klappt das schon noch. Aber ich habe schon des oefteren zu diesen Zeiten die rote/gruene Linie nehmen muessen, und da war fuer mich selber kaum Platz. Ich pendle zwar zu 90% nur mit dem Fahrrad, aber in gewissen Faellen ist die Kombination Faltrad und MRT wirklich super.

    • Klaus sagt:

      Zum Thema Berufspendler per Rad, und was getan werden müsste, steht gerade heute ein guter Kommentar in der Zeitung: http://www.taipeitimes.com/News/editorials/archives/2012/04/17/2003530519

      • Ilon sagt:

        Ein interessanter Bericht, aber er trifft nur die halbe Wahrheit, denke ich. Es ist das beliebteste Argument, dass die Stadt nichts tut. Natuerlich wuerde ich mir wuenschen, dass es schneller ginge, und auch dass sich mehr Leute mit der „Fahrradinfrastruktur“ beschaeftigen, die auch Fahrrad fahren. Es gibt naemlich immer mal wieder Designs/Konstruktionen, da schlaegt man sich als Fahrradfahrer vor den Kopf. Aber dass die Stadt nichts tut, ist falsch. Ich habe das Glueck, dass in den letzten 6 oder 7 Jahren meine Arbeitsstelle sozusagen in der Naehe der Fluesse lag, daher kann ich bis heute auch immer am Fluss entlang fahren. Aber ich habe kuerzlich mit Erstaunen festgestellt, dass es tatsaechlich auch in der Innenstadt immer mehr Fahrradwege gibt. Einen neuen habe ich nun in der Naehe des Songshan Bahnhofs entdeckt, der tatsaechlich abgetrennt von der Strasse verlaueft (natuerlich von Ampeln unterbrochen) und zwar einige Kilometer gen Osten. Ich kenne die Gegend noch von ganz frueher, weil einer meiner Onkels dort gewohnt hat, und ich war erstaunt, wie es sich dort veraendert hat. Natuerlich sind die Radwege in der Innenstadt und auch an den Fluessen nicht immer perfekt, aber es liegt dann auch mit an den Buergern, dass sie etwas tun. Beispielsweise nicht mit den Autos oder Scootern auf den Radwegen fahren oder dort parken. Ich glaube aber auch, dass, wenn die Zahl der Berufspendler (und man muss natuerlich ehrlich sagen, dass es sich bei der Masse an Radfahrern, die in den letzten Jahren aufgekommen ist, zum groessten Teil wirklich um „Sonntagsfahrer“ handelt) steigt, und diese somit eine staerkere Lobby haben, die Regierung dann noch einiges mehr tun wird. So ist das meiner Ansicht halt in der Politik.

      • Klaus sagt:

        Du hast recht, es gibt auch in der Stadt hoffnungsvolle Ansätze. Zeit für den Blogeintrag über die besten Strecken zum Radeln, den ich schon lange mal runterschreiben wollte. Kommt bald!

        (Mein Liebling: Xinsheng S. Rd. zwischen Bade Rd. und Daan Park, neugestaltet beim Bau der orangen MRT-Linie.)

  6. Ilon sagt:

    cool, viel Spass. Der Radweg unterhalb der roten Linie nach Tamshui raus (also hinter Shilin oder Jiantan beginnend) ist auch nett. Wenn man es nicht eilig hat und man auch nichts dagegen hat, mal abzusteigen, um Treppen zu nehmen usw.

    vielleicht sehen wir uns mal auf einem der Radwege.

    • Stefan sagt:

      Ja, nach Danshui raus durch die Mangrovenwaelder ist schoen – das geht auch am Guandu-Tempel vorbei (mein Lieblingstempel mit zwei Tunnels und Balkon), man kann von dort aus auch schoen ins Vogel-Reservat, und die Strecke geht bis Fishermen’s Wharf wenn ich mich recht erinnere.

  7. Hans Brunner sagt:

    Wie alles im Leben hat die Medaille zwei Seiten. U und S-Bahnen sind im Rhein-Main Region dreckig, stinkig und teuer.
    Jeder schmeißt seinen Müll in die U oder S Bahn. Jeder verschmiert mit seinem Fahrrad Wände und Sitze. Habe es schon erlebt das zwei Waggons mit Fahrrädern beladen war. Und mein Fahrrad mitten drin.
    Nachher erkannte ich mein Fahrrad nicht wieder. Die rechte Bremse abgebrochen, die Schaltung am Hinterrad kaputt. Diverse Kratzer am Fahrrad. Nein Danke!!
    Finde die Metro in Taipeh sehr gut wie sie ist. Ich denke, das macht keinen Sinn, wenn in einer so großen Stadt jeder 10 te sein Fahrrad mit
    nehmen wollte. Du weißt selbst wie voll die Metro ist. Und dann noch Fahrräder? Das geht nicht. Außerdem kann man ohne Probleme 50 – 60 km am Tag zurück legen. Gruß Hans

    • Hallo Hans, ja, das ist was dran. Und seit ich selbst ein paar Mal die Fahrrad-MRT-Tour mitgemacht habe, stimme ich zu, dass X-mal so viele Räder neue Probleme schaffen würden.
      Trotzdem würde ich folgende Reformen vorschlagen:
      – Mitnachme auch Wochentags, außer zu Stoßzeiten (7-11, 16-20 Uhr)
      – Ticket 50 oder 60 statt 80 NTD
      – Radler dürfen das Rad auch Treppen (nicht Rolltreppen) hoch- und runtertragen, statt die Fahrstühle zu blockieren

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