Grundschulen auf dem Land, die bedroht sind, weil nicht mehr genügend Kinder geboren werden – das gibt es nicht nur in Deutschland. Auch in Taiwan bereitet eine niedrige Geburtenrate Regierung und Experten Kopfzerbrechen. In einigen Gebirgsdörfern haben die Grundschulen seit Jahren weniger als 15 Schüler. Es soll schon vorgekommen sein, dass nur ein einziges Kind neu eingeschult wurde. Die durchschnittliche Klassengröße ist in den letzten Jahren von 35 auf 25 zurückgegangen. Eine Grundschule in der Hauptstadt Taipeh, die 1966 mit 11.000 Schülern die größte der Welt war, hat nun nicht mal mehr 800.

Während die Regierung in China den Menschen per Ein-Kind-Politik das Kinderkriegen verbietet, scheinen die Taiwaner freiwillig in den Zeugungsstreit getreten zu sein. Bis weit in die Achtziger Jahre war es völlig normal, dass eine Familie drei oder vier Kinder hatte. Während Taiwan sein Wirtschaftswunder erlebte, stieg so die Bevölkerung von 8 Millionen nach dem Krieg auf über 20 Millionen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute bringt in Taiwan jede Frau im Lauf ihres Lebens weniger als 1,2 Kinder zur Welt – selbst in Deutschland liegt der Wert noch bei 1,4 (Rangliste).

Wenn ich mir die U-Bahnen, Kaufhäuser und Straßen in Taipeh ansehe, ist es schwer zu glauben, dass es hier in Zukunft mal weniger überfüllt zugehen soll. Weniger Kinder, steigende Lebenserwartung, mehr alte Menschen – der sogenannte „demographische Wandel“ bringt Taiwan die gleichen Probleme wie anderen entwickelten Ländern. Ein Zehntel der Bevölkerung ist schon älter als 65, und der Anteil wächst rasant. Noch werden die meisten alten Menschen zu Hause betreut, oft mit Hilfe von Billiglohn-Pflegerinnen. Die kommen hier statt aus Polen von den Philippinen oder aus Indonesien. Damit die Pflege auch in Zukunft funktioniert, muss die Regierung genauso wie beim Renten- und Krankenversicherungssystem die Weichen für die Zukunft stellen. Meist wird aber eher halbherzig am bestehenden System herumgedoktert – ganz wie in Deutschland.

Ein wichtiger Grund für den Geburtenrückgang: Taiwans Frauen sind immer besser ausgebildet, smart und ehrgeizig und haben wenig Lust, ihre beruflichen Perspektiven aufzugeben – für Kinder oder Männer. Mit 30 ist nur jede dritte Frau verheiratet. Viele Männer haben noch nicht umgedacht und hängen dem traditionellen Rollenverständnis an, was sie nicht gerade zu attraktiven Heiratskandidaten macht. Und wenn sich mal ein Paar traut, erscheint ihnen die wirtschaftliche Lage oft zu unsicher, die Kosten zu hoch, und die Entscheidung fürs Kinderkriegen wird immer weiter herausgezögert.

Ein monatliches Kindergeld nach deutschem Vorbild, wie es hier ab und zu diskutiert wird, würde vermutlich ebenso wenig helfen wie die Geburtenprämien von 400 Euro, die einige Lokalregierungen auszahlen. Wie in Deutschland dürfte die Lösung heißen: Mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Also etwa kostenlose Kinderbetreuung und Arbeitgeber, die nicht mit Jobverlust drohen, wenn eine Mitarbeiterin mal Elternpause macht. Ansonsten muss eines Tages vielleicht der Kindergarten schließen, auf dessen Hof ich von meinem Fenster aus der nächsten Taiwan-Generation beim Spielen zusehen kann. Und das wäre schade.

Dieser Text war ursprünglich eine Folge meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.




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Ein Kommentar zu “ Sag mir, wo die Kinder sind (Taiwans Geburtenmangel) ”

  1. Christoph sagt:

    Entscheidender Unterschied zu Deutschland: Die Bevölkerung wächst weiterhin (sehr leicht mit 0,171%) mit Prognosen für weiteres Wachstum bis einschließlich 2020. Dazu ist die Bevölkerung durchschnittlich noch deutlich jünger als hierzulande, in den kommenden Jahren stehen aber ähnlich große, wenn nicht sogar größere Probleme aufgrund der Bevölkerungsentwicklung an. Vgl. z.B. Grafik S. 6 in http://www.doh.gov.tw/ufile/doc/Part%20I.%20Population%20and%20Family.pdf

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