Was haben eine Zahnarztpraxis, eine Autowerkstatt, ein Restaurant und ein Optiker gemeinsam? Sie könnten alle in ein und dasselbe Ladenlokal ziehen – zumindest in Taiwan. Das übliche Geschäft erinnert hier vom Grundriss an eine Garage, ist etwa 50 Quadratmeter groß, mit Fensterfront und Eingang zum Bürgersteig. An jeder einigermaßen belebten Straße reiht sich ein solcher Laden an den anderen, oben drüber sind Wohnungen. In der Stadt unterwegs, versuche ich immer einen Blick zu erhaschen und im Vorbeigehen zu entziffern, was hier angeboten wird. Klimaanlagen, Mofa-Werkstatt, Flachbildfernseher, Friseur, koreanisches Restaurant, Plastikbesen, chinesische Medizin, Immobilien, Eistee – wer weiß, was man demnächst mal gebrauchen könnte.

Bei solchen Streifzügen kann ich übrigens den Patienten auf dem Zahnarztstuhl oft fast in den Mund gucken. Privatsphäre ist relativ.

Leerstand gibt es natürlich auch, aber anders als in vielen deutschen Städten dauert er zumindest in Taipeh nie lange an. Nach einigen Wochen werden die Metalljalousien wieder hochgezogen, ein Trupp Handwerker rückt an und reißt erst mal alles raus, was der Vormieter hinterlassen hat. Nach der Komplett-Entkernung bauen sie aus Holzplatten neue Zwischenwände, Tresen oder Wandschränke ein. Die sind nicht für die Ewigkeit gedacht, sehen aber frisch gestrichen so schnieke aus, dass zum Beispiel aus einer miefigen Änderungsschneiderei im Handumdrehen eine trendige Pizzeria wird.

Jeder Taiwaner wäre im Grund seines Herzens am liebsten sein eigener Boss, heißt es. Das erklärt, warum es so viele kleine Geschäfte und relativ wenig Ladenketten gibt. Wer nicht das Geld aufbringt, einen Laden zu eröffnen, stellt sich vielleicht hinter einen Marktstand. Anders als in Deutschland finden Taiwans traditionelle Straßenmärkte jeden Tag statt. Ganz in der Nähe meiner Wohnung gibt es einen, den ich oft auf dem Weg zur U-Bahn durchquere.

Links und rechts der Straße stehen Körbe mit Mangos, Kohl, Auberginen oder Litschis dicht gedrängt auf dem Boden, die Preise einfach auf ein Stück Pappe gekritzelt. Schlachter zerlegen Hühnchen auf Holzbrettern, die Kippe im Mund, und hängen die Fleischstücke direkt am Stand auf Haken. Fische glotzen aus Styroporboxen zwischen Eiswürfeln hervor, alte Frauen kaufen fürs Abendessen ein, geschwätzige Händler stecken alles in eine Unzahl vom Plastiktüten, und Motorroller fahren Slalom um Passanten herum. Es ist laut, chaotisch, und die Energie ist ansteckend. Jedes Mal hoffe ich, dass es noch sehr lange dauert, bis sich auch in Taiwan die Unart ausbreitet, möglichst alles abgepackt im Supermarkt zu kaufen. Wahrscheinlich besteht die Gefahr gar nicht.

Wer hier kauft, verirrt sich wohl selten in die noblen Einkaufszentren, die sich andernorts ausbreiten. Mit Marmorboden, dezenter Beleuchtung, dicken Teppichen und unheimlich vielen zuvorkommendem Angestellten ist dies wirklich eine andere Welt. Ob Gucci, Prada oder Rolex – wer zu viel Geld hat, kann es hier für Topmarken aus aller Welt ausgeben. Kürzlich hat ein Edelkaufhaus eröffnet, in dem die werten Kunden echtes Meißener Porzellan in einem mit Stuck, Intarsien und edlen Hölzern überladenen Barock-Palast-Ambiente bestaunen und erstehen können. Was bei uns zu viel des Guten wäre, gilt Taiwanern als typisch europäisch.

Dieser Text war ursprünglich eine Folge meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.

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5 Kommentare zu “ Reise durch Taiwans Einkaufswelten ”

  1. Maru sagt:

    Also diese „noblen“ Einkaufszentren , da geh ich eher nur mal zum Durchschlendern rein. Man hat da ja das Gefuehl, man wird schon vom Anschauen der einzlenen Markenlaeden arm, haha.

    Ausserdem finde ich die Atmosphaere da irgendwie…unpersoenlich.

    Was die „traditionellen Maerkte“ und die unzaehligen kleinen Geschaefte angeht, das ist auch etwas, was mir an Taiwan sehr gefaellt.

  2. Ludigel sagt:

    Meine Frau will auch immer ein Geschäft aufmachen. Mein Favorit unter ihren Ideen war bislang ein „Schuhwaschsalon“, also eine chemische Reinigung für Schuhe.

    Ich bemerkte, Schuhe putzen sei nicht gerade der Geheimtipp zum reich werden 😉

  3. Alex sagt:

    Angeblich soll Taipei bis 2015 frei von Maerkten sein und auch die Night Markets hygenisch einwandfrei und mehr fuer die Touris als fuer die locals. Taipei (und sich auch irgendwann der rest der insel) soll mehr moderner werden und laut Government passen solche Maerkte nicht ins Bild einer Modernen Stadt wie Taipei.

    Demnach wird es in Zukunft mehr Kaeufer in Supermaerkten geben als du denkst… schade

  4. Ilon sagt:

    Mir sagte mal ein taiwanischer Geschaeftsmann: „Taiwaner sind lieber der Boss von etwas kleinem, als nur ein Teil von etwas grossem.“ Teilweise liegt es aber auch an den Arbeitsbedingungen in den Firmen. Wenn ich sowieso immer bis spaet nachts arbeiten muss, vielleicht auch am Wochenende, dann kann ich auch gleich meine eigene Firma aufmachen. In Bezug auf das Einkaufen, ich denke, Taiwaner gehen sowohl zum 101 als auch auf den Nachtmarkt/Strassenmarkt. Auch fuer die Reichen ist der Nachtmarkt/Strassenmarkt immer noch ein Teil des Lebens und fuer nicht so wohlhabende Leute, die gehen vielleicht nicht zum 101, um da die neuesten Klamotten zu kaufen, aber zumindest zum Bummeln und zum Essen im Food Court.

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