Why China Will Never Rule the World

Es heißt ja gelegentlich, Chinas Aufstieg zur Weltmacht sei unaufhaltsam, und der Westen tue gut daran, seine Konzepte mal kräftig zu überdenken und sich in der einen oder andere Hinsicht an China zu orientieren. Aber was ist es eigentlich, das der Rest der Welt angeblich von diesem Land lernen kann?

Nachdem er zehn Jahre in Taiwan gelebt hatte, war der Kanadier Troy Parfitt so neugierig auf die Antwort, dass er selbst nach China gefahren ist, um sie zu suchen. Seine zwei Reisen kreuz und quer durch die Volksrepublik sowie ein anschließender Trip durch Taiwan lieferten den Stoff für sein Buch „Why China Will Never Rule the World“ – auch für Taiwan-Interessierte eine lohnende, allerdings polarisierende Lektüre.

Man kann es vorwegnehmen: Parfitt hat in China wenig gefunden, was er aus westlicher Sicht für erstrebenswert hält. Immer wieder trifft er auf Menschen, deren Verhalten mit ignorant oder wahnwitzig noch freundlich beschrieben wäre. Das Lesen seines Reiseberichts hat etwas von einer Freak-Show, und begegnet er zwischendurch einmal freundlichen, aufgeschlossenen Chinesen, verdienen sie es, eigens herausgestellt zu werden. Die Schuld für diesen Zustand sieht Parfitt nicht bei den Einzelnen, sondern im System, in dem sie aufwachsen.

This is what habitually gets glossed over in the China analysis: Chinese culture remains locked in a self-replicating state of chaos, myopia, inefficiency, intolerance, violence, and irrationality. It is, in a word, backward.

Parfitts Schreibe ist nicht akademisch, sondern unmittelbar, schonungslos und dabei durchaus unterhaltsam. Sicher wurden noch nicht viele Reiseberichte geschrieben, die auf über 400 Seiten so konsequent die schlechten Seiten eines Landes herausstellen. Es gibt aber gute Gründe, „Why China Will Never Rule the World“ nicht als simples China-Bashing aus der Feder eines voreingenommenen Westlers abzutun. So spricht Parfitt offenbar ordentliches Mandarin. Er versteht, was um ihn herum gesagt wird und versucht immer wieder, über Themen zu reden, die übers Touristenniveau herausgehen. Dabei fällt er durchaus mal mit der Tür ins Haus, wenn er sein Gegenüber in Widersprüche verwickeln will oder Tabu-Themen direkt anspricht.

Außerdem hatte er sich vor seinen Reisen ein beachtliches Wissen über chinesische Geschichte (und Gesellschaftsgeschichte) angelesen und teilt es mit dem Leser. Einer der größten Vorzüge des Buches besteht darin, dass es nebenbei auch durchaus packend die Grundzüge der chinesischen Geschichte umreißt. Parfitt sucht gezielt Schauplätze von historischen Ereignissen auf und integriert knackige Zusammenfassungen in seine Erzählung. So lernt man einiges z.B. über die Taiping-Rebellion, den Xi’An-Zwischenfall oder den Verlauf des Krieges gegen Japan.

Von stolzen Verweisen auf „5000 Jahre Geschichte“ hält er wenig:

Surely, a darker or more tragic history cannot exist. Chinese history is thousands of years of tyranny, treachery, brutality, conflict, warfare, upheaval, and chaos. It makes Russian history, also extremely bleak, appear rather cheery by comparison.

Wenn es ihm auf den Reisen zu bunt wird, zieht Parfitt sich immer wieder zurück, indem er sich in ein Buch vertieft. Mehrfach erwähnt er, wie man ihn dafür erstaunt oder misstrauisch beäugt. Unter seiner Reiselektüre sind auch die „Gespräche des Konfuzius“. Dessen Lehren hat Parfitt besonders auf dem Kieker: Sie zementiere die Autoritätshörigkeit, verhindere eigenständiges Denken und sei alles andere als attraktiv in einer aufgeklärten (westlichen) Welt.

Einer seiner Kronzeugen ist Bo Yang (1920-2008), dessen „The Ugly Chinaman and the Crisis of Chinese Culture“ Parfitt ausgiebig zitiert:

„Narrow-mindedness and intolerance,“ he writes, „result in an unbalanced personality constantly wavering between two extremes: chronic inferiority on the one hand, and overbearing arrogance on the other. A Chinese with an inferiority complex is a slave; a Chinese with a superiority complex is a tyrant. In the inferiority mode, they feel like a heap of dog-shit, so the closer they get to influential people, the wider their smiles. In the arrogant mode, everyone else is a heap of dog shit.“

Nachdem er entnervt von seiner zweiten China-Reise zurückgekehrt ist, entschließt Parfitt sich, statt einem weiteren Trip, der ihn nach Tibet geführt hätte, seine langjährige Heimat Taiwan noch einmal gründlich zu bereisen. Das macht ihm ganz offenbar mehr Spaß, doch auch sein Taiwan-Bild ist nicht ungetrübt:

Even with its oddness, Taiwan, Republic of China is considerably more normal than the People’s Republic of China, and its citizens are visibly happier; living in a free and open society seems to have that effect on people … Without question, Taiwan is more advanced than China in almost every regard, yet in terms of cultural influence vis-à-vis the West and the rest of the world, it is on the road to nowhere.

Aus seiner Erfahrung als Lehrer in Taiwan schildert Parfitt etwa, wie Schulleiter Kinder nachsichtig behandeln, weil sie ihre Missetaten rundweg abstreiten, statt sie einzuräumen. Er berichtet von Schülern, die von ihren übervorsichtigen Eltern zur Unselbständigkeit erzogen werden. Er marschiert direkt ins Atommüll-Lager auf der Orchideeninsel. Er verzweifelt ob eines nicht enden wollenden Stromes an Nachrichten aus der Rubrik „Zu absurd, um wahr zu sein“. Und am Ende hat er einfach keine Lust mehr:

There was no question that my experience had made me more tolerant, but I would never become a cultural convert. As someone who has always harboured a deep-seated suspicion towards authority, Chinese society’s paternalism pertubed me. So did its Philistine nature, its perennial miserliness, its myopia, its near total ignorance of the outside world, its quashing of creativity, its ruination of critical thinking, and its disregard for individualism. To counter Mao’s Cultural Revolution, the Chiang regime launched a crusade called the Cultural Renaissance. In addition to glorifying Sun Yat-Sen’s Three Principles of the People, it belittled Western liberalism ad its overarching emphasis on the individual. Definitely, things had gotten a lot better since the Chiang days, but if you asked me, they were by no means good.

Heute lebt Troy Parfitt wieder in Kanada. Man kann mehr über ihn und sein Buch auf seiner Homepage erfahren. Und es gibt Interviews:

Würde ich mir dieses Buch kaufen, hätte ich es nicht als Rezensionsexemplar erhalten? Wahrscheinlich schon. In seiner Unverblümtheit und Subjektivität hebt es sich wohltuend ab von handelsüblichen Reiseberichten und Geschichtsbüchern, und von wirtschaftszentristischer China-Rosafärberei sowieso.

Ich denke, Parfitt geht es nicht ums Provozieren. Er schildert die Dinge rücksichtslos so, wie er sie sieht, weil es ihm ein Bedürfnis ist. Man muss seine Sichtweise bestimmt nicht teilen. Aber sie liefert viele interessante Denk- und Diskussionsansätze.

„Why China Will Never Rule the World: Travels in the Two Chinas“ kann man in Deutschland direkt bei Amazon bestellen, auch als eBook für den Kindle.

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4 Kommentare zu “ Warum chinesische Kultur vielleicht gar nicht so toll ist ”

  1. Ich hab das buch nicht gelesen, habe mir aber ein paar seiner Videos angekuckt. Ich muss selber China erleben und das Buch lesen um mir ein Urteil zu erlauben.

    Ich fand aber Peking Duck hat eine gute Rezension des Buches geschrieben, ich mag sein Blog generell, obwohl ich nicht immer der gleichen Meinung bin.

    Hier das Link:

    http://www.pekingduck.org/2011/06/why-china-will-never-rule-the-world/

    Deine Rezension ist auch sehr lesenswert. Ich bin jetzt ein bisschen mehr interessiert das Buch zu lesen.

  2. Kai Marchal sagt:

    Danke fuer den interessanten Hinweis! Ich werde mir das Buch einmal ansehen.

  3. Björn sagt:

    „There was no question that my experience had made me more tolerant“
    Na, das merkt man^^

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