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Archive for Mai, 2012

Es war für mich ein Reporter-Highlight: In Berlin konnte ich kürzlich mit Egon Bahr über seinen Taiwan-Besuch sprechen. Aus diesem Interview ist ein Beitrag für die Deutsche Welle entstanden, der ganz frisch im Netz steht:

Hier ist das Video unseres Gesprächs:

Und nun einige Hintergründe und Beobachtungen.

Man nennt ihn „Tricky Egon“, weil er durch unermüdliches Verhandeln und geschicktes Taktieren immer wieder scheinbar Unmögliches erreicht hat: Egon Bahr prägte nicht nur den Begriff „Wandel durch Annäherung“, er schrieb auch vor vierzig Jahren als Geheimdiplomat ein Stück Weltgeschichte mit. Willy Brandt schickte seinen engen Freund damals als Sondergesandten nach Moskau, um dem Kreml in monatelangen Verhandlungen die Zustimmung zur Ostpolitik abzuringen: Eine „Politik der kleinen Schritte“, die zur allmählichen Annäherung zwischen Ost und West führte und den kalten Krieg ein gutes Stück weniger gefährlich machte.

Mit 90 Jahren verfolgt Bahr heute noch immer gespannt, was sich in der Welt tut. So war er im Dezember 2011 eine Woche nach Taiwan gereist, auf Einladung der Regierung. Von dem Mann, der zur Zeit der deutschen Teilung so erfolgreich zwischen den Fronten vermittelt hatte, erhoffte man sich offenbar Anregungen fürs Verhältnis zwischen Taiwan und China. Da gibt es ja tatsächlich einige Parallelen zu den zwei deutschen Staaten – aber auch wichtige Unterschiede.

Wie bei Bahr nicht anders zu erwarten, funktionierte die Geheimhaltung: Ich hatte in Taipeh vorab von seinem Besuch erfahren, aber nichts über die Inhalte. Als ich nun einige Zeit in Deutschland verbrachte und Mitte März zufällig eine TV-Dokumentation zu Bahrs bevorstehenden 90. Geburtstag sah, reifte spontan ein Gedanke: Wer so hellwach und interessiert ist, hat vielleicht auch Lust, von seinen Erfahrungen in Taiwan zu erzählen. Da ich sowieso einige Tage Berlin eingeplant hatte, rief ich einfach in der SPD-Parteizentrale an und schilderte einer Mitarbeiterin der Presseabteilung, die auch Bahrs Terminkalender verwaltet, mein Anliegen. Ergebnis: Obwohl Bahr gerade erst seinen Geburtstag und eine Reihe Empfänge und Ehrungen hinter sich gebracht hatte, saß ich ihm nur zwei Tage später an seinem Schreibtisch gegenüber, in einem hellen Büro irgendwo in den langen Korridoren des Willy-Brandt-Hauses.

Während eine halbe Stunde lang Aufnahmegerät und Videokamera heiß liefen, glühte bei Bahr die Zigarette. Helmut Schmidt ist nicht das einzige Polit-Urgestein, bei dem Nikotin die grauen Zellen anzuregen scheint. Ganz „elder statesman“, reihte Bahr bedächtig druckreife Sätze aneinander. Sein Blickwinkel ist der eines Strategen, der die ganz großen Trends der Weltpolitik deutet. Kein Wunder bei einem Mann, der einst über geheime Kanäle direkten Kontakt zu Henry Kissinger hielt.

Ganz Realpolitiker, lobte Bahr Taiwans Politik der engeren Verflechtungen, um die Gefahr einer Konfrontation mit China zu verringern. Ein anderer Weg sei auch gar nicht möglich, denn Taiwan sei zu schwach und zu klein, um im Konzert der Großmächte USA und China ein Entscheidungsgewicht zu haben. Dass viele Taiwaner den Gedanken ablehnen, Taiwan und die Volksrepublik seien Teil einer gemeinsamen chinesischen Nation, und fürchten, ihre Demokratie könne unter die Räder kommen, spielte in seinen Beobachtungen keine Rolle.

Was er denn als nächstes vorhabe, fragte ich den 90-Jährigen, während ich meine Sachen zusammenpackte. „Ein Buch schreibe ich noch darüber, was in der EU gerade passiert.“ Da laufe so unfassbar viel schief. „Und danach kann ich in Ruhe verblöden.“


Am schönsten ist es, wenn der Schmerz nachlässt: Wenn es im Kreuz mal wieder heftig zwackt, weil ich zu viel Zeit sitzend vor dem Rechner verbringe, gehe ich zum Masseur meines Vertrauens und lasse mich quälen. Mag Xiao Zhong mit seinem runden Gesicht und dem freundlichen Lächeln auch harmlos wirken – er weiß er doch genau, wo er drücken muss, um den maximalen Schmerz zu erzeugen. Mit sanfter deutscher Massage hat das nicht viel zu tun. Er walkt mich durch, renkt die Wirbelsäule ein, dass es nur so knackt, und setzt bei Bedarf auf besonders verspannte Stellen Saugglocken, deren Abdrücke tagelang sichtbar bleiben. Außerdem redet er mir jedes Mal gut zu: Mehr Schlaf, weniger Kaffee, ordentlich sitzen. Hinterher gehe ich dann tatsächlich ein paar Tage wie auf Wolken und freue mich, dass die halbstündige heilsame Tortur keine 10 Euro gekostet hat.

Überhaupt ist es eine Behandlung in Taiwan selten teuer. Das liegt vor allem daran, dass es seit 1995 eine allgemeine staatliche Krankenversicherung gibt, die mehr als 99% der Bevölkerung abdeckt – ein System, um das Taiwan von fast ganz Asien beneidet wird, und das sogar in den USA immer wieder als mögliches Vorbild genannt wird. Mit meiner Krankenversicherungskarte habe ich die freie Wahl unter staatlichen und privaten Krankenhäusern und Ärzten. Die monatlichen Beiträge sind im Vergleich zu Deutschland verschwindend gering, viele Probleme ähneln sich: Steigende Kosten, alternde Versicherte und Patienten, die so lange den Arzt wechseln, bis einer die gewünschte Diagnose stellt.

Über die Qualität der Behandlung in Taiwans 500 Krankenhäusern und fast 20.000 Arztpraxen höre ich vor allem Gutes. In Sachen Privatsphäre allerdings müssen Patienten – wie so oft im überfüllten Taiwan – Abstriche machen. In der Notaufnahme des Krankenhauses sitzt man sich gegenseitig fast auf dem Schoß, und viele Arztpraxen sind von der Straße her komplett einsehbar. Nur einige Stellwände oder ein Vorhang trennen den Wartebereich von der Liege, wo der Doktor spritzt oder bohrt.

Ganz anders als in Deutschland, zahlt die Krankenkasse nicht nur für westliche Schulmedizin, sondern auch für traditionelle chinesische Behandlungen. Taiwaner haben die Wahl, ob sie sich eine Pille oder einen Kräutercocktail verschreiben lassen. Für die chinesische Medizin liegen viele Beschwerden darin begründet, dass der Patient seinen Körper ins Ungleichgewicht bringt, indem er zu viele „heiße“ oder „kalte“ Speisen zu sich nimmt – was nichts mit der messbaren Temperatur zu tun hat. Ob es sich bei all dem um Quacksalberei oder um seit Jahrtausenden bewährte Heilmethoden handelt, darüber will mir kein Urteil anmaßen. Wer heilt, hat Recht.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.


Regelmäßige Taiwan-News auf Deutsch gibt es aus der Münchner Taipeh-Vertretung (das ist quasi das Taiwan-Generalkonsulat für Süddeutschland). Alle zwei Wochen verschicken sie per Mail als PDF den Newsletter „Taiwan Aktuell“, in dem einige wichtige Meldungen auf deutsch übersetzt zusammengefasst sind.

Ich werde versuchen, den Newsletter künftig auch hier weiterzuverbreiten. Wer die PDF-Datei direkt erhalten möchte, kann sich in München bei doppler (at) mail.gio.gov.tw melden. Dank an Frederik E. für den Tipp

Weitere deutsche Quellen für regelmäßige Neuigkeiten:

Eingangsbereich des Münchner Büros 2010. Ob das Poster noch immer dort hängt?


Mit Taiwan hat dies zur Abwechslung nichts zu tun, jedenfalls nicht direkt. Ein kurzer Blick nach China:

Der blinde Anwalt Chen Guangcheng hat die amerikanische Botschaft nach wenigen Tagen wieder verlassen. Nach dem Tiananmen-Massaker 1989 ging ein ähnlicher Fall ganz anders aus: Mehr als ein Jahr lang lebte der Dissident Fang Lizhi streng abgeschirmt in der US-Botschaft in Peking, bis er China verlassen konnte. Vor einer Konfrontation mit der chinesischen Regierung scheuten die USA damals nicht zurück.

Es war eine Nacht und Nebel-Aktion wie aus einem Agentenroman: Am späten Abend des 5. Juni 1989, einen Tag nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung, schlichen zwei US-Botschaftsmitarbeiter durch den Hintereingang ins Pekinger Jianguo-Hotel. Im Zimmer eines amerikanischen Journalisten erwartete sie einer der meistgesuchten Männer des Landes: Fang Lizhi hatte den Zorn von Chinas Machthaber Deng Xiaoping mit einem offenen Brief auf sich gezogen, in dem er die Freilassung politischer Gefangener forderte.

In den Wirren nach dem Tiananmen-Massaker fürchtete der Astrophysiker um sein Leben und bat mit seiner Familie in der US-Botschaft um Asyl. Doch erst, nachdem das Außenministerium grünes Licht gegeben hatte, durfte Fang den rettenden amerikanischen Boden betreten. Ein unauffälliger Kleinbus schaffte ihn und seine Frau Li Shuxian vom Hotel aufs Botschaftsgelände. Mehr als ein Jahr lang sollten sie es nicht wieder verlassen.

Anders als in Fall Cheng Guangcheng gab das Weiße Haus schon am nächsten Tag bekannt, dass die Vereinigten Staaten dem Dissidenten Zuflucht gewährten. Entspannung brachte das nicht – im Gegenteil: „Die chinesische Regierung flippte aus“, erinnert sich der damalige US-Botschafter James Lilley in seiner Autobiographie („China Hands“, sehr lesenswert). „Für sie hatten wir uns in Chinas innere Angelegenheiten eingemischt und seine Souveränität verletzt.“

Nur ein halbes Dutzend von Lilleys engsten Vertrauten wusste, dass Fang und seine Frau Zuflucht in der Medizinstation gefunden hatten. Ohne Tageslicht und nur durch die Außenwand von den chinesischen Soldaten getrennt, die das Gelände umstellt hatten, setzen sie über ein Jahr lang kaum einen Fuß vor die Tür. Lebensmittel und Bücher wurden nachts in ihr Versteck geschmuggelt, damit das chinesische Botschaftspersonal keinen Verdacht schöpfte.

Ganz unbegründet waren die Vorsichtsmaßnahmen nicht: „Die CIA erfuhr, dass China darüber nachdachte, Fang mit einem Sondereinsatzkommando aus der Botschaft zu entführen“, schreibt James Lilley. Das Außenministerium bestellte daraufhin Chinas US-Botschafter ein, um mit Klartext zu reden. Weil der Dissident den diplomatischen Bemühungen im Weg stand, nach Tiananmen die Scherben des US-Chinesischen Verhältnisses zu kitten, suchten beide Seiten nach einen gesichtswahrenden Weg, Fang außer Landes zu schaffen. „Die Chinesen brauchten einen Vorwand, ihn ziehen zu lassen“, erinnert sich Lilley. In den Verhandlungen dramatisierte er Fangs Gesundheitszustand und bestand darauf, eine Behandlung im Ausland sei zwingend nötig.

So konnten Fang und Li am 25. Juni 1990 nach Großbritannien ausfliegen. Die Flucht von Chen Guangcheng hat „Chinas Andrej Sacharow“ nicht mehr erlebt: Nach zwei Jahrzehnten im Exil starb Fang Lizhi Anfang April mit 76 Jahren im US-Bundesstaat Arizona.


Mit großer Freude kann ich bekanntgeben, dass Blickpunkt Taiwan nach einer längeren Schaffenspause wieder online ist. Dieses schöne Blog gibt es schon seit 2007, einer Zeit also, zu der meine Taiwan-Kenntnisse sich in 30 Sekunden zusammenfassen ließen. Der Betreiber veröffentlicht u.a. regelmäßig eine kommentierte deutschsprachige Taiwan-Presseschau.

Wer sich mein kleines Buch Tschüß Deutschland, ni hao Taiwan noch nicht bestellt hat, aber mit dem Gedanken spielt: Bei blurb.com (der Firma, die das Buch druckt und verschickt) gibt es für Neukunden in Deutschland vom 5.-20. Mai 15 Prozent Rabatt, wenn man bei der Bestellung den Gutscheincode DEBL15 angibt.

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