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Archive for September, 2012

Wer sich für Taiwan interessiert, konnte in den vergangenen Wochen einiges Interessante aus der deutschsprachigen Blogosphäre erfahren. Vor allem Ludigels Output war mal wieder beträchtlich. Hier meine persönlichen Highlights.

Bürokratisches

In Sachen Papierkram-Pedanterie stehen Taiwaner den Deutschen in nichts nach. Ludigel hat sich daran gewagt, einen Pfad ins Dickicht zu schlagen. Er erklärt uns, wie man für in Taiwan geborenen Nachwuchs einen deutschen Pass beantragt, und versucht, Taiwans Rentensystem zu durchdringen: Hat man als Nicht-Staatsbürger auch Ansprüche und wenn ja, welche?

Und dann hat er noch herausgefunden: Lässt man sich von Amazon.de nach Taiwan liefern, wird offenbar die Umsatzsteuer erstattet, und Amazon kümmert sich ums Verzollen. Außerdem hat die Lieferung (eines Objektivs) nur drei Tage gedauert.

Heimisches

Taiwan buildings

Impressionen aus „Käfignesien“, Ludigels Wohnviertel in Taipeh. Über Fenstergitter, Parkplatzknappheit und Baulärm. Das ganz normale Leben halt.

Positives

Taiwan ist ein sicheres Land, freut sich Ludigel. Hier muss man sich spätabends im 7/11 weniger Sorgen machen als an einer Darmstädter Tankstelle.

Halbherziges

Im deutschen Redaktionsblog von Radio Taiwan International findet sich ein Bericht vom „Internationalen autofreien Tag“ in Taipeh. Da hat die Stadtregierung es doch tatsächlich geschafft, für einen halben Tag den Platz vor dem Rathaus für Autos zu sperren. Wahnsinn.

Was eigentlich passieren müsste, steht z.B. in diesem Kommentar in der Taipei Times.

Taiwan traffic, bike

Historisches

„Taiwan gehört sehr jeher zu China.“ So hört und liest man ja gelegentlich. Dass das großer Blödsinn ist, zu diesem Schluss kommen viele, die sich eingehend mit der Geschichte beschäftigen. Dezhong von Blickpunkt Taiwan hat sich die Mühe gemacht, über das Taiwan-Bild zur Zeit des chinesischen Kaiserreichs zu schreiben.

Tatsächlich sind konkrete Äußerungen zu Taiwan in altchinesischen Quellen mehr als spärlich. Der heutige Stand der seriösen Geschichtsforschung ist, dass es bis zum Ende der Ming-Dynastie (1368-1644) keine Aufschreibungen gibt, die sich eindeutig an Taiwan festmachen lassen. Das heißt natürlich nicht, dass kein Chinese zuvor jemals den Weg vom Festland auf „das andere Ufer“ gefunden hat.

Besinnliches

Luo2You1 macht sich so einige Gedanken über die geografischen Mittelpunkte Deutschlands und Taiwans.

Wahrnehmbar gemeinsam war beiden Orten ein dicker Stein, der unverrückbar bestätigte, dass die Suchenden selber im Mittelpunkt stehen. Denn die Zweifel an der Bedeutung solcher Punkte angesichts der eher willkürlichen Definition, technischen und tatsächlichen Meßbarkeit, der Veränderlichkeit staatlicher oder weniger staatlicher Gebilde, Motivation der Aufsteller sind enorm.

Und er hatte interessante Begegnungen in einer christlichen Kirche am Sonne-Mond-See: „Come back to God.“

Italienisches

Italienische Restaurant gibt’s in Taiwan viele, aber mit unseren europäischen Vorstellungen haben sie nicht immer viel gemein. Luo2You1 erinnert sich an einen Besuch:

Statt Parmesan, da die taiwanesische Reaktion auf würzigen Käse schwer einzuschätzen ist, gab es auf den Spaghetti Bolognese Bambusscheiben als „Käse-Fake“. Das passte und schmeckte gut zu den Nudeln. Zur Sicherheit hatte die Bestellerin noch eine extra Portion Teigtaschen geordert. Im übrigen war bei jedem Hauptgericht ein Glas Saft inbegriffen.

Auch in Ludigels Nachbarschaft hat so ein Taiwano-Italiener aufgemacht:

Der große Renner unter den Nudelgerichten ist ein chinesischer Seafood-Nudeltopf, bei dem lediglich die chinesischen Nudeln durch Spaghetti ersetzt worden ist. Etwa 50% der Kunden bestellen das. Die restlichen 50% bestellen Spaghetti mit Seafood, mit einer Art Bolognese dazu. Ich hatte immer Nudeln mit weißer Soße und Hühnerwürfeln drin, völlig geschmacklos, ohne Salz und ohne Wein und ohne Gewürze, aber hübsch anzusehen.

In der Nachbarschaft wurde der Laden ein großer Erfolg, so dass Ludigels taiwanische Familie ihn nun drängt, ebenfalls ein Lokal zu eröffnen.

Mein Einwand war immer, das wir als La Familia in Punkto Gastronomie keine Erfahrung haben würden, aber – so machte meine Frau deutlich – mangelnde Fachkenntnis ist in Taiwan kein Hinderungsgrund ein Geschäft auf zu machen.

Ich empfehle auch einen regelmäßigen Blick ins deutsche Forum von Deutschland.tw bzw. Forumosa.com und auf meine Liste weiterer deutschsprachiger Taiwan-Informationsquellen. Hinweise auf alles, was ich übersehen habe, sind immer willkommen.


Ein Spielcasino auf Matsu?

Gerade mache ich mir Gedanken, auf welche der Inseln, die zu Taiwan gehören ich als nächstes fahren sollte. Matsu, Kinmen, Xiaoliuqiu und Lüdao (Green Island) habe ich gesehen. Penghu und Lanyu (Orchid Island) stehen noch aus.

Eigentlich wäre Penghu an der Reihe. Aber ich glaube, ich werde noch einmal nach Matsu zurückkehren, wo ich letzten November ein paar Tage auf Nangan und Beigan verbracht habe. Denn (wie hier schon mal berichtet) Matsus Ruhe und Schönheit könnten bald Vergangenheit sein: Im Juli haben die Einwohner der Inselgruppe sich mehrheitlich dafür entschieden, dass Investoren ihnen ein riesiges Spielkasino in die unverbaute Natur k(l)otzen. Mit Hotels, Straßen, einem neuen Flughafen und allem, was sich aus Beton so machen lässt.

Sollte das Projekt nun tatsächlich realisiert werden, wären die Folgen verheerend.

There are few buildings on the island now. But its green hills could be dotted with high-rise hotels soon. Weidner expects 4.5m Chinese tourist-gamblers a year. Many could easily take the half-hour ferry ride over. An influx of Chinese gamblers could dramatically change Matsu’s calm atmosphere. But promises of convenience and prosperity have won over the local residents.

(Quelle: BBC)

Gemäß Taiwans Innenminister Lee Hung-yuan müssen vor dem Bau eines Casinos mehrere Probleme gelöst werden. Derzeit fehle es zum Beispiel an genügend Wasser; die momentane Wasserversorgung reiche für die derzeitige Bevölkerung und sei nicht für ein Casino-Resort konzipiert, so die China Times. Außerdem hätten weder die betroffene Lokalregierung, die Polizeibehörden noch sein Ministerium Erfahrungen mit Casinos.

(Quelle: Asienspiegel)

Aus dem Album Matsu: Abandoned military installations and bunkers

Dann ist da noch die nicht ganz unberechtigte Furcht vor Kriminalität. In Spieler-Hochburgen wie Macau weiß man Bescheid:

„Wo Casinos sind, da ist immer auch Kriminalität“, erklärte ein Sprecher der Behörden der Agentur Bloomberg in einem Telefoninterview. (…) Den Festgenommenen wird u. A. Geldwäsche, Betrieb illegaler Etablissements, Mord, Mordversuch und weitere Verbrechen vorgeworfen, die häufig von den Triaden begangen werden.

Aus dem Album Weird and interesting places on Matsu

Vielleicht bleibt Matsu aber auch verschont. Das wäre aber nicht unbedingt ein Grund zum Feiern, denn das würde wahrscheinlich bedeuten: Einwohner anderer Inselgruppen, wo sich leichter Geld verdienen lässt, haben sich auch blenden lassen. Dann ziehen die Geier einfach weiter.

Other casino giants hope the Matsu initiative increases pro-gambling sentiment in the Taiwan Strait archipelago of Penghu or in Kinmen, a group of Taiwan-controlled islands just off the swanky mainland city of Xiamen. Kinmen and Penghu have better infrastructure than Matsu, including bigger airports, meaning less investment and easier returns for any casino operators. Penghu voters turned down a casino initiative in 2009, due to fears that criminals would be drawn to the new resorts. The archipelago’s voters can try for a new referendum as early as September this year. (…) One of the first to strike in Taiwan may be the lesser known British firm Claremont Partners. The firm was formed via a management buyout of AMZ Holdings, which had initially bought land in Penghu ahead of the failed 2009 referendum. The company’s management „remains optimistic“ that the next Penghu referendum will pass as it prepares for an IPO in August, a Taipei-based shareholder in the firm said.

(Quelle: Knowledge Wharton)

Vielleicht sollte ich also doch lieber mal schnell nach Penghu fahren? Oder die Hoffnung darauf, dass der gesunde Menschenverstand sich am Ende gegen die Gier durchsetzt, doch nicht aufgeben? Keine leichte Entscheidung.

Ergänzung: Etwa so soll die Anlage aussehen


Der zweiwöchentliche Newsletter der Münchner Taipeh-Vertretung (s.u.) beschäftigt sich dieses Mal u.a. mit Präsident Mas Vorstellungen für Friedensgespräche in Sachen Diaoyutai-Inseln (alias Senkaku).

In der Rolle des Vermittlers für Frieden in der internationalen Gemeinschaft hat die Regierung der Republik China (Taiwan) die Initiative zur Friedenssicherung im Ostchinesischen Meer vorgeschlagen und die Richtlinien zur Umsetzung vorgegeben in der ernsthaften Hoffnung, dass alle Beteiligten Konfrontationen durch Verhandlungen ersetzen mögen und Kontroversen durch vorübergehende Maßnahmen beilegen werden, um den Frieden und die Stabilität in der Region aufrechtzuerhalten. Auf lange Sicht können wir von den dreigleisigen bilateralen Verhandlungen (zwischen Taiwan und Japan, Taiwan und Festlandchina und Japan und Festlandchina) zu gemeinsamen trilateralen Verhandlungen kommen und somit den Frieden und die Zusammenarbeit im Ostchinesischen Meer realisieren.

Außerdem geht es um ein neu unterzeichnetes taiwanesisch-chinesisches Abkommen zur Zusammenarbeit in Währungsfragen.

Sobald die Absichtserklärung in Kraft getreten sei, werde das Clearingsystem zwischen beiden Ländern offiziell eröffnet und die taiwanische Banken könnten Transaktionen mit dem festlandchinesischen Renminbi handhaben. Durch das Abkommen wird der Weg geebnet werden für weitere Gespräche zu relevanten Themen, wie z.B. die Schaffung eines eigenen Prozederes für Devisentermingeschäfte.

Und schließlich steht Musik aus Taiwan auf dem Programm in Starnberg, Heidelberg und München:

Das Hon-Tsai Ensemble auf Konzert Tournee in Deutschland

Die Mitglieder von Hon-Tsai repräsentieren eine neue Generation von Perkussion-Musikern aus Taiwan. Alle Ensemblemitglieder haben eine professionelle Musikausbildung und traten bereits vielfach bei Perkussion-Aufführungen auf. Besonders am Herzen gelegen ist dem Hon-Tsai Ensemble der Erhalt dieser Musikrichtung.

Zum Nationalfeiertag der Republik China (Taiwan) am 10.10. 2012 freuen wir uns Sie zu einem Konzertabend mit dem Hon-Tsai Ensemble einzuladen.

Mittwoch, 10. Oktober 2012 um 19 Uhr
Schloßberghalle, Vogelanger 2, 82319 Starnberg
Eintritt frei

Weitere Termine:

Samstag, 6. Oktober um 14 Uhr
Universitätsplatz, 69117 Heidelberg
Eintritt frei

20 Uhr
Marstallmensa, Marstallhof 4, 69117 Heidelberg
Eintritt frei

Montag, 8. Oktober 2012 um 19 Uhr
Stadthalle Kongresshaus, Kammermusiksaal, Neckarstaden 24, 99117 Heidelberg
Eintritt 15 € (erm. 8 €)

Samstag, 13. Oktober 2012 13 Uhr
Chinesische Schule in München e.V., Luisenstrasse 29, 80333 München
Eintritt frei

Wer die PDF-Dateien künftig direkt erhalten möchte, kann sich in München bei svenja.weidinger (at) gmx.net melden.

Weitere deutsche Quellen für regelmäßige Neuigkeiten:


MORGEN, 23.9.: Deutschsprachiger Gottesdienst in Taipeh

Evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache: Am 23. September um 15 Uhr findet in Taipei ein Familiengottesdienst mit Abendmahl und Taufe statt.

Ort: Mother of God Church in Tien Mou (171 Zhongshan North Road, Sec.7, am Kreisverkehr)

Kontakt:
Pfarrer Hanns Hoerschelmann, Email: info@egdshk.org

4.10.: Deutscher Wirtschaftsstammtisch in Taichung

The German Trade Office Taipei would like to invite you to our German Trade Office Wirtschaftsstammtisch in Taichung to a networking event for the German-Taiwanese business community in central and southern Taiwan.

Thursday, October 4, 2012, 6:30-9:30 pm
The Splendor Hotel Taichung – Wine and Cigar Bar

12F, No. 1049, Jianxing Rd., Taichung 403
台中日華金典酒店12樓雪茄館
台中市健行路1049號(台中港路旁)

Please join us for a delicious buffet and enjoy a free flow of beer, white or red wine as well as soft drinks from 6:30 to 9:30 pm. You are welcome to circulate this invitation among your colleagues as well as business partners in the region. For reservation please register with name and company via email to: yu.josephine (at) taiwan.ahk.de

The price will be 900 TWD per person. Please pay directly at the bar. Please register before September 28, 2012.

http://www.facebook.com/photo.php?fbid=10150724633423295

Ab 4.10.: Oktoberfeste in Taipeh

Jedes Jahr gibt es in Taiwan mindestens eins, zuweilen sogar mehrere Oktoberfeste mit bayrisch-deutschem Flair. So in diesem Jahr zum Beispiel im Restaurant Wendels in Tienmu vom 04. bis 21.10.2012.

28.10.: Taiwankonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Die traditionsreiche Sächsische Staatskapelle Dresden (gegründet 1548) wurde von der britischen Zeitschrift Gramophone 2008 als eines der zehn besten Orchester der Welt benannt.

Am 28. Oktober 2012, 19:30 Uhr wird die Staatskapelle in der National Concert Hall von Taipeh (bei der CKS-Gedenkhalle) auftreten und Werke von Richard Wagner (aus Tannhäuser und Rienzi) sowie die 1. Sinfonie von Johannes Brahms präsentieren.

Quellen: Newsletter Deutsches Institut, Deutsches Wirtschaftsbüro

Ich empfehle auch einen regelmäßigen Blick ins deutsche Forum von Deutschland.tw bzw. Forumosa.com. Weitere deutschsprachige Taiwan-Informationsquellen nenne ich hier. Und Hinweise auf alles, was ich übersehen habe, sind immer willkommen.


Warum Taiwaner auf deutsches China-Öl abfahren (und viel Geld ausgeben)

Es war für mich immer eines der großen ungeklärten Rätsel in Taiwan: Warum sieht man so oft Reformhäuser mit schwarz-rot-goldener Flagge, und wieso verkauft man dort „China-Öl“, das offenbar aus Deutschland stammt?

Irgendwann war meine Neugier so groß, dass ich einfach nachgeforscht und einen Artikel darüber geschrieben habe. Der ist in der Financial Times Deutschland erschienen:

Taiwan Chinaöl Reformhaus Germany
Außerdem habe ich noch diesen Text geschrieben:

Wo deutsche Qualität ihren Preis hat

Ein Glas Honig aus dem heimatlichen Elbe-Weser-Dreieck hat neulich in Taipeh bei mir für ein echtes Aha-Erlebnis gesorgt. Kaltgeschleudert und von Hand abgefüllt vom Imker in Klein-Meckelsen, ist der importierte Thymian-Honig hier ein echtes Premium-Produkt: Ein 500-Gramm-Glas kostet umgerechnet mehr als 30 Euro.

German Honey Taiwan

Solch edles Wabengold gibt es nicht im Supermarkt, sondern nur in einer Ladenkette mit dem ganz un-taiwanesischen Namen „Reformhaus“ und der deutschen Flagge als Logo. Schon seit längerer Zeit sind diese Geschäfte mir im Vorbeigehen aufgefallen, und nun wollte ich herausfinden: Was und wer steckt dahinter?

Herr der 16 Reformhäuser in Taiwans besten Lagen ist Wu Ching-Yun. Der 61-Jährige gelernte Apotheker setzt voll auf deutsche Gesundheitsprodukte. In seinen Läden sehe ich viel Bekanntes: Er importiert und verkauft auch Vitamin-Brausetabletten, Em-eukal Bonbons, Doppelherz-Pillen und, was mich am meisten erstaunt: China-Öl made in Germany.

Bestimmt haben viele in deutschen Apotheken schon mal das Pfefferminzöl in den gelb-blauen Fläschchen gesehen. Es kommt aus Berlin und ist so deutsch wie Birkenstock-Sandalen. Wer Taiwanern Berliner China-Öl verkaufen kann, muss wohl etwas richtig machen, und wäre Herr Wu ein Eskimo, würde er vermutlich Kühlschränke verticken.

Reformhaus Germany in Taiwan

„Deutsche Bioprodukte gelten in Taiwan als besonders rein und gesund“, verrät er mir den wichtigsten Grund für seinen Erfolg. Vom Qualitätsbonus profitieren im Ausland also nicht nur deutsche Autohersteller. Auf einer Messe in München entdeckte Wu in den neunziger Jahren das teutonische China-Öl und sicherte sich die Vertriebsrechte.

Glaubt man seiner Werbung, wirkt das Zeug nicht nur gegen Beschwerden jeglicher Art – wir Deutschen reiben es uns auch bei jeder Gelegenheit an die Schläfen, schnuppern an den Phiolen oder trinken es gleich in heißem Wasser verdünnt. Und in Umfragen wählen deutsche Apotheker es angeblich immer wieder zur beliebtesten Allzweck-Arznei schlechthin.

Für so ein Wundermittel kann Herr Wu von seiner zahlungskräftigen Kundschaft Preise verlangen, die ein Vielfaches über dem deutschen Niveau liegen. 100 ml kosten 70 Euro, und das 5-ml-Fläschchen, das auch in tausenden 7/11-Minisupermärkten an der Kasse liegt, immerhin sieben Euro. Der Absatz dieses Jahr soll 200.000 Flaschen übertreffen. Er könnte wohl noch höher sein, ließen sich viele Taiwaner das China-Öl nicht gleich von nach Deutschland reisenden Bekannten mitbringen.

Video: Glückliche Deutsche schnüffeln an China-Öl.

In Taiwans Reformhäusern gibt es kein Müsli und keine Jutesäcke. Hell und aufgeräumt wirken die Filialen, schwarz-rot-goldene Streifen prangen auf glänzend weißen Wänden. Trotz des Anti-Zipperlein-Sortiments sind nicht etwa Rentner die wichtigsten Kunden, sondern Frauen zwischen 30 und 50. „Die stehen voll im Berufsleben und haben viel Stress“, erklärt Wu. „Außerdem kaufen sie bei der Gelegenheit gleich für ihre Eltern mit ein.“

Die Beratung übernehmen Verkäuferinnen wie Novia Chiu, die im grün-weißen Dirndl auch Deutschland-Flair verbreiten sollen. Kein Wunder, erzählt die junge Frau, dass einige Kundenwünsche über die Gesundheitsprodukte herausgehen: „Manchmal fragen sie uns auch nach Tipps für die beste Deutschlandreise.“ Sie könnte ihnen ja mal Klein Meckelsen empfehlen.

German vitamin tablets in Taiwan Reformhaus

Dieser Text erschien auch im Rahmen meiner Taiwan-Kolumne in der heimatlichen Lokalzeitung.


So eine Meldung lässt aufhorchen: Taiwans Polizei hat vor einiger Zeit zwei 15-Jährige Jungen festgenommen, die sich offenbar als Zuhälter für zwei zwölfjährige Mädchen betätigt hatten. Die hätten mit dem in Stundenhotels verdienten Geld vor allem Markenkleidung gekauft, hieß es.

Die Boulevardmedien hier stürzen sich gern auf Geschichten von minderjährigen Messerstechern und Drogendealern. Ist Taiwans Jugend also verdorben und verkommen? Von wegen. Auch ohne direkt vergleichbare Statistiken bin ich mir ziemlich sicher, dass der durchschnittliche Teenager in Taiwan braver ist als in Deutschland.

Die Gründe liegen zum einen im traditionellen chinesischen Gesellschaftsmodell. Da wird Autorität großgeschrieben und nicht hinterfragt. Der Kaiser gebietet den Untertanen, der Lehrer den Schülern und die Eltern ihren Kindern. In Stein gemeißelt hat diese Ideologie Konfuzius, der dafür so sehr verehrt wird, dass man ihm sogar Tempel errichtet hat. Jedes Jahr wird sein Geburtstag als Lehrer-Tag gefeiert, und Schüler landauf, landab danken ihren Pädagogen dafür, dass sie an ihrem Wissen teilhaben dürfen.

Obwohl Taiwans Gesellschaft sich in den letzten Jahrzehnten gewaltig modernisiert und gewandelt hat, gilt auch in den meisten Familien nach wie vor, dass Kinder ihren Eltern zu gehorchen haben. Dazu gehört auch, sich in der Schule gefälligst anzustrengen, um der Familie keine Schande durch schlechte Noten zu machen. So verbringen die meisten Jugendlichen den größten Teil ihrer Zeit im Klassenzimmer, in der Nachhilfeschule oder zu Hause über Bücher gebeugt und haben wenig Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen. Dafür ruinieren sie sich die Augen: Zwei von drei 15-Jährigen sind kurzsichtig, was ein Weltrekord sein dürfte.

Auch auf der Uni hört die soziale Kontrolle nicht auf. Vor einiger Zeit haben Studenten beim Ausflug in die Berge ihre Namen auf eine Schrifttafel in mehr als 3200 Meter Höhe gekritzelt – und dazu den Namen ihrer Hochschule. Als die davon erfuhr, verdonnerte sie die Studenten dazu, sich auf den Weg zu machen und die Schmierereien wieder zu entfernen.

So wünschenswert soziale Kontrolle und behütetes Aufwachsen sein mögen, führen sie doch dazu, dass viele junge Taiwaner kaum eine Möglichkeit haben, Selbstständigkeit zu erlernen und Grenzen auszutesten. So stolpern sie nach dem Studium ziemlich unreif ins wahre Leben. Wenn sie dann heiraten und selbst Eltern werden, haben sie vielleicht drei oder vier Beziehungen hinter sich – im Schnitt.

Es gab allerdings mal eine Zeit, als Jugendkriminalität tatsächlich ein spürbares Problem wurde: In den frühen Neunzigern, als Taiwans Kriegsrecht gerade aufgehoben und die Demokratie noch nicht voll etabliert war. Die staatliche Autorität war geschwächt, und Jugendliche spürten plötzlich Freiräume, die vorher undenkbar waren. Aus diesen Jahren stammen Erzählungen von Motorroller-Gangs, Autodiebstählen und Drogenhandel. Heute sind die Übeltäter von damals wahrscheinlich selbst Eltern.

Eine Folge aus meiner Taiwan-Kolumne im heimatlichen Anzeigenblatt.