Japaner: Kolonialherren, Rivalen, Vorbilder?

Taiwan und Japan – das ist eine ganz besondere Beziehung. Für die einen ist Japan wirtschaftlich und kulturell ein  Vorbild, und außerdem Taiwans wichtigster Verbündeter in der Region. Für manche in Taiwan aber ist die ehemalige Kolonialmacht eine Art Erbfeind. Aktuell sorgt der Streit um die Diaoyutai/Senkaku-Inseln für Schlagzeilen.

Hello Kitty-Plakat in Taiwan

Gut, wenn Hello Kitty persönlich für Hygiene sorgt.

Japanische Popkultur

Hello Kitty ist allgegenwärtig. Das niedliche Cartoon-Kätzchen ohne Mund schmückt in Taiwan seit Jahrzehnten alle nur denkbaren Dinge – von Spielzeug und Süßigkeiten über Handtaschen für erwachsene Frauen bis zum Passagierflugzeug auf der Strecke Taipeh-Tokio. Hello Kitty ist aus Japan gekommen – wie so vieles.

Modetrends, Manga, Musik und Popkultur – für hiesige Teenager ist Nippon ein ebenso wichtiger Trendsetter wie die USA. Die Älteren lernen fleißig Japanisch – wichtigste Fremdsprache nach Englisch – und hoffen auf gute Geschäfte. Auch wenn Japans Wirtschaft seit 20 Jahren nicht mehr so rund läuft wie früher, bleibt das Land ein riesiger, weit entwickelter Markt, an dem viele Arbeitsplätze hängen.

1895-1945: Taiwan als japanische Kolonie

Ganz alte Taiwaner sprechen sogar besser Japanisch als Mandarin-Chinesisch, denn in ihrer Kindheit war Taiwan japanische Kolonie. Von 1895 bis 1945 wehte über Formosa die Flagge mit dem roten Sonnenkreis. Chinas Kaiserreich hatte nach einem verlorenen Krieg, der ganz woanders stattfand, die Insel abgetreten. Die Taiwaner selbst erfuhren erst mit Verspätung von ihrem Schicksal und waren alles andere als begeistert.

Lesen Sie auch meine Zusammenfassung der Geschichte Taiwans.

In den ersten Jahrzehnten der Kolonialherrschaft schlugen Japans Truppen viele Aufstände von chinesischen Taiwanern und Ureinwohnern blutig nieder. Irgendwann hatten sich die meisten dann mit ihren neuen Herren arrangiert.

Japan wollte die Insel zur Musterkolonie machen und erschuf eine Infrastruktur, die in Asien ihresgleichen suchte. Während China im Chaos versank, bekam Taiwan Eisenbahnen, Fabriken, moderne Krankenhäuser und ein erstklassiges Bildungssystem. Der Präsidentenpalast wurde als Sitz des japanischen Gouverneurs erbaut. Mit rotem Backstein, Säulen und Portalen erinnern mich Regierungsgebäude und Bahnhöfe dieser Epoche an Bauten aus dem deutschen Kaiserreich.

Presidential Palace Taipei

Der Präsidentenpalast in Taipeh war einst Sitz des japanischen Gouverneurs.

Taiwans klügste Köpfe kehrten voll fortschrittlicher Ideen vom Studium in Japan zurück, doch als das Bürgertum gerade ein bisschen mehr Selbstbestimmung durchgesetzt hatte, brach der zweite Weltkrieg aus. Viele Taiwaner mussten in Japans Armee kämpfen, ihre Heimat war Ziel von amerikanischen Luftangriffen.

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In Kriegsgefangenenlagern schufteten alliierte Soldaten als Zwangsarbeiter in Minen. Es dauerte lange, bis dort Gedenkstätten errichtet wurden.

Auch die „Comfort Women“, also Frauen, die von Japans Militär zur Prostitution gezwungen worden, bleiben ein heikles Thema. Auch Taiwanerinnen waren betroffen, und eine offizielle Entschuldigung Japans gab es noch nicht.

Taiwan (ROC) und Japan nach 1945

Japan verlor seine Kolonien 1945, und Taiwan fiel der Regierung der Republik China in den Schoß. Vom Regen in die Traufe, denn die neue Verwaltung plünderte die Fabriken, füllte sich die Taschen und massakrierte Taiwans Eliten – aber das ist eine andere Geschichte, die unter der Bezeichnung 228-Massaker bekannt ist.

Während Japaner in China oder Korea wegen ihrer früheren Gräueltaten oft schief angeguckt werden, fühlen sie sich in Taiwan im Großen und Ganzen willkommen. Mit 1,3 Millionen Touristen jährlich stellen sie die größte Gruppe nach den Chinesen. Dabei sind sie beliebter weil sie mehr Geld ausgeben, dezenter auftreten – und weil ihr Land Taiwan nicht bedroht.

Japan und die Republik China haben seit 1972 keine diplomatischen Beziehungen mehr. Trotzdem gilt Japan traditionell neben den USA als wichtigster strategischer Verbündeter Taiwans. Tokio hat großes Interesse daran, dass die Schifffahrtswege nach Japan nicht von China kontrolliert werden. Manche Experten spekulieren sogar, Japan wäre neben den USA das einzige Land, das Taiwan im schlimmsten aller Fälle möglicherweise auch militärisch zur Hilfe kommen würde.

Streit um Inseln im Ostchinesischen Meer

Seit einigen Monaten allerdings werden die Beziehungen zwischen Taipei und Tokio überschattet vom Konflikt um die Diaoyutai/Senkaku-Inseln. Ebenso wie die Volksrepublik erheben beide Seiten Anspruch auf diese Inselgruppe, die ungefähr auf halbem Weg zwischen Taiwan und Okinawa liegt.

Bisheriger Höhepunkt der Unstimmigkeiten war ein Wasserwerfer-Scharmützel zwischen japanischen Schiffen und einer Fischkutter-Flotte aus Taiwan, die von der Küstenwache begleitet wurde.

In Taiwan gibt es mehrere Gruppen von Diaoyutai-Aktivisten, die Japan gegenüber sehr kritisch eigestellt sind und sich eine härtere Gangart wünschen. Ich habe einen Ihrer Wortführer befragt, der sich sogar eine engere Kooperation mit Peking vorstellen kann, um Japan in die Schranken zu weisen.

Das Interview zum Nachlesen.

Ob die Inseln demnächst wieder in mediale Vergessenheit geraten? Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die Beziehungen zwischen Taiwan und Japan weiter entwickeln.

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Ein Kommentar zu “ Taiwan und Japan: Eine komplizierte Geschichte ”

  1. Stefan sagt:

    Die aelteren Taiwaner sind in der Regel aber auch zweisprachig – aber eben nicht Taiwanisch/Mandarin sonder Taiwanisch/Japanisch. In vielen Ecken in Taiwan wird im Alltag auch tatsaechlich vorwiegend Taiwanisch gesprochen, fuer die Aelteren gab es dann schlicht keinen Grund auch noch Mandarin zu lernen.

    Fuer die Juengeren hat aber die Schule Mandarin erzwungen.

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