Markenbildung und Selbstvermarktung auf Facebook, Twitter & Co.

Als freier Taiwanreporter für deutsche Medien besetze ich eine recht spezielle Nische. Um wahrgenommen zu werden, und um möglicherweise neue Geschäftsfelder zu erschließen, bin ich seit einiger Zeit recht aktiv in diversen sozialen Netzwerken. Außerdem macht es mir ganz einfach Spaß, mit so vielen Menschen wie möglich über ein Thema zu kommunizieren, das mir am Herzen liegt: Taiwan.

Mein Geld verdiene ich mit Berichten für klassische Medien: Zeitungen, Radio, Fernsehen. Immer mehr Zeit aber verbringe ich im Netz auf diversen sozialen Netzwerken. Nicht privat, sondern unter der Marke taiwanreporter.

 

Social Media taiwanreporter

 

Damit verdiene ich so gut wie nichts. Warum investiere ich als freier Journalist also so viel Zeit in Social Media-Aktivitäten? Einige der wichtigsten Gründe:

  • Claims abstecken

    Ich will gerüstet sein für die digitale Zukunft des Journalismus. Die Krise der Tageszeitungen macht in Deutschland ja gerade sehr deutlich, wohin der Trend geht: Ins Netz. Ob Verlagshaus oder Einzelkämpfer, dort hat jeder die gleichen Chancen, Leser/Zuschauer/Kunden zu erreichen. Aber nur, wenn er sich in seinem Spezialgebiet etabliert hat und weiß, wie er Aufmerksamkeit erzeugen kann.

    Journalismus wird immer multimedialer. Das Netz verwischt die Grenzen zwischen Text, Audio und Video. Als ausgebildeter Fernseh- und Radioreporter hatte ich zwar mal einen kleinen Startvorteil, was das Erzählen mit Bildern und Tönen angeht. Aber ich will mit neuen Entwicklungen Schritt halten. Man muss als Journalist nicht alles perfekt beherrschen, aber man sollte passende Werkzeuge auszuwählen können. Und dafür muss man wissen, welche Formen ankommen.

  • Persönlichkeit als Marke etablieren

    „Gefolgschaft“ hat einen unangenehm passiven Beigeschmack, also sagen wir es so: Ich möchte mir eine eigene Zielgruppe erschließen. Wenn ich für klassische Medien arbeite, weiß ich kaum, wen ich erreiche, und es kommen auch meist wenig Rückmeldungen. Für Zeitungsleser bin ich nur ein Name in der Autorenzeile, für Radiohörer eine Stimme ohne Gesicht und Geschichte.

    Das ist im Netz ganz anders. Meine „Follower“ (nennen wie sie der Einfachheit halber mal so) haben sich bewusst für mich als Nachrichtenquelle entschieden. Sie können erforschen, was ich schon alles über Taiwan gesagt und veröffentlicht habe, und sich ein Bild von mir machen. Wenn sie möchten, können sie direkt mit mir in Kontakt treten – auch zu Themen, die sie selbst vorgeben. Und da ich im Netz nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Chinesisch unterwegs bin, erreiche ich Menschen, die sonst nie von mit erfahren hätten – und ich nicht von ihnen.

  • Erfahrungen teilen

    Soziale Netzwerke eröffnen mir immer wieder neue Möglichkeiten für klassische Medienberichte. Ob es Anregungen für Geschichten sind oder Kontakte zu Ansprechpartnern. Eine kurze Frage, in die Runde geworfen bei Facebook oder Twitter, kann viel bringen.

    Besonders schön ist es, wenn die digitalen Bekanntschaften ins wahre Leben hinüberreichen. Viele der interessantesten Menschen, mit denen ich mich ab und zu in Taipeh auf einen Kaffee treffe, hätte ich ohne deren Blog oder meine Facebook-Seite nicht kennen gelernt.

taiwanreporter auf Facebook: ca. 2500 Follower

Man muss nicht alles mögen, was Herr Zuckerberg veranstaltet. Aber um wahrgenommen zu werden, führt derzeit kein Weg an Facebook vorbei. Ich bin dem Club erst relativ spät beigetreten und nutze mein persönliches Profil eher passiv: als Adressbuch, um auf interessante Links hingewiesen zu werden und um zu sehen, was alte Bekannte so treiben.

Meine taiwanreporter-Facebook-Seite allerdings brummt seit drei Jahren, und so lange sie sich gut entwickelt, werde ich dort auch weiter viel Zeit verbringen.

http://www.facebook.com/taiwanreporter

Seit meinem ersten Eintrag am 5. Januar 2010 schreibe ich auf Facebook vor allem auf Englisch. So erreiche ich die maximale Wirkung bei allen, die sich nie auf dieses primär deutschsprachige Blog verirren würden.

Was? Meine Facebook-Strategie

Thematisch ist meine Facebook-Seite ein Kessel Buntes rund um Taiwan. Natürlich möchte ich auch auf politische Diskussionen, ökologische Probleme und andere wichtige Themen aufmerksam machen. Um meine Follower aber zunächst einmal überhaupt zu gewinnen und dann nicht abzuschrecken, kombiniere ich harte Brocken mit leichter Kost. Fotos, Links zu originellen Blogs, Beobachtungen aus Taiwans Alltag. Ich denke, das Verhältnis liegt etwa bei 80% „interessant“ zu 20% „wichtig“.

Was kommt gut an? Ich habe über die Top 10 meiner beliebtesten Taiwan-Fotos 2012 gebloggt.

Wer? Meine Facebook-Fans

Aktuell haben fast 2500 Leute auf „Gefällt mir“ geklickt. Die meisten sind offenbar taiwanische Studenten, die sich dafür interessieren, was man sich auf Englisch (oder Deutsch) über ihr Land erzählt, und wie Ausländer Taiwan wahrnehmen.

http://www.facebook.com/photo.php?fbid=10151185019328295&set=a.10150818066653295.398272.234843808294

Interessant ist ein Blick auf die Facebook-Seitenstatistiken:

  • 1400 Follower befinden sich in Taiwan, 460 in Deutschland
  • 1004 nutzen Facebook auf Chinesisch, 978 auf Englisch, 353 auf Deutsch
  • Mehr als 40% der Nutzer sind zwischen 25 und 34 Jahren alt
  • Nur ganz wenige sind jünger als 18 oder älter als 54
  • Die Mehrzahl ist weiblich

Wer hört zu? Wie Facebook-Seiten im Blickfeld bleiben

Tausende von Fans, aber Probleme, sie zu erreichen: Viele Betreiber von Facebook-Seiten beklagten sich diesen Herbst darüber, dass ihre Beiträge immer seltener standardmäßig im News-Stream der Fans auftauchen. Wer die volle Aufmerksamkeit will, muss Facebook dafür bezahlen.

Einmal habe ich das auch ausprobiert und 8 Euro in diesen Post investiert, um mein neues Taiwan-Buch bekannt zu machen.

http://www.facebook.com/photo.php?fbid=10151143084958295&set=pb.234843808294.-2207520000.1356674099

Das Ergebnis: 7422 Leute haben das Bild gesehen. Mehr als jemals zuvor auf meiner Seite. 6856 von ihnen hätte ich nicht erreicht, ohne Geld auszugeben. Viele von ihnen wurden auch zu Followern.

Facebook Screenshot Seite bewerben

Ist es effektiv, auf Facebook seine eigenen Posts zu promoten? Offenbar ja. Werde ich es deswegen regelmäßig tun? Sicher nicht. Am Ende ist doch immer die Qualität des Content ausschlaggebend dafür, wie viele Menschen man erreicht.

Damit Facebook meine Posts nicht allzu vielen Fans vorenthält, steht nun dieses Bild immer ganz oben in meiner Chronik:

http://www.facebook.com/photo.php?fbid=10151145596473295&set=pb.234843808294.-2207520000.1356674099

taiwanreporter auf Twitter: ca. 1300 Follower

Auf den Tag genau vor drei Jahren sendete ich über meinen taiwanreporter-Twitter-Account meinen ersten Tweet in die Welt.

Mehr als 6000 Tweets sind es seitdem geworden. Und aktuell fast 1300 Follower.


Wofür? Meine Twitter-Nutzung

Ich bin kein Hardcore-Nutzer, aber ich schätze Twitter sehr.

  • Twitter ist ein wahnsinnig guter Newsticker und die schnellste Methode, sich über topaktuelle Entwicklungen zu informieren
  • Twitter ermöglicht niedrigschwellige, unverbindliche Kontaktaufnahme (anders als z.B. „Befreunden“auf Facebook oder die Herausgabe einer Mail-Adresse)
  • Twitter eignet sich auch für schnell dahingesagte Gedankenschnippsel, denen man woanders keinen dauerhaften Platz einräumen würde

Tweets sind flüchtig. Zwar werden sie gespeichert und bleiben theoretisch auffindbar, praktisch aber versenden sie sich schnell und entschwinden im unaufhörlichen News-Strom. Das ist Vor- und Nachteil zugleich.

Auf Twitter verbreite ich auch Links zu kontroversen politischen Themen, die ich von meiner Facebook-Seite eher fernhalte, um dort keine zu polarisierte Stimmung aufkommen zu lassen. Auf Twitter wird das meiner Erfahrung nach eher toleriert.

Außerdem ist Twitter natürlich der perfekte Kanal, um Meldungen aus anderen Netzwerken automatisiert weiterzuverbreiten. Ob neue Blogeinträge, Facebook-Posts oder Google Plus-Updates: Sie alle streue ich auch über Twitter. Wen es interessiert, der klickt, liest und teilt hoffentlich den Link. Wen es nicht interessiert, der muss sich nicht weiter gestört fühlen.

taiwanreporter auf Google Plus: in mehr als 250 Kreisen

Wer es nicht wirklich ausprobiert hat, belächelt Google Plus derzeit noch gern. Die „Geisterstadt“ ist aber drauf und dran, sich als lebendiges soziales Netzwerk zu etablieren. Ich bin mit meinem Account auch dabei. Besonders beliebt ist Google Plus derzeit bei:

  • Nutzern, die Facebook den Rücken gekehrt oder sich zumindest mental verabschiedet haben
  • Tech- und Medienspezialisten, die als klassische early adopter auf G+ oft mehr Follower haben als auf Facebook (der deutsche Techblogger Sascha Pallenberg aus Taipeh ist mit mehr als 76.000 Followern ein Paradebeispiel)
  • Fotografen, die Googles Integration von Picasa und die aufgeräumte Oberfläche schätzen, um ihre Arbeiten zu präsentieren

Wie ich auf Google Plus heimisch wurde

Am Anfang machte ich einen Fehler: Ich wollte Google Plus wie Facebook behandeln und richtete neben meinem persönlichen Account eine taiwanreporter-Seite ein. Die Folge: Ich verschwendete viel Zeit mit dem Hin- und Herwechseln und damit, Nutzer hier oder dort einzukreisen. Die Resonanz hielt sich sehr in Grenzen.

Vor zwei Monaten zog ich dann die Reißleine und gab bekannt, dass ich die Seite einmotte und meine Aktivität künftig komplett auf das persönliche Profil verlagere.

Seitdem macht Google Plus mir viel mehr Spaß, es kommen neue Follower dazu, und ab und zu stoßen meine Posts dort auch auf messbares Interesse. Ich denke, das wird noch mehr werden.

Google Plus Screenshot

Beispiel: Hinweis auf meinen taz-Bericht über Studentendemos in Taiwan

Bald führen alle Wege zu Google Plus

Google integriert G+ derzeit schrittweise so fest in sämtliche Dienste, dass es bald eine unverzichtbare Schaltzentrale für alle Nutzer mit Google-Konto sein wird. Wer wahrgenommen werden will, kann sein Profil schon mal fit für die Zukunft machen.

Google Author Snippet

Seit einiger Zeit nutze ich in diesem Blog sogenannte Author Rich Snippets, die dafür sorgen, dass Google-Suchtreffer meines Blog automatisch mit Links zu meinem Google Plus-Profil verbunden werden. In der Theorie heißt das: Wer so einen Kopf neben einem Suchergebnis sieht, klickt eher drauf.

taiwanreporter auf Youtube: ca. 300 Abonnenten

Videotechnisch begann mein Jahr 2012 mit einem absoluten Volltreffer. Mein Video des Silvester-Feuerwerks am Taipei 101-Wolkenkratzer, gedreht vor meiner Haustür und sofort hochgeladen, wurde viral. Die weltweiten Abrufzahlen gingen zwei Tage lang durch die Decke. Bis heute wurde das Video fast 900.000-mal abgerufen und ist natürlich hauptverantwortlich dafür, dass mein Youtube-Kanal kürzlich die Millionenmarke geknackt hat.

Finanziell profitiert habe ich davon leider nicht, denn damals war ich noch nicht im Youtube-Partnerprogramm.

Rund um Taiwans Präsidentenwahl im Januar 2012 habe ich dann diverse Mitschnitt von Kundgebungen und sonstigen Veranstaltungen hochgeladen. Einige davon wurden auch recht häufig abgerufen, etwa die internationale Pressekonferenz von Taiwans Präsident Ma Ying-jeou.

Seit ich Mitte des Jahres ins Youtube-Partnerprogramm aufgenommen wurde, gebe ich mir natürlich deutlich mehr Mühe, regelmäßig attraktiven Video-Content hochzuladen.

Eher aufwändig produzierte Videos schlagen zwar nicht viral ein, kommen aber langfristig gut an. Zum Beispiel das Porträt einer Straßenhändlerin in Taipei.

Im Jahr 2013 werde ich definitiv versuchen, ein regelmäßiges, aktuelles Videoformat aus Taiwan zu entwickeln. Der Knackpunkt ist: Es muss schnell zu produzieren sein, dabei optisch attraktiv sein, und es zieht mich nicht unbedingt selbst vor die Kamera.

Taiwan calling: Noch mehr soziale Dienste und Netzwerke

Manchmal verliere ich schon fast den Überblick darüber, wo ich Accounts eingerichtet habe. Diese Dienste nutze ich mehr oder weniger regelmäßig:

  • Blurb, um meine eigenen Bücher über Taiwan zu gestalten und zu verkaufen
  • Plurk, ein Twitter-Klon aus Taiwan, wo ich ab und zu auf Chinesisch poste
  • Slideshare, um PDF-Dateien und Powerpoint-Präsentationen zu teilen
  • Storify, um Social Media-Debatten zusammenzufassen (Beispiel: Aufregung über McDonald’s Bubble Tea-Werbung)
  • Bambuser, um mit Video-Livestreams vom Handy zu experimentieren
  • Flattr, um anderen die Möglichkeit zu geben, meine Arbeit mit einer kleinen Spende für die Bubble Tea-Kasse zu würdigen

Teaser für mein Buch „Taiwan: Snapshots of Democracy in Action“, gestaltet mit Animoto

Das könnte auch interessant sein:

Liebe Leser, eigentlich geht es bei der ganzen Geschichte ja nicht um mich, sondern um Sie. Wie kann ich meine Online-Aktivitäten so bündeln, dass Sie noch mehr davon haben?

Share on Facebook31Share on Google+0Tweet about this on TwitterEmail this to someone

3 Kommentare zu “ taiwanreporters Social-Media-Bilanz 2012 ”

  1. richard sagt:

    ich weiss nicht ob Du meine Email letztens erhalten hast, aber ich wirklich beeindruckt von Deinem Blog
    sehr untereschiedliche Themen und ausserst interessant wenn es um Mediennutzung geht
    Respekt Klaus

    rz

Trackbacks & Pingbacks:

  1. […] Kollege Klaus Bardenhagen berichtet trimedial vor allem aus Taiwan und hat sehr detailliert aufgeschrieben, welche seiner zahlreichen Social-Media-Aktivitäten ihm wirklich was bringen und welche er auch wieder eingestampft hat. Nützt Social Media Journalisten überhaupt was? Sein Bericht legt jedenfalls nahe: Auslandsreportern, die vor allem hier ihre Produkte verkaufen, offenbar schon, aber nur, wenn sie  bewusst und journalistisch damit umgehen. Für  Journalisten, die sich eine Marke machen wollen, sind das jedenfalls interessante  Zahlen und Erfahrungen. […]

Kommentar abgeben