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Archive for Mai, 2013

Aussöhnung statt Empörung

Streit unter Nachbarn ufert gerne aus. Taiwan und die Philippinen liegen derzeit im diplomatischen Clinch. Es geht um einen Toten, um diplomatische Gesichtswahrung und das gesunde Volksempfinden. Filipinos, die in Taiwan arbeiten, stehen zwischen den Fronten.

Pinoy event Taipei

Die Sonne knallte so stark, dass die Menschen im Park sich in den Schatten der Bäume zurückzogen. Es gab gratis Mittagessen, auf der Bühne sprachen Redner von Freundlichkeit und Völkerverständigung. Angenehme Stimmung herrschte letzten Sonntag auf diesem Straßenfest in Taipeh. Taiwaner hatten eingeladen, Filipinos waren gekommen. Für die ist Sonntag oft der einzige freie Tag.

Mein Video der Veranstaltung, inkl. Interview mit einem der Organisatoren:

Der Hintergrund dieser Veranstaltung war leider nicht schön: Ein Mensch ist tot, die Regierungen Taiwans und der Philippinen streiten sich, und die fast 80.000 Filipinos, die in Taiwan arbeiten, könnten es ausbaden. Daher die Aufrufe: Seid nett zueinander!

Tod auf hoher See

Mit Schüssen auf hoher See begannen die Probleme vor knapp drei Wochen. Die philippinische Küstenwache traf auf ein taiwanisches Fischerboot. Der Ort: Gewässer, in denen beide Seiten Fischereirechte geltend machen. Was genau passierte, ist unklar. Jedenfalls eröffnete die Küstenwache das Feuer und durchsiebte das kleine Boot mit etwa 50 Kugeln, bevor sie abdrehte. Ein 65-Jähriger Fischer wurde getötet.

Was ist passiert? Taiwans offizielle Version im Video des Außenministeriums:

So nah und doch so fern? Taiwan und die Philippinen

Taiwan hat ein nicht ganz einfaches Verhältnis zu seinem Nachbarn im Süden. Die Philippinen mit ihren über 7000 Inseln und 92 Millionen Einwohnern (mehr als Deutschland) liegen Taiwan näher als alle anderen Länder, abgesehen von China. Wirtschaftlich aber spielen sie zwei Klassen tiefer. Zahllose Filipinos müssen in die Welt hinausziehen, um Geld für ihre Familien zu verdienen – oft als Seeleute.

In Taiwan erledigen sie Arbeiten, für die Einheimische nicht mehr zu gewinnen sind: Die Männer arbeiten am Fließband oder als Bauarbeiter, die Frauen als Dienstmädchen und Altenpflegerinnen. Für viele Taiwaner ist „Filipino“ gleichbedeutend mit „Gastarbeiter“, und einige werden regelrecht ausgebeutet.

Lesetipp (engl.): Taiwans „Ausländer zweiter Klasse“

Auf einige Inselgruppen im Südchinesischen Meer erheben beide Seiten ebenso Anspruch wie andere Länder der Region – ein ungelöstes Problem, das aber normalerweise nicht in Gewalt umschlägt. Fischgründe sind ein weiterer Konfliktherd. Weil die küstennahen Gewässer bald leergefischt sind, fahren die Boote immer weiter hinaus, und Zusammenstöße sind die Folge.

Screenshot von der englischen Website des ROC-Außenministeriums:

MOFA Cold Blooded Murder

Die Empörungsspirale dreht sich

Nach dem Tod des Fischers entflammte in Taiwan der Volkszorn, angeheizt durch Medien und Politiker, die sich parteiübergreifend durch betont nationalistisches Auftreten profilierten. Mindestens ein DPP-Abgeordneter war sich nicht zu blöd dazu, vor laufenden Kameras die Flagge seines Nachbarlandes zu verbrennen.

Die Reaktion der Philippinen konnte die Wogen nicht glätten – im Gegenteil. Taiwan redet von „kaltblütigem Mord“, verlangt ein offizielles Schuldeingeständnis, eine Entschuldigung der Regierung in Manila und Entschädigung für die Familie des Getöteten.

Englische Website des Außenministeriums zu dem Vorfall

Die Philippinen sprachen zunächst nur von einem unbeabsichtigten Zwischenfall und ließen einen Gesandten des Präsidenten dessen persönliche Entschuldigung ausrichten. Weil das den Taiwanern nicht gut genug war, setzten sie Sanktionen in Kraft: Anwerbestopp für Filipinos, Einfrieren der gegenseitigen Zusammenarbeit, Zurückholen der offiziellen Gesandten. Sogar Sportmannschaften, die in Taiwan antreten sollten, wurden ausgeladen.

Manila, Taipeh und der China-Faktor

Der Unmut von Taiwans Regierung lässt sich wohl zum Teil auch damit erklären, dass die Philippinen es mit ihrer „Ein-China-Politik“ begründen, warum eine offizielle Entschuldigung von einer Regierung zur anderen nicht möglich sei. Mit der selben Begründung hatte Manila Taipeh vor gut zwei Jahren brüskiert: 14 in den Philippinen festgenommene Taiwaner, die einer Straftat verdächtigt wurden, sind damals an die Volksrepublik statt nach Taiwan ausgeliefert worden.

Bald gab es Berichte, dass einige Taiwaner ihre Empörung an Filipinos auslassen, mit bösen Worten und sogar durch Übergriffe. Einige stellten sich als frei erfunden heraus, andere nicht.

Erst nach mehreren Tagen riefen Politiker dazu auf, Filipinos in Taiwan anständig zu behandeln. Zum Glück gibt es eine rege Zivilgesellschaft, die mit Aktionen wie dem Straßenfest deutlich macht: Von einigen Idioten auf beiden Seiten lassen wir uns nicht aufeinander hetzen.

Meine Fotos von der Veranstaltung

Schweigeminute Filipinos Taipei

Nach einigen Wochen Krisenstimmung können die Regierungen nun wieder vernünftig miteinander reden. Beide Seiten haben Teams von Ermittlern zur Gegenseite geschickt, die zunächst herausfinden sollen, was eigentlich genau passiert ist.

Es sieht so aus, als ob die Vernunft sich am Ende doch noch durchsetzt.


Giant – Taiwans Fahrrad-Riese

Vielleicht fahren Sie ein Rad Made in Taiwan – und ahnen nichts davon? Giant, einer der größten Hersteller weltweit, sitzt hier auf der Insel.

Vor einiger Zeit hatten wir mit einer Journalistengruppe das Werk besichtigt und mit dem Chef geplaudert. Für Antony Lo ist Deutschland der wichtigste Markt in Europa. Besonders freut er sich darüber, dass wir Geschmack an E-Bikes gefunden haben, die den Radler per Elektromotor unterstützen. „Früher haben Deutsche vielleicht 500 Euro für ein gutes Rad ausgegeben. Heute sind es 2000 Euro und mehr für ein E-Bike.” Daran verdient seine Firma gut.

Giant Bicycles CEO Antony Lo

„Made in Taiwan“ ist auch nicht mehr, was es mal war

Das Label “Made in Taiwan” stand ja mal für billige Massenware. Mit Plastikspielzeug, Regenschirmen und Textilien begann in den siebziger Jahren das Wirtschaftswunder.

Heute produziert Taiwan High Tech-Produkte mit Marken wie Asus oder HTC. Auch Giant hat sich in den vergangenen 40 Jahren neu erfunden.

1972 gegründet, war das Unternehmen zunächst ein klassischer Auftragsproduzent (OEM). In den Achtzigern etablierte Giant den eigenen Markennamen und investierte in die damals noch sehr teure Kohlenstoff-Faser-Technik, die besonders leichte Rahmen ermöglicht.

Heute produziert Giant nach eigenen Angaben mehr als fünf Millionen Fahrräder jährlich und liegt mit mehr als 1,5 Mrd. US-Dollar Umsatz weltweit an der Branchenspitze.

Giant bikes production Taiwan

Seit 1992 gibt es auch Werke in China. Aber anders als viele taiwanesische Unternehmen hat Giant nicht seine komplette Fertigung aufs Festland verlagert. In Taiwan stellen 2000 Arbeiter Kohlenstoff-Faser-Teile her und montieren besonders hochwertige Räder. Darunter auch Gastarbeiter aus südostasiatischen Ländern.

So sieht die Montage in der Giant-Fahrrad-Fabrik in Taichung aus (Video):

Und wer hätte das gedacht? Speziell für den europäischen Markt produziert Giant in Holland mit etwa 500 Mitarbeitern.

Fahrräder als Premium-Produkte

Das Wettrennen um den günstigsten Preis wolle er nicht mitmachen, sagt Antony Lo. Etwa die Hälfte des Umsatzes kommt aus Europa und den USA – Regionen, in denen kaufkräftige Kunden das Fahrrad als Sportgerät entdecken. “Früher galten Fahrräder eher als billiges Spielzeug”, erzählte Lo uns. “Heute erkennen immer mehr Menschen, dass sie damit etwas für ihre Gesundheit tun können.” Und zwar auch in entwickelten asiatischen Ländern wie Taiwan und Südkorea.

Giant betreibt in Taipeh im Auftrag der Stadtregierung das Youbike-Leihfahrrad-System. Im vergangenen Jahr hat es zwar rasant an Beliebtheit gewonnen, weil mehr Leihstationen aufgemacht wurden. Dennoch hat sich bei Taiwans Pendlern das Rad noch nicht wirklich durchgesetzt.

Immerhin: viele Großstädter, die per Motorroller oder Auto zur Arbeit fahren, schwingen sich am Wochenende in voller Profi-Montur auf den Sattel und erkunden die Umgebung.

Lesetipp: Die besten Strecken zum Radfahren in Taipeh

Giant Anyroad bikes showroom

Das Rad neu erfinden kann Giant nicht, aber zumindest am Detail feilen: Im April 2013 eröffnete die Firma in Düsseldorf ihre erste deutsche Fahrradhandlung unter dem eigenen Namen. Dort gibt es auch eine Produktreihe mit Rädern speziell für Frauen. “Früher waren Damenräder einfach nur ein bisschen kleiner”, sagte Lo. “Dabei ist der Körperbau von Frauen ganz anders. Vor ein paar Jahren haben wir weibliche Ingenieure und Designer darauf angesetzt, und nun verkaufen wir Räder von Frauen für Frauen.“

Wenn Sie also Taiwans Wirtschaft unterstützen wollen, treten Sie doch mal wieder in die Pedale.

So radelt es sich in Taipeh: Mein Video aus Fahrrad-Perspektive

Lesetipp: Wie man als Radfahrer in Taipeh überlebt


Help Filipino and other foreign laborers in Taiwan

Taipei and Manila are currently in crisis mode after a Taiwanese fisherman was shot and killed by the Philippine coastguard on May 9. Most Taiwanese, it seems, are angry about the Philippine government’s response, which the Taiwanese side claims to be insincere. One group that is definitely not guilty, but suffering under the current situation, are Filipino workers in Taiwan.

A group of filmmakers in Taiwan has for a long time been working on a documentary that highlights the many hardships that migrant workers from Southeast-Asian countries often face in Taiwan. Workers, maids and caretakers from the Philippines, Vietnam or Indonesia are sometimes exploited by Taiwanese and have to deal with racist attitudes and other stereotypes. In the past week, there have been media reports about Pinoys being discriminated against and even beaten up as some Taiwanese are apparently carried away by nationalistic fervor.

How you can support „I Have it Maid“

The documentary is called „I Have it Maid“. The filmmakers are currently trying to raise more funds via Kickstarter. The target is US$7000, and there still is some way to go. If you want to support them, you only have time until this Friday, May 24.

Click here to back the project

In this video, you can see that they have already been busy filming interviews, demonstrations and other footage:

You can give as little as one dollar. For US$15, the filmmakers promise you a download of the film when it’s completed. That is the option I just went for. If you want to give even more, you can choose DVDs, T-Shirts, your name in the credits etc.

Read my blog entry about Taiwan’s 2nd class foreigners

I’ve met Alex Wolfgram, one of the filmmakers, personally and have the feeling that he is deeply interested in Taiwan and its society. This will be no film bashing Taiwan. The Taipei Times published an article about Wolfgram and this documentary project.


Discrimination against Filipinos in Taiwan? Current reports

Update: Some media reports turned out to be based on made-up stories

The National Police Agency said (on May 20) that it had received three reports of Filipinos being attacked.

The most recent case involved several Taiwanese youths who attacked a Filipino at his dormitory and damaged property in the dormitory in Hsinchu County on Sunday.

However, the Hsinchu police said that one of the youths claimed that he assaulted the Filipino because he thought he was being laughed at, and that the attack was not incited by the dispute between Taiwan and the Philippines.

(Source)

Want to know more? These are some media reports on the current developments:

How Taiwan can improve migrant workers‘ conditions

In late February, Taiwan’s government invited a group of reknown international human rights experts to Taiwan. Their mission was to independently review Taiwan’s implementation of the United Nations’ human rights conventions.

While most media coverage was about their criticism of the way the death penalty is executed in Taiwan, the experts in their concluding observations also mentioned the situation of migrant workers:

38. A matter of serious concern is the abuse of rights and the absence of rights of migrant workers in such areas as their recruitment, mostly involving exorbitant brokers’ fees, their almost complete dependence on their employers, and the restrictions on their transfer between employers, the loss of their status as documented workers, and their becoming undocumented with the attendant risk of deportation. Domestic workers are among the most vulnerable of migrant workers in terms of excessive working hours, low wages, and their vulnerability to sexual harassment. It is also a matter of concern that migrant workers, including domestic workers, are not covered by basic labour protection legislation, such as the Fair Labour Standards Act and the Labour Safety and Health Act. Further, it is a serious problem that even the most basic rights which, under international human rights standards, are to be attributed to everyone, and which include in particular the rights to food, housing and health care, are not secured for undocumented workers.

39. The Experts therefore recommend that (i) basic labour protection legislation such as the Labour Standards Act and the Labour Safety and Health Act, be made more inclusive so as to cover migrant workers, domestic workers, and dispatched workers; (ii) the exploitation by recruitment brokers be more closely controlled and abuses penalized; (iii) the rights of migrant workers enabling them to transfer between employers be extended; (iv) the right of everyone, including nationals and non-nationals, documented and undocumented, to enjoy very basic human rights, notably the rights to food, housing and health care, be guaranteed; and (v) proposals to delink the basic wages of foreign workers from those of Taiwanese citizens be rejected as in violation of United Nations and International Labour Organization standards.

 

Source: Review of the Initial Reports of the Government of Taiwan on the Implementation of the International Human Rights Covenants. Concluding Observations and Recommendations (PDF)

I Have it Maid: Filipino Worker

About me

I am a German reporter living and working in Taiwan. Read more English posts on this otherwise mostly German blog. You can also follow me on Twitter, Facebook, Plurk, and Google Plus.

English posts you might want to have a look at:


Endlose Tage unter Neonröhren

Öde, aufreibend und mies bezahlt: So schimpfen viele Angestellte in Taiwan über ihre Arbeit. Trotzdem beschweren sie sich selten. Lieber kündigen sie selbst.

Büro Arbeit in Taiwan

Es kann nicht jeder Mangos anbauen, Computer zusammenschrauben oder auf dem Taipei 101-Wolkenkratzer Souvenirs verkaufen. Die meisten Taiwaner arbeiten im Büro. Doch viele sind damit nicht gerade zufrieden. Die Klagen meiner Bekannten ähneln sich: Zu lange Arbeitszeiten, zu wenig Geld, beratungsresistente Chefs und langweilige Aufgaben. Vieles davon ist kulturell verwurzelt und schwer abzustellen.

Ein Stamm der Unterforderten

„Shangbanzu“ (上班族) nennen die Büroangestellten sich selbst auf chinesisch. Das bedeutet so viel wie „vom Stamme der Werktätigen“. Besuche ich sie in einem ihrer Großraumbüros, fällt mit immer wieder auf, mit wie viel Aufwand das Tageslicht draußen gehalten wird. Die Fenster in den Büroetagen sind verhängt oder mit Folien verdunkelt. Dafür leuchten ständig die Neonröhren von der Decke. Darunter sitzen die Stammesangehörigen in kleinen Boxen, durch brusthohe Stellwände voneinander abgetrennt, auf viel zu niedrigen Drehstühlen vor ihren Bildschirmen. Und sitzen die Zeit ab.

Büro Arbeit in Taiwan

Eigeninitiative wird von kleinen Angestellten normalerweise nicht erwartet. In vielen Unternehmen scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Es ist nicht so wichtig, dass Du effizient arbeitest und viel erledigst. Hauptsache, Du zeigst Präsenz und beweist damit, dass die Firma Dir wichtig ist. Die reguläre Arbeitszeit dauert von 9 bis 18 Uhr, aber sehr viele bleiben ganz selbstverständlich länger. Vor dem Chef Schluss zu machen, gilt als Zeichen mangelnden Einsatzes.

Ein deutscher Manager erzählte mir einmal, dass er seine einheimischen Mitarbeiter oft geradezu nötigen muss, endlich heimzugehen. So schlagen die Shangbanzu ihre Zeit mit Internet-Plaudereien tot, wo sie doch viel lieber schon auf dem Mofa zum nächsten Nachtmarkt sitzen würden. Bezahlt oder sonstwie abgegolten werden solche Überstunden natürlich nicht.

Lesetipp: Was deutsche Manager über Taiwans Angestellte sagen

Taiwans Vorgesetzte: Kritik unerwünscht

Überhaupt, die Chefs: Der konfuzianischen Logik zufolge hat man sie als Untergebener nicht zu kritisieren. Und Verbesserungsvorschläge oder Einwände gelten als Kritik. Besonders fürchten die Shangbanzu endlose Konferenzen ohne Ergebnis, deren einziger Sinn es ist, den Vorgesetzten eine Stunde und länger reden zu lassen.

Büro Arbeit in Taiwan

Endlose, triste Tage im Büro sind nun auch in Deutschland nicht ganz unbekannt. Dort aber kann man sich zumindest sicher sein: Der nächste Urlaub kommt bestimmt. Und dann noch einer. Taiwaner haben nicht so viel, auf das sie sich freuen können.

Der gesetzliche Urlaubsanspruch ist gestaffelt nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit:

  • Nach einem Jahr: 7 Tage
  • 3-5 Jahre: 10 Tage
  • 5-10 Jahre: 14 Tage
  • Danach: einen Tag zusätzlich pro Jahr, max. 30 Tage

Wenigstens ist die Sechs-Tage-Woche schon seit einiger Zeit abgeschafft. Weihnachten gilt hier nicht als Feiertag. Über Chinesisch Neujahr Anfang Februar gibt es dafür je nach Lage des Wochenendes fünf, sieben oder gar neun freie Tage am Stück. Gefühlt sind das dann drei Wochen.

Lesetipp: Porträt einer Angestellten in Taiwan

Gehalt in Taiwan: Der 22K-Fluch

Und was ist der Lohn dafür? Taiwans Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 1000 Euro. Mit Uni-Abschluss und ein paar Jahren Berufserfahrung ist das im Vertrieb oder Marketing durchaus drin.

Berufseinsteiger allerdings haben es zur Zeit besonders schwer. Sie sind Leidtragende der lahmenden Wirtschaft und können seit einigen Jahren eher mit einem Startgehalt von um die 600 Euro rechnen. 22.000 Taiwan-Dollar haben sich eingebürgert. Die Berufseinsteiger nennt man daher auch 22K族, also „vom Stamme der 22-Tausender“. Das geht schon in Richtung gesetzlicher Mindestlohn. Der liegt um die 500 Euro.

Wer es in Taiwans Büros nicht mehr aushält und eine Auszeit braucht, kündigt oft selbst. Damit verwirkt er seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, kann aber endlich die lang geplante Urlaubsreise angehen und sich im Anschluss frisch gestärkt einen neuen Job suchen. Dabei erwarten die Angestellten, dass mit dem Neueinstieg auch ihr Gehalt steigt. Dieses Job-Hopping (跳槽 tiaocao) ist in Taiwan viel üblicher als etwa in Deutschland, wo viele sich ja noch immer ihrer Firma auf Lebenszeit verpflichtet fühlen.

Was sind Ihre Beobachtungen? Habe ich übertrieben, verbessert sich die Situation, oder wird es eher schlimmer?


Zwei Dokumentarfilme aus Taiwan, die Mut machen: „Go Grandriders“ und „Young at Heart“

Alt, aber oho. Zwei Dokumentarfilme erzählen davon, wie Senioren in Taiwan ihr Leben aufregend machen, statt zu Hause zu sitzen.

Go Grandriders 不老騎士

Go Grandriders

Sie sind keine lässigen Easy Rider, und sie haben auch keine Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt: 13 Tage brauchten die 16 Männer und eine Frau, um auf ihren Motorrollern Taiwan zu umrunden. Andere schaffen das in kürzerer Zeit per Fahrrad. Die Teilnehmer an dieser Tour aber haben öfter mal Pause gemacht, denn sie waren im Schnitt 81 Jahre alt.

Vor einiger Zeit lief in Taiwans Kinos der Dokumentarfilm „Go Grandriders“. Es ist eine Geschichte von Menschen, die sich nicht abschreiben lassen wollen. Sie wagen sie ein Abenteuer, um sich selbst und anderen zu beweisen: Wer alt ist, muss noch lange nicht den ganzen Tag zuhause sitzen.

(Trailer. Und eine längere Version.)

Einige von ihnen müssen sich zunächst gegen den Widerstand ihrer Familie durchsetzen, andere stoßen im Lauf der Fahrt an ihre gesundheitlichen Grenzen. Gemeinsam erreichen sie etwas, auf das sie stolz sein können. Und Spaß haben sie außerdem. Wer sieht, wie die ollen Taiwaner sich gegenseitig aufziehen, verliert den Glauben an das Klischee von den humorlosen Asiaten ganz schnell.

Die Idee für die Fahrt entstand bei der Hondao-Stiftung, deren Ziel es ist, alte Menschen vor die Tür zu bringen und für gemeinsame Ziele zu begeistern. Von der Gründung einer Baseball-Seniorenmannschaft bis zur Aufführung eines Theaterstücks reichen die Projekte. Die meisten Taiwaner dagegen werden im Alter zu Hause gepflegt, und wenn die von der Familie angeheuerte südostasiatische Pflegerin sie mal in den Park begleitet, ist das schon der Höhepunkt des Tages.

Aktuell sind zehn Prozent der Taiwaner älter als 65. Im Jahr 2060 werden es 40 Prozent sein, schätzt die Regierung. Überlegungen, wie man sich darauf vorbereiten soll, gibt es viele. „Es reicht aber nicht, einfach nur Geld in die Altenpflege zu stecken“, sagte die Geschäftsführerin der Hondao-Stiftung in einem Interview. „Die gesellschaftliche Erwartung, dass sie zu Hause bleiben, lässt alte Menschen ihr Selbstvertrauen verlieren und führt nur zu noch mehr Problemen.“

Tipp: Mein Eintrag über Taiwans alternde Gesellschaft

Aktionen wie die Insel-Rundfahrt sind aufwändig. Die Teilnehmer wurden ärztlich betreut und konnten jederzeit vom Motorroller in den Begleit-Bus umsteigen, wenn Kopf oder Körper eine Pause brauchten. Fast alle haben aber durchgehalten. Abends machte die Gruppe Station in Pflegeheimen. Es sind mit die bewegendsten Szenen des Films, wenn sie dort von ihrer Taiwan-Rundfahrt erzählen und die Bewohner mit ihrer Begeisterung anstecken. So erfüllen sie sich einen Traum und sind zugleich Botschafter für andere.

Eine Gruppe Motorradfahrer aus den USA ließ sich von der Geschichte inspirieren, für eine gemeinsame Tour nach Taiwan zu kommen.

Young at Heart: Grandma Cheerleaders 青春啦啦隊

Young at Heart: Grandma Cheerleaders

Dass es auch ohne Motorroller geht, zeigte kürzlich ein anderer Dokumentarfilm aus Taiwan namens „Young at Heart: Grandma Cheerleaders“.

(Trailer. Und eine andere Version, ohne englische Untertitel.)

Er erzählt davon, wie eine Seniorengruppe sich monatelang auf ihren großen Auftritt vorbereitet: Als Pompon-schwingende Cheerleader bei den World Games in Kaohsiung 2009. Den begeisterten Jubel der Zuschauer am Ende haben sie sich verdient.

Beide Filme blenden Krankheit und körperlichen Verfall nicht aus. Im Gegenteil. Gerade das macht sie so anrührend.

Young at Heart: Grandma Cheerleaders

In Taiwan sind beide Filme auf DVD erhältlich. Ich würde mir wünschen, dass sie auch in Deutschland zu sehen sind.