Endlose Tage unter Neonröhren

Öde, aufreibend und mies bezahlt: So schimpfen viele Angestellte in Taiwan über ihre Arbeit. Trotzdem beschweren sie sich selten. Lieber kündigen sie selbst.

Büro Arbeit in Taiwan

Es kann nicht jeder Mangos anbauen, Computer zusammenschrauben oder auf dem Taipei 101-Wolkenkratzer Souvenirs verkaufen. Die meisten Taiwaner arbeiten im Büro. Doch viele sind damit nicht gerade zufrieden. Die Klagen meiner Bekannten ähneln sich: Zu lange Arbeitszeiten, zu wenig Geld, beratungsresistente Chefs und langweilige Aufgaben. Vieles davon ist kulturell verwurzelt und schwer abzustellen.

Ein Stamm der Unterforderten

„Shangbanzu“ (上班族) nennen die Büroangestellten sich selbst auf chinesisch. Das bedeutet so viel wie „vom Stamme der Werktätigen“. Besuche ich sie in einem ihrer Großraumbüros, fällt mit immer wieder auf, mit wie viel Aufwand das Tageslicht draußen gehalten wird. Die Fenster in den Büroetagen sind verhängt oder mit Folien verdunkelt. Dafür leuchten ständig die Neonröhren von der Decke. Darunter sitzen die Stammesangehörigen in kleinen Boxen, durch brusthohe Stellwände voneinander abgetrennt, auf viel zu niedrigen Drehstühlen vor ihren Bildschirmen. Und sitzen die Zeit ab.

Büro Arbeit in Taiwan

Eigeninitiative wird von kleinen Angestellten normalerweise nicht erwartet. In vielen Unternehmen scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Es ist nicht so wichtig, dass Du effizient arbeitest und viel erledigst. Hauptsache, Du zeigst Präsenz und beweist damit, dass die Firma Dir wichtig ist. Die reguläre Arbeitszeit dauert von 9 bis 18 Uhr, aber sehr viele bleiben ganz selbstverständlich länger. Vor dem Chef Schluss zu machen, gilt als Zeichen mangelnden Einsatzes.

Ein deutscher Manager erzählte mir einmal, dass er seine einheimischen Mitarbeiter oft geradezu nötigen muss, endlich heimzugehen. So schlagen die Shangbanzu ihre Zeit mit Internet-Plaudereien tot, wo sie doch viel lieber schon auf dem Mofa zum nächsten Nachtmarkt sitzen würden. Bezahlt oder sonstwie abgegolten werden solche Überstunden natürlich nicht.

Lesetipp: Was deutsche Manager über Taiwans Angestellte sagen

Taiwans Vorgesetzte: Kritik unerwünscht

Überhaupt, die Chefs: Der konfuzianischen Logik zufolge hat man sie als Untergebener nicht zu kritisieren. Und Verbesserungsvorschläge oder Einwände gelten als Kritik. Besonders fürchten die Shangbanzu endlose Konferenzen ohne Ergebnis, deren einziger Sinn es ist, den Vorgesetzten eine Stunde und länger reden zu lassen.

Büro Arbeit in Taiwan

Endlose, triste Tage im Büro sind nun auch in Deutschland nicht ganz unbekannt. Dort aber kann man sich zumindest sicher sein: Der nächste Urlaub kommt bestimmt. Und dann noch einer. Taiwaner haben nicht so viel, auf das sie sich freuen können.

Der gesetzliche Urlaubsanspruch ist gestaffelt nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit:

  • Nach einem Jahr: 7 Tage
  • 3-5 Jahre: 10 Tage
  • 5-10 Jahre: 14 Tage
  • Danach: einen Tag zusätzlich pro Jahr, max. 30 Tage

Wenigstens ist die Sechs-Tage-Woche schon seit einiger Zeit abgeschafft. Weihnachten gilt hier nicht als Feiertag. Über Chinesisch Neujahr Anfang Februar gibt es dafür je nach Lage des Wochenendes fünf, sieben oder gar neun freie Tage am Stück. Gefühlt sind das dann drei Wochen.

Lesetipp: Porträt einer Angestellten in Taiwan

Gehalt in Taiwan: Der 22K-Fluch

Und was ist der Lohn dafür? Taiwans Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 1000 Euro. Mit Uni-Abschluss und ein paar Jahren Berufserfahrung ist das im Vertrieb oder Marketing durchaus drin.

Berufseinsteiger allerdings haben es zur Zeit besonders schwer. Sie sind Leidtragende der lahmenden Wirtschaft und können seit einigen Jahren eher mit einem Startgehalt von um die 600 Euro rechnen. 22.000 Taiwan-Dollar haben sich eingebürgert. Die Berufseinsteiger nennt man daher auch 22K族, also „vom Stamme der 22-Tausender“. Das geht schon in Richtung gesetzlicher Mindestlohn. Der liegt um die 500 Euro.

Wer es in Taiwans Büros nicht mehr aushält und eine Auszeit braucht, kündigt oft selbst. Damit verwirkt er seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, kann aber endlich die lang geplante Urlaubsreise angehen und sich im Anschluss frisch gestärkt einen neuen Job suchen. Dabei erwarten die Angestellten, dass mit dem Neueinstieg auch ihr Gehalt steigt. Dieses Job-Hopping (跳槽 tiaocao) ist in Taiwan viel üblicher als etwa in Deutschland, wo viele sich ja noch immer ihrer Firma auf Lebenszeit verpflichtet fühlen.

Was sind Ihre Beobachtungen? Habe ich übertrieben, verbessert sich die Situation, oder wird es eher schlimmer?

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6 Kommentare zu “ Hilfe, wir wollen raus! Arbeiten in Taiwans Büros ”

  1. Hi!

    Sehr schöner Artikel! Eine Anmerkung habe ich dennoch:

    Taiwans Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 1000 Euro. Mit Uni-Abschluss und ein paar Jahren Berufserfahrung ist das im Vertrieb oder Marketing durchaus drin.

    Uni-Abschluss ist nicht gleich Uni-Abschluss. Ingenieure in Taiwan verdienen meist mehr als die 1000 € und auch als Berufseinsteiger. Hier sind nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit auch 2500 € bis 3000 € üblich.

    Die Stellen für Ingenieure werden in Taiwan allerdings derzeit eher weniger, wie mir meine befreundeten Ingenieure mitgeteilt haben.

    Viele Grüße aus Deutschland

  2. Ludigel sagt:

    Die Urlaubsregelung habe ich in der Praxis so erlebt:

    1. Jahr: 0 Tage bezahlten Urlaub
    2. Jahr: 3 Tage
    3. Jahr: 7 Tage

    Mag sein, dass das großzügiger geworden ist. Ich meine aber, das Unternehmen hat damals freiwillige Urlaubskürzung propagandiert.

  3. Robert sagt:

    Lustiger Artikel… allein der 2. Absatz passt wie die Faust auf’s Auge -> „zu niedrige Stühle“
    kann ich bestätigen, die gehen auch nicht höher, sodass man immer mit den zu langen Beinen an die Stellwände stößt *DONG* *DONG*

    Ich habe im vor kurzem einen Job angefangen, und direkt im 1. Jahr 7 Tage bekommen … von einer Staffelung hat man mir nichts erzählt. Einige Kollegen haben dennoch mehr, also vermute ich dass es mit den Jahren mehr geben kann.
    Und mein Chef schaltet mit einer stoischen ruhe jeden Morgen das Neonlicht über mir ein… ich mache mir schon fast einen Spaß daraus es absichtlich nicht einzuschalten.
    Die Fenster sind auch abgedunkelt, aber sinnloserweise nicht schallgedämpft, sodass man kaum Tageslicht hat, dafür aber den Straßenlärm… da sage ich doch WIN-WIN Situation 😉

    Meine Vorgesetzten haben direkt nach Verbesserungsideen gefragt, welche ich auch gegeben habe. Kann schon sein, dass ich damit in ein Fettnäpfchen getreten bin; trotzdem sind Sie den Dingen nachgegangen. (Habe die Probezeit auch überstanden)

  4. Maya sagt:

    Wirklich sehr interessanter Artikel, der sich mit dem deckt, was mir berichtet wurde bei meiner 3-wöchigen Rundreise im letzten Jahr. Kein Wunder, dass mir viele junge Leute erzählten, sie planen die Auswanderung nach Festlandchina: Wegen des Gehalts. (Der Rest ist wahrscheinlich genauso.) Man fragt sich allerdings, wie da noch was rauskommen kann bei solchen Arbeitsbedingungen.

    • Hallo Maya, danke für den Kommentar. Interessant, dass sich das mit Deinen Beobachtungen deckt. Ich denke, es ist zu großen Teilen eine Generationsfrage. In 10, 15 Jahren kann sich viel ändern. Frage ist, was bis dahin passiert.

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