Warum Taiwan keine „abtrünnige Provinz“ ist

Auf der deutschen Huffington Post habe ich mir heute den Frust von der Seele geschrieben – den Frust über die deutsche Taiwan-Politik. Da gilt nämlich viel zu oft: Taiwaner müssen draußen bleiben.

Wenn Sie über die Huffington Post den Weg hierher gefunden haben: Herzlich wilkommen! Sehen Sie sich ganz in Ruhe um. Falls Sie mit Taiwan noch nicht vertraut sind, könnte mein kurzer Abriss zur Geschichte Taiwans bzw. der Republik China interessant sein.

Soldaten der Republik China in Taipeh

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um hier einige Begriffe aufzulisten, die in deutschen Medien häufig in Verbindung mit Taiwan gebraucht werden – leider. Aus dem einen oder anderen Grund sollte man sie lieber auf den Phrasen-Müllhaufen verbannen.

Taiwan-Phrase #1: „Abtrünnige Provinz“

Warum nicht?

Die Volksrepublik China betrachtet Taiwan nicht als „abtrünnige Provinz“ oder „renegade province“. Auch, wenn die Medien immer wieder auf diese griffige Floskel zurückgreifen: Mir konnte noch niemand eine Quelle zeigen, in der die chinesische Seite sie verwendet. Sie muss also als Medien-Erfindung gelten.

Was dann?

China nennt Taiwan gern einen „unabtrennbaren Bestandteil des chinesischen Territoriums“.

Taiwan-Phrase #2: „Abgespalten“

Warum nicht?

Taiwans hat sich nach dem Ende des Chinesischen Bürgerkriegs 1949 nicht „abgespalten“. Die unterlegene Regierung der 1911/12 gegründeten Republik China zog sich mit den Resten der Armee und dem gesamten Staatsapparat nach Taiwan zurück. In der Folge beschränkte ihr Herrschaftsgebiet sich auf Taiwan und einige Inselgruppen.

Was dann?

Wahrscheinlich wäre es korrekter, zu sagen: Die Volksrepublik China hat sich von der Republik China abgespalten.

Taiwan-Phrase #3: „Staatsgründer Chiang Kai-shek“

Warum nicht?

Chiang Kai-shek hat keinen Staat gegründet. Nicht die Republik China, denn die bestand schon lange, bevor er sich nach Taiwan zurückzog. Und ganz bestimmt keinen Staat „Taiwan“. Den gibt es offiziell sowieso nicht.

Taiwan-Phrase #4: „Wiedervereinigung“

Warum nicht?

Was sich wiedervereinigt, muss ja schon mal vereinigt gewesen sein. Taiwan ist aber nie von der Volksrepublik kontrolliert worden. Und eine „Wiedervereinigung“ von Volksrepublik und Republik China würde bestimmt nicht auf Augenhöhe stattfinden. Peking würde die Bezeichnung „Republik China“ weder anerkennen noch die Bezeichnung der Volksrepublik ändern.

Was dann?

„Vereinigung“ oder „Anschluss“.

Taiwan-Phrase #5: „Das andere China“

Warum nicht?

„Anderes China“, „freies China“, „kleines China“… bequeme Medienfloskeln, die vermeintlich Vieles in Kürze auf den Punkt bringen, tatsächlich aber die komplexe Realität verkleistern. Zwar besteht auf Taiwan offiziell noch die „Republik China“, aber die Menschen hier sind sich selbst überhaupt nicht einig, was das denn nun bedeutet. Manche lehnen die Bezeichnung rundweg ab, andere bezeichnen sich als Taiwaner und als Chinesen. Nur eine Minderheit sieht in Taiwan nach wie vor nicht mehr als einen kleinen Bestandteil der (eigentlich) großen Republik China.

Was dann?

„Das demokratische Land“, „Die Inseldemokratie“, „Taiwan“

Also, wenn Sie mal wieder einen Medienbericht über Taiwan lesen: Achten Sie darauf, wie viele Floskeln Sie entdecken können.

(Nachtrag: Ja, wer fleißig Google anschmeißt, findet vielleicht auch in meinen eigenen Berichten solche Negativbeispiele. In mindestens einem Fall hat die Redaktion es mir nachträglich reingeschrieben. Die anderen habe ich verdrängt. Man lernt im Lauf der Zeit ja auch dazu.)

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15 Kommentare zu “ Diese Taiwan-Phrasen sparen wir uns lieber ”

  1. MKL sagt:

    „Staatsgründer Chiang Kai-shek“

    Na ja, da bin ich mir nicht so sicher, ob ich mit dir voll zustimme. Vielleicht bedarf es hier nur einer weiteren Erklärung und wir sind nicht wirklich einer anderen Meinung. De jure hat Chiang keinen neuen Staat gegründet, das stimmt, er dachte halt, dass er das Festland wiedererobern wird, aber unbeabsichtigt hat er dann schon de facto einen neuen Staat gegründet. Vielleicht könnte man diesen Staat die Zweite Republik nennen (so wie Österreich nach dem zweiten Weltkrieg). Seit den 1970ern hat sich dann diese auf neuem Gebiet fortgeführte „Republik China“ langsam in das „Taiwan“ umgewandelt, das wir heute kennen: Asiatischer Tiger, ODM-Weltmacht, Demokratie, international isoliert usw. Es kam zu einem Identitätswandel ohne Beispiel in diesem Teil der Welt, aber auch nicht von heute auf morgen, sondern es brauchte Jahrzehnte, und der Prozess ist noch nicht völlig abgeschlossen. Es hat sich wenig auf dem Papier geändert, aber viel in den Köpfen und Herzen der Menschen. Ich erkläre mir Taiwan immer de facto, so wie die meisten Menschen, die dieses Land lieben, weil es juristisch zu kompliziert ist, und sich die s.g. „Experten“ und Historiker nie vllig einig sind was Taiwan/ROC heute eigentlich ist. De facto ist Taiwan ein unabhängiges Land. Wie lange noch, das ist eine andere Frage.

    • Ich denke, wir sehen die Sache sehr ähnlich. Zur Frage „Staatsgründung oder nicht“: Unbeabsichtigt, uneingestanden und mit Langzeitwirkung, okay. Aber andererseits feiert die heutige ROC ja explizit ihre Wurzeln im Jahr 1911, definiert sich also in ungebrochener Tradition.

    • Günter Whittome sagt:

      Wenn jemand möglicherweise de facto etwas bewirkt hat, was überhaupt nicht in seiner Absicht lag, kann man ihn wohl kaum als den „Gründer“ dessen bezeichnen. Mit „Gründung“ verbindet man einen bewussten und beabsichtigten Akt. CKS würde sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er als „Staatsgründer Taiwans“ bezeichnet wird, so auch oft in deutschen Medien zu lesen. Also: schöne Auflistung Klaus. Wie lernfähig andere Medien sein werden, sei allerdings dahingestellt (gilt natürlich nicht nur für deutschsprachige Medien, die englischsprachigen u.a. sind kaum besser).

  2. Carsten R. sagt:

    Oh, danke vielmals für die Aufklärung, gut notiert. Auch mir ist das eine oder andere schon mal durchgerutscht. Jetzt habe ich eine Erinnerunshilfe und eine gute Zusammenfassung die ich verlinken kann.

  3. Ludigel sagt:

    Tolle Info, was es an Phrasen gibt. Die ich auch schon verwendet habe. Mein „Quasi-Staatsgründer“ oder „de-facto-Staatsgründer“ ist etwas besser, denke ich, aber sicher nicht optimal.
    Little China habe ich sicher auch schon geschrieben, was es einerseits ist, aber andererseits natürlich den Eindruck erzeugt, es sie praktisch so ein VR-Ding. Gute Anregung zur Wahl der Formulierungen.

  4. aristeon sagt:

    Danke fuer den Artikel, Klaus. Nur eines moechte ich bemerken. Aus der Sicht des pan-chinesischen Nationalismus, den sowohl die KPC als auch die KMT verfechten, gibt es nur ein China, egal, welche Regierung welchen Teil Chinas kontrolliert. Z.B., chinesische Nationalisten haben Hong Kong immer als Teil Chinas betrachtet, auch wenn es vorlaeufig durch eine fremde Macht beherrscht wurde. Daher glauben chinesische Nationalisten, dass es nur ein China gibt, und dass Festland-China und Taiwan chinesisch sind, aber zwei unterschiedliche Regierungen haben. Die Kommunisten wissen natuerlich, dass Taiwan nie Teil der Volksrepublik war. Das ist aehnlich wie das Gefuehl, das West- und Ostdeutsche hatten; sie definierten sich als Deutsche, das Grundgesetz der Bundesrepublik sah die Moeglichkeit einer eventuellen Wiedervereinigung vor, und dennoch gab es zwei deutsche Staaten. Andererseits gibt es in Taiwan einen taiwanischen Nationalismus, der die Grundlagen des pan-chinesischen Nationalismus verwirft. Diese beiden Ideologie exisiteren gleichzeitig auf Taiwan und machen daher die Situation extrem komplex. Aus meiner Sicht sind beide Ideologien legitim und beruhen einfach auf unterschiedlichen Perspektiven und Prinzipien.

    • Sehr gut beschrieben, danke. Umfragen zufolge stellen die Anhänger der reinen Lehre des pan-chinesischen Nationalismus in Taiwan aber nur eine kleine Minderheit, und das habe ich ja auch so beschrieben. Die meisten versuchen halt irgendwie, alle Widersprüche unter einen Hut zu bringen. Viele nennen z.B. ihr Land „Republik China“, mögen sich im Ausland aber nicht „Chinesen“ nennen lassen, usw. Weiß Du ja selbst.

  5. Jenyu Wu sagt:

    Ich sehe schon sehr gerne die Klärungsversuch über Taiwan. Leider gibt es hier und da immer noch Fehler über die Geschichte. Tja, alle wissen wo China ist, was China ist. Dass man Taiwan als kleines China bezeichnet, zeigt sich in der Tat nur den politischen Willen dessen, die Jahrzehntelang in Taiwan an der Macht sind. Und zwar fing die politische Sinolisierung hierbei vor drei Hundert Jahren schon an: dass man zwanghaft chinesische Familiennamen übernahm (um Zahlung von großer Menge Steuer zu vermeiden z.B.), mit Hoklo und Hakka klassische Chinesisch lernten, chinesische Kleidung u.a. verwendeten, diese waren jedoch keine Maßnahmen von Han-Chinesen, sondern von der Mandschuren der Qing Kaiserreich in China, so dass die einheimische Taiwaner auch dabei mandschurische Zöpfe mit Glatze hatten, vielleicht besser gesagt, Mandschurisierung.

    Die Sache ist, Taiwan ist nie legitim ein Teil der Republik China. Dass wir mit ROC Pass oder Personalausweis immer wieder unseren Präsidenten und die andere Politiker wählen, dies legitimiert ja die Republik China. 1946 hat General Chen, Yi mit einem administrativen Befehl alle Taiwaner zu Bürger der Republik China ‚umgewandelt‘. Sie waren nur als eine Alliierte, die mit Amerika im zweiten Weltkrieg zusammengekämpft hatte, kam aber schon mit der Armee und übernahm Taiwan, und sahen Taiwan gleich als ein Teil Chinas schon an. Im zweiten Weltkrieg hat Jiang, Kaisheks Regierung Kriegsverbrechen begangen und viele finaziell verräterisches Maßnahmen durchgeführt, die bis heute nie geklärt worden sind(1). Die Besatzung der chinesischen Ressourcen und Vermögen von KMT ist aber durch Republik China legitimiert. Die Japaner haben in 1952 anerkannt, dass Republik China ein sovereignes Land war sowie Taiwan vertrat, somit hat Republik China/Jiang, Kaishek/KMT die Vermögen und Ressourcen in Gesamtwert damals von 30 Mrd. Japanische Yens nach dem zweiten Weltkrieg übernommen. In 1972 haben sie aber diesen Taipei Vertrag wieder abgeschafft oder aberkannt.(2)
    1. http://www.nytimes.com/2003/10/25/world/madame-chiang-kai-shek-a-power-in-husband-s-china-and-abroad-dies-at-105.html?pagewanted=all&src=pm
    2. http://en.wikipedia.org/wiki/Treaty_of_Taipei

    • Hallo und danke für den Kommentar.
      Mir ist die Diskussion um Taiwans völkerrechtlichen Status bekannt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie zielführend ist.

      Beide Seiten können eine Menge Argumente ins Ziel führen, aber unterm Strich ist es m.E. eine Energie raubende Phantomdiskussion – die Realität ist, wie sie ist, und lässt sich nicht rückwirkend ändern. (USA, China.) Zumindest sind mir dafür keine realistischen Konzepte bekannt.

      Ich kann es nachvollziehen, warum einige Taiwaner die ROC in Frage stellen. Aber ich kann es auch nachvollziehen, wenn Taiwaner die Konzepte „Taiwan“ und „ROC“ unter einen Hut bringen und sich mittlerweile mit beidem identifizieren können.

  6. Jenyu Wu sagt:

    Auf jeden Fall muss ich sagen, Jiang, Kaishek hatte seinen ersten Sohn nach Russland zum Studien geschickt und sein Sohn Jiang, Jingguo hatte in Taiwan analog zu russischen System regiert. Im Vergleich zu den Osteuropäer haben wir aber eine viel zu reiche, verbrecherische politische Partei KMT, die z.B. die amerikanischen Unterstützung für China während und nach dem WWII kassiert und in die Tasche eingesteckt. Und Ressourcen wie diese wirkt heute als die Grundlage der KMT Lobby/Propagandakampagne, die wiederum sogar den taiwanischen Expräsidenten tödliches Schicksal entscheiden konnte. Wir Taiwaner haben wirklich einen Fall.

    1. http://www.nytimes.com/2003/10/25/world/madame-chiang-kai-shek-a-power-in-husband-s-china-and-abroad-dies-at-105.html?pagewanted=all&src=pm
    …By the end of the war, the loyalty of Nationalist officials melted away as the government grew corrupt and fiscally traitorous, printing money so aggressively that the Chinese currency fell to an exchange rate of several million yuan to the dollar. Many Nationalist soldiers were reduced to begging for food because they went unpaid, yet American diplomats discovered that military supplies sent from the United States to China sometimes appeared on the black market soon after arrival.

    …The governing Nationalists received considerable American aid, but American officials in China warned of vast amounts of graft among Nationalists. More than $3 billion was appropriated to China during the war, and most of it was transmitted through T. V. Soong, who as China’s foreign minister was based in Washington. It later became apparent that the Soong family suffered vicious infighting over the purloined funds.

    …Madame Chiang traveled to Washington again in November 1948 to plead for emergency aid for the war against the Communists. Yet Congress had recently assigned $1 billion more to China, and President Truman was impatient with the Chiangs and what had become an apparently hopeless effort to shore up the Nationalist government. Madame Chiang never returned to China.

    • Danke für den Kommentar. Bitte lassen Sie uns nicht zu weit vom Thema abschweifen. Ich habe bewusst versucht, Taiwans Parteipolitik aus diesem Bericht herauszuhalten. Gerade für die Außendarstellung in internationalen Medien wäre es für Taiwan ein Vorteil, einen Konsens zu finden. Innenpolitischer Streit sorgt auf internationaler Bühne nicht für mehr Verständnis.

  7. Jenyu Wu sagt:

    Hr. Bardenhagen, Ihr Versuch ist gut. Es geht aber nicht um innenpolitischen Streit. Chen, Shuibian und Thai, Yingwen haben beide die Republik China als einen souveränen Staat anerkannt. Wir sind aber keine Chinesen und können uns nicht als Chinesen darstellen. OK, Tibeter sind auch kein Chinesen und jedoch werden als Chinesen genommen. Wir haben noch große Unverständnis und Missverständnis über uns selbst.

  8. Jenyu Wu sagt:

    Ich gehe davon aus, dass alle Kriegsverbrechen und -Schulden in Europa sind geklärt. Vielleicht alle Kriegsverbrechen und -Schulden in der zweiten Weltkrieg sind geklärt außer die der Republik China. Und diese Problematik und Tatsache beeinflusst heute noch in großen Maßen die Beziehung zwischen China, Taiwan und die anderen. Es überzeugt gerade heute nicht mehr zu sagen, wenn wir unseren Namen als die Republik Taiwan umnennen, bekommen wir sofort Attacke von China wenn wir sowieso von unserem Präsidenten an China verkauft werden sollen.

  9. Jenyu Wu sagt:

    Es tut mir Leid, Hr. Bardenhagen. Wir Taiwaner sind nur sinolisierte, japanisierte und verwestlichte Indigenen. Wir sind selbst viel zu einfach gegenüber der KMT Propagandakampagne und Geschichtsschreibung. Und wir haben schon über sechzig Jahren parteistaatliche Schulausbildung: Lehrbücher in dominanten KMT Version, so dass im derzeitigen Lehrbuch der Bürgerkunde für Gymnasien schon (im Voraus) die Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen den chinesische Kommunisten und KMT steht(1).

    Ja, wir haben Chinesisch sowie die Prägung der chinesischen Kultur seit mehr als zwei, drei Hundert Jahren allmählich erworben. Nach der DNA-Analyse der neueren Genforschungen in Taiwan haben fast 85% Taiwaner Ureinwohner-Blut (austronesische Abstammung, von Dr. Lin, Mali, 2010, Taipei, ISBN:9789578016484). Die Einschätzung entspricht auch ungefähr der Bevölkerungsstruktur der ersten Volkszählung Taiwans 1905, die die Japanische Kolonialherrschaft durchführte, dass die Ureinwohner mehr als 94% der ganzen taiwanischen Bevölkerung bildeten (2,9 Mio. von 3,12 Mio. Menschen, diese jedoch Hoklo und Hakka Sprachen angeeignet hatten, was zu chinesischen Sprachen angehören). Genauer gesagt war am 31.12.1905 die Zahl der Chinesen in Taiwan 8,083, eine absolute Minderheit in dieser von den damaligen Chinesen als barbarisch angesehenen Insel.

    1. https://www.facebook.com/photo.php?fbid=407507926032819&set=a.376833442433601.1073741826.376830569100555&type=1&theater

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