Unbezahlbare Wohnungen, niedrige Steuern und eine Spekulationsblase

Wohneigentum wünscht sich fast jeder Taiwaner, aber kaum noch einer kann es bezahlen – zumindest in Metropolen wie der Hauptstadt Taipeh. Seit Jahren wachsen die Immobilienpreise in den Himmel, Spekulanten verdienen sich eine goldene Nase. Lange hatte die Regierung fast tatenlos zugesehen, jetzt scheint der Frust der Bevölkerung sie zum Handeln zu treiben.

Wenn in Taiwan über Deutschland geredet wird, gibt es ein Thema, das besonders interessiert. Es geht nicht um Vergangenheitsbewältigung, Energiewende, Integrationspolitik oder was immer Deutschen gerade wichtig vorkommt. Nein, es geht um Immobilienpreise.

Hochhaus Apartments Taiwan

Die eigenen vier Wände sind in Deutschland ja kein Regelfall. Die Hälfte der Menschen lebt zur Miete. Wenn Taiwaner das hören, wundern sie sich. Hier ist es völlig normal, dass man alles tut, um sich eine Eigentumswohnung zu kaufen (freistehende Häuser sind eine absolute Ausnahme). Spätestens nach Heirat und Familiengründung wird geradezu erwartet, dass man sich Wohneigentum zulegt. 70% der Taiwaner besitzen Immobilien – oder sind noch dabei, ihre Kredite abzubezahlen. Und das wird bei vielen sehr, sehr lange dauern. Denn Taiwans Immobilienpreise spielen seit Jahren verrückt.

Deutlich wird das im Vergleich mit Deutschland. In meiner ländlichen Heimatregion in Niedersachsen kostet eine durchschnittliche Eigentumswohnung, über den groben Daumen, 1000 Euro pro Quadratmeter. In Berlin sind es vielleicht 2500 Euro, in Hamburg eher 4000. Natürlich immer abhängig von Größe, Zustand und Lage. Eine durchschnittlich verdienende Familie benötigt normalerweise deutlich weniger als zehn Jahreseinkommen, um so eine Wohnung abzuzahlen.

Keine Schnäppchen auf dem Immo-Werbezettel in Taipeh

Ortswechsel nach Taipeh. In meinem Briefkasten steckte neulich der Werbezettel eines Immobilienmaklers mit Angeboten aus meinem Stadtteil.

Immobilien Taipeh

Ich rechnete nach, wunderte mich und rechnete noch einmal. Tatsächlich: Die Grenze zwischen günstig und überdurchschnittlich liegt hier aktuell bei etwa 7500 Euro pro Quadratmeter (100 wan NT$ pro ping). Und dafür gibt es nicht etwa Luxusapartments, sondern ganz normale Wohnungen – aber halt mitten in der Hauptstadt.

Haus Wohnblock Taiwan

Nun verdienen Taiwaner im Schnitt aber nicht ca. 3000 Euro wie Deutsche, sondern umgerechnet vielleicht etwas mehr als 1000. Jetzt rechnen wir mal nach, wie viele Jahre man arbeiten müsste, um so eine Wohnung zu bezahlen. Ein Arbeitsleben reicht dafür kaum. Oft schießen die Eltern ihre gesamten Ersparnisse zu.

Wohnungspreise in Taipeh haben sich verdreifacht

Das ist keine neue Entwicklung. Seit Jahren steigen die Preise zwischen 10 und 20 Prozent jährlich. Taipehs Immobilienpreise haben sich seit der Jahrtausendwende ungefähr verdreifacht. Die Arbeitseinkommen sind währenddessen stagniert.

Immobilienpreise Taiwan(Der Indexwert 100 gilt offenbar für das Jahr 2001, nicht 1991)

Schlecht für alle, die nun kaufen wollen – aber gut für die, die rechtzeitig eingestiegen sind und nun mit Riesengewinn verkaufen können oder auf weitere Wertsteigerung setzen.

Viele Wohnungen in Taiwan stehen leer

Sogar Taiwans Finanzminister hat mittlerweile erkannt: Dies ist eine Spekulationsblase. Und sie muss früher oder später platzen. Niedrige Zinsen haben dazu beigetragen – und die Hoffnung, dass bald auch reiche Chinesen Wohnraum in Taiwan kaufen dürfen. Viele teure Wohnungen stehen einfach leer. Die Eigentümer machen sich gar nicht die Mühe, sie zu vermieten. Die Leerstandsrate für Wohnungen in Taiwan beträgt 20%.

Eine Spekulationsfrist für nicht selbst genutzte Wohnungen gibt es in Taiwan erst seit 2011 und nennt sich „Luxussteuer“. Bei Verkauf nach weniger als einem Jahr werden 15% Steuern fällig, bis zu zwei Jahren 10%, danach nichts.

In Deutschland beträgt die Spekulationsfrist für nicht selbst genutzte Immobilien zehn Jahre, und angesetzt wird der persönliche Spitzensteuersatz, also bis über 40%. Kein Wunder, dass Immobilienspekulation kein deutscher Volkssport geworden ist.

Hochhaus in Taiwan

Steuern richten sich nach fiktiven Werten

Die Grunderwerbssteuern in Taiwan bemessen sich außerdem nicht nach dem wirklichen Kaufpreis, sondern nach fiktiven Bodenrichtwerten, die einmal jährlich offiziell festgelegt werden und der wahren Entwicklung weit hinterherhinken. Langsam hat sich offenbar auch in der Regierung herumgesprochen, dass das ein Problem ist – in Taipeh sind die Richtwerte kürzlich um 13 Prozent angehoben worden, so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr. Ziel des Innenministeriums ist es, bis 2015 auf 90% des Marktwertes zu kommen.

Unterdessen hat der Wahnsinn schon längst auf die an Taipeh angrenzenden Bezirke übergegriffen. Alles, was auch nur in der Nähe von noch gar nicht gebauten U-Bahn-Linien liegt, wird von Jahr zu Jahr teurer. Unausweichlich, dass die Preise irgendwann wieder einbrechen. Wer dann als letzter noch nicht verkauft hat, wird sein Geld nicht wieder sehen. Ich jedenfalls fühle mich in meiner Mietwohnung derzeit sehr wohl.

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4 Kommentare zu “ Die total verrückten Immobilienpreise von Taipeh ”

  1. Marco sagt:

    Super interessant! Vielen Dank fuer diesen Artikel! Bitte mehr davon.

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