Zähne ziehen im Auftrag des Herrn

Die meisten westlichen Ausländer in Taiwan kommen und gehen. Neulich aber stand ich hier am Grab eines Mannes, der vor fast 150 Jahren nach Taiwan kam und wirklich Spuren hinterlassen hat.

George Mackay war 27, als er sich von Kanada auf den Weg in den Fernen Osten machte. Der presbyterianische Pastor ging in Taiwans Norden, als erster christlicher Missionar überhaupt.

Taiwan Mackay Grab

Taiwan, der Wilde Osten

Im Jahr 1872 war Taiwan so etwas wie der „Wilde Osten“ des chinesischen Kaiserreichs: Ein rauer, malariaverseuchter Außenposten, wo die Zentralregierung wenig zu sagen hatte und die chinesischen Siedler ihre Angelegenheiten auf eigene Art regelten. Die Grenze verlief zwischen ihren Siedlungen und den Stammesgebieten der Ureinwohner, die als Krieger und Kopfjäger berüchtigt waren.

Als Weißer war Mackay hier natürlich ein misstrauisch beäugter Exot. Um als Missionar anzukommen, musste er sich etwas einfallen lassen. Zunächst paukte er die Sprache und chinesische Schriftzeichen und konnte angeblich schon nach fünf Monaten seine erste Predigt halten.

Seine beste Idee aber war es, sich beim Hufschmied eine Zange schmieden zu lassen, mit der er als wandernder Zahnarzt durch die Gegend zog.

George Mackay Dentist

Der wandernde, predigende Zahnarzt

Sein Motto: Wer vom Zahnschmerz erlöst ist, verspürt wahre Dankbarkeit und ist dann auch empfänglich für die Lehre des Herrn. Schnell sprachen sich die Fähigkeiten des bärtigen Fremden mit dem Tropenhelm herum. Wo Mackay auftauchte, standen die Menschen Schlange und ließen sich die faulen Zähne im Minutentakt aus dem Kiefer ziehen. Mackay selbst schätzte, mehr als 20.000 Zähne habe er wohl entfernt.

George Leslie Mackay Taiwan

George Leslie Mackay bei Wikipedia

Auch wenn ihm schon mal Speere um die Ohren flogen, verbrachte er viel Zeit in den Gebieten der Ureinwohner, die für christliche Botschaften empfänglicher waren als die Chinesen. Noch heute stellen sie den Großteil der Christen Taiwans. Mackay heiratete eine Einheimische, was von den Kirchenältesten vermutlich nicht so gern gesehen wurde. Er gründete ein Krankenhaus und Taiwans erste moderne Schulen, auch für Mädchen. Nebenbei erforschte er die Pflanzenwelt, bestieg Berge und schrieb ein Buch: From Far Formosa

Unvergessen bis heute

Als George Leslie Mackay 1901 mit 57 Jahren starb, hatte er 60 presbyterianische Gemeinden gegründet. Obwohl in Taiwan heute tausende Missionare wirken, sind nur drei Prozent der Menschen Christen. Seine Spuren aber sind unübersehbar: Das Mackay Memorial Hospital ist eines der größten Krankenhäuser in Taipeh. Die Universität (früher Oxford, heute Aletheia University) und die Schulen, die er gegründet hatte, gibt es noch immer. Und mitten in der früheren Hafenstadt Tamsui (Danshui), wo sich heute die Touristen am Flussufer drängen, hat man dem Kanadier mit dem langen Bart ein Denkmal gesetzt.

George Leslie Mackay Taiwan Statue

Begraben ist Mackay nicht weit davon auf dem Familienfriedhof in einer Ecke des Schulgeländes. Knorrige Bäume und knarrender Bambus recken sich über verwitterte Grabsteine. Aus einigen Klassenräumen blicken die Schüler direkt auf die Gräber. Eigentlich undenkbar in Taiwan, wo die meisten Familien nur einmal im Jahr das Familiengrab besuchen und sonst einen weiten Bogen um solche Orte machen. Vielleicht ist auch dies eine Art, Respekt zu zollen.

Friedhof Tamsui

Gleich nebenan liegt der alte Ausländerfriedhof von Taipeh, ein wunderbar interessanter Ort, wo auch Deutsche ihre letzte Ruhe gefunden haben. Ich habe hier mehr darüber geschrieben: Leben und sterben in Taiwan

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