Der gute Japaner von Wushantou

Es ist wohl so ähnlich wie „Das Wunder von Bern“ à la Taiwan: „Kano“ startet kommende Woche in den Kinos, ein historisches Baseball-Epos. Es spielt in den dreißiger Jahren, als Taiwan japanische Kolonie war, und erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Underdog-Teams.

Im Trailer zum Film erscheint (ab 1:33) eine interessante historische Figur: Yoichi Hatta, ein japanischer Ingenieur, der in Taiwan Spuren hinterlassen hat und noch heute verehrt wird.

Um über ihn zu schreiben, muss ich ein bisschen weiter ausholen.

China, Japan und Taiwan

Dass Taiwans große Nachbarn nicht gut miteinander können, ist mittlerweile auch in deutschen Medien ein Thema. Mit „misstrauisch“ wäre das Verhältnis zwischen Japan und China noch blumig umschrieben. Peking wirft Japan vor, nicht zu seinen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg zu stehen. Und Tokio wittert eine Bedrohung in Chinas Aufstieg zur Großmacht.

Taiwan steht mal wieder zwischen allen Fronten. Stichwort: Streit um die Diaoyutai-Inseln.

50 Jahre war Taiwan japanisch

Anders als in China oder Korea ist Japan in Taiwan nicht besonders verhasst. Das liegt daran, dass die Japaner die Insel nicht überfallen hatten – Taiwan gehörte ihnen bei Kriegsausbruch schon längst. 1895 hatte China Taiwan an Japan abgetreten. Es war das Zeitalter des Imperialismus, und das aufstrebende Japan wollte beweisen, dass es Kolonien besser verwalten kann, als die Europäer es in Afrika vormachten.

Wushantou Reservoir

Widerstand ihrer neuen Untertanen haben die Japaner nicht geduldet, und besonders während der ersten ca. 20 Jahre wurde er brutal unterdrückt. Danach hatten sich die meisten mit ihren neuen Herren arrangiert. Schließlich errichteten die Japaner auch Schulen, Krankenhäuser, Verkehrslinien und Fabriken in Taiwan, das im chinesischen Kaiserreich ein eher wilder Außenposten gewesen war.

Lesetipp: Taiwan und Japan – Eine komplizierte Geschichte

Im Zweiten Weltkrieg mussten Taiwaner in der japanischen Armee kämpfen. Erst nach der Niederlage 1945 geriet Taiwan unter die Herrschaft von Chiang Kai-sheks Nationalchina – und damit vom Regen in die Traufe, denn das neue System war zunächst nicht weniger brutal als das japanische, dafür aber korrupter. Kein Wunder also, dass noch heute viele Taiwaner einen nostalgischen Blick zurück auf die japanische Ära werfen.

Yoichi Hatta und das Wushantou-Reservoir

Neulich stand ich an einem Ort, wo das besonders deutlich wird. Türkis funkelte der Stausee von Wushantou, malerische Inseln erhoben sich aus dem Wasser. Dem japanischen Ingenieur Yoichi Hatta ist nicht nur dieser schöne Ort zu verdanken, sondern vor allem ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem.

Wushantou Reservoir Taiwan

Angelegt nach Hattas Plänen zwischen 1920 und 1930, verwandelte das Wasser die einst unfruchtbare Gegend in der Nähe von Tainan in ein Paradies für Reisanbau. 16.000 Kilometer Gräben und Kanäle ließ der umsichtige junge Chefingenieur bauen und erwarb sich den Respekt der Anwohner und mehreren tausend Arbeiter. Der Krieg sorgte für ein tragisches Ende: Hatta starb bei einem amerikanischen Luftangriff, und seine Frau ertränkte sich in einem seiner Kanäle, kurz bevor alle Japaner Taiwan verlassen mussten.

Ein sehr ausführlicher Artikel über Hattas Leben und Wirken erschien in der Zeitschrift Taiwan Panorama.

Yoichi Hatta Memorial Park

Das politische Klima hat sich seitdem mehrfach geändert, aber Hatta wurde hier nie vergessen. Neben seinem restaurierten Holzhaus im japanischen Stil erinnert ein Museum an seine Arbeit. Zur Eröffnung kam sogar Taiwans Präsident Ma Ying-jeou, der keiner übertriebenen Japanophilie verdächtig ist.

Ma felt the nation had not shown enough respect to the late civil engineer, prompting him to order the building of the memorial park.

 

Auf Hattas Grabhügel über dem Stausee blickt der Ingenieur als Statue über das Wasser, ganz unprätentiös in Arbeitsstiefeln. Frische Blumen lagen dort.

Yoichi Hatta Statue Memorial

Eine Gabe von japanischen Touristen, dachte ich zunächst. Doch es sollen Taiwaner sein, die hier stets für Blumenschmuck sorgen. Vielleicht die Nachfahren der Bauern, die von Hattas Arbeit profitiert hatten? Ein schönes Zeichen auf jeden Fall.

Am Ende sind es immer einzelne Menschen, die den Ausschlag geben können, zum Guten oder zum Schlechten. Wer heute in Asien mit dem Säbel rasselt, sollte sich diesen Ort vielleicht mal ansehen.

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