Total abgehoben? Die Eliten von Taipeh

Dass „die aus der großen Stadt“ irgendwie anders sind, diese Einstellung ist auch in vielen Regionen Deutschlands nicht unbekannt. Tragen viele Hamburger ihre Nase nicht immer ein bisschen höher, bilden viele Berliner (besonders die neu zugezogenen) sich nichts auf ihren Status ein? Solche Ansichten gibt es auch hier in Taiwan, und sie betreffen meinen Wohnort: Die Hauptstadt Taipeh.

Drachen

Frage ich Menschen aus Mittel- oder Südtaiwan, oder auch nur aus einem kleinen Ort jenseits der Stadtgrenzen, höre ich oft: Das „echte Taiwan“ finde man nur dort und nicht in Taipeh. Das sagen sogar solche, die selbst vor Jahren der Arbeit wegen in die Hauptstadt gezogen sind.

Knapp ein Viertel von Taiwans 23 Millionen Einwohnern lebt in diesem Ballungsraum. Die meisten Fabriken stehen nicht hier; sie verteilen sich über die ganze Westküste der Insel. Aber Taipeh ist das Regierungs-, Kultur- und Finanzzentrum und erhält als kreisfreie Stadt besonders viel Geld von der Zentralregierung.

In Taipeh lebt es sich angenehm

Wie die anderen Einwohner genieße ich hier eine großartige Infrastruktur. Zum nächsten rund um die Uhr geöffneten Mini-Supermarkt brauche ich nie länger als fünf Minuten. Das Metro-Netz ist verglichen mit deutschen U-Bahnen eine Offenbarung und wird ständig weiter ausgebaut. Ziel ist es, dass man höchstens 500 Meter zur nächsten Station laufen muss. Taiwans beste Schulen und Universitäten finden sich hier genau so wie fast alle wichtigen Behörden und Institutionen.

Wer in Taipehs kleineren Städten aufgewachsen ist, wo kaum Geld für Bürgersteige da ist und wo man ohne Motorroller aufgeschmissen ist, betrachtet das natürlich nicht ohne Neid. Seit vielen Jahren redet die Regierung davon, etwas gegen Taiwans wachsendes Nord-Süd-Gefälle zu unternehmen, aber der Trend scheint unumkehrbar.

Wer sind die Himmelsdrachen?

„Tianlongguo“ (天龍國) nennen einige Taipeh, das „Land der Himmelsdrachen“. Diese Himmelsdrachen sind demnach Angehörige der betuchten Schichten und hochrangige Beamte. Abgehoben seien sie, elitär und ohne Gespür für die Probleme normaler Leute. Investieren in Immobilien und merken nicht, dass normale Gehälter stagnieren. Schicken ihre Kinder zum Studium in die USA und kümmern sich nicht um steigende Studiengebühren. Speisen in feinen Restaurants und scheren sich nicht darum, wenn die Schale Nudeln plötzlich 2,50 Euro kostet statt zwei Euro.

In einem Artikel über eine umstrittene Taipeh-Reklame stehen einige Erklärungen zur Herkunft dieses Begriffs.

Taiwans komplizierte Geschichte hat auch damit zu tun. Als Nationalchinas Regierung sich 1949 nach Taiwan zurückzog, brachte sie ihren ganzen überdimensionierten Verwaltungsapparat mit sich, der fortan versorgt werden wollte. So genießen Beamte und Militärs heute zum Beispiel Pensionsansprüche, von denen normale Angestellte nur träumen.

Zwar war der Kuchen groß genug, dass während Taiwans Wirtschaftswunder so ziemlich jede Familie profitierte. Es bildeten sich aber auch Eliten heraus, die ihre Pfründe hüten und verteidigen. Und die meisten dieser Himmelsdrachen leben nun mal in Taipeh.

Wohlstand treibt seltsame Blüten

Der Klassenkampf wird in Taiwan so bald nicht ausbrechen, dafür hat die chinesisch geprägte Kultur zu viel Respekt vor Reichtum und Macht. Aber über einige Auswüchse kann man sich amüsieren.

Hundekuchen Bäckerei

Staunend stand ich neulich in einem Laden, der auf den ersten Blick wie eine teure Bäckerei aussah. Tatsächlich war es Hundefutter in verschiedensten Geschmacksrichtungen, das hier wie Pralinen auf edlen Tabletts feilgeboten wurde.

Hund mit Kleidchen

Oft sehe ich Leute, die ihre Hunde verhätscheln wie Babys, sie ständig im Arm tragen oder sogar im Kinderwagen kutschieren, vom Nachmittagstee im Schickimicki-Café zum Shopping im Nobelkaufhaus.

Gerne wüsste ich, was zum Beispiel ein Erdnussbauer in Yunlin denkt, wenn er so etwas sieht.

Sicher, sowas gibt es auch woanders. Und es kommt immer auf die individuellen Menschen an. Aber wie jedes Klischee hat wohl auch das vom „Land der Himmelsdrachen“ ein paar wahre Hintergründe.

Liebe Leser: Muss es Taipeh sein, oder wo lebt es sich in Taiwan am besten?

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3 Kommentare zu “ Im Land der Himmelsdrachen ”

  1. David sagt:

    Hallo Klaus!

    Meiner unmassgeblichen Meinung nach lebt es sich in Taichung am besten. Das Klima hier gilt als das angenehmste in Taiwan. Die kulturelle Einrichtungen und oeffentliche Veranstaltungen stehen denen in Taipei nicht viel nach. Nur die indoor life Musikszene, fuer die Taichung eigentlich beruehmt war, laesst zu wuenschen uebrig. Nach einem Feuer in einer Bar vor einiger Zeit wurden leider viele Clubs geschlossen. Nur ganz langsam kommt wieder Leben in die Szene.
    Es ist hier alles weniger hektisch und auch etwas kleiner als in der Hauptstadt, dafuer sind die Mitmenschen freundlicher und nicht immer so kurz angebunden.
    Taichung liegt recht zentral, man ist in zwei Stunden in Kaohsiung oder Taipei, mit der Highspeed Rail sogar in knapp einer Stunde und bis Kenting dauerts auch nicht viel laenger.
    Auch wenn die Westkueste dicht besiedelt ist kann man sich mit einem Scooter innerhalb einer Stunde in die (zugegebenermassen relative) Einsamkeit der Berge versetzen. Mit dem Auto ist man in einer Stunde am Sun-Moon See.
    Radfahren ist hier nicht ganz so lebensgefaehrlich und fuer gut trainierte gibt einige interessante Routen in die benachbarten Berge. Dort gibt es auch eine Reihe Wanderwege, natuerlich die taiwanesische Variante, nicht die, die der gewoehnliche Durchschnittsdeutsche darunter versteht. Sie offenbaren einem teils atemberaubende Aussichten auf die Bergwaelder oder auf die Stadt in der ferne – oft erst nach einer ebenso atemraubenden Stufen-Erklimm-Orgie, die unsereins am liebsten nur mit einer kompletten Bergsteigerausruestung in Angriff nehmen wuerde. Taiwaner mach das in Flippflops mit Kleinkindern, Oma und Zwerghund im Schlepptau.
    Ganz allgemein ist es hier gruener als in Taipei; Taichung hat sich trotz des unablaessigen Bau-Booms eine erstaunliche Anzahl an Parks und Gruenflaechen erhalten. Auch an kulinarischer Vielfalt kann es Taichung locker mit Taipei aufnehmen, immerhin wurde der Bubble Tea hier erfunden!
    Und nicht zuletzt sind Immobilien- und Mietpreise hier deutlich niedriger als in Taipei. Aber all das ist natuerlich nur meine subjektive und ggf. etwas voreingenommene Meinung.

    • Hallo David, danke für Dein Plädoyer für Taichung! Ja, das Wetter ist in Zentraltaiwan auf jeden Fall viel schöner als im Norden. Fast immer. Was mir fehlen würde, wäre eine U-Bahn. Du scooterst?

      • David sagt:

        Hallo Klaus,

        eher selten, meistens bin ich mit dem Auto unterwegs (Klimaanlage!) – in Taichung geht das…
        Und das mit der MRT wird endlich, die Bauarbeiten fuer die BRT (Bus) sind im vollen Gange.
        PS. Sorry, wurde doch etwas viel Text 😉

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