Hat Sean Lien die Rechnung ohne die Wähler gemacht?

„Princeling“ nennt man vor allem in China die Sprösslinge mächtiger Familien, die eher aufgrund ihrer Herkunft als ihrer Verdienste wichtige Ämter bekleiden. In Taiwan gibt es das auch. Aber hier haben die Wähler das letzte Wort, und die könnten in Taipeh für eine dicke Überraschung sorgen.

P1040822

Am Samstag haben wir mal wieder Großwahltag. Bürgermeister, Landräte, Stadträte, Gemeindevertreter… fast 20.000 Kandidaten treten an. Am besten kenne ich unseren Nachbarschaftsvorstand (里長 lizhang, so eine Art Stadtteil-Minibürgermeister), der wohnt nämlich um die Ecke und will sich auch wiederwählen lassen.

Tipp: Mein Radiobericht über die Wahlen in Taiwan

2014-11-27 14.42.25

Das steckte gestern alles in meinem Briefkasten.

Am interessantesten geht es aber ganz an der Spitze zu: Bei dem Rennen ums Amt des Oberbürgermeisters von Taipeh.

Dazu muss man wissen, dass dieser Posten in Taiwan mindestens so wichtig ist wie eines Ministerpräsident von Niedersachsen in Deutschland. So wie ein gewisser Schröder mal aus Hannover ins Kanzleramt zog, waren alle drei bislang frei gewählten Präsidenten Taiwans (Lee Teng-hui, Chen Shui-bian, Ma Ying-jeou) früher mal Bürgermeister der Hauptstadt gewesen.

Ungewöhnlicher Wahlkampf ums Rathaus von Taipeh

Eigentlich müssten die beiden großen Parteien also ihre besten Leute als Kandidaten aufstellen. Aber dieses Jahr erleben wir einen Wahlkampf der Marke Extrabizarr, in dem nichts normal ist.

P1040751

Das verdanken wir vor allem der Regierungspartei KMT. Für die ist Taipeh nämlich so etwas wie ein Erbhof, was daran liegt, dass hier besonders viele Familien leben, die erst 1949 aus China geflohen waren. Und die wählen meist ihre Stammpartei, egal, wer ihr Kandidat ist.

Sean Lien, der Sohn von Lien Chan

Der heißt Sean Lien, ist mit 1,95 für Taiwaner ungewöhnlich groß und stammt aus einer ungewöhnlich reichen und mächtigen Familie. Sein Vater Lien Chan ist Ex-Vizepräsident, Ehrenvorsitzender der Partei und versteht sich gut mit Chinas Regierung. Dass sein Sohn selbst noch keine wirklichen Verdienste erworben hat? Egal, Hauptsache, die Dynastie wird fortgeführt.

P1040810

Schon im Februar 2013 hatte Lien senior, der in freier Wahl zweimal (2000 und 2004) nicht zum Präsidenten gewählt worden war und daraufhin 2005 die Gesprächskanäle zwischen KMT und Chinas KP eröffnete, seinen Sohn in Peking eingeführt. In der Großen Halle des Volkes, durfte Sean Lien die Hand von Chinas starkem Mann Xi Jinping schütteln. Die Botschaft war klar: Hier steht einer, der für Großes vorgesehen ist.

Lesetipp: Eine fiktive Diskussion für und wider Sean Lien

Damit Lien als erste Sprosse auf der Politkarriereleiter Bürgermeister von Taipeh werden konnte, stellte die KMT sogar einen erfahrenen und über Parteigrenzen hinweg respektierten Parteifreund kalt: Ting Shou-chung wäre eigentlich als Nachfolger von Hau Lung-bin prädestiniert gewesen. Mit ihm als Kandidaten müsste die KMT sich in Taipeh nun vermutlich keine Sorgen machen.

Die Wähler sind nicht begeistert

So aber hat man die Rechnung ohne die Wähler gemacht. Nachdem Studenten im Frühjahr das Parlament besetzt hatten, um die Regierung daran zu erinnern, wem sie vor allem verantwortlich ist (allen Bürgern) und wem nicht (Reichen, Konzernen und China), sind viele Taiwaner politisch aufgewacht.

Vor allem die  jungen Wähler sind dieses Jahr so aktiv wie nie.

Ein Politikwissenschaftler über die Nachwirkungen der Proteste:

Ein Kandidat, der mit dem silbernen Löffel im Mund geboren wurde und dem sein Vater alles ermöglicht hat – Studium in Amerika, Managerposten, Politkarriere -, ist selbst in Taipeh kein Selbstläufer mehr.

Ein Chirurg als Quereinsteiger: Ko Wen-je

P1040548

Die Oppositionspartei DPP hat keinen eigenen Kandidaten gekürt, sondern unterstützt einen parteilosen Quereinsteiger: Ko Wen-je, einen Arzt, der bislang politisch nicht in Erscheinung getreten war. Das war wohl ein geschickter Schachzug. Dieser etwas linkisch wirkende Chirurg liegt in den Meinungsumfragen nun tatsächlich sensationell vor Sean Lien mit seinem ganzen Parteiapparat im Rücken.

Das hat Lien sich vor allem selbst zuzuschreiben, denn er tritt seit Wochen zielsicher von einem Fettnäpchen ins nächste. Egal, ob er Ko vorwirft, korrupt zu sein oder nicht patriotisch genug, ob er seine eigene reiche Herkunft ins Positive wenden will oder Vorschläge zum Stadtumbau macht: Zu oft kommt am Ende etwas Peinliches heraus. Er schafft es einfach nicht, sich in die Wähler einzufühlen.

Lien wird zur Witzfigur

Obwohl Lien elf Jahre jünger als Ko ist, wurde er so vor allem bei Jüngeren zur Witzfigur, und im Internet kursieren zahlreiche Witze und Spottvideos.

Lien-Original:

Parodie:

Bizarre Vorwürfe

Als klar wurde, dass die Umfragen schlecht aussehen, verlagerte Liens Team sich mehr und mehr auf negative campaigning, also Schlammschlachten. Bizarrer Höhepunkt der Vorwürfe: Unter Kos Aufsicht sollen Ärzte am TMU Hospital (Taiwans renommierteste Klinik) Patienten ermordet haben, um ihnen Organe zu entnehmen.

Ko dagegen hält sich zurück, lässt sich nicht zu persönlichen Attacken hinreißen und betont vor allem immer wieder, dass er das politische Lagerdenken endlich überwinden will, das in Taiwan die Ursache so vieler Probleme ist. Das kommt besser an.

Ob er ein guter Bürgermeister wäre? Wer weiß. Nach letzte Umfragen sieht es jedenfalls so aus, als würden wir bald von einem Arzt regiert.

Aber wer Taiwan kennt, weiß: Überraschungen sind nie ausgeschlossen.

Share on Facebook61Share on Google+0Tweet about this on TwitterEmail this to someone

6 Kommentare zu “ Zwei völlig unterschiedliche Kandidaten für einen der wichtigsten Posten in Taiwan ”

  1. No name required sagt:

    Natürlich ist der Wahlkampf eine Schlammschlacht, und zwar in beide Richtungen. Ich denke da an den Abhörungsvorwurf von Ko z.B.

    Und die Aussage, „Das kommt besser an“ kann man doch nicht mit einem Link auf die Seite Thinking Taiwan belegen, die Seite der Tsai Ing-wen Thinking Taiwan Foundation! Das ist ja wohl die letzte Seite, auf der man neutrale Informationen findet.

    Ich glaube nicht, dass irgendjemand in Taipei denkt, Ko wäre tatsächlich ein unabhängiger Kandidat, der das politische Lagerdenken überwinden wird.

    • Hallo, danke für den Kommentar!
      1) Ich denke, wenn man nebeneinanderstellt, was in Sachen Schlammschlacht-Vorwürfe in den Raum gestellt wurde, gewinnt das Lien-Camp diesen Vergleich quantitativ und qualitativ. Die Abhörgeschichte ist derzeit ungeklärt, es war sicher nicht der brillanteste Vorstoß der Ko-Mitarbeiter, sich ohne Beweise aus der Deckung zu trauen.
      2) Der Link zu Thinking Taiwan soll die Sichtweise des Autoren dort belegen, der genau zu dem Schluss gekommen ist, dass die Ko-Kampagne ihn persönlich eher anspricht, und der die Gründe dafür penibel aufzählt. Dass das keine „neutrale“ Stimme ist, ist klar. Zugegeben, „Das kommt bei manchen/einigen/vielen besser an“, wäre exakter gewesen. Poste hier gerne mal ein paar Links, die Du repräsentativer findest.
      3) Tja, und ich glaube das. Tut ja eigentlich nichts zur Sache, was wir uns so denken. Irgendwas wird schon passieren.

  2. Sokrates sagt:

    Vielleicht könnt ihr mich über die Abhöraffäre mal aufklären. Ko’s Gegner haben das Schattenkabinett gekannt, ohne dass Ko es bekannt gegeben hat. In Deutschland haben sich schon Politiket für sowas in der Badewanne ertränkt und in der USA sind Präsidenten geflogen. Wo ist denn hier die Staatsanwaltschaft. Vielleicht wisst ihr mehr.

  3. Daniel Meier sagt:

    Ko ist ja jetzt schon einige Monate im Amt, könnten Sie vielleicht ein erstes Zwischenfazit ziehen?

Trackbacks & Pingbacks:

Kommentar abgeben