Trinken und tanzen mit den Tsou

Das arme Schwein musste zuerst dran glauben. Mit Speeren abgestochen von den Kriegern des Stammes, über dem Feuer geröstet und gemeinsam verzehrt. In der Ecke hing ein Korb, in dem früher die Köpfe der Feinde gesammelt wurden. Und dann wurde die ganze Nacht durch getanzt und getrunken.

Nanu, wo war ich denn hier gelandet?

Taiwan ist ja als modernes Land bekannt – und nun solche archaischen Riten? Da hatte ich mal wieder eine ganz neue Seite kennen gelernt, als Gast beim jährlichen Stammesfest der Tsou.

Tsou Zeremonie

Die Fahrt ging hoch hinauf in die Berge Zentraltaiwans, über Serpentinen und Schotterpisten. In dieser Gegend sind die meisten Menschen Tsou. Das ist einer der 14 offiziell anerkannten Ureinwohner-Stämme des Landes.

Taiwans Ureinwohner sind in der Minderheit

Heute stellen Taiwans Aborigines nur noch zwei Prozent der Bevölkerung, aber bis vor 400 Jahren hatten sie die ganze Insel für sich. Mit den Chinesen, die später einwanderten, sind sie nicht verwandt und haben ganz eigene Sprachen und Bräuche.

Tsou Statue

Die ganze Geschichte erinnert an den Wilden Westen: Mit dem Vordringen der fremden Siedler wurden die Ureinwohner mehr und mehr zurückgedrängt. Irgendwann mussten sie die Waffen strecken.

Tsou Tracht Ureinwohner Taiwan

Bunt gefärbte Kleidung, Leder-Leggins und Federn als Haarschmuck: Wenn die Tsou ihre Tracht anlegen, erinnern sie wirklich sehr an Amerikas Indianer.

Sehr empfehlenswerte Facebook-Seite: Mata Taiwan

Nach Jahrzehnten der Diskriminierung werden die Kulturen von Taiwans Aborigines heute anerkannt und gefördert, in der Realität aber sind sie noch immer in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich benachteiligt.

In den vergangenen Jahren gab es häufiger Streit zwischen Regierung und Ureinwohner-Stämmen um Landrechte und Umsiedlungen, etwa nach verheerenden Taifunen.

Das Stammesfest hält Traditionen lebendig

Einmal im Jahr werden die alten Bräuche wieder lebendig, die Männer werden zu Kriegern, tauschen ihre Smartphones gegen Speer und Jagdmesser und versammeln sich auf dem „Kuba“, der hölzernen Plattform mitten im Dorf vor beeindruckender Bergkulisse. Dies war seit jeher der Ort, wo die Ältesten des Stammes Rat hielten, wo die erfolgreiche Jagd ebenso gefeiert wurde wie der Feldzug gegen den feindlichen Stamm im Nachbartal.

Noch vor weniger als 100 Jahren waren die Tsou gefürchtete Kopfjäger, und ihre Trophäen landeten in einem Korb, der unter dem Strohdach hängt. Heute ist er leer.

Nur das Schwein muss sein Leben lassen, und da es gleich verspeist wird, finde ich das in Ordnung.

Ureinwohner Zeremonie Tanz Taiwan

„Mayasvi“ heißt die jährliche Zeremonie, mit der die Geister für einen Tag und eine Nacht auf die Erde gerufen werden sollen. Sind die Gäste aus dem Jenseits da, müssen sie bei Laune gehalten werden – am besten mit Gesang und Tanz. Die Männer und Frauen der Tsou fassen sich an den Händen, verketten sich, bilden einen großen Kreis und stapfen zum rhythmischen Sprechgesang im Kreis herum. Und zwar die ganze Nacht hindurch – ein paar Leute müssen immer durchhalten.

Zur Motivation wird frisch vergorener Hirseschnaps aus einem großen Eimer ausgeschenkt.

Taiwan Ureinwohner Tanz Nacht

Touristen haben Witterung aufgenommen

Mit Fotoapparaten und Videokameras finden mittlerweile einige hundert Besucher den Weg zu dieser Zeremonie, vor allem Taiwaner. Zunächst müssen sie alles von der Tribüne aus beobachten, können sich aber später unter die Tanzenden mischen. Da waren wir natürlich auch dabei.

Wenn die Besucherzahlen sich weiter so entwickeln, ist das Mayasvi in ein paar Jahren eine Riesen-Touristenattraktion, und der Stamm kann Stände aufbauen und Souvenirs verkaufen. Noch ist es nicht so weit. Die Tsou finden es gut, dass die Außenwelt sich für ihre Bräuche interessiert. Je mehr Zuschauer, sagt man mir, desto mehr sind die Jüngeren stolz auf die alten Rituale, und zum Mitmachen bereit.

Aber auch ganz ohne Zuschauer würden sie das Mayasvi  wohl genau so durchführen. Und das machte den Besuch dort für mich so interessant.

Wie haben Sie Taiwans Ureinwohner kennengelernt?

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5 Kommentare zu “ Taiwan völlig anders: Zu Gast bei einem Ureinwohner-Stammesfest ”

  1. Robert sagt:

    Hallo Klaus,
    erstmal nochmals vielen Dank für dein Engagement für Taiwan. Es ist immer wieder schön von der kleinen Insel zu lesen.
    Ich war auch vermutlich genau bei diesem Fest vor einigen Jahren zufällig mit dabei und habe meine Beobachtungen aufgeschrieben und gefilmt (Link steht unten an).
    Ich wurde dann sogar eingeladen und durfte dort mitessen, eine Großfamilie kennen lernen und später noch kostenlos übernachten. Es war eine sehr tolles Erlebnis.
    Touristen, geschweige denn eine Tribüne oder ähnlich gab es aber 2010 noch so gut wie keine dort. Einige wenige externe Taiwaner waren vielleicht dort. Aber gut zu hören, dass es damit bergauf geht, denn die Tsou hatten durch einen Taifun (Morakot?), so ziemlich alles verloren, da 90% ihres Dorfes hinweggeschwemmt wurden und die meisten lebten zumindest 2010 noch in Notunterkünften.
    Es gilt vielleicht auch noch zu erwähnen, dass die Tsou Christen sind und man an ihrer Stammestracht noch erkennt, dass sie ehemals am und vom Meer gelebt haben – sie tragen nämlich Muscheln als Schmuck. Gut auch in deiner Nahaufnahme des Ältesten zu sehen.

    Viele Grüße nach Taiwan
    Robert

    Etwa im unteren Drittel beginnen die Videos dazu: http://robertintaiwan.blogger.de/stories/1740956/

  2. susanne m. sagt:

    Hallo Klaus

    Ich war letzthin am Sun Moon Lake und habe mich gewundert, weshalb dort und auch anderswo Hirseschnapps oder Hirsewein als „rice wine“ angepriesen wird und nicht als „millet wine“, denn in der Zutatenliste lese ich die Zeichen für Hirse 小米.

    Übrigens, Hirse kostet in Japan ein kleines Vermögen, auch im 100g Pack, grösser sah ich sie jedenfalls nie.
    Das kostet dort mehr wie zu Hause ein Pfund Bio-Hirse!

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