Der Teebauer und die eiserne Göttin

Trocken und verschrumpelt liegen in der Blechdose dunkelgrüne, fast schwarze Blätter, gerollt zu kleinen harten Bällchen. In die weißen Porzellanschälchen damit, heißes Wasser darauf, das sich sofort golden färbt. Die Teeblätter entfalten sich, ihr Duft auch.

Herr Chen deckt die Becher ab. Ein paar Minuten Geduld müssen sein. Taiwans hektische Hauptstadt Taipeh ist nicht weit, doch hier, mit Blick über Teefelder auf sattgrüne Hügelketten, drängt nichts zur Eile.

Teeplantage Maokong

Tie Guanyin, die eiserne Guanyin, heißt so nach einer buddhistischen Göttin der Barmherzigkeit. Sie gehört zur großen Oolong-Familie, die halbfermentiert zwischen Grün- und Schwarztee steht. Unter Taiwans Teesorten ist es eine der kostbareren und selteneren, und in der Herstellung wohl am aufwändigsten. Pflücken, trocknen und ab in die Tasse – so funktioniert es nicht. Zwischen Ernte und Aufguss ist viel Arbeit nötig.

Viel Handarbeit in der Teeplantage

Auf dem treppenförmig abfallenden Feld von Chen Wei-chih wachsen die Teesträucher kniehoch und erinnern an struppige Gartenhecken. Mit 2000 Quadratmetern ist das Feld nicht besonders groß, aber so kann er es alleine bewirtschaften und davon leben. Nur ab und zu muss die Familie mit anpacken. Heute jätet Chen mit der schweren Hacke das frische Unkraut zwischen den Reihen. Erst in einigen Monaten wird hier wieder geerntet.

Teebauer Teeplantage Taiwan

Nach dem Landwirtschaftstudium arbeitete Chen zunächst im Büro eines Bauernverbands. „Aber die Natur reizte mich mehr“, erzählt er. Mit 29 pachtete er sein erstes Stück Land, mit Mitte 40 kaufte er sein jetziges Feld. Das war vor knapp zehn Jahren.

Dass er so oft in mühsamer Handarbeit Unkraut jäten muss, hat er sich selbst ausgesucht, denn er setzt auf biologischen Anbau und spritzt keine Pflanzenschutzmittel. „Tee ist nicht wie Gemüse, nach der Ernte muss man ihn noch lange weiterverarbeiten. Ich wollte nicht, dass meine Frau und Kinder ständig mit Spritzmittel in Kontakt kommen.“

Weniger Ertrag, aber kein Gift

Statt mit Gift bekämpft er Schädlinge mit Fallen, die Lockstoff-Köder enthalten. Oder er setzt im Feld ihre natürlichen Feinde aus: Gottesanbeterinnen und Marienkäfer. Der Preis dafür ist ein um 30 bis 40 Prozent geringerer Ertrag.

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Solch kleine Betriebe, die auf erlesene Qualität setzen statt auf Massenproduktion, sind mittlerweile typisch für Taiwans Teeindustrie. Mit steigenden Personalkosten lohnte der Anbau sich immer weniger. Wer weiter machte, musste sich eine Nische suchen – wie Chen, als er sich Anfang der neunziger Jahre selbstständig machte. Seine 200 Kilo pro Jahr verkauft er ohne Probleme an Stammkunden, für 60 Euro das Pfund.

Tie Kuanyin Tee Taiwan

Heute exportiert Taiwan nur noch wenig teuren Tee für Genießer in alle Welt und importiert viel billige Ware für Supermärkte und Getränkeproduzenten aus Ländern wie Vietnam. Ausgeführt werden pro Jahr etwas mehr als 3000 Tonnen zum Durchschnittspreis von 11.500 US$. Eingeführt wird fast zehnmal so viel – aber für nur 1750 US$ pro Tonne.

Nach dem Pflücken läuft die Zeit

Fünfmal jährlich wird geerntet. Die Uhr beginnt noch auf dem Feld zu laufen: Sobald die Teeblätter gepflückt sind, beginnen sie zu welken. Ähnlich wie ein aufgeschnittener Apfel, der beim Kontakt mit Sauerstoff braun anläuft, verfärben sie sich. Die Herausforderung liegt darin, diese Fermentation zu kontrollieren und im richtigen Moment zu unterbrechen, damit der Tee das gewünschte Aroma erhält.

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Die Industrie beschleunigt diese Prozesse, aber wer nach traditionellen Methoden produziert, muss dem Tee Zeit lassen. Trocknen, Wenden, Erhitzen, Pressen, Rösten, Walken, wieder und wieder… erst 10 bis 14 Tage nach der Ernte, nach unzähligen Handgriffen, kann Chen seine eiserne Guanyin endlich abfüllen und verpacken.

Teeanbau Teeblätter

Touristen zeigt er ebenso seine Teewerkstatt und führt sie übers Feld wie Schüler aus der Umgebung. Chen plant ein neues Gebäude, dreistöckig und mit Platz für Gästezimmer. Die Pläne liegen schon auf dem Tisch, aber die Baugenehmigung macht noch Probleme.

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Suche nach einem neuen Stück Land

Und dann ist da noch die schwierige Suche nach einem neuen Stück Land, denn nach 15 Jahren lässt der Ertrag der Teepflanzen nach, und bevor Chen neue setzen kann, muss der Boden sich jahrelang erholen. Land aber ist knapp und teuer, so dicht an der Hauptstadt. Außerdem dürfen Chens neue Nachbarn kein Pflanzenschutzmittel spritzen, das auf sein Feld und ins Grundwasser ziehen könnte.

Eigentlich geht es Chen Wei-chih ähnlich wie Landwirten in Deutschland: Irgendwas kann immer passieren, und ohne viel Arbeit geht gar nichts. Wenigstens hat er eine Göttin an seiner Seite. Und immer eine Tasse Tee zum Entspannen.

Konktakt zu Herrn Chen in Maokong: mhytea (at) gmail.com

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