Wie ich Taiwans erfolgreichsten Dokumentarfilm aufs platte Land brachte

Was macht ein Taiwanreporter im Deutschlandurlaub? Er erzählt von Taiwan. Im historischen Kornspeicher meiner niedersächsischen Heimatstadt hatte ich neulich eine ganz besondere Gelegenheit.

Filmvorführung im Kornspeicher

Gut 80 Zuschauer waren gekommen, um den Film „Jenseits der Schönheit – Taiwan von oben“ („Beyond Beauty: Taiwan From Above“, 看見台灣) zu sehen. Sie haben Taiwan so gründlich kennen gelernt wie nur ganz wenige Leute in Deutschland, denn der ausschließlich aus der Luft gedrehte Film lief hier bisher weder im Kino noch im Fernsehen.

Lesetipp: Taiwan von oben – dieser Film öffnet auch Ihnen die Augen

Dass diese Vorführung möglich war, lag auch am Filmemacher selbst: Ich hatte Chi Po-lin vor einigen Monaten in Taipeh auf einer Pressekonferenz angesprochen. Der Regisseur gab nicht nur grünes Licht für die Vorführung, er drückte mir auch gleich eine hochauflösende Blue Ray-Scheibe mit seinem preisgekrönten Film in die Hand. Bestimmt wäre er gern selbst dabei gewesen, als sein Werk nun Norddeutschland-Premiere feierte.

Taiwan von oben Filmplakat

Verhängnisvolles Wachstumsdenken

„Jenseits der Schönheit“ ist ein Film mit einer ganz einfachen Botschaft: Wir können nicht so weiter machen. Mit unserem Wachstums- und Profitdenken beuten wir die Natur aus und zerstören damit unsere eigenen Lebensgrundlagen, und die unserer Nachkommen.

Anders als Politik, Medien oder Wirtschaft hat die Wissenschaft hat noch am besten begriffen, in welche Katastrophe wir kaum gebremst hineinrasen. Warum die Welt um 2030 eine ganz andere sein könnte, ist hier gut zusammengefasst.

Der Film konzentriert sich auf das dicht bevölkerte Taiwan (23 Mio. Einwohner, mehr als Australien, auf einer Insel kleiner als Niedersachsen). Ganz harmlos beginnt Chi mit atemberaubenden Aufnahmen unberührter Naturschönheit. Taiwans Hochgebirge ist wohl noch nie so spektakulär in Szene gesetzt worden – für uns Flachländler war das ein beeindruckender Anblick. (Trailer)

Nach einer Viertelstunde ändert Regisseur Chi dann den Tonfall und konfrontiert uns mit der Verwüstung und den Entstellungen, die ungebremste wirtschaftliche „Entwicklung“ anrichten.

Nicht mit dem Finger auf Taiwan zeigen

Für mich brachte dieser Abend eine Erkenntnis: Der Film regt zum Nachdenken an und funktioniert auch jenseits von Taiwan. Wie unter einem Brennglas bündeln sich auf der Insel Probleme, die überall auf der Welt akut sind. „Wir haben keinen Grund, mit dem Finger auf Taiwan zu zeigen“, hörte ich nach dem Film.

Lesetipp: Meine englische Filmkritik zu „Beyond Beauty: Taiwan From Above“

Schließlich haben wir Deutschen lange genug selbst auf Kosten unserer Umwelt gelebt, und tun es noch immer. Schlagworte aus meiner ländlichen Heimatregion, die keine Insel der Seeligen ist: Vermaisung, Monokulturen, Torfabbau, Flächenfraß, Autobahnbau.

Alles hängt zusammen

Auch indirekt sorgen wir für Probleme in Ländern wie Taiwan oder – noch schlimmer – in China. Etwa mit unserem Verlangen nach immer billigeren Produkten, die in immer kürzerer Zeit ersetzt werden. Stichwort Smartphone: Woher kommen denn Chips, Plastikhülle und Touchscreen? Nichts davon wächst auf Bäumen. Die Fabriken mögen weit weg sein, aber nicht weit genug – auf unserer Erde hängt alles mit allem zusammen, die Rechnung erhalten wir so oder so.

Sind wir noch zu retten, oder muss die Menschheit den Wagen erst vor die Wand fahren, bevor sie umdenkt? Große Fragen wirft dieser Film auf, auch neulich Abend. Chi Po-lin wollte das Bewusstsein seiner Landsleute wachrütteln. Es gelingt ihm auch weit jenseits der Grenzen.

„Man merkt dem Film an, dass der Regisseur sein Land liebt, und dass es ihm am Herzen liegt“, sagte ein Zuschauer nach dem Film, und machte dann ein schönes Kompliment: „Und für Ihre Berichte gilt das auch.“

Haben Sie den Film auch schon gesehen? Wo würden Sie ihn in Deutschland gern zeigen?

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Ein Kommentar zu “ Seltene Chance: 80 Niedersachsen erleben Taiwan von oben ”

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