Alles für ein paar Geschichtsbücher? Minderjährige machen Druck

Regierungsgebäude besetzt und umzingelt, junge Demonstranten in Massen auf der Straße, Forderungen nach Transparenz… das klingt bekannt, nach der Sonnenblumen-Protestbewegung vom letzten Jahr. Aber es sind andere, jüngere Demonstranten, und sie verfolgen neue Ziele. Ein Selbstmord ließ die Proteste nun eskalieren.

So langsam sollte ich mir wohl Sorgen machen. Wieder einmal passieren in Taiwan wichtige Dinge, während ich gerade nicht im Lande bin.

Schüler Proteste Taiwan

Als die Studenten der Sonnenblumen-Bewegung im Frühjahr 2014 das Parlament besetzten, war ich gerade in Deutschland. Und auch jetzt, wo der lange gärende Protest von Highschool-Schülern gegen den neuen Geschichts-Lehrplan eskaliert, bin ich im Heimaturlaub und kann alles nur aus der Ferne verfolgen.

Das nennt man wohl Reporterpech.

Proteste mit Vorgeschichte

Neu sind die Proteste gegen Änderungen der Geschichts-Lehrbücher und -Lehrpläne nicht. Seit mindestens zwei Jahren schon rührt sich Widerstand gegen die Pläne der Regierung.

Dass Taiwans Regierungen Textbücher in ihrem Sinne umschreiben, ist nichts neues. Dahinter steht wohl die Hoffnung, die politischen Einstellungen kommender Generationen im eigenen Sinne zu beeinflussen. Der Kampf um Taiwans Identität wird auch auf dem Schlachtfeld des Geschichtsbewusstseins ausgetragen.

Nachdem die DPP im Jahr 2000 die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, setzte sie viele Änderungen in der Lehrplänen durch. Grob gesagt, ging es wohl vor allem darum, mehr Augenmerk auf Taiwan zu legen, seine spezifische Geschichte und Geografie, als auf China.

Einigen in der KMT ging das erwartungsgemäß zu weit, so dass nach dem Machtwechsel 2008 wieder Anpassungen in der anderen Richtung vorgenommen wurden. Hin und her also, nicht immer unumstritten aber eigentlich so, wie es in einer Demokratie normal sein sollte.

Warum ist die Aufregung aktuell so groß?

Regierung hat Vertrauen verloren

Die KMT steckt bekanntlich spätestens seit der Parlamentsbesetzung im Stimmungstief und muss mit einer Wahlniederlage Anfang 2016 rechnen. Lautstarke, heftige Kritik an der Regierung ist in Taiwan nicht mehr auf einzelne Gruppen beschränkt, sondern beinahe gesellschaftlicher Mainstream geworden. Man guckt der Regierung ganz genau auf die Finger, vermutet hinter so ziemlich jeder neuen Politik unlautere Motive.

Die aktuellen Pläne, die Geschichtsbücher umzuschreiben, passen genau ins Muster der Kritiker: Eine von der Regierung berufene Historiker-Kommission, deren genaue Zusammensetzung geheim bleibt, schreibt die Texte um. Und ohne große Debatte sollen die Änderungen umgesetzt werden.

„Black Box“ war schon 2014 das Schlagwort, als es gegen das Dienstleistungsabkommen mit China ging. Was die Leute aufbringt, sind nicht nur die Inhalte, sondern auch das als intransparent und undemokratisch empfundene Vorgehen der Regierung.

Wird die Geschichte umgeschrieben?

Was soll also drinstehen in den neuen Geschichtsbüchern? Das befürchten die Kritiker:

Neu an der aktuellen Protestwelle ist, dass sie das Altersspektrum der Teilnahmer nach unten aufgebrochen hat.

Bei den Sonnenblumen-Protesten waren die Aktivposten Universitäts-Studenten. Die sind in Taiwan zwar volljährig (ab 18) und wahlberechtigt (ab 20), wurden aber traditionell dennoch nicht ganz für voll genommen.

Nun sind es Schüler der High Schools, also der Jahrgänge 10 bis 12, die aufbegehren. Das ist für Taiwan unerhört, gelten sie doch vielen als Kinder, denen keine eigene Meinung zusteht, oder die sie zumindest für sich behalten sollten. Minderjährige hatten sich bislang aus jedem politischen Diskurs herauszuhalten.

Lesetipp: Druck auf Schüler in Taiwan

Sie sind aber nicht still, und sie protestieren, obwohl die Änderungen ja eher nachfolgende Jahrgänge betreffen werden. „Gehirnwäsche“ kritisieren diese Schüler und sagen: „Erziehung darf kein Werkzeug der Politik sein“. Ihre Proteste eskalierten vor einigen Tagen damit, dass sie ins Erziehungsministerium eindrangen. Die Polizei verhaftete dutzende Schüler und auch einige Journalisten. Die gesellschaftliche Stimmung ist aufgeheizt wie zuletzt bei der Besetzung des Parlaments. Die Taktiken der Sonnenblumen-Bewegung haben die Schüler sich zum Vorbild genommen.

Bildergalerie vom Eindringen ins Ministerium

Auch Eltern, Lehrer und Anwälte unterstützen ihre Bewegung. Aber nicht alle.

Tod eines Schülers

Traurige Eskalation bislang: Einer der Schüler, die im Ministerium festgenommen worden waren, beging Selbstmord. (Video von einem TV-Auftritt von Lin Kuan-hua kurz vor seinem Selbstmord)

Nun hat die Bewegung einen Märtyrer. Die Regierung beschuldigt die Opposition, die Schüler aufgehetzt zu haben. Die Protestierer beschuldigen die Regierung, ihn in den Tod getrieben zu haben.

Eine sehr gute Zusammenfassung dieser traurigen Geschichte findet sich bei Taiwan Explorer. Es geht auch darum, welche Rolle die Eltern des Schülers gespielt hatten. Nach der Festnahme machten sie ihrem Sohn offenbar Schuldvorwürfe und massiven Druck. Nach dem Selbstmord ihres Sohnes veröffentlichte die Mutter dann einen offenen Brief, in dem sie sich selbst und der Gesellschaft eine Mitschuld zuschreibt.

Es gibt Gespräche zwischen Erziehungsminister und Demonstranten. Sie waren bislang aber eher fruchtlos. Es wird weitere Proteste geben. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Wahrscheinlich sind meine Informationen schon wieder überholt, wenn ich dies veröffentliche.

Um auf dem Laufenden zu bleiben, empfehle ich als englischsprachige Quellen:

  • Focus Taiwan, Taiwans offizielle Nachrichtenagentur
  • Solidarity.tw, exzellente Übersetzungen wichtiger aktueller Originalquellen
  • New Bloom, ein Blog, das die aktuellen Entwicklungen begleitet

Wer ist vor Ort und kann seine eigenen Beobachtungen teilen?

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3 Kommentare zu “ Sunflowers reloaded: Schüler gegen Taiwans Regierung ”

  1. Gert A. sagt:

    Ach nee, nicht schon wieder die Sonnenblumen! Gibt es wirklich keine anderen Themen?? Präsident Ma macht seinen Job doch gut, auf alle Fälle besser als Chen Shui-bian!

  2. Thorsten sagt:

    Ma ist Geschichte, auch die Guomingdan wird wohl so bald keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Die Sonnenblumen waren keine Eintagesfliege, das ist eine neue Generation, die sich nicht mehr vom alten Establishment abbügeln lässt. Ich war selbst in Taiwan letztes Jahr und habe mit Demonstranten gesprochen. Die Sonnenblumen haben eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Nicht zuletzt ist es die neue Akademische Elite, die in den nächsten Jahren immer mehr Schlüsselpositionen besetzen wird. Guomingdan und auch Minjingdan haben das noch nicht verstanden. Genauso sie Jubelchinesen im Westen.

  3. Sokrates sagt:

    Solange CKS in seinem Mausoleum sitzt, kann man wohl keine andere Geschichtsklitterungen erwarten. Warum lernen die Kinder nicht Hokkien Taiwanese in der Schule, dann kann man sich gegenseitig vielleicht besser verstehen. Sollte selbstverständlich sein, wie in Kanada. Oder passiert das schon?

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