Krankenversicherung, Rente und Arbeitslosengeld

Das Stichwort „Taiwan“ verbinden in Deutschland einige immer noch mit Begriffen wie „Entwicklungsland“ oder „Armes Asien“. Das hat mit der Realität nicht viel zu tun.

Skyline Dächer Taipeh

Auch, wenn im Moment mal wieder viel über das angeblich zu schwache Wirtschaftswachstum lamentiert wird: Die meisten der 23 Millionen Taiwaner genießen einen Lebensstandard, der mehr mit Europa oder Japan als mit Thailand oder Vietnam zu tun hat. Es gibt weder Slums noch Massenarmut. Dafür aber mittlerweile ein recht ordentliches soziales Sicherungsnetz.

Vorbemerkung: Ich habe diese Angaben nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt aus allem, was ich aus persönliche Gesprächen, eigener Anschauung und diversen Infoquellen erfahren habe. Dazu gehört auch das empfehlenswerte Buch „How to Start a Business in Taiwan“. Da ich selbst noch nie regulär bei einer taiwanischen Firma angestellt war, kann ich aber nicht alles verifizieren. Daher stimmt wahrscheinlich nicht alles 100%, und ich freue mich auf Korrekturvorschläge in den Kommentaren, die ich dann hier einarbeiten werde.

Eine durchschnittliche Angestellte in Taiwan

Nennen wir sie Frau Chen. Sie hat studiert und lebt in Taipeh. Mit Mitte 30 hat sie nach einigen Jahren in ihrer Firma viele Erfahrungen in Marketing oder Vertrieb gesammelt, und ihre Stelle kann als sicher gelten. Sie verdient im Monat 40.000 Taiwan-Dollar, das sind umgerechnet gut 1100 Euro, etwas mehr als der Durchschnittslohn. (Weil es verschiedene Methoden gibt, Durchschnittseinkommen zu berechnen, findet man auch unterschiedliche Angaben.)

Krankenversicherung

Falls sie mal krank wird, muss Frau Chen sich keine allzu großen Sorgen über die Arztrechnung machen. Wie 99% aller Taiwaner ist sie in der 1995 eingeführten nationalen Krankenversicherung. Dafür zahlt sie nur 1,5% ihres Einkommens als Beitrag – monatlich also etwa 16 Euro. Für bis zu drei abhängig Versicherte würde noch mal der gleiche Betrag fällig.

Wer es genau wissen will:

Contributions for income earners are based on 4.91% of the insured’s monthly reported earnings, according to six categories of workers and 52 wage classes, multiplied by 30% or 60%, depending on the category. The result is multiplied by one plus the number of dependents, up to three.

Ihr Arbeitgeber legt ungefähr das doppelte drauf, und die Regierung schießt auch etwas zu.

Zu welchem Arzt sie geht, kann sie sich selbst aussuchen. Pro Besuch wird eine Praxisgebühr von vier oder fünf Euro fällig. Bei Medikamenten muss sie eine geringe Zuzahlung leisten. Der Eigenanteil für Krankenhaus-Aufenthalte ist gedeckelt bei etwa 50.000 NT$ fürs ganze Jahr.

Taipei 101 Sonnenuntergang

Wie gut die Behandlungen ausfallen, darüber gehen unter Expats die Meinungen auseinander. Interessant sind die Kommentare meinem älteren Blogeintrag zur Krankenversicherung in Taiwan.

Rentenversicherung

Nehmen wir an, Frau Chen achtet auf sich und bleibt gesund. Wie sieht es im Alter aus? Früher waren ganz selbstverständlich genügend Kinder da, die für ihre Eltern aufkamen. Mittlerweile konkurriert Taiwan mit Deutschland darum, wer die niedrigere Geburtenrate hat, und die Gesellschaft altert.

2008 hat Taiwan darum ein neues Rentensystem (Labor Pension Fund) eingeführt. Das läuft nicht wie in Deutschland nach dem Umlageverfahren, wo alle Beiträge sofort als Zahlungen bei den aktuellen Rentnern landen. Für jeden Angestellten verwaltet der Staat ein eigenes Konto. Der Arbeitgeber muss 6% vom Lohn einzahlen, der Arbeitnehmer kann freiwillig noch einmal bis zu sechs Prozent drauflegen.

Vielleicht denkt Frau Chen wie viele Kollegen und traut der Regierung nicht recht zu, das Kapital gut zu verwalten. Dann verzichtet sie auf freiwillige Zuzahlungen und steckt ihren Teil lieber in den Sparstrumpf oder eine private Lebensversicherung. Wie auch immer, wenn sie mit 60 Jahren in Rente geht, kann sie sich entscheiden: Lässt sie sich die angesparte Summe (inkl. Zinsen) auf einen Schlag auszahlen, oder will sie eine monatliche Rente?

Wegen des Nebeneinanders von neuem und altem System ist die Rentenversicherung in Taiwan ein wenig schwer zu durchschauen. Blogger Ludigel hat sich in seinem deutschen Taiwan-Blog auf vorbildliche Weise durch die Vorschriften gekämpft – lesenswert!

Arbeitslosenversicherung

Falls ihr Unternehmen entscheidet, dass Frau Chens Dienste eines Tages doch nicht mehr benötigt werden, genießt sie keinen Kündigungsschutz. Immerhin hat sie aber einen Anspruch auf eine Abfindung von ca. einem Monatsgehalt für jedes Jahr, das sie bei der Firma war. Und es gibt Arbeitslosengeld: 60% vom letzten Gehalt, maximal sechs Monate lang. Der während der Beschäftigung bezahlte Beitrag dafür beträgt 0,2% vom Einkommen.

Lesetipp: Unberechtigte Kündigungen – Meine Rechte in Taiwan

Bietet die Behörde ihr in dieser Zeit einen Job an, und das Einkommen liegt über dem Arbeitslosengeld, muss sie ihn annehmen oder ihre Ansprüche aufgeben. Und natürlich darf sie nicht selbst gekündigt haben – dann gibt es gar nichts.

Auch fürs deutsche Kranken-, Kinder- und Urlaubsgeld gibt es entsprechende Gegenstücke in Taiwan – wenn auch nicht in der Höhe, wie wir es gewohnt sind.

Dafür haben Frau Chen und ihre Landsleute aber auch mehr Netto vom Brutto und kommen ganz gut über die Runden, wenn sie nicht gerade eine überteuerte Immobilie kaufen. Aber das ist ein anderes Thema.

Sozialversicherung in Taiwan auf einen Blick

Eine exzellente, wenn auch nicht ganz leicht zu durchschauende, Zusammenfassung von Taiwans Sozialversicherung auf Englisch bietet die amerikanische Social Security Administration.

Wie zukunftsfest ist Taiwans Sozialversicherung?

Geburtenmangel, demographischer Wandel, Überalterung… alles Schlagworte, die in Taiwan fast so allgegenwärtig sind wie in Deutschland.

Lesetipp: Die Taiwaner sterben aus

Sowohl die Kranken- als auch die Rentenversicherung in Taiwan stehen vor großen Herausforderungen. Oder anders ausgedrückt: Sie drohen der Regierung bald um die Ohren zu fliegen. Ordentliche Leistungen bei extrem niedrigen Beitragszahlungen, das kann nicht mehr lange funktionieren.

Regen in Taipeh

Experten und Politiker diskutieren daher schon seit Jahren über Reformen, um die Systeme zukunftsfest zu machen. Bislang ist aber noch kein großer Durchbruch zustande gekommen.

Wie wird es weitergehen? Können Taiwaner sich noch lange an den sozialen Leistungen erfreuen? Und falls Sie Expat sind – haben Sie sich noch zusätzlich abgesichert?

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4 Kommentare zu “ Taiwans Sozialversicherung bietet viel und kostet wenig – aber es gibt ein großes Problem ”

  1. Ludigel sagt:

    Frau hat alle möglichen Zusatzversicherungen vor kurzem abgeschlossen, weil das Gerücht umgeht, die gesetzl. KV hier würde bald gravierend eingeschränkt. Für teures Geld haben wir jetzt Zimmer mit weniger Leuten und solche Sachen wie Krebsversicherung und dererlei Zeug. Das klingt wirklich nach Unsinn. Krebs behandeln sie auch auf GKV hier.

    Mein Praxistest heute Morgen passend zu Deinem Artikel:

    Bin gerade aus dem Krankenhaus zurück mit einem Mininierenstein. Super Schmerztherapie nur auf GKV in der Notaufnahme! Ob sie in Deutschland auch noch mal das stärkere Schmerzmittel gereicht hätten für mich als Kassenpatient?
    http://osttellerrand.blogspot.tw/2015/09/feeling-groovy.html

    • Und ich dachte, die Deutschen wären Versicherungsfetischisten.

      Drüben bei Facebook geht es darum, ob auch Ausländer eine monatliche Rente bekommen können:
      https://www.facebook.com/groups/287698284706718/permalink/642737999202743/?comment_id=642745865868623

      Was sagst Du?

      • Ludigel sagt:

        Gucke gleich mal in die Diskussion. Mein Wissenstand nach längerer Recherche: Jeder bekommt eine monatliche Rente, der im NEUEN Labor-Law – System drin ist und mind. 15 Jahre eingezahlt hat. Das steht deutlich in den englischen Texten von Regierungsstellen. Im neuen Labor-Law-System ist jeder drin, der nach dem 01.01.2005 ein normaler Angestellter in Taiwan ist (also kein deutscher Freiberufler, der der Firma eine Rechnung aus Deutschland schreibt o.ä. oder eine eigene Firma hat und nicht einzahlt) ODER der nach diesem Datum seine Arbeitsstelle in TWN gewechselt hat.

      • Haide sagt:

        Ja, kriege ich mal, wenn’s die dann noch gibt. Jedenfalls hab ich ein Anrecht drauf, da ich ja auch einzahle.

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