Die Geigensammlung des Chimei-Museums in Tainan

Es war einer der unwirklichsten Momente, die ich überhaupt je erlebt habe. Da stand ich und hielt in meiner Hand sehr wahrscheinlich mehr Geld, als ich in meinem Leben zusammengenommen jemals verdienen oder besitzen werde.

Doch in meinen Fingern spürte ich nur das Holz einer alten Geige, die mit nicht mal einem Kilo Gewicht leicht in der Hand lag.

Geigen im Chimei-Museum

Diese Geige aber, Baujahr 1744, war mindestens zehn Millionen Euro wert.

Sie haben sich nicht verlesen. Ich wiederhole das auch gern noch mal: Zehn. Millionen. Euro.

Diesen Wert hat eine Versicherungsgesellschaft für das gute Stück errechnet. Kein Wunder, dass ich das Instrument, „Ole Bull“ von Giuseppe Guarneri, wie ein rohes Ei in der Hand hielt.

Mehr als 1000 Geigen im Tresorraum

Ich gab es dann rasch Herrn Chung zurück, dem Verwalter der größten und wertvollsten Geigensammlung der Welt, im Chimei-Museum von Tainan in Südtaiwan.

Geigen im Chimei-Museum

Wir standen im Allerheiligsten, in der Schatzkammer. Hinter einer Tresortür, in einem klimatisierten Raum, lagern hier mehr als 1000 klassische Geigen, Bratschen, Cellos in maßgeschneiderten Holzregalen, die mit ihren Fächern an endlose Aktenordner in einer Behörde erinnern.

Stradivari und Amati haben die Instrumente gebaut, Paganini hat auf ihnen gespielt. Manche stammen von 1614, andere von 1560.

Nicht dass ich mich mit Geigen auskennen würde, aber das kann ich sagen: Sie sehen aus wie neu, diese Meisterstücke abendländischer Musik- und Handwerkskultur, die nun ihr Zuhause am anderen Ende der Welt haben.

Amati Violine und Bratsche

Welche Werte hier zusammengenommen liegen, das will ich mir lieber nicht vorstellen.

Herr Chung, der diese Sammlung zusammengetragen hat, kennt jedes Instrument wie einen alten Freund – ihre Vorbesitzer, Geschichten, Besonderheiten. Er muss einen der wunderbarsten Arbeitsplätze habe, die man sich vorstellen kann – so ähnlich wie ein Fünfjähriger im Süßigkeitenladen.

„Ich habe schon mal hier drin übernachtet“, verrät er mir. „Aber ich konnte nicht einschlafen. Da schwirrten so viele Stimmen durch den Raum.“

Industrieller und Mäzen

Wer kauft sich 1000 Geigen, wer hat soviel Geld? Weil ich ein Team der ARD beim Dreh begleite, öffnen sich uns die Türen, und wir treffen den Mann hinter der Sammlung: Hsu Wen-Lung heißt er, und mit 87 Jahren hat er sich wohl alle Träume erfüllt.

Hsu Wen-Lung im Interview

Aus kleinen Verhältnissen stammend, gründete Hsu den Chemie- und Elektrokonzern Chimei. Taiwans Wirtschaftswunder machte ihn sehr reich.

Ein Riesenmuseum für die Privatsammlung

Hsu, selbst ein passionierter Geiger, sagte sich: Mit ins Grab nehmen kann man das Geld nicht, und es ist besser, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Chimei Museum Tainan

Er stiftete seiner Heimatstadt ein Krankenhaus und dieses riesige, brandneue Museum. Eintritt frei für Einwohner von Tainan.

Chimei Museum Tainan

Darin seine Kunstsammlung, Gemälde und Statuen vom feinsten. Und mehr: Naturgeschichte, ausgestopfte Giraffen und Elefanten. Waffen und Instrumente.

Chimei Museum Tainan

Als kleiner Junge verbrachte er seine Nachmittage in so einem Museum und lernte die Welt kennen. Das will er nun anderen ermöglichen.

Geigen werden verliehen

Ein passionierter Geiger ist Hsu selbst. Seine Violinen sollen gespielt werden, sagt er. Also leiht er sie kostenlos Studenten, die zum Studium von Taiwan ins Ausland gehen. Mit der Stradivari im Gepäck nach New York, Paris oder Berlin.

Geigen im Chimei-Museum

Manchmal lässt einer die teure Leihgabe im Zug oder Taxi liegen. Solche Risiken nimmt Hsu in Kauf. Der Mann ist 87, Milliardär und Mäzen – er kann sich das leisten.

Hsu und seine Geigensammlung waren auch in der Dokumentation „Insel der 1000 Geigen“ zu sehen, die auf Arte lief.

Milliardär als Nachbar

Wir filmten ihn auch vor seinem Haus. Erwartet hatten wir eine Villa mit kiesbestreuter Auffahrt. Er wohnt aber seit mehr als 40 Jahren in einem unscheinbaren Haus mitten in der Stadt, Wand an Wand mit ganz normalen Nachbarn.

Es war wirklich eine beeindruckende Begegnung.

Hier ist das Video des Beitrags aus der NDR-Sendung „Weltbilder“.

Das Chimei-Museum ist nicht nur einen Besuch, sondern eine Reise wert. Es würde mit seiner Sammlung jede europäische Hauptstadt schmücken.

Und das Gebäude ist nicht protzig, kitschig oder Las-Vegas-künstlich, wie man meinen könnte, wenn man es nur von Fotos kennt. Ich finde es in seiner klassizistischen Eleganz gelungen und auch in Südtaiwan nicht fehl am Platze.

Waren Sie schon da? Wie hat es Ihnen gefallen?

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2 Kommentare zu “ Hier halte ich 10 Millionen Euro in meiner Hand ”

  1. Didi Bao sagt:

    Ich fliege dieses Wochenende nach Taiwan, und werde zwei Wochen in Tainan sein…nach diesem sehenswerten Bericht vermutlich auch mit einem Abstecher zum Chimei.

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