Ein bisschen Freude im Alter

Mit einer ganz einfachen Idee macht dieser Mann die Welt für andere Menschen in Taipeh ein bisschen heller. Tag für Tag.

Rollstuhl Kindergarten Taiwan

Immer mehr alte Menschen leben allein. Ihre Pflegekräfte können sich nur um das Nötigste kümmern. Gleichförmig und einsam vergeht die Zeit.

Eine deprimierende Zustandsbeschreibung, die stark nach Deutschland klingt. Doch Taiwans Gesellschaft steht vor den gleichen Problemen.

Eine extrem niedrige Geburtenrate bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung sorgt dafür, dass Taiwan Deutschland in Sachen Alterung bald eingeholt hat. In Deutschland sind derzeit knapp 22 Prozent über 65, in Taiwan 12 Prozent. Schon in zehn Jahren werden die Senioren aber auch dort mehr als ein Fünftel der Bevölkerung stellen.

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Das alte konfuzianische Modell, nach dem die Kinder ihre Eltern ein Leben lang versorgen, gerät schon heute an seine Grenzen. Immer weniger leben und arbeiten im gleichen Ort. Heime aber sind verpönt.

Ohne Pflegerinnen geht nichts

So ist Rund-um-die-Uhr-Betreuung oft Sache von Pflegerinnen, die aus Indonesien oder von den Philippinen ins Land geholt werden. Da ist dann die Verständigung schwierig.

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Angesichts so vieler Probleme ist es wohl bitter nötig, positive Beispiele zu präsentieren. Wer sagt denn, dass gegen Einsamkeit kein Kraut gewachsen ist? In Taipeh beweist Yeh Yu-yi Tag für Tag, dass ein Einzelner auch etwas bewirken kann.

Senioren in Taiwan im Rollstuhl

Wer gegen 9 Uhr morgens durch den Park an der Chiang-Kai-shek-Gedenkhalle spaziert, kann Herrn Yeh sehen, wie er zwischen einem Dutzend Rollstühlen hin und her flitzt.

Noch davor kann man ihn hören. Der 66-Jährige singt, spielt Mundharmonika, lacht aus vollem Hals. Und die greisen Menschen in ihren Rollstühlen singen und lachen mit. Für sie ist es dieses Treffen der Höhepunkt des Tages.

Auch für andere etwas tun

Für Yeh begann dieses Kapitel seines Lebens, als seine Mutter sich der 100 näherte. Um für sie da zu sein, sagte er 2009 seinem Job als leitender Ingenieur Adieu. Beim täglichen Ausflug in den nahen Park sah er dann die vielen anderen Alten, einsam im Rollstuhl, an ihrer Seite nur eine Pflegerin, mit der sie sich nicht viel zu sagen hatten. „Da kann ich doch was tun“, sagte er sich.

Rollstuhl Kindergarten Senioren Taiwan

Er überzeugte Senioren und Pflegerinnen, zum regelmäßigen Treffen zu kommen. „Rollstuhl-Kindergarten“ nennt er seine zwanglose Gruppe, was auf Chinesisch nicht so bevormundend klingt wie auf Deutsch.

Alle machen mit

Yeh ist Vorsänger und Vorturner. Zuerst gibt es Gymnastik und Lockerungsübungen. Alle sollen die Arme ausschütteln, den Mund aufreißen und laut brüllen. Yeh wendet sich jedem mal zu, sorgt dafür, dass niemand sich vergessen fühlt. Die Liedtexte hat er als Fotokopien verteilt.

Es sind vor allem japanische Kinderlieder. Für die über 80- und 90-Jährigen Taiwaner, die unter Japans Kolonialherrschaft aufwuchsen, ist es der Klang ihrer Kindheit.

(Video)

Auch die Pflegerinnen freuen sich, denn für 90 Minuten wissen sie, die sonst kaum Freizeit haben, ihre Schützlinge in guten Händen und können untereinander zusammen sitzen.

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Südostasiatische Pflegerinnen in Taipeh

Tag für Tag im Park

Seine Mutter ist inzwischen verstorben, doch noch immer zieht Yeh von Montag bis Freitag sein Programm durch, bei Wind und Wetter. „Es kann sein, dass sogar bei Sturm einer auftaucht“, erklärt er. „Dann muss ich ja hier sein.“

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Die Stadtregierung ist auf sein Engagement aufmerksam geworden, will nach seinem Vorbild woanders Initiativen starten. Und weil ich nach meinem Besuch so beeindruckt war, konnte ich auch den NDR überzeugen, einen Beitrag zu drehen. Er läuft demnächst in der Sendung „Weltbilder“.

Altenpflege darf nicht am Körper aufhören, findet Yeh. „Auch auf dieser letzten Etappe der Reise sollten wir die Würde und die Freude der Menschen erhalten.“

Wie könnte so eine Initiative auch in Deutschland funktionieren?

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2 Kommentare zu “ Was er in Taiwan tut, kann Menschen überall ein Vorbild sein ”

  1. Daniel sagt:

    Schöner Artikel und eine tolle Sache!
    In Deutschland gibt es meines Wissens so etwas teilweise in Altenheimen, dass Leute z.B. im Rahmen des freiwilligen sozialen Jahrs etwas mit den Leuten machen. Andererseits finde ich es viel netter, wenn es irgendwo außerhalb der Heime stattfindet.
    Toll auch für die Pflegerinnen, dass sie etwas Freizeit haben und unter sich sind. Ich habe in der Vergangenheit schon welche von den Philippinen kennengelernt, die mir von ihrer Arbeit in Taiwan erzählt haben, das ist alles andere als leicht, so etwas über Jahre durchzuhalten.

    Kleine technische Anmerkung: Ein Klick auf das zweite Bild im Artikel öffnet die Großansicht des dritten, wohingegen das dritte Bild gar nicht verlinkt ist.

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