Eine ganz eigene Spezies: Unterarten von Deutschen in Taiwan

Regelmäßig treffen alle Deutschen in Taiwan sich zum gemütlichen Beisammensein. Im Sommer spielen sie gemeinsam Fußball, im Winter trinken sie Glühwein und stricken schwarz-rot-goldene Pudelmützen.

Deutsches Team bei den World Games 2009 in Kaohsiung

Nein, so ist es dann doch nicht. Ganz und gar nicht.

Kein Bedürfnis nach Gemeinschaft?

Wer als Deutscher in Taiwan lebt, legt normalerweise keinen Wert darauf, ständig Landsleute zu treffen. Das kann man merkwürdig finden. So weit von der Heimat entfernt könnte die kleine Kolonie doch zusammenhalten, oder?

Nicht einmal beim offiziellen Empfang am 3. Oktober kann man sie alle auf einmal treffen. Das liegt auch daran, dass aus Platz- und Kostengründen gar nicht alle eingeladen werden.

Es leben zwar nicht besonders viele Deutsche in Taiwan, aber doch wieder zu viele, um eine geschlossene Gemeinschaft zu bilden.


Addiert man dauerhaft Eingewanderte, Lang- und Kurzzeitbesucher sowie Kinder aus gemischten Ehen, die beide Pässe haben, so leben in Taiwan wohl mehr als 1000 Menschen mit deutschem Pass. Die können sich gar nicht alle untereinander kennen.

Nach meiner Erfahrung teilt die deutsche Gemeinde sich hier auf in verschiedene Untergruppen mit ganz eigenen Interessen und Lebenswelten. Die wichtigsten (auf Stereotypen reduziert, zugegeben) sind wohl diese:

Studenten und Sprachschüler

Jung und lebenshungrig, Anfang bis Mitte 20, meist für maximal ein Jahr hier. Sie wollen in Taiwan ihr Studium voranbringen und etwas erleben. Planen mehrtägige Wandertouren und Ausflüge zu Musikfestivals am Strand. Verbringen viel Zeit mit anderen Studenten aus aller Welt und mit ihren einheimischen Tandem-Sprachpartnern.

Sprachkurs an der NTNU

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Wer in Deutschland Sinologie studiert, lernt hier in einem Monat mehr Chinesisch als in einem Jahr an der heimischen Uni. Und selbst wer einen englischsprachigen Studiengang belegt, schnappt genug Mandarin auf, um nach der Rückkehr den deutschen Freundeskreis beeindrucken zu können.

Manager und Firmenvertreter

Die klassischen „Expats“. Von der deutschen Firmenzentrale handverlesen und entsendet, um hier die Filiale oder zumindest eine Abteilung zu leiten. Anzugträger mit Spesenkonto, die Firma zahlt Umzug, Miete und Schulgeld für die Deutsche Schule. Dank Auslandszuschlag und niedriger Steuersätze verdienen sie mehr als daheim und sind nach Taiwan-Maßstäben sowieso Großverdiener. Halten aber ihren Lebensstandard für völlig normal.

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Firmensprache ist Englisch, nur wenige finden neben der Arbeit Zeit, Chinesisch zu lernen. Sehen Taiwan oft als Sprungbrett für Aufgaben in Shanghai, Singapur oder Hongkong – da, wo das größere Rad gedreht wird.

Vor Ort Angestellte

Arbeiten ohne Ausländerbonus zu lokalen Bedingungen, gern als IT-Ingenieure. Sind normalerweise hier verheiratet und daher langfristig an Taiwan gebunden.

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Führen ein ganz normales Leben, sind integriert in den Freundeskreis der taiwanischen Familie und haben keinen größeren Bedarf, ihre Freizeit unbedingt mit anderen Deutschen zu verbringen.

Akademiker

Sprechen oft hervorragend Chinesisch, unterrichten nicht nur Deutsch, sondern z.B. auch chinesische Philosophie in der Landessprache. In Ihrem Fachbereich/Institut/Proseminar eine ganz große Nummer, fühlen sich im Elfenbeinturm wohl und treffen sich nur gelegentlich mit Ihresgleichen. Sie müssen sich schließlich um ihre taiwanischen Studenten kümmern.

Studenten aus Taiwan

Beim deutschen Akademikerstammtisch darf dann jeder im Wechsel über sein Spezialthema berichten, Kierkegaard oder Farnpflanzen, egal wie exotisch.

Unternehmer

Stehen voll im Wirtschaftsleben, backen deutsches Brot, importieren oder exportieren, starten Start-Ups. Da bleibt sowieso kaum Freizeit.

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Und ich?

World Games deutsche Fahne

Als Reporter gehöre ich zu keiner dieser Gruppen und kann überall mal reinschnuppern. Ich finde es immer ganz spannend, hier neue Deutsche kennenzulernen.

Und oft wundere ich mich: Wir leben beide schon seit Jahren hier und hatten noch nie voneinander gehört!

Treffpunkte für Deutsche in Taiwan

Wer nun gerne gezielt mit anderen Deutschen in Taiwan zusammenkommen möchte, hat natürlich trotzdem einige Möglichkeiten.

Ansonsten  gilt: Die Welt ist ein Dorf, aber auch da trifft man ja nicht ständig jeden.

Gehören Sie zu einer der genannten Gruppen, oder gerade nicht? Was zeichnet die Deutschen in Taiwan aus?

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4 Kommentare zu “ Warum Deutsche in Taiwan sich gar nicht alle kennen wollen ”

  1. Daniel sagt:

    Ich bin ja bislang immer nur im Urlaub da und dann ganz froh, nicht so viele Deutsche zu treffen. Irgendwie ist es ja dann doch nicht so richtig Urlaub, wenn am Ende wieder Deutsch gesprochen wird.

    Wenn ich dagegen in Taiwan leben würde, wäre ich vermutlich von Zeit zu Zeit ganz froh über Kontakt zu Deutschen. Aber eben auch nur ab und zu. Schließlich würde ich mich für Taiwan entscheiden, weil ich dort die Kultur und die Menschen besonders schätze. Da würde ich dann zwar Deutschen nicht aus dem Weg gehen, hätte aber auch keinen speziellen Bedarf, deren Nähe zu suchen.

    Grundsätzlich glaube ich, dass Landsleute sich in erster Linie dann untereinander zusammenfinden, wenn sie nur wegen der Arbeit in ein anderes Land gehen. Das kommt gerade bei Menschen aus ärmeren Ländern oft vor. Die bleiben dann außerhalb der Arbeit lieber unter sich, weil sie so ein gewisses „Heimatgefühl“ behalten.
    Gilt übrigens nicht nur für Taiwan, das empfinde ich anderswo genauso, inklusive Deutschland.

  2. Bai Yiming sagt:

    Nach 24 Jahren hänge ich zwischen den Kulturen fest, keine Identität mehr. Deutsche will ich hier nicht treffen, und die wirklich interessanten Taiwaner kann ich auch an 2 Händen abzählen. Was bleibt? Eeinsiedelei in der Pampa (wenn es Job und Hobby erlauben, also ganze 3 Tage die Woche, lol!)

  3. Die Nationalität der Menschen mit denen ich etwas unternehme spielt für mich keine Rolle. Es sind die menschlichen Qualitäten, die zählen und ob ich mit meinem Gegenüber eine gemeinsame Basis finde. Hauptsache, ich kann mich irgendwie verständigen und austauschen, der Rest ergibt sich von selbst.

    Das Schöne und Interessante am „Expat-Leben“ (wobei ich den Begriff gar nicht mag, ich bin auch nicht ausgewandert, ich lebe einfach in Taiwan) ist doch, daß man die Gelegenheit hat, über den Tellerrand hinauszuschauen und völlig neue Kulturen und Horizonte entdecken kann.

    Klar, zu meinem Bekanntenkreis hier in Taiwan gehören auch Deutsche. Aber nicht, weil sie deutsch sind, sondern, weil ich mich gut mit ihnen verstehe. Man findet zueinander über gemeinsame Interessen, nicht über den gemeinsamen Paß.

  4. Axel Schunn sagt:

    Hallo,
    hier im Süden von Taiwan gibt es drei weitere Deutsche Leute die ich kenne und ich mag sie all drei richtig gut, doch alle drei sehen ich nur recht selten, einfach weil wir doch ganz unterschiedlich interessen haben.
    Ich finder es immer ganz spannend mich mal mit Ihnen zu treffen, doch da ich in meinem privatem Leben ein recht exclusive dinge bevorzuge, sprich ernährung und Lebensstiel, klappt das mit gemeinsamkeit eher nicht so, doch sind sie all super cool.

    Auch was ich nach treffen etc. verwirrend für mich finde, wacht meine Deutsche Erziehung in mir immer wieder auf und die passt einfach nicht hier nach Taiwan.
    Da vermeide ich einfach lieber die Kontakte, das hat aber nix mit Ihnen zu tun.

    Doch im Grunde kommte es doch bei allen Menschen auf gemeinsame Schnittpunkt an, alles weitere ist mir egal, Deutsche,… oder was auch immer.

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