Gogoro will die Welt erobern – aber zunächst Berlin

Nach dem Smartphone kommt der Smartscooter: Mit der Verbindung von innovativer Technologie und coolem Design plant ein Hersteller aus Taiwan Großes. Kann Gogoro im Verkehr einen neuen Lifestyle definieren, wie Apple es bei mobiler Kommunikation geschafft hat?

Gogoro Smartscooter Berlin (PR-Bild)

„Made in Taiwan“ hat ja längst immer weniger mit Massenware und mehr mit Innovation zu tun. Dafür stehen Marken wie Asus, Acer oder HTC. Bald könnte ein weiterer Name dazukommen: Gogoro.

Klingt wie ein Taschenbuch-Verlag, ist aber ein Hersteller von elektrischen Motorrollern. Wenn diese Fahrzeuggattung sich mal richtig durchsetzt, könnte sie nicht nur in Taiwan, sondern auch in Deutschland einige Verkehrsprobleme lösen.

Taiwan und seine Scootermassen

In Taiwan ist die Lage klar: 14 Millionen Scooter, wie die Roller auch genannt werden, bei 23 Millionen Einwohnern. Das beschert den Städten nicht nur Parkplatznot (Platz ist eben nicht in der kleinsten Lücke), sondern auch Lärm und Luftverschmutzung. Da hilft es auch nicht, dass die besonders schmutzigen Zweitakter mittlerweile fast aus dem Verkehr gezogen sind.

Scooter auf der Taipei Bridge in Taipeh

Jetzt anschauen: ARD-Bericht über die Führerscheinprüfung für Roller in Taiwan

Aber Taiwaner lieben nun mal die Flexibilität, die Scooter bringen. Selbst, wenn sie sich ein Auto leisten können, wäre es für viele gar keine Option – damit würde man ja noch viel länger im Stau stehen, während Roller sich wenigstens nach vorne durchschlängeln können.Deutschland kennt das Problem

Auch in deutschen Großstädten, wo strengere Maßstäbe und Grenzwerte angelegt werden, lauten die Probleme Stau, Parkplatzmangel und Luftverschmutzung.

Drei Schlagworte könnten helfen:

  • Elektromobilität (vgl. Tesla)
  • Vernetzung (vgl. Smart Home, Internet of Things)
  • Sharing, also Teilen statt Besitzen (vgl. Car-Sharing)

E-Roller gibt es ja schon länger, doch sie galten meist als Alte-Leute-Vehikel, zu schwach auf der Brust und nicht sexy.

Trotzdem ist die Zeit reif, dachten sich vor einigen Jahren schwerreiche Investoren aus Taiwan. Sie gründeten Gogoro und entwickelten einen Roller, der sich in Sachen Design, Technologie und Marketing kräftig von Apple inspirieren ließ. „Als hätten eine Vespa und ein iPhone ein Kind bekommen“, lautete ein Kommentar, als die ersten Gogoro-Scooter 2015 vorgestellt wurden.

Gogoro Shop in Taipeh

Nicht nur das Design sticht heraus, vor allem steckt das Ding voller Technik, die man vor allem aus Smartphones kennt. Total digitalisiert und per App zu kontrollieren.

Der Clou ist die Batterie

Herzstück ist ein Wechselbatterie-System. Ist der Akku leer, steuert man via GPS die nächste Station an und tauscht ihn mit wenigen Handgriffen gegen eine frische Ladung aus. Das funktioniert nur dank Vernetzung und Echtzeit-Daten. Aktuell gibt es in Taipeh und Umgebung rund 200 Ladestationen. Die Reichweite soll bei 40 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit bis zu 100 Kilometer betragen. Mit einer 125-ccm-vergleichbaren Leistung beschleunigt der Gogoro bis auf über 90 km/h.

Auf seinem Heimatmarkt gab es trotzdem einen holprigen Start, weil die Startpreise – ebenfalls nach dem iPhone-Model – sehr hoch angesetzt waren. Nach einigen Monaten senkte man die Preise auf 88.000 NT$ (etwa 2500 Euro). Das ist noch immer viel teurer als ein Benzinscooter.

Seitdem läuft es etwas besser, mit einem Absatz von etwa 1000 Stück pro Monat lässt die totale Revolution aber noch auf sich warten. Auch, wenn die Firma versucht, die Zahlen möglichst positiv darzustellen.

(Rechenbeispiel: Unterstellt man den 14 Millionen Rollern eine Lebensdauer von zehn Jahren, müssten jedes Jahr 1,4 Millionen Stück ersetzt werden. Also 170.000 im Monat. Davon wären 1000 Stück nicht mal ein Prozent.)

Auf der Straße in Taipeh sehe ich nun immer öfter mal einen Gogoro, doch sie stechen noch immer heraus.

Im Zuge der Expansions-Strategie gibt es die E-Scooter nun auch in einigen Carefour-Märkten sowie auf der Ausflugs-Insel Siaoliouciou.

Englischer Bericht über Gogoros Strategie und clevere Schachzüge

Out of Taiwan

Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen daran, sich in internationalen Schlüsselmärkten einen Namen zu machen. Was sich in Europa durchsetzt, wird in Asien noch attraktiver. Nach Amsterdam sind die ersten Gogoros nun ganz aktuell auch in Berlin aufgetaucht. Coup, ein von Bosch gegründeter Scooter-Sharing-Anbieter, hat zunächst 200 Maschinen eingekauft.

Berichte aus der F.A.Z. sowie dem Tagesspiegel

Benutzen statt kaufen, damit wird die Flexibilität auf die Spitze getrieben. Vom Handy geleitet, schnappt man sich den nächst besten Roller, schaltet ihn frei und stellt ihn irgendwo im Innenstadtbereich für den nächsten Nutzer wieder ab. Abgerechnet wird nach Minuten oder für den ganzen Tag (20 Euro).

Gogoro und die PR-Falle

Wenn Journalisten über Gogoro schreiben, sind sie leicht verführt, in einen „supercool – innovativ – heißer Scheiß“-Werbejargon zu verfallen. Es liegt ja so nahe, und genau das will die Firma auch erreichen.

Deshalb darf man nicht vergessen: Genauso, wie nicht nur Tesla elektrische Autos baut, gibt es natürlich auch E-Scooter von vielen, vielen anderen Herstellern.

Was Gogoro im Moment auszeichnet, neben dem cleveren Marketing, ist das Vernetzungs-Konzept, und vor allem das Batterie-Wechselssytem. Dort liegt die eigentliche Innovation.

Bei dem Versuch, vor einigen Monaten über Gogoro zu berichten, habe ich vor einigen Monaten auch negative Erfahrungen gemacht. (Im Laden durften wir einen ausgestellten Scooter keine 10 Zentimeter verrücken, um ihn besser ins Bild zu bekommen. So tauchte Gogoro im fertigen Bericht über Roller in Taiwan dann eben gar nicht auf.) Und auch von anderen Berichterstattern habe ich gehört, dass die Firma es mit ihrem Kontrollwahn schon mal übertreibt.

Ich bin nicht, wie dieser Autor, der Meinung, dass man sich schon allein deshalb einen Gogoro-Roller zulegen sollte, um die Innovationskraft von Taiwans Wirtschaft zu stärken. (Der Artikel ist trotzdem lesenswert.)

Entscheidend wird aber nicht die PR sein. Entscheidend wird sein, ob Gogoro mit seinem Produkt überzeugen kann. Auf der Straße. Und das wird jeder Fahrer und potenzielle Käufer für sich entscheiden.

Ob nun von Gogoro oder anderen Herstellern: Ich kann mir vorstellen, dass so ein Konzept angenommen wird, zunächst in Berlin, bald vielleicht auch in anderen Städten. Dass wir in 20 Jahren kopfschüttelnd auf die Zeit der Verbrennungsmotoren zurückschauen werden, daran habe ich keine Zweifel. Und Sie?

Share on Facebook123Share on Google+1Tweet about this on TwitterEmail this to someone

2 Kommentare zu “ Berlin erlebt nun die Taiwan-E-Roller von Gogoro ”

  1. Meihan sagt:

    Hab diese Dinger in Taiwan ausprobiert. Spitzenklasse! Hauptsächlich das Batteriewechselsystem. in weniger als 1 min kann man beide Batterien wechseln. Kann mir gut vorstellen, dass dies in Deutschland ein Renner werden kann.

Trackbacks & Pingbacks:

Kommentar abgeben