Die tapferen Männer von Yeliu

Anlauf nehmen, Gas geben, springen und ab ins kalte Hafenbecken: So läuft das bei diesem religiösen Fest. Und danach warten noch die heißen Kohlen.

Yehliu GIF

Taiwaner haben nicht viel Urlaub, aber oft etwas zu feiern. Gerade erst hatten wir Chinesisch Neujahr, für Familien so wichtig wie bei uns Weihnachten und Silvester zusammen. Und zwei Wochen später stand wieder ein Feiertag an: Das Laternenfest.

Seine Ursprünge liegen vor über 2000 Jahren buchstäblich um Dunkel taoistischer Traditionen; vermutlich ging es darum, mitten im Winter einige Lichter zu entzünden.

Heute hat sich die Feierei so sehr ausdifferenziert, dass man sogar im nicht allzu großen Taiwan die Qual der Wahl hat (kleine Übersicht der diesjährigen Aktivitäten).

Laternen-Meilen

Schaut man sich eine der Lampion-Festmeilen in den großen Städten an, wo überlebensgroße Figuren als Laternen leuchten?

Laternen fürs Chinesische Neujahr

Die zentrale Veranstaltung dieses Jahr fand in Pingdong statt.

Himmelslaternen in Pingxi

Lässt man in der alten Bergabeitersiedlung Pingxi Himmelslaternen aufsteigen, mit denen früher benachbarte Dörfer alarmiert wurden, die heute aber vor allem schöne Fotomotive abgeben?

Wahnsinn in Yanshui

Oder fährt man in das Städtchen Yanshui in Südtaiwan, bei dem sich Jahr für Jahr Tausende auf Plätzen versammeln und wo unzählige Batterien von Raketen und Böllern direkt in die Menschenmenge gefeuert werden?

Ein gefährlicher Spaß, bei dem sich zum Glück Vollvisier-Motorradhelm und Ganzkörpervermummung als Standardausrüstung durchgesetzt haben. Wer einmal dabei war, schwärmt vom „Yanshui Beehive“ als Grenzerfahrung. Ich habe mir das noch nicht gegönnt.

Hafenfest in Yehliu

Mich zog es dieses Jahr nach Yehliu (oder Yeliu), einen kleinen Fischerort an Taiwans Nordküste. Den Rest das Jahres kommen Auswärtige vor allem wegen bizarrer Gesteinsformationen und Küsten-Mondlandschaften hier her.

Yehliu Felsen

Aber immer zum Laternenfest steht das große „Hafenreinigungsfest“ (野柳神明净港) an, eine Mischung aus Hafengeburtstag, Silvesterknallerei und Kneipp-Kur.

Es geht – wie bei so vielen religiösen Ritualen – um den Schutz vor Unglück und die Hoffnung auf Erfolg, also volle Fischernetze (Hintergründe auf Englisch). Das bedeutet für die jungen Männer von Yehliu einen Tag lang Höchstleistung.

Ich fand es schon beachtlich, dass sie bei Temperaturen von ca. 10 Grad in kurzen Hosen antraten, aber das war erst der Anfang.

Yeliu

Die Statuen der wichtigsten Gottheiten hatten sie auf Bambusstangen geschultert wie Sänften. Damit zogen sie zunächst durchs Dorf. Wo sie Halt machten, wurden direkt unter ihren Füßen Chinaböller gezündet, so dass sie kräftig ins Hüpfen kamen und ihnen sicher nicht kalt wurde.

Als nächstes – ich hatte mir eine gute Fotoposition am Pier gesichert – wurden die Götter auf Fischerboote verladen, die dann allesamt ablegten und gut eine halbe Stunde lang abwechselnd volle Kraft voraus auf Meer hinausliefen, wieder ins Hafenbecken abdrehten und dort erneut wendeten.

Es folgte der von vielen Fernsehkameras eingefangene Höhepunkt: Die Männer nahmen Anlauf und sprangen gruppenweise mitsamt Göttersänften ins kalte Hafenbecken – ohne Neoprenanzüge.

Yeliu

Gut 100 Meter weit schwammen sie zum gegenüberliegenden Anlieger und brachten die kostbare Fracht dort wieder an Land.

Damit war ihre Pflicht aber noch nicht zu Ende, denn nun mussten sie die Statuen noch über glühende Kohlen tragen. Dabei erhalten die Götter dem Glauben nach neue Kraft, die sich auch auf die Männer überträgt. Leider konnte ich das von meinem Standort aus nicht mehr selbst bezeugen. (Schöne Fotos finden sich z.B. hier.)

Hier noch ein Video mit einigen Highlights:

Nach diesem kalt-heißen Wechselspiel hatte ich mir sogar als Zuschauer eine Portion Nudelsuppe verdient. Wie geschlaucht die tapferen Männer von Yehliu erst sein mussten, mochte ich mir kaum vorstellen.

Aber es freute mich wieder einmal zu sehen, wie lebendig und selbstverständlich Volksreligionen und Bräuche in Taiwan noch gelebt werden.

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Keine Kommentare zu “ Ab ins Wasser! Ein ziemlich wildes Laternenfest ”

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