Du sollst Vater und Mutter ehren

Auch als Erwachsene richten viele Taiwaner ihr Leben noch nach den Wünschen und Ansprüchen der Eltern aus. Wie kommt das?

Senioren in Taiwan

Als ich von Deutschland nach Taiwan zog, habe ich das selbst entschieden. Wäre ich ein Taiwaner gewesen, der den umgekehrten Weg gehen will, hätte ich vielleicht zunächst auch mit über 30 das Einverständnis meiner Eltern einholen müssen.

In Taiwan ist es nämlich noch immer normal, dass Eltern auch nach der Volljährigkeit über das Leben ihrer Kinder mit entscheiden – und dass Kinder sich nach ihren Eltern zu richten haben.

Schicke ich mein Kind ins Ausland?

Vor einiger Zeit las ich mal eine interessante Meldung: 68 Prozent der Taiwaner würden ihre Kinder gern zum Studium ins Ausland schicken.

Schicken, wohlgemerkt – auch wenn der Nachwuchs volljährig ist, die Entscheidung liegt bei den Älteren.

Auf meiner Facebook-Seite, wo viele Taiwaner mitlesen, fragte ich in die Runde: Warum ist das so?

Die Antworten waren aufschlussreich.

„Das hat mit chinesischer Tradition zu tun“, schrieb eine Taiwanerin, die in den USA aufgewachsen ist. „Deine Eltern ‚besitzen’ Dich bis zu ihrem Tod. Als ich und meine Freundinnen aufgewachsen sind, haben unsere Mütter das immer sehr deutlich gemacht, damit wir bloß nicht so werden wie die amerikanischen Kinder.“

„In unserer Kultur spielt Individualismus keine so große Rolle“, schrieb eine andere. „Außerdem wird uns ein Sprichwort eingebimst: Man beißt nicht die Hand, die einen füttert.“

Und schließlich: „Damit habe ich selbst als ältere Erwachsene noch zu kämpfen. Ich musste erst so viel Selbstbewusstsein haben, dass ich meinen Eltern auf Augenhöhe gegenübertreten kann, um nicht mehr als Kind behandelt zu werden. Es ist schwer, die richtige Balance zu finden zwischen Gehorsam und Unabhängigkeit, was ja auch heißt, seine eigenen Fehler zu machen.“

Folgsam und dankbar

Für die besondere Folgsamkeit und Dankbarkeit den Eltern gegenüber gibt es im Chinesischen sogar einen eigenen Begriff: Xiaoshun (孝順). Er bezeichnet die Pflicht, sich nach der Kindheit bei den Eltern für ihre Mühen zu revanchieren, sie in Ehren zu halten und auch im Alter zu umsorgen.

Wenn ich Taiwan nur wenige alte Leute in Heimen leben, sondern lieber zuhause von indonesischen oder philippinischen Pflegerinnen betreut werden, ist dies einer der Gründe.

Senioren Rollstuhl Pflegerin

Beispielhaft verkörperte das Konzept des „xiaoshun“ ein 62 Jahre alter Taiwaner, dessen Foto vor einigen Jahren die Runde machte. Im Warteraum eines Krankenhauses wurde er dabei geknipst, wie er seine hochbetagte, gebrechliche Mutter wie ein Baby auf dem Schoß hielt und fütterte.

Ein Held des Alltags, der so viele Menschen rührte, dass Medien ihn aufspürten und herausfanden: Er hatte sogar Beförderungen ausgeschlagen und war vorzeitig in den Ruhestand gegangen, um seine Eltern betreuen zu können.

Das eigene Leben opfern?

So hat, aus unserer westlichen Sicht, also alles mal wieder Vor- und Nachteile. Die Kehrseite des sozialen Zusammenhalts ist oft der Verzicht darauf, seinen eigenen Weg zu gehen, eigene Träume zu verwirklichen.

Wenn die Eltern vorschreiben, was man zu studieren hat (gerne Arzt oder Architekt, alles was hohes Einkommen verspricht), dann halten sich viele daran und verbringen Jahre mit einem Fach, das Ihnen nicht entspricht.

Jetzt lesen: Eltern in Taiwan – wenn Schwiegermutter an der Schlafzimmertür lauscht

Und später sind es besonders oft die Töchter, die nicht heiraten, im Elternhaus bleiben und ihr Leben opfern, um Vater oder Mutter zu pflegen. Ob so ein Schicksal wirklich das ist, was die Eltern sich mal für ihre Kinder wünschten, glaube ich nicht.

Auf jeden Fall macht der demographische Wandel in Taiwan immer mehr Probleme, und die Politik streitet über den besten Weg, das Pflegesystem zu reformieren.

Klingt bekannt, oder?

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