Fette Vorwürfe

Da meint man, die Welt im Großen und Ganzen unvoreingenommen zu betrachten, frei von Vorurteilen. Bis man merkt: Stimmt nicht so ganz. So ging es mir jedenfalls neulich, als ich diese beiden Frauen traf.

Amy und Mallie von "Lady Bombom Power"

Reden wir mal vom Übergewicht. In dem Wort steckt ja schon eine Wertung drin: Übermäßig, zu viel. Wer sich selbst im „Normalbereich“ bewegt, hat sich vielleicht schon mal dabei ertappt, auf der Straße oder im Supermarkt unbekannte Menschen ein bisschen abfällig zu mustern, die besonders rundlich daherkommen oder – sagen wir es einfach – dick sind. Das fällt nun mal sofort ins Auge.

Es gibt einen Konsens darüber, was als normal gilt, und wer aus der Rolle fällt, weil er oder sie zum Beispiel besonders groß, klein, dick oder dünn ist, zieht Blicke auf sich und wird von anderen bewertet. Bewusst oder unbewusst. Aber damit hört es nicht auf.

Amy und Mallie fallen auf

Blicke und getuschelte Kommentare kennen die beiden Frauen gut, die ich zum Interview traf. Amy und Mallie sind Anfang 30 und wiegen mehr als 85 Kilo (wie viel genau, das wissen sie selbst nicht, sagen sie). In Taiwan, wo die Menschen im Schnitt zierlicher sind als etwa in Deutschland, und Schönheitsideale entsprechend strenger, fallen sie extrem auf.

Jetzt lesen: Warum finden viele Taiwaner sich trotzdem zu dick?

Als Schulkinder wurden sie gehänselt. Als Erwachsene drehen sie unter dem Label 肉彈甜心 (Roudan Tianxin bzw. „Lady Bombom Power“) seit einem Jahr Videos für ihre Facebook-Seite. Darin erzählen sie vor der Kamera von ihren Alltags-Erfahrungen und beantworten auch Fragen, etwa: „Haben Dicke eigentlich auch Freunde?“ Es geht nicht um Jammerei oder Selbstmitleid. Dass sie dick sind, und dass es wahrscheinlich an ihrer Ernährung liegt, wissen sie selbst.

Worauf sie aber keine Lust mehr haben, ist das sogenannte „fat shaming“. Das bedeutet: Andere nehmen ihr Äußeres nicht hin, sondern machen ihnen daraus einen Vorwurf.

Oft steht eine Schuldzuweisung im Raum

„Oft kommt die Frage, ob wir wegen einer Krankheit so dick sind, oder weil wir einfach viel essen“, erzählt Amy mir. Wenn sie dann zurückfragt, warum das wichtig sei, kommt schon mal die Antwort: „Damit ich weiß, ob Du mir leid tun kannst.“

Als gebe es nur diese beiden Möglichkeiten, mir ihr umzugehen: Mitleid oder Ablehnung.

Roudan Tianxin (肉彈甜心): Mallie und Amy

Wie wäre es statt dessen einfach mit Akzeptanz? Jeder Mensch trifft nun mal andere Entscheidungen. Ich möchte doch auch nicht für meine Berufswahl angegriffen werden, meinen Kleidungsstil oder für die Frage, wie viele Kinder ich habe.

Bei Dicken aber, das wurde mir durch dieses Gespräch erst klar, läuft das oft anders. Die Normabweichung führt zu Vorwürfen.

Wie ist das mit der Gesundheit?

Dicke werden früher krank und fallen damit der Gesellschaft besonders zur Last, hört (und denkt) man oft. „Die häufigste Frage ist, ob wir uns keine Sorgen wegen unserer Gesundheit machen“, bestätigen Amy und Mallie.

Dass ihr Gewicht Risiken mit sich bringt, ist ihnen bewusst. „Wenn aber alle ständig darauf rumreiten, glauben wir irgendwann selbst nicht mehr, dass es uns im Moment gut geht. Seelische Gesundheit ist doch auch wichtig.“

Darf man dick sein und sich trotzdem gut fühlen? Auch damit haben viele ein Problem. Amy und Mallie würden mit ihrem positiven Auftreten andere dazu verleiten, selbst übergewichtig zu werden, lautet eine Kritik an ihren Videos. „Wenn wir schon dick sind, dann sollen wir gefälligst auch unglücklich sein.“

Und das kann es ja wohl wirklich nicht sein. Mich hat dieses Gespräch jedenfalls zum Nachdenken gebracht, und ich war froh, die beiden getroffen zu haben.

Einen Bericht über Amy und Mallie habe ich bei heute. de veröffentlicht.

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