Eine sinnvolle Aufgabe

Herr Chang war Ende 50, als seine Frau Krebs bekam. Er hörte mit der Arbeit als Verputzer auf und kümmerte sich um sie, vier Jahre lang bis zu ihrem Tod. Danach saß er alleine zu Hause, die Kinder wohnen woanders, und hatte keine Aufgabe mehr. Also suchte er sich eine – oder vielleicht fand sie ihn auch.

ARD Team Dreh in Taiwan

Bei einem Ausflug mit den Kindern wurde er auf einer von Taiwans engen Straßen Zeuge eines tödlichen Verkehrsunfalls. Schuld, war er überzeugt, hatte der an der Kreuzung aufstellte gerundete Spiegel. Der war so dreckig, dass er seinen Zweck nicht mehr erfüllte. „Da muss doch einer was tun“, sagte Herr Chang sich.

Und weil niemand sonst in Sicht war, machte er das selbst.

Dreh fürs deutsche Fernsehen

Mit einem Fernsehteam der ARD erreichten wir noch vor Morgengrauen das Zuhause von Herrn Chang in einer Vorstadt von Taipeh, selbstgebaut, Erdgeschoss, direkt neben einer Tankstelle. Um vier Uhr war er schon längst wach, wie fast immer in den letzten fünf Jahren. Über dem Sofa ein großes Foto seiner Frau. Von Montag bis Freitag bricht er in aller Hergottsfrühe auf, um rund um Taipeh Verkehrsspiegel zu putzen.

Eine Klappleiter verschnürte er hinter dem Sitz seines alten Motorrads, ein paar Lappen und Sprühflaschen mit Putzmittel packte er noch ein, und dann ging es los. Chang kennt die Nebenstraßen rund um die Millionenmetropole Taipeh wahrscheinlich besser als jeder Taxifahrer. Er hat einen Plan, den er Stück für Stück arbeitet, Spiegel für Spiegel.

Spiegelputzer in Taiwan

Schneller, als wir mit der Kamera hinterherkamen, klappte Chang seine Leiter auf und polierte Spiegel für Spiegel wieder auf Hochglanz. Die Sonne ging auf, um uns herum erwachte langsam Taiwan. Der grüne Urwald am Berg neben der Straße dünstete feucht, Lkw brausten vorbei, Hunde beäugten uns von ihrem Hof aus.

Jetzt lesen: Eine andere Geschichte eines Taiwaners, der die Welt ein bisschen besser machen will

Mit einigen Anwohnern wechselte Chang ein paar Worte. Sie kennen ihn schon, er dreht seine Runde hier nicht zum ersten Mal.

Einsatz streng nach Plan

Etwa alle acht Monate hat Herr Chang jeden Spiegel, der er kennt, geputzt und fängt wieder von vorn an. Mehr als 80.000 Stück sind so in den letzten fünf Jahren zusammengekommen. In einem Notizbuch listet er in winziger Handschrift akribisch alle Einsätze auf.

Mann auf Motorrad in Taiwan

So viel Engagement ist nicht immer ungefährlich: Einmal hielt ein Nachtwächter ihn für einen Einbrecher und rief die Polizei. Von der Leiter gefallen ist Chang schon mehr als einmal, und ab und zu wird er vor wilden Hunden gejagt.

Vom Ministerium geehrt

Für seinen freiwilligen Einsatz, der vielleicht schon Leben gerettet hat, ist Herr Chang inzwischen auch geehrt worden. Die hiesigen Medien wurden auf ihn aufmerksam, die Politik auch.

Der Verkehrsminister überreichte Chang eine Medaille – und eine neongelbe Warnweste, damit er morgens auf den engen Straßen nicht angefahren wird, wenn der Berufsverkehr einsetzt. Inzwischen hat er sogar Mitstreiter gefunden, teilt sich mit ihnen die Route.

Anerkennung, ein fester Tagesablauf und das Gefühl, gebraucht zu werden – es geht bei dieser Geschichte nicht in erster Linie um Spiegel oder Verkehrssicherheit, glaube ich. Was Herrn Chang antreibt, das können Menschen wohl überall nachvollziehen.

Unser Bericht wird demnächst im ARD-Weltspiegel laufen. Das Video werde ich dann auch hier im Blog teilen.

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3 Kommentare zu “ Dieser Rentner putzt 80.000 Straßenspiegel – niemand hatte ihn gefragt ”

  1. Daniel sagt:

    Guter Mann! Etwas traurig finde ich, dass der Verkehrsminister ihn ehrt, aber das Ministerium den Zustand nicht zum Anlass nimmt, selbst für Reinigung zu sorgen.
    Andererseits würden sie dann vermutlich andere Leute als Herrn Chang nehmen, von daher ist es für ihn selbst besser so.

    „Etwa alle acht Monate hat Herr Chang jeden Spiegel, der er kennt, geputzt und fängt wieder von vorn an. Mehr als 80.000 Stück sind so in den letzten fünf Jahren zusammengekommen. In einem Notizbuch listet er in winziger Handschrift akribisch alle Einsätze auf.“
    Kann es sein, dass in diesem Absatz der mittlere Satz nach hinten gehört? Ich vermute, dass es mehr als 80.000 Einsätze waren und nicht so viele Spiegel (wobei selbst dann die Spiegelanzahl immer noch recht stattlich wäre).

    • Danke fürs Feedback!
      Er sagte uns, es seien 80.000 Spiegel gewesen.
      80.000 „Einsätze“, bei einer Fahrt pro Tag, das wären fast 220 Jahre. So lang macht er das noch nicht.

      • Daniel sagt:

        Ein Einsatz wäre für mich ein geputzter Spiegel. Also beispielsweise 60 Spiegel am Tag mal 1.333 Tage.
        80.000 Spiegel klang für mich nach unterschiedlichen Spiegeln, was natürlich nicht klappt, wenn er alle 8 Monate seine Tour wieder beginnt.

        Aber daran sieht man schon sehr schön, wie unterschiedlich man Begriffe interpretieren kann. 🙂

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