Befunde und Selbstkritik: Mein Vortrag über Taiwan aus Sicht von Journalisten

Vieles, was in Taiwan passiert, kommt in deutschen Medien kaum vor. Warum ändere ich das eigentlich nicht? Schließlich arbeite ich hier als Reporter. Doch so einfach ist es nicht. (Powerpoint inside)

Taiwan-Vortrag in Berlin

Seit mehr als acht Jahren arbeite ich als Reporter daran, Taiwan in die deutschen Medien zu bringen. Mal klappt es, mal nicht.

Um herauszufinden, wo es gerade Interesse oder auch Lücken gibt, beobachte ich natürlich aufmerksam die gesamte deutschsprachige Taiwan-Berichterstattung und mache mir so meine Gedanken.

Jeder, dem Taiwan am Herzen liegt, hat sich wahrscheinlich schon die Frage gestellt: Warum erfährt man in den deutschen Medien so wenig darüber? So ging es mir auch, als ich 2008 mitten im Präsidentschaftswahlkampf hier aufschlug. „Das ist so interessant – warum wusste ich das alles noch nicht?“ Diese offensichtliche Marktlücke war einer der Gründe, warum ich dann dauerhaft übersiedelte.

Nach zwei weiteren Präsidentenwahlen und vielen Jahren Medienbeobachtung haben einige meiner Eindrücke sich so verfestigt, dass ich sie gerne mit anderen teile. So habe ich meinen Deutschlandurlaub neulich genutzt, um in Hamburg, Frankfurt und Berlin (in dieser Reihenfolge) einige Vorträge zu halten.

Das Thema war:

„Demokratie im toten Winkel? Warum Taiwan (k)ein Thema für deutsche Medien ist“

Dies war der Ankündigungstext:

Oft taucht Taiwan nicht in den deutschen Medien auf. Und wenn, dann geht es meist entweder um das Verhältnis zur Volksrepublik China – oder es ist eine Naturkatastrophe passiert. Woran liegt das, wie könnte man es ändern?

Insgesamt kamen wohl fast 200 Zuhörer, und jedesmal waren die Veranstalter zufrieden mit dem Interesse.

Zunächst teile ich hier Fotos und Informationen zu den drei Vorträgen, danach die Folien meines Vortrags, und am Ende führe ich einige meiner Gedanken zum deutschen Mediensystem noch weiter aus.

Hamburg

Datum: 3.11.2017, Taipeh-Vertretung, Büro Hamburg

Hier waren viele Mitglieder des Taiwan-Freundeskreises Bambusrunde anwesend, dem ich als Ex-Hamburger seit längerem verbunden bin.

(Obwohl es selbstverständlich sein sollte, möchte ich klarstellen, dass von Seiten der Veranstalter niemand irgendwo einen Versuch gemacht hatte, meinen Vortrag zu beeinflussen, oder im Vorfeld auch nur wusste, was ich eigentlich erzählen würde.)

Frankfurt

Datum: 6.11.2017, Interdisziplinäres Zentrum für Ostasienstudien und Freundeskreis Hessen-Taiwan

An diesem Abend waren z.B. dabei: Die Frankfurter Sinologie-Professoren Dorothea Wippermann und Iwo Amelung, sowie der hessische Landtagsabgeordnete Ismail Tipi.

Und vor allem eine ganze Reihe Frankfurter (Sinologie-)Studenten, die im Anschluss auch kritische Fragen stellten. (Z.B., ob „Demokratie im toten Winkel“ eigentlich wirklich so bemerkenswert und als Titel geeignet sei – eine Demokratie gebe schließlich per se weniger Nachrichtenstoff her.)

Berlin

Datum: 7.11.2017, Deutsch-Chinesische Gesellschaft e.V. Freunde Taiwans

Direkt am feinen Gendarmenmarkt hat die Taipeh-Vertretung (sprich: Botschaft Taiwans) kürzlich eine ziemlich große Veranstaltungsfläche im Erdgeschoss ihres angestammten Gebäudes angemietet.

Dort konnte ich gemeinsam mit meinem taiwanischen Kollegen Lin Yu-li 林育立 auftreten. Lin ist so etwa mein Gegenstück: Er berichtet für Taiwans Medien aus Deutschland, aktuell für die Nachrichtenagentur CNA. Er hat kürzlich auch ein Buch über Deutschland geschrieben, das in Taiwan ganz gut ankommt.

Hier hatte er mir vor einigen Monaten davon erzählt:

Die Einführung hier hielt Taiwans Berliner Repräsentant Shieh Jhy-wey 謝志偉, zuvor bekannt als Deutschprofessor und Fernseh-Talkmaster.

Außerdem konnte ich neben vielen anderen interessanten Teilnehmern zwei akademische Taiwanexperten treffen: den Politologen Hermann Halbeisen aus Köln und Dafydd Fell aus London. Und Frédéric Krumbein, der bei der Stiftung Wissenschaft und Politik lesenswerte Taiwan-Analysen schreibt.

Mein Vortrag über Taiwan in den deutschen Medien

Worum ging es nun in meinem Vortrag? Hier zunächst die Folien, mitsamt eingebetteten Videos. Dies ist die komplette Fassung, die ich so eigentlich nur in Hamburg vorgestellt hatte. Aus Längengründen musste ich die Inhalte für Frankfurt und vor allem Berlin dann straffen.

Wichtig ist mir: Meine Kritik an bestimmten Aspekten des Mediensystems ist keine Kollegenschelte. Ich war und bin selbst ein Teil dieses Systems und habe es bislang auch nicht geschafft, es grundlegend zu verändern. Daher ist dies auch als Selbstkritik zu verstehen.

Grob zusammengefasst ging es ungefähr um diese Punkte:

Wie oft und wann kommt Taiwan vor?

  • Zur Präsidentenwahl 2012 hatten weder ARD noch ZDF Korrespondenten nach Taiwan geschickt
  • Zur Präsidentenwahl 2016 reisten dagegen zahlreiche deutsche Korrespondenten an, und es gab z.B. ausführliche Berichte in den Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF
  • Grund: Ein Machtwechsel galt als wahrscheinlich. Dramatik (wie reagiert China?) bringt Aufmerksamkeit
  • Fallbeispiel 20-Uhr-Tagesschau: Seit den Wahlen bis heute (fast zwei Jahre) kam Taiwan nur noch im Kontext Trump-Tsai-Telefonat, Erdbeben und Taifun vor

  • Gab es sonst nichts zu berichten? Themen, die in der Welt eines Tagesschau-Zuschauers nie passierten, z.B.: Taiwans Ehe für alle, Universiade, China verhaftet Lee Ming-che, Chinas Aufrüstung, Chinas diplomatische Schikanen gegen Taiwan

Zeitung Nachrichten Tote

Wie funktioniert Themensetzung?

  • Ich kenne selbst die Tagesschau und die heute-Redaktion von innen und habe an vor allem in Mainz an vielen Tagen Redakteursschichten geschoben
  • Nachrichtenwert-Theorie ist (mehr oder weniger unbewusst) überragend wichtig. Je mehr Faktoren (wie Nähe, Dramatik, Tragweite, Kuriosität) eine Nachricht erfüllt, desto eher wird sie berücksichtigt
  • Taiwan gilt (zu Unrecht) als „klein“, ist von Deutschland aus weit weg, und vor allem ist seine Situation kompliziert (Taiwan vs. ROC) und kaum angemessen in Kürze zu erklären
  • Folge: Häufige Verwendung verkürzender, irreführender Phrasen („abtrünnige Provinz“)
  • Angemessene Erklärungen kosten Zeit/Platz, beides ist meist knapp
  • Taiwan ist allein wegen seiner geostrategischen Position wichtig, hat überragende Bedeutung im Kräftemessen USA/China, weitreichenderes Konfliktpotenzial als z.B. Nordkorea
  • Nordkorea erfüllt aber derzeit mehr Nachrichtenfaktoren („Der Irre mit der Atombombe“), hat deshalb Vorteil im medialen Aufmerksamkeitswettbewerb

Journalisten Reporter Selbstverständnis

Warum gibt es einen thematischen Mainstream?

  • „Journalismus ist und bleibt, wenn einer ab vom anderen schreibt“ – da ist was dran
  • Journalistische Ko-Orientierung: Mainstream-Medien (Begriff nicht ideologisch gemeint) bilden ihre eigene Themen-Agenda. Wer davon abweicht, macht sich angreifbar, muss sich rechtfertigen (wenn Quote oder Klickzahlen schlecht). Wer nicht abweicht, bewegt sich auf sicherem Boden
  • Dieser Prozess läuft medienübergreifend und autark, ohne Vorgaben „von der Politik“ o.ä.
  • Eindruck bei Mediennutzern: Homogenität der Berichterstattung, Medien vermitteln ein einheitliches Weltbild
  • Immer werden bestimmte Säue durchs mediale Dorf getrieben, und zwar von allen
  • Redaktionen orientieren sich an Leitmedien wie Spiegel Online, Bild, Tagesschau, vor allem aber dpa
  • Einfluss der dpa (Nachrichten-Flatrate, Copy/Paste) und des Agenturtickers kann gar nicht überschätzt werden
  • Beschleunigung und kurzfristige Themenhorizonte (den Akteuren hinterherhecheln)
  • Redaktionen machen sich im Arbeitsalltag, nach bestem Wissen und Gewissen, viele Gedanken über Detail-Aspekte ihrer Berichte – aber wenig grundlegend über die großen Linien ihrer Themensetzung

Tagesschau Taifun Taiwan China

Welche Themen werden gern genommen?

  • Katastrophen erschließen sich sofort, benötigen keinen Kontext, liefern spektakuläre Bilder. Immer beliebt bei News-Webseiten und TV-Nachrichten („Naturkatastrophe vor dem Wetterbericht“). Ort ist unwesentlich. Beliebig und  austauschbar, kein Erkenntnisgewinn
  • Skurrilitäten (z.B. prügelnde Abgeordnete, Schüler im Nazikostüm) auch gern genommen, vor allem online. Setzen kein Vorwissen voraus, bringen Klickzahlen, werden oft geteilt
  • Beziehung zu China ist für Taiwan einerseits ein medialer Vorteil (größeres Interesse an China), andererseits ein Nachteil (es kommt seltener in seinem eigenen Recht vor). Paradebeispiel: Trump-Tsai-Telefonat

Rainbow Village in Taichung

Mit welchen Themen lässt sich das durchbrechen?

Wer das Gefühl hat, dass es am Medien- und Politikbetrieb so einiges zu kritisieren oder zu verbessern gäbe, aber sein Unbehagen nicht auf den Punkt bringen kann, dem empfehle ich als Inspiration zum Anhören und Weiterdenken den Aufwachen-Podcast.

So, und nun bin ich zurück in Taiwan und kann wieder versuchen, es besser zu machen. Danke fürs Mitlesen!

Share on Facebook40Share on Google+0Tweet about this on TwitterEmail this to someone

Keine Kommentare zu “ Problem im System: Warum Taiwan eher selten in deutschen Medien vorkommt ”

Kommentar abgeben